Was es darf, das Leben, und was das soll
Heute ein Prominenten-Interview gelesen, das wie folgt betitelt war:
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Heute ein Prominenten-Interview gelesen, das wie folgt betitelt war:
Wohl noch nie hat sich bei Menschen dagegen allerdings so viel Widerstand geregt. Es gilt geradezu als chic, dem Lebensgefühl nachzuhängen, dass es keine Grenzen gibt und alles erreicht werden kann. Auf jeden Fall pflegen die Medien entsprechende Geschichten und machen Helden, welche mindestens die Schwerkraft jedes Anflugs von Demut überwinden und alles ihrer harten Arbeit verdanken können, und nichts anderem. Und damit das auch gelingen kann, hat das Leben eben alle Chancen zu enthalten, und in der Konsequenz ist es eben spannend, dieses Leben, weil es aufregend ist, seine Grenzen zu erweitern, und mögen diese Limiten in der Dehnbarkeit des Gummiseils beim Bungee-Jumping liegen.
Das Leben stellt Aufgaben, sprich Karrierechancen, Leistungsanforderungen, welche, gesellschaftlich sanktioniert, mir anzeigen, auf welchem gesellschaftlich-sozialen Zufriedenheitslevel ich mich ganz augenscheinlich befinde, wenn ich die Erwartungen denn erfülle.
Wir suchen das Aufregende, das Aussergewöhnliche – und übersehen dabei, dass das eigentlich Verrückte darin liegt, WO wir WAS suchen. Womit wir bei der Langeweile wären:
Das Leben an sich kann vieles, aber langweilig sein kann es nicht. Es kann voller Gefahren sein, es kann Sicherheit schenken, Wohlstand gar, oder aber keinen anderen Gedanken zulassen als die Frage, wo der Mensch die nächste Schüssel Reis her kriegt. Was davon für mich gilt, das kann ich in letzter Konsequenz nicht wirklich entscheiden, und wenn ich mich statt mit der nächsten Schüssel Reis mit der nächsten Reisschüssel auf vier Rädern, wie wir lange die japanischen Autos genannt haben, beschäftigen kann, dann gehört dazu immer auch eine Portion Glück, die so unverschämt ist, dass ich sie mir gar nicht verdienen kann. Wie aber wäre es, wenn ich mich für dieses Glück ein bisschen dankbar zeigen würde, indem ich die Langeweile, die mir aus der Sorglosigkeit erwächst, nicht mit dem nächsten Pseudo-Leistungshype vertreiben würde, sondern mit einem ruhigen Blick auf das, was mir bleibt, wenn mein Geld verdient ist oder mein Tag von den längeren Schatten des Abends eingeholt wird. Bleibt mir da nur die Langeweile, so sollte ich schleunigst mit aller künstlichen Aufregung aufhören und mich genau dieser Langeweile stellen. Denn am Schluss ist meine innerste Substanz davon abhängig, was in mir erwacht, wenn ich die Hände in den Schoss lege und den Gedanken ihre Freiheit schenke.
Versuchen wir es doch nochmals mit einer Schlagzeile:
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tin · 3. Januar 2010, 22:31 · #
Sehr guter Beitrag! Die 1. Schlagzeile ganz oben ist typischer Ausdruck unserer völlig oberflächlichen Fun-Gesellschaft. Wer sich etwas mit dem wirklichen Leben – wie eben in diesem Beitrag schön dokumentiert ist – beschäftigt, sieht, dass Langweile ein sehr wichtiges Element des Lebens ist.
Titus · 3. Januar 2010, 23:58 · #
Von einer Person, die so viel herumgekommen ist, hätte ich ehrlich gesagt auch etwas mehr Tiefe erwartet. Aber offensichtlich scheint sie eine rastlose Persönlichkeit zu sein…
Brigitta Maria · 4. Januar 2010, 09:59 · #
Ich sage, was hat das Leben von mir noch zu erwarten? Ich bin ihm einfach dankbar dafür, es zu haben!
SeelenLeerer · 4. Januar 2010, 10:07 · #
In meinen Augen ist das Alter der Zitat liefernden Person wichtig. Bei einem jungen Menschen finde ich die Aussage absolut normal. Wir hatten doch alle das Gefühl, die Welt gehöre nun schrankenlos uns und mit dem heutigen Stand an Konsummöglichkeiten ist die Aussage nachvollziehbar.
Bei einer älteren Person, müsste ich annehmen, sie hätte bisher noch nicht viel über das wahre Leben begriffen.
Schnee-Eule · 4. Januar 2010, 12:54 · #
Im Innehalten und Ruhen, in der langen Weile
finde ich den einen oder anderen Schatz.
Gedanken dürfen entspannt reisen, Träume
finden ihren Platz und vieles mehr.
Ich empfinde in der langen Weile keine Langeweile,
im Gegenteil. Nur manch einer missversteht dieses
und hält das für Faulheit. Ich genieße diese
Augenblicke sehr, .. die Jugend denkt darüber anders, meines Erachtens. Sie will das Leben
auf der Stelle voll auskosten. Verständlich.
Danke, Thinkabout.
Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr
mit wunderschönen langen Weilen _
Claudia · 4. Januar 2010, 13:25 · #
Wer so einen Satz sagt, hat noch keine Ahnung davon, dass es ein “Leben an sich” gar nicht gibt – sondern immer nur das selbst gelebte Leben.
Was gemeinhin als Leiden an Langeweile erfahren wird, ist bei genauem Hinsehen nichts als mangelnde Klarheit, fehlende Entschlusskraft und Flexibilität.
Eine Weile wirkt nur dann als “zu lang”, wenn ich mich im Zustand erzwungener Immobilität wähne: Warten an der Supermarktkasse, Verharren im ungeliebten, öden Job, Zusammensein mit Menschen, die ich nicht mag etc. usw.
Tatsächlich hätte ich in all diesen Situationen die Freiheit, zu gehen, muss dann aber auch die Konsequenzen tragen (die alles mögliche sind, aber in der Regel nicht langweilig!). ODER ich stehe zur Situation, erkenne sie als selbst gewählt, und gebe den inneren Widerstand dagegen aus dieser Einsicht heraus auf. Dann zeigt sich, was für alles Leiden und jeden Schmerz gilt: 80% der Intensität kommt vom Widerstand dagegen, vom Hadern und nicht akzeptieren wollen.
Wird der Widerstand aufgegeben, öffnet sich die Tür zur üblichen geistigen Flexibiliät: ich kann an der Kasse Atem- und Konzentrationsübungen machen, kann auf Zehen stehen (=gesunde Fußgymnastik) oder mir Geschichten über die mit Anstehenden ausdenken… und schon gibts keine Langeweile mehr. Ebenso finden sich für all die anderen Situationen Möglichkeiten, sich in ihnen zu entspannen und “was draus zu machen” – oder man sagt eben: NEIN, mit mir nicht – und geht!
Thinkabout @ Titus + Seelenleerer · 4. Januar 2010, 19:32 · #
@Titus: Nun, wie gesagt, der Artikel soll nicht eine Person in die Pfanne hauen. Ich möchte bewusst davon losgelöst ein Gefühl dafür aufzeigen, dass wir in unserer Spassgesellschaft so was ganz schnell mal zum besten geben. Und einen Titel war es auch wert (Redaktion).
@Seelenleerer – Tja, ist eine gut 34Jährige Frau, die seit einem halben Jahr Mutter ist, nun eher von der ersten oder Deiner zweiten Kategorie?
Doch lösen wir uns davon: Wichtig scheint mir in jedem Fall, dass Langeweile in jedem Fall unsere hilflose Reaktion auf etwas ist, das man auch Zeit nennen könnte.
Thinkabout @ Claudia · 4. Januar 2010, 19:46 · #
Dein Kommentar bringt mich auf den Gedanken, dass Langeweile bzw. nur schon der Anflug davon mich dem Geheimnis der Zeit näher bringt: An ihrem Ursprung hetzen wir nicht mehr durch die Minuten: Da ist etwas, das in gewisser Weise die Uhr anhält: Plötzlich ist das, was man nie genug hat, quälender Überfluss, den man nicht totschlagen kann… und sollte, natürlich.
Und noch ein Gedanke:
Man stelle sich vor, man könnte dieses Warten an der Kasse abbilden, indem man Gedankenströme rapportiert – und dann am Ergebnis sieht, wie unterschiedlich wir mit diesem Zustand des Angehalten werdens in der fliessenden Zeit – die im übrigen genau schnell “geht” wie sonst auch – umgehen. Wäre spannend!
Jean-Paul Robin · 5. Januar 2010, 16:47 · #
Danke für die Schlagzeilen und Ihre Gedanken dazu, denen ich vorbehaltlos zustimme. Ich denke, dass die Zeit, die einem zur Verfügung steht, um sich mit sich Selbst auseinander zu setzen, nur dann als “Langeweile” bezeichnet wird, wenn man sich vor eben dieser Auseinandersetzung scheut. Zu diesem Thema möchte ich Ihnen auch die Lektüre meines Textes mit dem Titel “Zeitverschwendung” empfehlen: http://le0816.wordpress.com/2010/01/04/zeitverschwendung/
Ich wünsche Ihnen, lieber Thinkabout, ein gesundes und kreatives Neues Jahr!
Jean-Paul