Wenn der Urheber wirklich der Eigner ist
Nochmals ein Versuch, nicht zuletzt auch in meinen eigenen Frust zu dringen und Klarheit darüber zu gewinnen, WAS mich wirklich so erdrückt an der Hegemann-Debatte.
Eigentlich geht es nicht um die Schreiberin und deren Verhalten. Was den Umgang, den Austausch und die Weiterentwicklung in neue kreative Werke betrifft, so wünschte ich mir, alle Schreibenden dieser Welt würden sich mehr im Bewusstsein begegnen, dass wir alle Leser und Schreibende sind, Empfänger und Geber. Also dürfen wir nehmen und darf auch von uns genommen werden – so lange es der Versuch ist, unsere Formeln des Erfahrenen und Aufgenommenen nicht nur zu übernehmen (und damit Geld zu machen), sondern zu verarbeiten, weiter zu denken, neu zu gestalten (und damit hoffentlich Geld zu verdienen, damit man sich immer mehr Zeit leisten kann, das Leben denkend und gestaltend weiter zu leben). Ich wünschte mir eine andere Grundhaltung, welche unter Künstlern vielleicht nur eine Nuance ist. Aber die wichtigen Dinge sind sehr oft die Schattierungen fern der grellen Spots:
Werden Textpassagen Wort für Wort übernommen, in Hegemanns Roman sind es mehr als 20 Textblöcke von ein und demselben Blogger-Roman, so können diese noch so sehr eingebettet sein: Jedem ist doch klar, dass sie tragendes Element des ganzen Erzählflusses und der Stimmung des Werks sind. Und damit erübrigt sich die Frage, ob eine Quellenangabe notwendig gewesen wäre oder nicht. Es wäre sogar noch mehr angebracht: Nämlich die Einholung des Einverständnisses des Urhebers, zumal wenn man sich vergegenwärtigt, wie dessen Texte entstanden sind: Sie sind nämlich ursprünglich als Tagebuch entstanden, ohne jede Absicht, daraus ein Buch zu machen. Eine Selbstreflexion, ein Logbuch und Zustandsbericht einer eigenen Befindlichkeit nach einem Stück Leben oder der Flucht daraus, Dienstags, wenn die Klarheit oder das Grau der Normalität einen durchgeatmeten Blick zurück in die Raserei erlaubte, ganz egal, ob die Frage zu beantworten war: Was ist nun Leben, was Droge? Ursprünglich als völlig anonymer Bericht angelegt, im Prinzip als solcher aufrecht erhalten, als doch ein Buch daraus wurde, in einem kleinen alternativen Verlag.
Jetzt würde dieser Blogger ja doch profitieren, heisst es, die Aufmerksamkeit, die er erhält, wird sich ja wohl auszahlen. Sie kostet aber auch, ungefragt und anmassend vereinnamend. Genau dies ist der Punkt: Ullstein illustriert in der ganzen Geschichte ein Stück Ausbeutung der Kulturszene. Mit dem ganzen Hype sind Airens Texte definitiv geraubt, entfremdet, entleibt, und was ihm bleibt, ist eine Form der Abspaltung, die zwar jeder Autor erlebt, wenn er erfährt, WIE seine Texte miss-verstanden werden können. Das aber in fremden Buchdeckeln zu finden, debattiert zu werden im fremden Haus, personifiziert durch eine Leserin, die Abschreiberin ist, nicht etwa eine Mitgängerin im eigenen Leben, nein, eine Fremde, die, Ich-Form suggerierend, fremde Gedanken sich für sich selbst sich prositituieren lässt.
Und der Verlag macht daraus das Abbild des neuen Kulturverständnisses.
Ja, wir Blogger haben vieles daran selbst verursacht durch die Debatten, die das freie Schreiben im Internet ausgelöst hat. Und es mag auch sein, dass wir unsere Texte durch die öffentliche Darstellung im Netz verschenken. Aber das Grundverständnis, dass wir erwarten dürfen, dass unsere Texte deklariert werden, dass der Urheber dieser unserer Version einer an sich universellen Gedankenwelt diesen unseren Versuch auch entsprechend bezeichnet, DAS ist doch keine Frage. Nicht wirklich. Und dass dies nicht gesehen wird, dass Kritiker wie Kulturschaffende sich nicht explizit gegen die wirtschaftliche Machenschaft stellen, die dadurch zutage tritt – das macht mich richtig fertig.
Ich weiss, es mag naiv sein. Aber es ist tatsächlich ein Schock für mich.
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suldan · 27. Februar 2010, 17:05 · #
Hallo thinkabout
Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich die Gründe für deine Sorgen und deiner Wut richtig verstehe. Plagiate gibt es wahrscheinlich seit es die Schrift als Kunstform gibt. Weshalb siehst du aber in diesem Zusammenhang das Blog als geringgeschätz? Glaubst du dass Frau Hegemann sich damals sagte Texte in Weblogs sind geschenkt und dürfen ohne weiteres von ihr verwendet werden? Ich denke ihr war vollkommen bewusst, dass der Texteklau nicht rechtens ist – wohl war sie aber in der Hoffnung niemand würde es entdecken. Das ist in meinen Augen jugendliche Naivität, was keine Entschuldigung aber zumindest eine Erklärung bietet.
Zappadong · 27. Februar 2010, 17:14 · #
Voraus: Du hast mein ganzes Verständnis.
Ein kleiner Trost: Mein Verlag holt für jedes Textzeilchen, das ich zitiere, eine Erlaubnis beim Verfasser ein (die Geschichte, wie die 6 Zeilen von Calvin Russels Song “Crossroads” vorne in mein Buch kamen, ist ziemlich lang und spannend – und brachte mir u.a. den persönlichen Kontakt mit einem Sänger, der mir sehr viel bedeutet). Und dann gibt es selbstverständliche eine Quellenangabe.
Der Rest ist: FRUST. Ich bin mit dir total einig.
Was ich nicht verstehe: Wäre ich Airen, hätte ich anders gehandelt. Ich hätte geklagt. Ich hätte mein Einverständnis verweigert. Meine Textpassagen hätten aus dem Buch gestrichen werden müssen. Ich verstehe nicht, warum Airen der ganzen Sache so verständnisvoll zugschaut hat.
Wenn ich das richtig verstanden habe, hat HH auch von Bret Easton Ellis geklaut (diese bekannte Passage mit der gefolterten und missbrauchten Sechsjährigen). Sein Name taucht im Quellverzeichnis nicht auf. Auch sein deutscher Verlag hat nichts unternommen.
Dass die Literaturkritiker nichts tun, ist im Falle Hegemann klar: Sie haben sich ja bis auf die Unterhosen ausgezogen mit ihren Lobeshymnen auf Textteile, die nicht von HH sind. Danach kam der Rechtfertigungsrausch und jetzt kommt die Hämepresse (die Artikel über HH’s 18. Geburtstag sind reinste Schadenfreudeartikel).
Am allerschlimmsten ist das Verhalten des Ullstein-Verlags. Diese scheinheilige Heuchelei tut schlicht und einfach nur weh.
Ich weiss, dass sich sehr viele Autoren auf Facebook zusammengetan haben. Ich weiss, dass die Hegemann-Geschichte in geschlossenen Autorenforen (also von aussen nicht einsehbar) heftigst diskutiert wird – und der Ullstein-Verlag dabei gehörig sein Fett abkriegt. Ich weiss, dass es Autoren gibt, die dieses Jahr die Buchmesse Leipzig bestreiken (also: nicht hingehen). Es ist also nicht so, dass alle tief seufzen und die Faust im Sack machen.
Zu den Bloggern: Die grösste aller Unverschämtheiten sind jene Sätze, die absolut ignorante, unwissende Ullstein-Verlagsvertreter über die Blogger absondern. Meiner Meinung nach liegt es hier an uns, ganz klar die Grenzen zu setzen. Wie gesagt, ich hätte es gut gefunden, wenn Airen sich gewehrt hätte – aber ich nehme jetzt mal an, der arme Kerl ist total überfahren worden von der ganzen Geschichte.
Und ganz am Ende eine realistische Einschätzung: Das Verlagswesen / der Literaturbetrieb ist genauso wenig edel wie die Finanzwirtschaft (ich winke dann mal in Richtung von Relax). Ich bin nun seit 4 Jahren im Literaturbetrieb dabei und habe mittlerweile (fast) sämtliche Illusionen und Naivität verloren. Und so alle paar Monate lang kommt wieder etwas, dass mich trotz allem aus den Schuhen haut. Ein Bloggerkollege hat mir mal geschrieben, der Literaturbetrieb sei ein Haifischbecken. Wie wahr!
Und genau deshalb mag ich das Bloggen. Da gehöre ich nur mir. Und meine Texte sind meine. Sollte ich je herausfinden, dass sich jemand ohne zu fragen und Quellenangabe einfach bedient, werde ich dieser Person die Hölle heiss machen.
Marianne · 27. Februar 2010, 20:32 · #
Ganz abgesehen davon, dass mich dieses Buch nicht im geringsten interessiert – ich würde es niemals kaufen. Wer geistiges Eigentum klaut und als auf dem eigenen Mist gewachsen ausgibt, sollte ignoriert werden. Es gibt genug wirklich gute Bücher, lasst uns diese kaufen und lesen.
Relax-Senf · 28. Februar 2010, 12:39 · #
Das Haifischbecken ist allgegenwärtig. Wo es im Geschäftsleben fehlt, herrschen Kartelle. Jetzt verstehe ich ja das gewohnte Tausendprozentige Engagement von Thinkabout und anderen Herz-und-Seele-Bloggern in dieser Diskussion. Trotzdem kommt mir die Diskussion auch etwas weltfremd vor.
Abschreiben und Nutzung der Denkleistung Dritter ist doch so was von verbreitet und ohne Aufregung akzeptiert, dass ich die Extremausschläge der laufenden Diskussion nicht verstehe. Es gibt mehr schlechte als gute Chefs im Arbeitsleben und die schlechte Sorte stellt den guten brauchbaren Input der Mitarbeiter immer als eigenen Impuls dar. Was übrigens auch zu einer ungerechten Bonusverteilung führt.
Während ich keine Ahnung vom Literaturbetrieb (und vielem Anderen) habe, ist mir eine Definition zum Plagiat bestens geläufig. Geht man her und verändert einen geklauten Text nur schon mit wenigen oder einzelnen Wörtern pro Satz, entsteht bereits Eigenleistung und es ist kein strafbares Plagiat mehr. Die moralische Seite und die “intellektuelle Akzeptanz” blenden wir hier mal aus. Tatsache ist, dass Journalisten täglich ohne Hemmung und ohne Grenzen voneinander klauen. Selbst wenn der Artikel völlig neu geschrieben wird, liegt ja – sagen wir mal – ein gleich grosser Arbeitsanteil bei der Recherchearbeit und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen. So basieren viele Wirtschafts- und Banken-Artikel der Pampas-Journalisten letztlich auf der Arbeit der NZZ, FAZ, FTD etc. Journalisten. Was mich daran immer wieder ärgert ist der Fakt, dass durch das Abschreiben unbelegte Behauptungen und Schlagzeilen-Zahlen eine Verbreitung finden, die zu einer unverdienten Tatsachen-Feststellung führen.
Wàhrend wir bei mycomfor Artikel korrekt verlinken, gibt es News Portale, die mit Eigenleistung glànzen, die bei Hinsehen (und auch deklariert) lediglich auf dem Mash-up Prinzip beruhen.
Mit Hegemann und Axolotl Roadkill habe ich mich erst jetzt beschàftigt, als Folge der laufenden Thinkabout Diskussion. Der herrlichen Print Zusammenfassung, die mir vorliegt, entnehme ich, dass auch das Airen Strobo, Subkultur, Buch von der Diskussion ordentlich profitiert, sprich sehr viel besser verkauft. Ab der zweiten Auflage vom HH Buch, ist ein Quellenverweis auf Airen vorhanden. Auch lese ich von Abfindungen die Airen von Ullstein erwartet. Airen fühle sich “geflasht” vom Hype um HH und seine Textpassagen und ist glècklich über das was ihm passiert ist..
Locker lese ich auch folgende Sàtze:
“Viele Blogger bergeifen sich als Subkultur im Widerstand gegen herrschende Meinungsmacher.” Und: “Aber nicht nur die Bloggerszene zittert vor Wut, auch die vermeintliche Gegenseite. Die Printzeitungen, die das Internet fürchten, hatten HH gross gemacht; und mussten nun erfahren, dass Helene ihr Material ausgerechnet aus der grässlichen Blogosphäre bezog, um es zu überschreiben und den Print-Eminenzen unterzujubeln”.
Quelle: Christine Richard; MZ Bund in der Aargauer Zeitung vom 27.02.2010
Relax-Senf · 28. Februar 2010, 14:14 · #
Zum Thema fälschen und sich mit fremden Federn schmücken, Leser und öffentlichkeit verarschen passt wunderbar dieser frisch verlinkte Artikel auf mycomfor:
Kapuscinski-Biografie - Weltreporter mit Wahrheitsproblem
Menachem · 28. Februar 2010, 16:02 · #
Lieber Thinkabout, durch deine Worte erspüre ich, dass es um mehr geht, als Quellen-Nachweise. Für mich, in meiner sich erfindenden und erschaffenden Wertewelt, fasse ich zusammen:
Erstmals muss ich in dieser Deutlichkeit an Hahnemann denken. Die für den einzelnen kleinen und richtigen Kügelchen, knapp unterhalb der körperlichen Wahrnehmung, können eine heftige, teils allergische, Reaktion auslösen. Erstverschlimmerung. Richtig fortgeführt, ist dies jedoch der Anfang der Genesung. Auch wenn das HH-Kügelchen nicht stofflich ist,….
Wenn die HH gut ist, würde und wird sie ihren Weg als Autorin gehen. Wenn nicht, wird sie den Sturz aus dem Himmel der Publicity in die Normalität kennen und verarbeiten lernen müssen. Ein Schicksal, der DSDS Fantasten gleich. Ich nenne das mal, die ausgleichende, unbewusst wirkende kollektive Gerechtigkeit, die durch Nitchbeachtung straft und Sternschnuppen schnell vergißt.
Ich will es nicht vergleichen, doch gibt es eine gewisse Parallelität. Selbst in der Liebe besteht immer das Risiko, enttäuscht zu werden – besonders von dem Menschen, den man am liebsten hat. Ein nicht geringeres Risiko geht der blogger ein, der sich einer großen Anzahl unbekannter Menschen erklärt – nämlich, enttäuscht zu werden. Dieses Risiko lässt sich vielleicht nur durch eins gänzlich ausschließen, durch: nichtbloggen.
Wir wissen es nicht, doch eines Tages könnte uns abverlangt werden, für einen Schwächeren aufzustehen – ihn zu verteidigen, Anklage zu erheben und zu kämpfen. Ist Roman in dieser bedürftigen Hilfesituation?
Ich halte diese Frage für wichtig, denn ist er es nicht, ist der Sachverhalt nur ein Anstoßen, ein Kügelchen, der zur Klärung der eigenen Orientierung auffordert. Wenn nicht, würde für ihn zu streiten eher von der Klärung wegführen, als hin zum eigenen Ziel.
Was mir noch wichtig ist in diesem Zusammenhang.
Auch ich habe mich, ähnlich wie HH, zum eigenen persönlichen Fortkommen nicht immer so verhalten, wie es der gesellschaftliche Codex in seinem Idealzustand vorsieht. Heute senkt es meine Laune deutlich, wenn sich aus den eigenen Reihen Mitarbeiter selbständig machen und gute Kunden mitnehmen. So unschön das ist, je deutlicher kann ich fühlen, wie sich damals mein Chef gefühlt hat.
Dieses Gefühl ist mir wichtig, weil ich heute immer weniger möchte, dass dies andere Menschen aufgrund meines Verhaltens fühlen müssen.
Und damit bin ich bei mir – und dahin, wo Moral für mich hin gehört – zu meinem eigenen persönlichen Verhalten.
So gut ich kann, möchte ich niemanden Schaden in irgendeiner weise zuführen und aufstehen können, wenn der Schwächere mich braucht.
Vielleicht kann die eine oder andere HH in diesem Vorleben die Listigkeiten zur persönlichen Bereicherung im letzten Moment noch zurücknehmen – wenn nicht, kann es mich nur darin stärken, es noch fester in mir zu verwurzeln.
Thinkabout · 28. Februar 2010, 16:15 · #
man braucht keine Kenntnisse vom Literaturbetrieb, um die notwendigen Unterscheidungen vornehmen zu können:
Lieber vonRelax
So, wie Du die Arbeit von Journalisten beschreibst, so bloggen wir und kommentieren wir auch: Wir geben aufgesogene “News” und Meinungen wieder, welche wir zu den eigenen gemacht haben. Wir filtern und reproduzieren. Alles richtig. Aber wir stecken eine Eigenleistung hinein, fassen selbst zusammen, gewichten, formulieren aus dem eigenen Off, gewissermassen.
Bei HH aber lässt eine Autorin ihre Haupt-Romanfigur in Ich-Form Textpassagen sagen, die Wort für Wort abgeschrieben sind. Dieser Unterschied zu allen Deinen Beispielen einer Arbeitsweise unter Textern, ist so fundamental wie offensichtlich.
Geradezu perfid ist der Hinweis, Airen würde vom Hype finanziell profitieren – mit dem Unterton: Also alles halb so schlimm und am Ende zu seinem Vorteil.
Das ist, Verzeihung, eine direkte Aufforderung zur Prostitution nach erfolgter Vergewaltigung:
Man hat Dir ein Stück Persönlichkeit geklaut (das bedeutet dieser Vorgang nämlich), ihn in einem von Dir nicht beabsichtigten Zusammenhang öffentlich ausgestellt, damit viel Geld verdient, und jetzt halte mal bitteschön weiter die Klappe, denn siehe da, du profitierst jetzt auch. Du musst nur mitspielen. Der nachträgliche scheinbare Vorteil, das Fliessen von Geld, rechtfertigt den Vorgang. Du störst Dich, dass Du die Beine breit machen musst? Bist Du bescheuert, bei dem Zaster, der Dir winkt?
Die Kompensation ist eben keine. Sie ist höchstens eine Art Konventionalstrafe. Wenn sie dazu führt, dass alle meinen, damit wäre ja dann alles in Ordnung und das Geschrei umsonst, dann ist es wirklich zappenduster geworden. Und wenn Airen jetzt zitiert wird, er würde sich geschmeichelt fühlen und den Hype ganz nett finden, so kann ich das glauben oder auch nicht. Hat er , das frage ich mich, denn eine andere Wahl – interessierten allfällige Zwischentöne überhaupt? Nein, das tun sie nicht.
Am Ende korrumpiert die korrupte Gesellschaft jeden, den sie ausbeutet, gleich mit. So funktioniert der Niedergang jeder Authentizitätsanforderug in jeder neuen Gesellschaftsepisode, in der sich die Substanz in ausgelebter Hemmungslosigkeit erschöpft Prostitution eben. Auch in unseren Köpfen. Notfalls machen wir Vergewaltigte schon zu Huren (oder, schöner formuliert: Opfer zu Profiteuren), weil man überhaupt versucht hat, ihnen Geld nachzuschmeissen.
Dabei gibt es oder hätte es zwischen Airen und HH einen ganz wesentlichen Unterschied gegeben: Airen hat ein Stück seines Lebens aufgeschrieben, um mit seinem ganzen Stück Leben besser zurecht zu kommen. HH hat aus Airens Buch abgeschrieben, um furchtbar verrucht abgef… “lebendig” zu wirken – weil sie schon wusste, wie man damit Kohle verdient – oder zumindest Aufmerksamkeit bekommt. Dass die Kohle nun die ureigenste Motivation, das einzig Echte, was je zu den Buchzeilen geführt hat, ersaufen lässt, ist immerhin das, was wir alle verdienen.
Und zum Schluss noch dies: Airens Buch gefällt mir als Buch nicht. Hat es nie getan. Aber ich konnte seine Motivation, die Beweggründe und die Geschichte, die dazu führte, gut verstehen. Ich hatte Respekt vor dem, was diese Seele umtreiben kann und vor dem Mut, sich diesen Spiegel vorzuhalten.
Dafür bleibt in dieser Art Öffentlichkeit keine Energie mehr übrig.
Und so durchzuckt mich ein letzter Gedanke: Würden zwei Verlage und zwei Schreiberlinge dieses ganze Szenario im voraus erfinden und dann so durchziehen, so hätten wir ein Stück professionelles Marketing, das dem Konsum-Kulturvolk in die Seele blickt und den Spiegel vorhält: Denn dass es genau so heraus kommen würde und die Aufmerksamkeit genau so hergestellt werden würde – das wäre wirklich voraus zu sagen. Wir sind Konsumenten. Wir sind so was von berechenbar.
Relax-Senf · 28. Februar 2010, 18:03 · #
@ Tinkabout: Sorry, die verwendete Metapher ist zwar klasse, aber beim Thema halte ich es für eine Ueberzeichnung. Weder steht es Dir noch einem anderen Blogger zu, Airen vorzuschreiben, wie er sich zu fühlen hat noch ist es für mich ein einmaliger Vorgang. Lediglich das auf den Literatur-Olymp heben, hat hinterher die Aufmerksamkeit ausgelöst und liefert jetzt den Kraftstoff für Leben-und-Tod-Diskussion.
Ich habe mit HH und Ullstein etc. etc. nichts am Hut und debattiere völlig ohne Eigen- und nicht mal Ueberzeugungs-Interessen. Weshalb ich es auch damit belasse. Im Uebrigen habe ich mich hier eingemischt um zu fragen: Thinkabout lohnt sich die investierte Energie, lohnt es sich mit dem Kopf gegen eine Betonwand zu rennen?
Die Antwort habe ich teilweise vorher schon gegeben und ich wiederhole sie, weil ich missverstanden wurde.
Klar, wenn es Dir ein persönliches Anliegen ist, dann musst Du Deine Meinung immer wieder einbringen, Deine Stimme immer wieder erheben. Das meinte ich zuvor, mit Kanonen in Stellung bringen. Du warst sehr klar in Deiner Aussage, keine Frage, aber diese klare Aussage muss dann halt einfach täglich wiederholt werden.
Für mich wird die Bloggerwaffe einfach stumpf, wenn unabhängig von der Themenbedeutung für Gesellschaft und den entsprechenden sozialen Kitt, mit dem Zweihänder zugeschlagen – pardon – argumentiert wird, wie wenn ganze Gesellschaftsgruppen in ihren Lebensinteressen freiheitlich bedroht wären.
Ich äussere mich nicht mehr zu diesem Thema, weil es nicht zielführend ist, wenn ich mit einer vergleichbaren Metapher – wie von Dir eingesetzt – antworte. Ich bin mit HH weder verwandt, noch verschwägert und erwarte auch nicht ein Gratisexemplar vom Buch. Philosophisch gelange ich einfach zu grossem Staunen ….
verbrennt das Buch, verbrennt alle Bücher die nicht frei von geistigem Diebstahl sind. I don’t care.
Ich sehe auf dieser Welt wichtigere Probleme die einer Lösung bedürfen.
Thinkabout @ Relax-Senf · 28. Februar 2010, 18:24 · #
Ich schreibe Airen nicht vor, wie er sich zu fühlen hat.
Ich habe mich allerdings zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Buches mit seinem Blog, seinem Bloggersein und seinen Beweggründen befasst, weil mir sein Blog in meiner Eigenschaft als Blogbibliothekar vorgeschlagen wurde.
Ich wundere mich nur, wie schnell “man” bereit ist anzunehmen, jeder innere Aufruhr, jede Vereinnahmung wäre mit Geld wirklich zu kitten. Oder die Annahme desselben würde den Skandal kleiner machen, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Auch das ist wieder ein starkes Wort, ich weiss, es geht ja nur um ein bisschen Buch. Aber es geht gleichzeitig um jedes Buch und damit um uns.
Darum lasse ich meine Energie so verschwenderisch hier aus, konste es mich, was es wolle. Denn im Grunde, lieber Rainer, hat man als kreativer Mensch hier sein Persönlichkeitsrecht zu verteidigen. DAS geht es mich an.
Zappadong · 28. Februar 2010, 19:21 · #
Ich nehme hier ein Zitat von Rexlax aus seinem Text, das mein ganzes Dilemma auf den Punkt bringt: “Thinkabout lohnt sich die investierte Energie, lohnt es sich mit dem Kopf gegen eine Betonwand zu rennen? “
Ich bin ja bekanntlich auch eine, die sich den Grind an jeder nur möglichen Betonwand einrennt – sich an Dingen aufreibt, sich weit über ein gesundes Mass reinhängt und – leider, leider, leider – auch furchtbar aufregt.
Ich weiss nicht, wie viel gute Energie ich so die letzten paar Monate verpulvert habe – es war auf jeden Fall sehr, sehr viel. Ungesund viel. So viel, dass aus einer geborenen Optimistin eine schon fast verbitterte Frau wurde, die auch den letzten Glauben an die Menschheit verloren hat.
Auch ich stand vor einer Woche, wo Thinkabout jetzt steht: Ich konnte nicht mehr. Ich war fix und fertig und fühlte, dass es so nicht weitergehen kann, denn ich schwanke zwischen blankem Zynismus (dabei wollte ich nie ein zynischer Mensch werden), totaler Resignation (“jo nu so dänn halt”), Abschotten von allem (Haus in Graubünden und alle Zeitungen abbestellen). Eine Lösung für mein Dilemma habe ich noch nicht gefunden. Denn:
Ich finde, es braucht Leute, die mit dem Kopf gegen Beton rennen. Es braucht Leute, die mit Herz und Seele für oder gegen etwas schreiben, kämpfen, sich einsetzen. Es braucht Menschen, die sich nicht alles gefallen lassen. Nur: Ich habe den Mittelweg zwischen Engagement und Gelassenheit noch nicht gefunden.
Was Thinkabout mit seinem Eintrag sagen will, verstehe ich sehr, sehr, sehr gut. Ich kann die Stunden nicht zählen, die ich mit dem Verfolgen des Falles HH verbraten habe – bis ich mir gesagt habe, dass davon nichts besser und nichts anders wird.
@Relax: Es gärt in der Autorenszene. Denn dort macht man sich genau die Gedanken, die sich Thinkabout in seinem Eintrag gemacht hat. Es herrscht von blankem Zynismus bis hin zur verletzten Ratlosigkeit das ganze Spektrum an Gefühlen. Und ja doch: Die ganze HH-Geschichte ist für sehr viele Autoren ein Verrat an ihrer Sache. Denn so ziemlich alle schreiben ihre Texte selber. Die ganzen. Und reagieren dementsprechend sensibel auf dieses Buch und vor allem dann das Vorgehen der Verlags-, Literaturkritiker- und generell Literaturkreise. Die Nommination für den Leipziger Buchpreis hat kein Autor / keine Autorin verstanden, die ich kenne.
Eine Welt, in der wir “Vergewaltigte zu Huren, Opfer zu Tätern” (Thinkabout) machen, ist nicht meine Welt. Und ich habe auch den “I don’t care” Knopf noch nicht gefunden. Obwohl ich ihn gerade verzweifelt suche. Weil mir so ziemlich alles, was momentan auf der Welt läuft, zu viel wird. Auch die Mechanismen des Literaturbetriebs – ein Nebenschauplatz vielleicht, aber ein bezeichnender für das, was in der Welt und vor allem in den Köpfen der Profiteure abgeht.
Bobsmile · 28. Februar 2010, 22:47 · #
Und nicht zu vergessen sind die treibenden Kräfte im Unfeld dieses Fast-Food-Markenprodukts Hegemann. Welche Rolle spielt z.B. Papa C. in dem ganzen Trauerspiel? Drahtzieher? Ghostwriter, oder besser -copier? Was ist mit den Lektoren? usw.
Und aus dem Blickwinkel eins ganz profanen Lesers: Mir ist es halt einfach nicht egal, wenn sich jemand mit fremden Federn schmückt. Ok, was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. Aber wenn’s rauskommt, fühle ich mich nun mal verarscht.
Als Blogger versuche ich möglichst die Regeln (so was gibt’s IMHO!) im Netz einzuhalten und Bild und Textquellen zu nennen, das Verlinken ist sowieso Bestandteil unserer Blog-Kultur. Und ich bin auch nicht böse, wenn jemand meine Gedanken aufgreift und weiterspinnt. Aber wenn jemand 1:1 abkupfern sollte ohne Urhebernennung, dann ist das Diebstahl am geistigen Eigentum. Und das muss verdammt und zugenäht noch etwas Wert sein in unserer Welt der Informationsgesellschaft.
Titus · 1. März 2010, 05:16 · #
Es geht nicht nur ums Abschreiben und Nutzen, ums Weitergeben, Filtern und Reproduzieren. Es geht vor allem auch ums Weiterentwickeln. Dadurch entsteht eine neue Leistung.
Die Frage ist dabei immer, was mit der geistigen Leistungen gemacht wird.
Es geht auf jeden Fall nicht an, dass jemand eine geistige Leistung erbringt und eine andere Person damit Kasse macht.
Zur (Nicht-)Reaktion von Airen: Indem er nicht rechtlich vorgeht, leistet er der häufig verbreiteten Meinung Vorschub, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sei… Im Abmahnungsland Deutschland wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, hier einmal Gegensteuer zu geben.
Allerdings: Als Blogger nehmen wir zugleich auch die Rolle eines Verlegers ein. Letztere haben häufig eine Rechtsabteilung, mit welcher sie rechtlich gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen können. Als Blogger verfügen wir jedoch nicht über diese Mittel und wenn, dann stellt sich immer auch die Frage der Verhältnismässigkeit.
Ich würde es mir ernsthaft überlegen, gegebenenfalls rechtlich vorzugehen, sollte jemand gegen die in meiner Bloghütte angegebene Creative Commons-Lizenz verstossen…
Thinkabout · 1. März 2010, 12:13 · #
@Bobsmile
Danke für die klare Ansage!
@Titus:
Danke.
Zur Beurteilung von Airens Verhalten kann ich nur immer wieder das Gleiche sagen:
Wir können es nicht wirklich beurteilen. Bitte nicht vergessen: Jeder Blogger hat eine eigene und persönliche Grundmotivation, aus der sein Blog entsteht. Im Gegensatz zu Dir und mir ist Airen stets anonym geblieben. Die Anonymität ist eine Art Grundvoraussetzung – und sein Schreiben, seine Texte wären ohne diese Voraussetzung vielleicht nie so entstanden.
Ein Kampf, wie Du ihn für Dich in Erwägung ziehen würdest und wie ich ihn selbst in jedem Fall führen würde, bedeutet nicht, dass man Recht bekommt, weil man Recht hat. Es bedeutet nur eines mit aller Garantie: Energiebedarf und finanzielle Mittel, zumindest auf Vorschuss. Und wer sich störrisch gibt, interessiert ganz anders und neu als Person. Anonymität ist dann wohl endgültig und für immer zu vergessen. Die Vereinnamung ist also schon geschehen und auch nicht mehr zurück zu nehmen. Also, warum sich das nicht wenigstens entschädigen lassen? Und bitte nicht vergessen: Dein eigener Verlag redet mit. Ob der wirklich die öffentliche Debatte will? Den Unfrieden mit der Konkurrenz riskieren? Wir sollten nicht zu naiv sein, wenn es um mögliche Strategien geht – wir sollten uns aber jede Naivität im Glauben und WISSEN um das korrekte Verhalten erlauben – und auch dafür einstehen. Jeder so, wie er es kann.
Titus · 1. März 2010, 15:10 · #
@ Thinkabout
Absolut einverstanden bezüglich Energieaufwand. Genau darum hatte ich auf von der Verhältnismässigkeit gesprochen. Und: Im Hinterkopf dachte ich eben auch an einen Präzedenzfall, den es eben einfach manchmal braucht (man spricht dann häufig auch von einem «wegweisenden Urtreil»).
Zur Anonymität: Unser Rechtssystem ist (glücklicherweise) darauf aufgebaut, dass man weder anonym anklagen noch anonym beklagt werden kann. Eine Rechtspersönlichkeit kann nicht anonym sein, denn sonst könnte ja jeder sagen, er wäre Airen oder Zappadong oder Thinkabout oder… und hätte dies oder das geleistet. Das ändert nichts an der Dreistigkeit von HH, aber an allfälligen Rechtsansprüchen von Airen…
Bobsmile · 3. März 2010, 08:33 · #
Die Anonymität ist möglicherweise ein Schlüsselwort in der ganzen Diskussion.
Persönlich verstehe ich darunter einen gewissen Schutz meiner Person, aber auf keinen Fall einen Freibrief für Narrenfreiheit.
Ich sehe im Moment einfach keine Notwendigkeit, dass meine Texte eine Offenlegung meiner persönlichen Angaben notwendig machen. Allerdings wer mein Blog durchforstet findet sicher auch Rückschlüsse auf Wohnort, Vorlieben, usw.
Neue im Netz veröffentlichte Texte sind immer mit einer Person verbunden, auch wenn diese nur via Chiffre0815 oder Nikname gekennzeichnet sind.
Ich bin mir aber bewusst, dass meine vorangegangene Empörung über allfälliges Abkupfern nur ein moralisches und kein juristisches Gewicht trägt.
Kann es somit sein, dass ein Text vom anonymen Bobsmile oder Airen eher zum Abschreiben animiert als der Text vom Blogger Wilfried Bundsherg, Theatergasse 5, 3011 Bern?