Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Vorschläge für Boni-Pro-Bono-Programme

∞  21 Juni 2010, 19:33

Nun hat es der Gerwerkschaftsbund also wieder mal ausgerechnet: Die Schere zwischen den höchsten und den tiefsten Löhnen ist noch weiter auseinander geklafft, am meisten öffnete sie sich zusätzlich, ausgerechnet, bei der UBS – zumindest im Vergleich jener Firmen, welche der Gewerkschaftsbund vor die eigene Lupe legte. Der Herr Dougan von der Credit Suisse soll es sogar fertig bringen, 1800mal mehr zu verdienen als der am tiefsten entlöhnte Mitarbeiter seines Unternehmens. Na, da geht es bestimmt wieder rund mit dem Wehklagen über die Ungerechtigkeit dieser Missverhältnisse. Und das völlig zurecht.
Nur wird keine Boni-Diskussion daran etwas ändern. Denn zumindest alle jene Unternehmen, welche keine Staatsgelder beansprucht haben, sind das, was der Name schon sagt: Privatunternehmen. Und sie sehen sich in einem öffentlichen Wettbewerb und richten daher Lohnkosten, Aufwände ganz allgemein und Ziel-Erträge nach den internationalen Massstäben dieses Wettbewerbs aus. Der Staat kann dafür Richtlinien erarbeiten, er kann gesetzliche Mindestanforderungen stellen und dazu Sorge tragen, dass die Steuern abgeführt werden. Was er nicht kann, ist die Lohnsumme festlegen, maximieren oder beschränken. Das wird ausserhalb einer Planwirtschaft nie funktionieren. Was es aber braucht, ist eine Sensibilisierung aller Parteien für die soziale Sprengkraft, welche in jeder Entlöhnung liegt, welche im Gefühl der Mehrheit mit Leistung nichts mehr, mit Ausbeutung aber sehr viel zu tun hat.

Es ist ja nun nicht so, dass es diese besorgten Stimmen in der Wirtschaft nicht gäbe, ja, es gibt sie sogar innerhalb der so sehr kritisierten Grossbanken und Pharmaunternehmen.
Leider beschränkt sich die politische Diskussion und Reaktion im Parlament auf die Empörung – und wirkt darin zusätzlich befeuernd statt mässigend, vor allem weil keine vernünftigen und greifenden Massnahmen zu erkennen sind.
Ich mache mal zwei – vielleicht – naive Vorschläge, wie man jene Stimmen und Strömungen innerhalb dieser Grossfirmen unterstützen könnte, welche tatsächlich selbst Gegensteuer geben möchten.

Vorschlag 1, für Pharmaunternehmen:

Vasellas zweistellige Millionenentgelte sind nicht die einzigen Pharmamanagerlöhne, welche kritisiert werden. Diese Löhne werden bezahlt, weil es heisst, die besten Köpfe unter den Managern würden die positiven Betriebsergebnisse möglich machen. Diese Ergebnisse kommen auch deswegen zu Stande, weil Forschungsgelder dort investiert werden, wo weit verbreitete Krankheiten den westlichen Lebensstandard bedrängen, weil in diesen Bereichen die höchsten Preise für Medikamente bezahlt werden. Der Forschungsstandort Schweiz, so wird argumentiert, könne nur aufrecht erhalten werden, wenn für die Medikamente diese Preise auch gerade in der Schweiz (hier extra-hoch) bezahlt würden.
Ich schlage nun vor, dass Firmen wie Roche und Novartis einen Pool für Forschungsgelder eröffnen, in den Manager Boni-Leistungen einbezahlen können, welche sie nicht beanspruchen wollen, auf völlig freiwilliger Basis, anonym oder öffentlich. Kommuniziert wird die jährlich so vorhandene Summe. Der Konzern legt von sich aus nochmals die gleiche Summe hinzu und verwaltet den Einsatz der Mittel – welcher explizit einem Forschungsgebiet zugute kommen soll, für das die kommerziellen Interessen sonst weltweit fehlen. Diese Forschungsziele könnten von einem unabhängigen Stiftungsrat mit festgelegt werden. Der Konzern übernimmt die Koordination aller vorhandenen Mittel.

Vorschlag 2, für Grossbanken:


lehnt sich an ein Modell an, das es schon gibt: Die Optimus Foundation der UBS, übrigens seinerzeit von Ospel ins Leben gerufen und vorangetrieben, ist eine Stiftung, welche Kunden offen steht, die Charity-Projekte unterstützen wollen. Die Foundation hat dafür Kriterien festgesetzt, wählt die Projekte aus, leistet Rechenschaft, übernimmt alle Verwaltungsaufgaben und sorgt dafür, dass das Kundengeld wirklich beim Projekt selbst ankommt. Ein solches Vehikel könnte nach den gleichen Massstäben wie bei Vorschlag 1 zusätzlich mit nicht bezogenen Boni-Zahlungen von Bankmitarbeitern geäufnet werden, auch hier mit entsprechender Co-Beteiligung der Banken.

Denkbar wäre für das “Boni-Pro-Bono-Programm” auch ein Zielgebiet an unterstützendem Einsatz in jenen Bereichen, in denen normale Kreditvorgaben der kommerziell ausgerichteten Bank eben keine Geldverleihung erlauben – also eine höhere Risikobereitschaft oder längere Rückzahlungszyklen für Investitionsprogramme, welche eine nachhaltige Entwicklung möglich machen, sobald vom Kreditgeber nur substanziell, aber nicht unbedingt kommerziell gedacht wird. Denkbar wären hier Modelle für Kleinkredite, die sonst für eine Grossbank uninteressant erscheinen.

Phantastereien? Ich bin nicht sicher. Schlussendlich ist sozialer Frieden nichts, was reklamiert werden kann. Es gibt ihn nur, wenn ihn alle beteiligten Seiten wollen, wenn alle etwas darin investieren und auch Vertrauen in diesen Willen “der Anderen” haben.
Ich bin überzeugt, dass es Persönlichkeiten gibt, die solche Ideen aufnehmen und ausgestalten könnten. Es wäre dann nicht mehr länger einfach nur der erhobene Zeigefinger für eine geforderte Moral in der Luft, sondern die Einladung, dieser Moral interesante Nahrung zu geben, in Form von Projekten, in welchen das gleiche Knowhhow, das sonst für die Gewinnoptimierung eingesetzt wird, einmal für Substanzerweiterungen wirksam werden kann: Ich bin überzeugt, dass es sehr viel mehr Human Power in Form von finanziellen Mitteln und möglichem Arbeitseinsatz in diesen verteufelten Grossfirmen gäbe, als sich so manche Menschen ausserhalb vorstellen können. Man muss diese Kräfte nur bündeln und ihnen eine Stossrichtung anbieten.




  1. Richiger Bonderer Kyra A · 22. Juni 2010, 09:55 · #

    Guten Tag
    Ich bin auch dafür, dass wir die finanziellen Mittel für das Menschsein einsetzen. Doch an wen denken Sie, wenn Sie schreiben, es gäbe Menschen die sich für dieses Anliegen stark machen? Wer steht wirklich hin und sagt, es ist Zeit, dass wir Gerechtigkeit fordern und es dann auch wirklich geschieht?
    Und doch, vielleicht bewegt eben gerade Ihr Artikel etwas. Wer weiss? Ich würde mich sehr freuen.
    Freundlich grüsst
    Kyra A. Richiger Bonderer

  2. Zappadong · 22. Juni 2010, 11:34 · #

    Der Grundgedanke baut meiner Ansicht nach auf der falschen Basis. Auf den Boni. Auf dem heutigen Entlöhungssystem Statt das System grundsätzlich zu hinterfragen (kein Mensch “verdient” so viel Geld), nimmt man es in dieser Variante als gegeben.

    Damit setzt man immer noch die falschen Anreize, die falschen Signale; in der Wirtschaft, genauso wie im Sport, wie in der Unterhaltungsindustrie. Will heissen: Man ist heute erst jemand, wenn man eine Unmenge Geld macht. Das führt dazu, dass Eltern ihre Kinder in höhere Ausbildungen pushen (egal, ob sie dafür gemacht sind oder nicht), dass man nur “jemand ist”, wenn man entsprechend Kohle und Karriere macht. Es ist ein erbarmungsloses System, das den Schwächeren liegen lässt, den Egoismus fördert, das Ellenbögeln lehrt, Rücksicht als Schwäche auslegt, Andersdenkende zu “Naivlingen” stempelt, jedes Abweichen von der Norm bestraft.

    Es ist doch heute schon so, dass viele reiche Leute ihre eigenen Stiftungen und sozialen Projekte haben, dass viele Reiche sehr Gutes tun, ohne das an die grosse Glocke zu hängen. Genauso wie viele weniger Begüterte Geld spenden.

    Und trotzdem läuft etwas grundsätzlich falsch. Um die Richtung zu ändern, reichen die im Artikel gemachten Vorschläge nicht. Sie sind Pflästerlipolitik. Für eine Wunde, die viel zu tief ist für ein Pflästerli.

  3. Thinkabout · 22. Juni 2010, 13:20 · #

    Liebe Zappadong
    Du kannst gerne versuchen, das System zu verändern. Sehr gerne. Aber wie soll Dir das gelingen – ohne das Bewusstsein einer Mehrheit, ohne eine Kultur, die jenen Leitbilder und Vorbilder gibt, die mehr haben als genug?
    Mit Verlaub: Wir leben in einer Gesellschaft, in der es einen Mitelstand gibt, der in dieser Breite noch nie so sehr am Reichtum geschnuppert hat. Und in einer Wirtschaftswelt, in der qualifizierte Jobs immer wichtiger werden – was die Löhne in die Höhe treibt. Und die Kultur des Miteinanders hintertreibt. Aus dem Kern dieser sich befeuernden Gesellschaftsschicht heraus.
    Dein Argument überzeugt mich nicht: Plästerlipolitik? Es geht hier nicht um Politik. Es geht um die Hilfe im Einzelfall. Das bedeutet ja nicht, dass das Grundsätzliche nicht hinterfragt werden soll. Aber hört endlich mit diesem verd… Kastendenken auf, nachdem alle Banker Sauhunde und alle Arbeiter edle Staatsbürger sind.

  4. Zappadong · 22. Juni 2010, 14:39 · #

    Es hat nie jemand gesagt, dass alle Banker Sauhunde sind. Und alle Arbeiter edle Staatsbürger.

    Das Problem geht viel tiefer. Es geht um falsche Leitbilder. Um die Banker mal aussen vor zu lassen, kann ich auch die französischen Nationalkicker – hochbezahlte, mobbende Egoisten – anführen oder ein paar der Machorapper, die einen auf Ghettokids machen, die Frauen grundsätzlich als “Bitches” bezeichnen und ganz viel “Riiiispect” einfordern, aber andern gegenüber keinen haben.

    Viele (nicht alle!!!) hochbezahlte Menschen, vor allem unter den Neureichen, wie sie zum Beispiel die Banken, die Unterhaltungsindustrie oder der Sport hervorgebracht haben, haben den Blick für die Realität verloren haben. Sie sind es, die den Ton angeben – und als schlechte Vorbilder ganze Generationen prägen. Schon mal bei einem Grümpelturnier erlebt, was da Väter ihren Kindern aufs Spielfeld um die Ohren brüllen? Schon mal auf dem Pausenplatz mitbekommen, was man sich unter “dissen” so vorzustellen hat? Da ist kein Respekt, gar nichts. Da geht es nur noch darum, den anderen klein und sich selber gross zu machen.

    Natürlich braucht es dazu auch eine Masse, die solchen Vorbildern nacheifert. Aber würde es nicht an den Vorbildern liegen, ein GUTES Vorbild zu sein? Das Problem heutzutage: GUTE Vorbilder sind “langweilig”. Ein weiterer Grund, weshalb deine angedachte Idee vielleicht nicht funktioniert. Beispiel: Wer redet denn schon von Bill Gates?

    So bescheissen die dopenden Radfahrer sich selbst und das Publikum. So stehen oberste Banker hin und suchen schon mal den Vergleich mit Gott, wenn ihnen nichts anderes mehr einfällt. Und kommen damit davon. Sie gewinnen die Tour de Irgendwas oder ihre Bank wird gerettet. Und dem normalen Fussgänger dämmert: Der Ehrliche ist der Dumme. Ins Fernsehen und zum Geld kommt der Freche. Und wenn man es schafft, kann man so richtig abzocken. Als Fussballer (also brüllt man schon beim Grümpelturnier den Schiedsrichter in Grund und Boden). Als rappender Obermacker (weshalb man so viel wie möglich Leute aus dem Weg disst). Als HSG Absolvent (weil man dort lernt, wie man aus Geld Geld macht).

    Irgendwann verdient man dann das Vielfache eines Staatsoberhauptes und kann lächelnd auf die Politik(er) hinuntersehen. Aus seiner eigenen Warte, aus einer Welt, die mit der realen Welt herzlich wenig zu tun hat. Weshalb man dann auch nicht begreift, was die normalen Fussgänger so umtreibt.

    Solange wir in einem solchen System verhaftet sind, ändert sich nichts. Solange es das erklärte Ziel ist, so viel wie möglich Geld zu machen, egal wie, nützt auch so ein Boni-pro-Bono-Programm nicht.

    Vor ein paar Wochen lief im TV ein Kurzportrait eines Mannes, der in irgendeiner Firma irgendwo in Graubünden irgendwas knapp über 100’000 Franken pro Jahr verdient. Er hätte das Wissen, das die Banken brauchen; er hatte Angebote, die sein Salär bei Weitem übersteigen, und er hat diese Angebote alle abgelehnt. So einer ist für mich Vorbild. Auch wenn er mit seinem Salär nicht das ganz grosse Hilfeprogramm starten kann.

    Um zurück auf den Anfang deiner Antwort zu kommen: Es bleibt – in meinen Augen – gar nichts anderes übrig, als das System zu verändern. Ich kann mir sogar vorstellen, dass unser Ziel dasselbe (oder mindestens ein ähnliches) ist. Wir suchen es nur auf verschiedenen Wegen. Wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen persönlichen Wahrnehmungen (die du in einem Kommentar in meinem Blog ansprichst). Ja, man kann sich dabei in eine Ecke gedrängt fühlen. Ich denke sogar, das ist bei einer derart zentralen Frage unausweichlich. Wir diskutieren nicht über irgendwelche Kleinigkeiten, sondern über grundlegende Lebensphilosophien. Dass da Herzblut fliesst und nicht einfach nur Diskussionsrethorik sprich meiner Ansicht nach mehr für als gegen die Sache – macht sie aber eher schwierig und schmerzhaft. Das, bin ich überzeugt, wird zum Wandel gehören. Falls er denn doch noch kommen sollte.

  5. Infomagazin · 22. Juni 2010, 15:49 · #

    Ich gehe mit Frau Zappadong in groben Zügen konform. Die angeführten Herren sind zwar alle Bosse einer Privatfirma. Ich bezweifle aber stark, dass sie diese alleine stemmen würden. Egal ob Bank, Pharma usw. Deshalb ist mir das Bonisystem nicht ganz klar. Nicht das Individium zählt sondern das Kollektiv. Ein Bonisystem, welches man noch steuermindernd berücksichtigen kann. Wenn schon Bonis dann auch Malus inkl. Privatvermögen. Genau so wie die sozialen Stiftungen.

    Als UBS Kunde führe ich meinen Zahlungen via Internet persönlich durch und werde dafür mit 30 Rp je Überweisung bestraft. Hätte ich ein Guthaben über FR 10.000.- bliebe ich davon verschont. Als IV-Rentner ein Unding. Wenn diese Bonimanager die Zitrone ausgepresst haben ( sprich Mitarbeiter) werden sie dem Staat zurückgegeben. Der bezahlt dann ALV, IV usw. Sie selbst belohnen sich mit extremen Bonis und fallen nach oben. Wäre also so, wenn bei der WM nur der Trainer kassiert und die Spieler leer ausgehen. Das System gehört von der Politik abgekoppelt. Damit wird es weniger korruptionsanfällig. Es geht nicht an , dass nur ein Teil der Gesellschaft erntet, was ein Kollektiv gesät hat. Eine Pyramide würde ohne Fundament nicht lange stehen.

    Drei Tage an der Basis streiken und die feinen Herren würden bald mal merken wer das Clopapier auffüllt.

  6. Zappadong · 22. Juni 2010, 17:03 · #

    Ich putze das Haus und sortiere dabei meine Gedanken. Einer ist mir dabei noch eingefallen:

    Es waren nicht die Arbeiter, welche immer kompliziertere Finanzvehikel entworfen haben. Es waren nicht die Arbeiter, welche immer gewagtere Spiele mit Geld spielten. Es waren auch nicht die normalen Bankangestellten. Um zum Kastendenken zu kommen: Es waren ein paar Finanzheie aus der Branche, welche das Spiel spielten, solange es ging und den grossen Reibach machten, solange es ging. Ob sie dabei einmal mit der Wimper gezuckt haben, weiss ich nicht. Ich weiss nur: Sie haben unter dem Strich gewonnen. Das eingefahrene Geld haben sie behalten. Den Schlamassel ausgebadet haben die Staaten und ihre Bewohner. Diese Kaste, die uns das eingebrockt hat, auf die bin ich mächtig sauer.

    Ich glaube sogar, dass ganz viele Bankangestellte all das gar nicht wollen. Nur werden sie schlicht und einfach nicht gefragt, sondern gehören zu jenen, die die Sache ausbaden müssen (nein, ich möchte kein UBS Angestellter sein; es muss die reine Hölle sein!)

    Wir können auch BP nehmen: Es waren nicht die Arbeiter, die die risikoreichen Entscheide getroffen haben. Soviel ich gelesen habe, haben sie vor solchen Entscheiden sogar gewarnt. Es war so ein 6 Millionen pro Jahr Typ, der diese Entscheide verantwortet hat. Und jetzt ganz plötzlich mal wieder von gar nichts weiss. Ausser, dass am Donnerstag Donnerstag ist. Für dieses Wissen wäre ein kleineres Salär durchaus angemessener.

    @Infomagazin: Ja, es braucht eine ganze Firma, um Dinge zu stemmen. Kein noch so genialer Kopf kann das von alleine. Vor ein paar Jahren tat man wenigstens noch so, als seien die Angestellten wichtig, und machte sie zum “Humankapital” (was für ein monströses Wort). Heute redet kein Mensch mehr von Humankapitel. Heute sind wir einen Schritt weiter. Bei den ausgepressten Zitronen (um Ihre Worte zu verwenden). Und man gibt sich nicht einmal mehr die Mühe so zu tun, als wäre es nicht so.

    In so einer Atmosphäre gedeiht nichts Gutes. Es ist – um einen etwas ausgelutschten Begriff zu verwenden – wie in einem Haifischbecken. Fressen oder gefressen werden. Im System bestehen oder rauszufliegen. Irgendwie kein Wunder, flüchtet sich da die breite Masse in die Konsum und träumt vom schnellen, grossen Geld.

  7. Zappadong · 22. Juni 2010, 18:08 · #

    So langsam kehrt die Ordnung zurück in meine Gedanken.

    Wenn die Vielverdiener schon darauf beharren, dass sie für dieses viele Verdienen auch gaaaaanz viel tun und vor allem gaaaaanz viel Verantwortung tragen, sollten sie dann, wenn sie versagt haben, auch dazu stehen.

    Bei jenen, denen die Firma gehört, geschieht das automatisch. Sie tragen die Konsequenzen in ihrer härtesten Form, bis hin zum Konkurs ihrer Firma. Weshalb ich denke, dass diese Sorte die Entscheide sehr viel bedächtiger und mit weniger Hang zum Risiko fällt. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele diese Firmenbesitzer noch wissen, was das Wort Verantwortung bedeutet.

    Bei anderen, die “nur” angestellt sind und deshalb in letzter Konsequenz einfach ihren Job machen (bis eine andere Firma ihnen mehr Geld anbietet), fehlt dieses Bewusstsein. Man sahnt ab, geht eine Geldquelle weiter, sahnt noch mehr ab und holt für sich das Optimum heraus. Kürzlich hat eine Autorin, die sich eingehend mit dem Thema befasst und darüber ein Buch geschrieben hat, diese Sorte Managertyp als Söldner bezeichnet. Söldner glauben in letzter Konsequenz nur an sich selbst. Diese Söldner fühlen sich durch hohe Honorare und hohe Bonis bestätigt. Verantwortung? Nun, das dann lieber nicht. Dieser Sorte Manager gehören die Grenzen gezeigt. Da sie ihren Wert über Geld definieren (das schlussendlich Macht ist), gibt es nur einen Weg, ihnen diese Grenzen zu zeigen resp. ihre Macht zu beschneiden: Weniger Gehalt. Regulierungen. Eine Politik, die sich einmischt. Einen Systemwechsel.

    Er könnte Signalwirkung gegen unten haben. Ich bleibe dabei: Alles andere ist Pflästerlipolitik.

  8. Uwe · 22. Juni 2010, 19:41 · #

    Ich halte, wie Frau Zappadong, das Entlohnungssystem für unangemessen. Gründe und Beispiele wurden schon genannt. Unter der Annahme, daß Geld etwas mit Leistung zu tun hätte, ist die zu beobachtende Verteilung des Geldes ein Witz.

    Die Hoffnung, daß eine leistungsgerechte Verteilung von Geld durch irgendwelche Maßnahmen, Gesetze oder Systeme jemals von Menschen hergestellt werden könnte, teile ich nicht. Das liegt daran, daß Geld nicht nur das Tausch- oder Zahlungsmittel ist, als das es deklariert ist, sondern es ist Machtinstrument derer, die Geldströme erschaffen, manipulieren und lenken können. Die einen müssen sich, wenn sie an Geld kommen wollen, prostituieren und anderen fließt es relativ mühelos zu. Mit Leistung hat das wenig zu tun.

    Nun braucht der Mensch aber eigentlich nicht das Geld, sondern er braucht für sein Wohlbefinden Dinge wie Luft, Wasser, Nahrung, Bewegung, Ruhe, sinnvolle Aufgaben und Frieden, also befriedigende Sozialbeziehungen. Leute, die das erkannt und umgesetzt haben, können sich ein übermäßiges Gezappel nach Geld ersparen und möchten weder mit einem “Reichen” noch mit einem “Berühmten” oder “Mächtigen” tauschen, denn die psychischen Nöte jener sind offenkundig, wenn man nur hinschaut.

    Die Ansicht, mehr Geld führe zu mehr Wohlbefinden ist irrig aber sie hält sich Dank massiver Propaganda ebenso hartnäckig, wie der Glaube, auftretende Probleme seien am besten durch eine Umverteilung von Geld zu lösen. Es handelt sich dabei um die kollektive Einengung des Bewußtseins einer Kultur, die in biblischer Bildhaftigkeit selbstvergessen um das goldene Kalb tanzt. Leider kann man niemanden wecken, solange nicht dessen persönlicher Wecker geklingelt hat.

  9. Zappadong · 23. Juni 2010, 09:15 · #

    @Uwe.

    “Leider kann man niemanden wecken, solange nicht dessen persönlicher Wecker geklingelt hat.”

    Was, wenn diese Leute, deren Wecker nicht klingelt, die Macht und die Möglichkeit haben, die Welt in den Abgrund zu reissen?

  10. Uwe · 23. Juni 2010, 13:14 · #

    @Zappadong
    Ich glaube nicht, daß Menschen die Macht haben, die Welt in den Abgrund zu reissen. Die Welt ist ganz schön groß und hat einen sehr langen Atem. Selbst sehr lange Halbwertszeiten radioaktiver Strahlung kann sie locker abwarten. :)

    Aber Du dachtest vermutlich eher an die Möglichkeit, daß Deine oder meine persönliche “Welt”, bzw. unsere jeweilige Vorstellung davon, sich als endlich herausstellen könnte, und das ist sie natürlich.

  11. Thinkabout · 23. Juni 2010, 14:28 · #

    @Zappadong
    Interessant finde ich, wie Du selbst den Bogen sehr viel weiter spannst als bis zu den Bankern. Du sprichst Deinerseits von Sportlern, Musikern, deren Gehalt wir in keiner Weise hinterfragen. Wahrscheinlich fällt es uns bei ihnen leichter, uns vorzustellen, in gleicher Situation ganz selbstverständlich das gleiche zu “verdienen”. Deren Arbeit erscheint uns transparenter, wir glauben, uns vorstellen zu können, was dahinter steckt – und jaaah, wenn so viele Menschen sich mobilisieren lassen, dann ist diese Arbeit eben so viel wert. Und bei Kunst – wer wollte denn Kunst wirklich bewerten?
    Aber auch für diesen gibt es einen Markt, bei dem Angebot und Nachfrage sehr schnell zu willkührlichen oder eben marktwirtschaftlichen Entwicklungen führen, die noch sehr viel mit Einschätzungen, aber nicht unbedingt mehr mit der Qualität zu tun haben…
    Und was bitte ist zuerst? Das System oder wir, welche glauben, diesem System als Eltern unserer Kinder alles zu schulden? Das System ist so stark, weil wir zu schwach sind, es zu ändern. Die Boni-Diskussion führt uns nur vor, woran wir selbst auch krank geworden sind – in den verschiedensten Bereichen.
    Wer spricht denn von Bill Gates, fragst Du, und nimmt seine Charity-Tätigkeiten war? Sehr viele Menschen, liebe Zappadong, sehr viele. Aber vielleicht nicht die Arbeiter oder die kleinen Angestellten. Die spüren wohl eher die harten Bandagen, mit denen Microsoft seine mangelhaft bedienerfreundlichen Programme kartellrechtlich versucht gegen Konkurrenz zu verteidigen. Im Mittelstand und unter den vermögenden Menschen geniesst Bill Gates aber gerade wegen seinem Lebensentwurf für die zweite Lebenshälfte ein sehr grosses Ansehen. Zu sagen, dies wäre ein Pflästerli, das verpufft, und am falschen Ort ansetzt, ist anmassend, überheblich und erschreckt mich zutiefst. Dass man von Bill Gates hier nicht spricht, ist in keiner Weise sein Problem. Es ist UNSER Problem. Wohlhabenden Menschen vorsagen zu wollen, welches ihrer guten Werke wirklich gut gemeint wäre ist im übrigen die Überheblichkeit jener, welche die Kollekte anderer in der Kirche sanktionieren wollen.
    Die grosse Glocke habe ich übrigens in keiner Weise für solche Taten proklamiert. Die erwähnte Optimus Foundation ist explizit für Geldgeber gedacht, welche Ihr Engagement NICHT erwähnt sehen wollen. Und zwar nicht, um hier dem nächsten dummen Vorurteil zu begegnen, weil Schwarzgeld verpulvert werden soll, sondern weil z.B. ein Spender in Südamerika Bittsteller hundertfach anziehen würde, wenn er sich als Geldgeber bei einem lokalen Projekt outen würde. Manchmal kommt es mir so vor, dass wir gar nicht mehr so weit von solchen Zuständen entfernt sind. Es ist nämlich auch ein Unding, sein persönliches Engagement ungefragt von Fremden beurteilen lassen zu müssen.
    Du vermisst die guten Vorbilder, und gibst dann zu, dass diese von der Masse als langweilig betrachtet werden. Wer schaut kein Radrennen mehr, weil die Sporter sich dopen? Sollen sie doch. Und noch die doofsten Begründungen, wieso Doping im Fussball nichts bringt, werden leichtfertig geglaubt. Die einen wollen sich den Profit nicht nehmen lassen, die anderen wollen nicht auf den Spass verzichten. Merke: Das Problem ist unser aller Problem und wir tragen alle unsere Mitverantwortung, dass die Dinge stehen, wie sie stehen. Genau deshalb verdienen es Boni-Pro-Bono-Programme und andere Pflästerli, wie Du sie nennst, dass wir dafür sorgen, dass sie gewürdigt werden – und andere auf der Sonnenseite ermutigt werden, selbst etwas zurück zu geben.
    Und die paar Finanzhaie konnten den grossen Raibach ab jenem Zeitpunkt anrichten, zu dem Pensionskassengelder und andere Unsummen aus politisch sanktionierten privatwirtschaftlich geäuffneten Verwaltungsfonds vermehrt in Aktien investierten, von der nationalen Politik sanktioniert und vom kleinen Mann angenommen – als Teilhabe am Aktientopf, zum Beispiel.
    Es ist alles nicht so einfach, weil wir alle viel komplizierter mit allem verstrickt sind, was wir geisseln.

  12. Zappadong · 23. Juni 2010, 19:06 · #

    Natürlich ist es nicht einfach. Wenn es einfach wäre, hätten wir es ja geändert. Vielleicht.

    Zuerst zu Bill Gates: Das ist immerhin seine Firma. Wenn er nicht mehr weiss, wie blöd er tun soll, kracht sie ihm zusammen. Wir können auch den Blocher nehmen, mit dem ich das Heu weiss Gott nicht auf der gleichen Bühne habe. Auch der hat nicht über die Stränge geschlagen, sondern seine Risiken sehr gut abgewogen. Für mich ist das ein riesiger Unterschied zu all jenen, die irgendwo einen Management-Posten haben in einer Firma, die ihnen nicht gehört. Ich glaube, dort ist die Gefahr viel grösser, Risiken einzugehen, die uns alle gefährden (nicht nur die Firma, in der man gerade arbeitet, bis ein anderer mehr bezahlt).

    Um es in den Worten von Uwe zu sagen: Ich bin sicher, dass sowohl Gates als auch Blocher und andere dieser Gattung den Wecker sehr wohl klingeln hören, zum Teil lange, bevor er laut und schrill klingelt.

    Auf andere Sparten zu übertragen: Federer im Tennis gehört auch zu denen; du hast sicher noch weitere Beispiele (Sport ist nicht so mein Ding). Ein (fälschlicherweise belächelter ) DJ Bobo gehört auch zu der Sorte.

    Leider verschwindet diese Art Grossverdiener im Moment hinter einer sehr geldgierigen Meute, der Sölndertruppe, die bei erstbester Gelegenheit brüllt “ich geh zur Konkurrenz, wenn du nicht mehr bezahlst.” Die werden den Wecker nie klingeln hören, in tausend Jahren nicht, auch wenn er in voller Lautstärke direkt neben ihnen abgeht und wir schon längst am Abgrund stehen. Dann werden die lächelnd ihren neuen Ferrari bestellen, weil die nicht mal merken, was sie anrichten.

    Und wirklich schade und äusserst bedenklich: Diese Söldnertruppen haben uns im Moment an der Hand. Ich habe keine Ahnung, wie ernst es dem Grübel ist und wie gut man mit dem reden kann – Fakt ist: Der beschäftigt in seiner Bank jede Menge Söldner. Sogar wenn Grübels Absichten gut wären, hätte er Probleme, in seinem Haus aufzuräumen. Gäbe es grenzüberschreitende, international gültige Richtlinien, würden diese Söldner irgendwann auf dem Trockenen hocken.

    Deshalb wünsche ich mir Richtlinien. Es ist mir klar, dass die Finanzwelt ein extrem komplexer Ort ist, aber es gibt namhafte Experten, die sagen, ohne eine Regulierung kann es nicht weitergehen. Es ist aber auch klar, dass so etwas international geschehen muss. (Sonst sind dem Grübel seine Söldner weg, bevor er auch nur einmal mit der Wimper gezuckt hat, was mir persönlich völlig egal wäre).

    Was, wenn international nichts geht? Dann finde ich, dass wir wenigstens bei uns Sorge tragen müssen. Aufpassen, dass wir als Staat beim nächsten Crash nicht mitgezogen werden. Dazu gehört, dass den Grossbanken bei uns Vorschriften gemacht werden.

    Das wäre für mich das Minmalziel. Ich habe aber noch ein Maximalziel oder anders gesagt ein Wunschziel: Dass wir weg kommen von diesen horrenden Lohnsummen. Generell.

    So als spontanen Gegenvorschlag zu der Bonus-pro-Boni Idee: Eine Firma könnte sagen: “Wir haben eine Obergrenze. Was wir durch diese Obergrenze sparen, investieren wir.” (zurück in die Firma, in Integrationsprogramme für Behinderte, die wieder in die Arbeitswelt kommen, in sinnvolle Projekte in der Schweiz und weltweit oder schlicht und einfach als Reserve für schlechte Zeiten).

    Damit umgeht man horrende Löhne und Boni (ich erwarte nicht die Abschaffung der Boni, aber sie dürfen ruhig schrumpfen).

  13. Thinkabout · 23. Juni 2010, 19:26 · #

    @zappadong
    Blocher als Unternehmer ist sicher ein Top-Shot. Blocher als Börsenplayer und weisser Ritter? – na ja. Ich erinnere Dich daran, dass sein Spezi Ebner durch die Lande tingelte, um Kleinsparer dazu zu motivieren, Aktien der “Visionen” zu kaufen, Ein Konstrukt der BZ-Bank, mitverantwortet und mitverdient von Blochers Gnaden und im Ergebnis alles andere als mit glücklichem Ausgang.
    http://www.swissinfo.ch/ger/index.html?cid=2846982
    und dann vor allem hier:
    http://www.20min.ch/finance/news/story/Der-Millionen-Bonus-des-Herrn-Blocher-27240454
    Wie gesagt: Auch gute Unternehmer sind nicht gefeit, sich im Rausch grosser Geldbewegungen als Finanzjongleure an der Kurbel von Rädern zu sehen, die am Ende über alle hereinbrechen, die in diesen Rädern strampeln. Die Kurbeldreher bleiben aussen vor.
    Diese Episode zeigt auf, dass wir keine grundsätzlcih verschiedene Bestandesaufnahme machen. Nur die Lösungsansätze sind leider nicht so leicht zu finden.
    Und zum guten Billy Gates: Ja, es war seine Firma. Aber mittlerweile könnte er sich anstellen, wie er wollte. Microsoft hat längst Eigendynamik, und lässt sich nicht mal von Gates mehr zu Tode entscheiden. Er hat sich auch längst entsprechend zurück gezogen. Sein Beispile ist sehr viel glaubwürdiger und die ganze Persönlichkeit umfassend, als dies beim Politiker Blocher der Fall ist…

  14. Zappadong · 24. Juni 2010, 09:31 · #

    @thinkabout: Oh, ich war zu wenig präzise. Ich meinte den Untermehmer Blocher. Über den anderen “Blocher” habe ich eine ganz andere Meinung. Ebner ist für mich jener, der unter anderem die heutige Mentalität der “Cracks” bei uns eingeleitet hat. Ich bringe dieses unterträgliche von-oben-herab-Grinsen wahrscheinlich nie mehr aus meiner Erinnerungsfestplatte. Da für mich Blocher in vielem ein wandelnder Widerspruch ist, frage ich mich, ob und wie sehr er selber sein damaliges Gerede gelebt und umgesetzt hat.


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