Von Formen von Einsamkeit vor Tastaturen
Ich glaube, dass Künstlern eine ganz besondere (innere) Einsamkeit droht. Und dass in keinem anderen Beruf das Spannungsfeld zwischen Erwartung und Leistung so wichtig – oder so hinderlich sein kann.
Stellen Sie sich zum Beispiel einen Schreibenden vor. Wenn er so für sich schreibt, Geschichten entwirft, Essays vielleicht, oder wenn ich als Blogger mein Internet-Gefäss fülle – dann sind wir einfach Schreiberlinge, in der Wertung irgendwo zwischen Tagebuchschreiber und Freizeit-Möchtegern-Journalist. Vielleicht schreiben wir auch an einem Buch, ist die tägliche Auseinandersetzung mit Gestaltung durch Sprache, mit Ausdruck und Formulierung länst mehr als “nice to practice”. Es ist also ein Teil der eigenen Person, gehört zum Selbstverständnis, zur eigenen Vollständigkeit, so wie ich mich selbst verstehen und sehen mag. Aber noch ist nichts daran so bedeutend, dass es Öffentlichkeit bekäme. Ich tue es einfach, weil es mir Freude ist, Bedürfnis gar. Ich bin aber frei und folge allein meinem eigenen Befinden, meiner Lust oder vielleicht auch meinem Anspruch. Ob als Mensch oder als Künstler ist noch immer nicht so wichtig.
Irgendwann in diesem Stadium mag man davon träumen, wie schön es wäre, man könnte einmal ein Buch veröffentlichen. Nicht so, wie das heute im Selbstverlag im Internet gut möglich ist, sondern bei einem renommierten Verlag. Und natürlich mag man davon träumen, wie es wäre, dieses Buch wäre auch noch ein Erfolg.
Bis dahin ist alles ein schöner Traum, den wir alle in irgend einer Form kennen. Vielleicht sehen Sie sich manchmal auf einer Bühne, als Sänger oder Schauspieler, oder als Musiker in einem vollen Saal. Ich kehre also zurück zum Schreibenden, der nun ein Buch geschrieben hat und damit Schriftsteller ist. Plötzlich ist da ein Namen und ein Buch, ein Verlag, und, vor allem, ein Publikum.
So, und nun stellen wir uns vor, dieser Künstler sollte ein zweites Buch schreiben. Er hat nun Leser, von denen ihm auch sein Verlag erzählt, die er vielleicht bei Lesungen sogar getroffen hat, und die warten auf seine nächsten Geschichten. Der Verlag will das Eisen schmieden, so lange es heiss ist.
Und wenn ich mir diesen Schriftsteller vorstelle, wie er in seiner Kammer sitzt, vor dem leeren Papier. Das kann eine Qual sein. Und wenn es eine ist, wenn da Leere statt Fülle herrscht, dann stelle ich mir diese Qual ganz besonders grausam vor.
Wer vermag denn schon jederzeit und in jeder Situation frei zu sein von Erwartungen? Kommen sie nicht von aussen, so hat man sie selbst. Keiner wird da denken: Ich habe ein Buch geschrieben. Ich hatte etwas zu sagen. Ich habe vorher geschrieben, unbemerkt, ich kann es auch weiter tun. Nein. Jetzt wird er darauf angesprochen, er gewöhnt sich vielleicht sogar daran. Und gleichzeitig spürt er, wie wenig das eigentlich mit ihm wirklich zu tun hat, was die Leute vorgeben, zu wissen.
Scheiben kann ein sehr einsamer Prozess sein. Gerade, wenn man nicht mehr im Verborgenen schreibt. Und keine andere Kunst eignet sich so wenig zur exzessiven Ausübung. Texte sind eine Art Kammerarbeit. Sie rufen nach einer Umgebung, in der die Leere einen erst recht anspringen kann… Vielleicht sollte man vor jedem Buch, das nicht vom handwerklichen Fliessband kommt, genau aus diesem Grund mehr Respekt haben. Kein Buch muss dem Leser gefallen. Aber er hält immer eine ganze Menge Zeit in Händen – und den Versuch, einem Inhalt eine Art Format zu geben, wie es das Buch nun einmal anbietet, vielleicht gar fordert. Darum ist Lesen auch eine Art Essay. Immer. Ein Selbstversuch der Begegnung des Lesers mit sich selbst.
Wenn Sie ein belletristisches Buch öffnen, dann klappen sie eine eigene Geschichte auf, eine alte, die Sie sich selbst neu erzählen, oder eine neue, die Sie gerade entdecken. Geniessen Sie die Art von Einsamkeit, die daran segensreich ist: Die selbstgewählte Einsamkeit des Lesers, die im Rückzug eines Menschen liegt, der sich seinen eigenen Bildern, Tönen, Gerüchen und dem inneren Ohr in einer ruhigen Stille zuwenden will. Das wäre dann so eine Art Lohn für Beide. Für den Schreibenden und den Lesenden, mögen Sie auch nichts von einander wissen.
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dirk · 28. August 2010, 14:16 · #
Bei Gedichten z.B. ist es anders. Stelle ich sie in eines der großen Lyrikforen, habe ich Tausende Leser, kann mich über Jahre mit Kommentaren befassen. Gedruckt erreichen sie ein paar Hundert und evtl. bespricht wer in der Zeitung das Buch – kaum je kommt es zur Auseinandersetzung mit dem einzelnen Gedicht. Per Buch mache ich Lyrik nicht öffentlich, sondern geheim. Dennoch freut sich mancher über die Anerkennung des ‘renommierten Verlages’, verdrängt, dass er die Poesie verlässt, sich in die Dichterdarstellung begibt – man wird nach den Gedichten kaum gefragt, ehr noch nach Homestories, hat die Gedichte dafür benutzt und lässt sie dann ins Off (vergriffen + 70 Jahre über den Tod als Eigentum tabu) abtreten. Und anders, als beim erfolgreichen Roman, ist der Verlag nicht von Gewinnstreben getrieben, ein zweites Buch zu machen (er hat schon an dem ersten kaum verdient). Man sitzt nicht da, muss leere Seiten füllen, auch wenn man nichts zu sagen hat. Ich kenne Autoren, die erinnern sich kaum an ihren Text, wenn er erscheint, sind schon zwei Werke weiter. Ich kann mir die Einsamkeit des Autors, wenn ich einsam lese, durchaus vorstellen. Allerdings kenne ich auch das Gefühl, den Zwang zum Buch herauszulesen. Und oft will ich als Leser gerade nicht alleine sein, lieber mich aussprechen, mit anderen Lesern diskutieren usw. Ich klinke mich gerne in E-Mail-Lesezirkel ein. Da zeigt sich deutlicher, dass die Kunst erst in der Lektüre fertig wird. (Auf eine Art, beim zweiten, dritten Mal vielleicht auf andere.)
Die Leere, die anspringt, muss nicht sein. Es gibt Autoren, die sie brauchen, die Ruhe, Abgeschiedenheit, und manchmal Langeweile. Und andere, die mitten im Trubel ihren Text notieren. In den USA und in Mitteleuropa sind wohl die ersten in der Überzahl, in weniger satten Ländern, wo man kein Zimmer für sich hat, die zweiten. Beide aber treten aus der Welt mit ihrem Schreiben heraus, wie die Leser lesend, in eine eigene ein, und die Leser vielleicht in des Autors (wenn auch manche, wie etwa Celan, bezweifeln, dass das möglich sei). Es ist in jedem Fall, so verstehe ich deinen Artikel, und stimme zu, eine persönliche Erfahrung. In ihrem eskapistischen Wesen nur möglich durch die grenzziehende Form. Man muss aber ins Leben zurück – und hat dann das Gelesene (genauer: das Gelesenhaben) dabei: es wird sich das, was taugt, nicht dauerhaft in einer Innensphäre halten. Einige schufen Figuren, die uns wirklicher scheinen als die Autoren selbst. Wir kennen Odysseus, was wollen wir denn von Homer? Und Don Quixote, Robinson … Nur nicht Godot ;-) Die kamen aus den Büchern schließlich heraus.
Übrigens ist man auch innen nicht allein. Alles voll von Gelesenem, Gesehenem, Gehörtem, Gelerntem. Zu früheren Zeiten war man wohl weniger vollgestopft. Manche gehen damit frei und virtuos um, andere schauen verzweifelt nach dem Eigenen, das müsse, dem Urheberrecht, dem Geniebegriff nach, ja sein. ‘Verzweifelt’, weil es nicht geht – nichts ist meins, nur der Blick darauf, das Tun damit – nicht einmal das Biografische, das nur als Teilhabe, Teilnahme auftritt (Schule X besucht, Y geliebt usw.), vielleicht der Zahnschmerz, nie das Wort dafür. Bei aller Einsamkeit: Literatur verbindet.
Helene · 31. August 2010, 14:23 · #
Ich kenn diese einsamen Phasen auch. Hab dann mal von “Talisund Gruppen” gelesen: Treffs mit intensiverer Kommunikation durch ein paar Gesprächstregeln – und war dann auch dort. War eine recht interessante Erfahrung – jetzt bin ich aber wieder in einer guten Community.
Helene