Von der Angst vor dem kreativen Gau
Der Mitarbeiter in der Redaktion versucht, die Fülle der neuen Informationen in News zu wandeln und entsprechend aufzubereiten. Manchmal hat er das Gefühl, der Takt würde immer rasender und die Flut des Materials würde immer riesiger, und er fragt sich, wie er heute an den Punkt kommen soll, der gestern das Ziel war, für einen kurzen Moment, bevor wieder alle Zähler auf Null standen und alles von vorn begann. Und das wird jeden Tag so sein und das Rad wird sich noch schneller drehen…
Der Journalist, dem das Thema zugeteilt oder bewilligt wird, sichtet sein Material, versucht eine erste Gliederung – und er fragt sich plötzlich: Was ist, wenn ich die unzähligen Fäden nicht zu einem Strang binden kann, wenn ich die Geschichte nicht zu Ende bringe? Dieser Zweifel ist oft da, aber es scheint ihm, er würde sich hartnäckiger melden in letzter Zeit und greifbarer werden, wie ein Gespenst, das zum Ungeheuer wird…
Der Blogger sitzt vor dem Computer. Dieser verlangt noch einen Text für heute. Denn unter dem heutigen Datum steht noch kein Eintrag. Und er, der frei ist von redaktionellen Zwängen und sich diese selbst auferlegt – ihm kommt “nichts in den Sinn”, obwohl sein Kopf voll ist von Gedanken. Nichts Greifbares, viel Belangloses, nichts Konkretes, und was er einfängt, zerfällt zu Staub. Manchmal fragt er sich: Was ist, wenn mir nichts mehr einfällt? Und was, wenn ich nicht mehr gelesen werde? Was, wenn ich selbst mich überführen muss, dass ich nicht mehr schreiben kann?
Wie viele Texte, die wir lesen, mögen aus oder trotz solchen Ängsten geschrieben worden sein? Es liegt viel Schweiss, Mühsal und Zweifel zwischen den Zeilen, die wir tagtäglich lesen. Und vielleicht hat der Autor mit nichts so zu kämpfen gehabt wie mit der Kunst, uns genau dies nicht wirklich spüren zu lassen.
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Claudia · 12. Januar 2010, 12:03 · #
Wie schön: das ist mal ein Problem, von dem ich wirklich Ahnung habe! :-) Ich meine, über die bloße eigene Erfahrung hinaus, denn ich veranstalte seit Jahren immer mal wieder Schreibkurse, in denen auch die gute alte “Schreibblockade” regelmäßig eine Rolle spielt. Und: es gibt sie nicht erst seit den Zeiten des Internets!
Was das pseudo-objektive journalistische Schreiben angeht, so bieten sich hier professionelle Herangehensweisen an, die den Journalisten nach einiger Übung im Blut liegen: Sichtung der Sachverhalte, evtl. Verifizierung, Listung nach Relevanz, Bewertung und Fazit. Da kann man letztlich immer etwas hinschreiben, auch wenn man das Thema nicht in ganzer Tiefe durchdrungen hat – man liest ja allüberall, wie das doch geht!
Nun aber zum uns viel näher liegenden “freien Schreiben”: Was ist, wenn nichts mehr einfällt?
1.
Dann sollte man es nicht zwíngen wollen, sondern erstmal etwas anderes machen, vornehmlich etwas, das nicht nur den Kopf beschäftigt: Aufräumen, Kochen, Spazieren gehen… dabei kommen dann auf einmal Ideen, die man vorher krampfhaft suchte und nicht fand.
2.
Sodann: Kreativ-Techniken wie etwa das Clustern nach Gabriele Rico. Man schreibt sein gewünschtes Thema als Stichwort auf ein weißes Blatt und malt eine Wolke drum herum. Während des Malens kommen Assoziationen, die man als weitere Stichworte dazu schreibt, mit Wolken ummalt und mittels Strichen mit den bisherigen Wolken verbindet- so ca. 10 Minuten lang, Es entsteht ein Netz aus Assoziationen über ein Thema, aus dem sich nach einiger Zeit sehr viel leichter ein Artikel verfassen lässt! (Das “malen” ist wichtig, denn das Gehirn schaltet dann weg vom “Grübel-Modus”!)
3.
Vermeintliche Schreibzwänge sollte man reflektieren und relativieren: warum sollte ein Blogger täglich schreiben? Meine besten Blog-Erlebnisse kamen als Diskussionen unter Artikeln zustande, auf die zwei Wochen kein neuer folgte!
4.
Die größte Befreiung/Erleichterung ist das Schreiben aus subjektiver Sicht: die Welt steht voller Infos, da kann sich doch jeder was zusammen googeln und kommt oft genug zum Schluss: es gibt für jede Tatsache eine Gegentatsache… Umso wichtiger und interessanter wird es, zu lesen, wie andere mit diesem “liquiden Wissen” umgehen (das es auch immer schon gab, nur nicht so schnell erschließbar).
Wenn wir an einem Abgrund stehen, fassen wir uns gern ganz spontan bei den Händen. Dasselbe geschieht, indem man sich gegenseitig mitteilt, was man angesichts eines Themas fühlt und erlebt. (Kundige Autoren nutzen das bewusst, etwa wenn Schirrmacher sein Buch beginnt mit den Worten “Mein Kopf kommt nicht mehr mit, Ich fühle mich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen”).
Im Grunde geht uns der Stoff niemals aus solange wir leben. Wir brauchen das Erleben nur in Worte zu fassen – und dienen damit ja nicht nur einem gedachten Leser-Publikum, sondern vornehmlich der eigenen Klarheit.
Und: Es fällt eigentlich IMMER etwas ein – man muss nur den Mut haben, es auch hin zu schreiben!
SeelenLeerer · 13. Januar 2010, 00:13 · #
Und,
hattest Du dieses Gefühl dabei?
;-)
Thinkabout @ Claudia · 13. Januar 2010, 08:07 · #
Die größte Befreiung/Erleichterung ist das Schreiben aus subjektiver Sicht: die Welt steht voller Infos, da kann sich doch jeder was zusammen googeln und kommt oft genug zum Schluss: es gibt für jede Tatsache eine Gegentatsache… Umso wichtiger und interessanter wird es, zu lesen, wie andere mit diesem “liquiden Wissen” umgehen
Für Recherchen über Google hinaus fehlen oft die Mittel – umgekehrt hat so mancher Diskussionsteilnehmer der “Arena” im Schweizer Fernsehen ganz offensichtlich nicht mal so weit sich recherchierend in ein Thema vertieft (und in Gegenpositionen). Wie Du richtig schreibst: Es interessiert die Meinung – für die eigene Meinungsbildung oder -Verfeinerung. Genau dies können Blogs über gesellschaftliche Themen erleichtern. Sie sind eigentlich eine ständige Einladung zum Lesen (und für den Blogger zur Veröffentlichung der Form von Artikeln, die jeder Journalist im Grunde besonders liebt und auch als Herausforderung empfindet: Die Kolumne.
Thinkabout @ Seelenleerer · 13. Januar 2010, 08:13 · #
Nun, ja. Nicht mehr als sonst. Aber ja. Denn irgendwie ist das Gefühl immer dabei. Es schadet auch nichts, es immer wieder als Wunder zu empfinden, dass die eigenen Schreibe überhaupt jemanden interessiert – und es so richtig nicht glauben zu können. Es sollte nur nicht zu viel zu viel selbstreferenziellem öffentlichem Verhalten führen, sprich: Es ist auch eine Herausforderung, mit dieser Angst oder Unsicherheit nicht zu kokettieren.
Jean-Paul Robin · 13. Januar 2010, 15:16 · #
@thinkabout
Du sprichst mir aus der Seele. Als “Neublogger” bin ich dankbar über so viel Offenheit.
@Claudia
“Es fällt eigentlich IMMER etwas ein – man muss nur den Mut haben, es auch hin zu schreiben!”
Danke für Deine wertvollen Hinweise. Bei mir hat diese Blockade mittlerweile einen Namen und findet sich in meinem Blog. Ich weiss nur nicht, ob es gelungen ist; aber das wird sich mit der Zeit zeigen.