Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Vom Wert der Verbindlichkeit und Autoritäten

∞  9 Juli 2010, 20:28

Die Diskussion zum Beitrag vom 1. Juli, Ein Vorschlag für ein Drei-Punkte-Leitsystem hat viele zusätzliche Anregungen geliefert. Dabei haben sich die Kommentierenden daran gerieben, dass der Uhrenmanager Jean-Claude Biver für seine einfachen klaren Grundsätze in der Erziehung die Befehlsform verwendete, indem er die Forderung nach Teilen, Respektieren und Verzeihen jeweils mit “du musst” einleitete.

Ich will hier nicht @Uwes Formulierung in den Boden stampfen, erwähne sie aber deshalb, weil sie den Grundtenor des Unbehagens so schön wiedergibt:

Eine Forderung, im Gegensatz zu einer Bitte, halte ich aber für gewalttätig und für das Gegenteil von Liebe. Eine Forderung ist ja mit einer Sanktion verbunden, für den Fall, daß sie nicht erfüllt wird. Wer fordert und denkt: “Das ist es, was ich mir von Dir wünsche oder was ich Dir empfehle aber wenn Du es nicht tust, dann ist es auch o.k. und wird seine Gründe haben”, der fordert nicht, der bittet eigentlich. Wer das, was er fordert mit einem Druck belegt, der ist irgendwie gewalttätig und bewirkt leicht das Gegenteil dessen, was er eigentlich möchte.


Ich glaube, dass die ganze dazu gehörende Diskussion sehr schön ein Dilemma in unserem gesellschaftlichen Umfeld zeigt:
Während im Geschäftsleben der Zug längst in die andere Richtung abgefahren ist und sich jedermann dem Diktat der fordernden Leistungsgesellschaft vorbehaltlos ausgeliefert hat, haben wir für den persönlichen Umgang mit einander – und für die innere eigene Wertsuche die grössten Schwierigkeiten mit Äusserungen, die unmissverständlich eine Richtung angeben und – eben – damit auch fordernd klingen, ja mehr als das, auch so gemeint sind.

Du willst ein Leben lernen, in dem Du mit Dir im Reinen sein kannst und mit Deiner Umwelt in Frieden leben kannst? Dafür musst Du ein paar Regeln beherzigen.
Natürlich lebt er [der Vater] es auch vor. Aber alle Eltern wissen, dass das nicht ausreicht. Man muss ein bestimmtes Verhalten auch einfordern. Das Kind im Sandkasten will die Förmchen nicht abgeben, der ältere Bruder beansprucht das Fahrrad zuerst, etc. etc. Wir greifen ständig ein – und es schert uns, vorgängig, nicht immer wirklich, ob das Kind es versteht? Wir handeln, urteilen, entscheiden, und erklären dann. Aber es ist sehr wohl möglich, von einem Kind gewisse Verhaltensweisen zu verlangen, z.B. beim Essen, bevor es diese im Detail versteht. Der Respekt vor Nahrungsmitteln kann sich auch durch die eingeforderte Praxis eines Verhaltens einstellen.
Liegt in dieser Art Forderung nun also Gewalttätigkeit? Ja, vielleicht. Man kann es so sehen.
Wenn Sie das allerdings tun, dann erschreckt mich das auch. Denn es bedeutet, dass es grundsätzlich keine Autorität gibt. Es bedeutet auch, dass wir insbesondere auch uns selbst nicht zutrauen, mit dem eigenen Beispiel eine Voraussetzung zu schaffen, welche das Kind folgen lässt, auch ohne sofortiges Verstehen. Vor allem aber drückt es aus, dass die Autorität, die dieser Nachfolge die Erklärung mit gibt, das liebevolle Führen, die Leitplanken, welche Orientierung schenken – und die Stütze, die einen aufstehen lässt, wenn man gefallen ist, eine Fiktion geworden zu sein scheint. Und DAS ist eine Form neuer Armut in unserem Verständnis.

Es ist auch eine Unmöglichkeit. Anders ist es nicht zu erklären, dass gerade jene “Führer”, welche Heil durch blossen Gänsemarsch in den eigenen Fussstapfen versprechen, Hauptsache, es tönt kuschelig, Zulauf haben.

Wir verklären jede Form von Kontemplation und verkürzen unsere Wahrnehmung von spirituellem Leben auf das Bild eines zur Ruhe kommenden Menschen, der seinen Geist im klösterlichen Wochenendretreat etwa so entstresst, wie am Wochenende zuvor den Körper im Spa-Tempel in Grosshintergottmadingen.

Ich gebe hier noch ein Bild zur inneren Betrachtung: Die meisten von Ihnen werden schon einmal von der Tradition und Lebensweise der thailändischen Bettelmönche gehört haben. Das sind die kahlhäuptigen Mönche in den gelben Gewändern, die mit ihren runden Essenschalen durch die Dörfer und Städte laufen und bis Mittag sammeln, was sie diesen Tag zu essen kriegen. Der Rest des Tages scheint der inneren Einkehr gewidmet zu werden und nichts als Kontemplation zu sein. Gerade aus diesen Lebensformen aber entstehen – Regeln! Der thailändische Bettelmönch versucht etwas mehr als 220 davon zu beherzigen.
Die Regeln des heiligen Benediktus sind ähnlich zahlreich. Und ich bin sicher, dass der Bruder in der Zelle nebenan zu deren Einhaltung aufgefordert wird – auch wenn er sie nicht versteht. Und es ist nicht gesagt, dass die Autorität irrt, die das so durchsetzt.

Ja, wir können alle viele Beispiele des Unheils anführen, das blinder Gehorsam für falsche Autoritäten angerichtet haben mag. Wir alle haben aber auch ein Gefühl dafür, wie segensreich erinnerte Leitplanken in einer geradlinigen Erziehung gesesen sind – oder hätten sein können. Hoffentlich. Denn wennn ich komplett antiautoritär aufgewachsene Menschen von ihrer Kindheit erzählen höre, so ist das für mich eine Form von Kindesmisshandlung.

Schlussendlich geht es um eines:
Sie finden die Lebensweise eines Vorbildes oder einer Geisteshaltung lebenswert? Wenn sie sich dafür entscheiden, werden sie dabei auf Autoritäten stossen, die ihnen beibringen, dass eine gelebte Verbindlichkeit ein Schlüssel ist, um den inneren Geheimnissen der Lebensweise – und sich selbst – auf die Spur zu kommen. Kein noch so gütiger Lehrer wird es dulden wollen, dass Sie ihre Zeit und ihre Talente vergeuden. Wie der Nachdruck dabei aussehen mag, ist wohl offen und die individuelle Kunst der Ansprache. Und damit auch ein Teil der Autorität. Und die wird nach der Sprache suchen, die Sie verstehen.




  1. Uwe · 10. Juli 2010, 11:21 · #

    Da hätte ich ein paar Einwände:

    “…und sich jedermann dem Diktat der fordernden Leistungsgesellschaft vorbehaltlos ausgeliefert hat,”

    Nein, Thinkabout, nicht jeder! Viele haben das getan, vielleicht sogar die meisten aber sicher nicht jedermann. Es geht auf vielfache Weise, geschäftlich wie privat, natürlich auch anders, als sich auszuliefern oder jemanden zu binden.

    Soweit zu den Fakten, der Rest ist weltanschaulich und subjektiv. :)

    Ob ein “Du musst” als Forderung gemeint ist, das erkennt man nicht an der Formulierung, man erkennt es nur an den Folgen, die eine Nichterfüllung nach sich zieht. Klassischerweise werden Forderungen mit dem Wort “müssen” artikuliert, aber auch wenn es heißt: “Bitte, …”, kann es sich durchaus um eine Forderung handeln. Das erweist sich, wie gesagt, wenn man der Bitte nicht nachkommt. Wenn ich also die Haltung und das Verhalten von Herrn Biver nicht kenne, dann kann ich nicht wissen, ob seine “Du musst”-Sätze Forderungen sind.

    Gegen Autoritäten, die auf Ansehen und Anerkennung, auf freiwilliger, von innen gewollter Orientierung beruhen, ist nichts einzuwenden. Wozu auch, denn sie treten natürlicherweise und automatisch dann auf, wenn sich jemand an einem anderen orientiert, wie z.B. bei Eltern und Kindern. Wird diese Orientierung aber erzwungen und erpresst, dann ist die Autorität angemaßt, eigentlich nicht vorhanden und ist durch Herrschaft ersetzt worden.

    Weil es seit tausenden von Jahren gängige Praxis und Gewohnheit ist, Autorität nicht natürlich entstehen zu lassen sondern als Herrschaftsanspruch willkürlich zu setzen, ist es den meisten Menschen nicht bewußt, das sie sich dadurch in einem Gewaltsystem befinden. Mit den Mitteln dieses Systems bekämpfen sie sogar ihre eigene innere Stimme, die sie manchmal abwertend “Schweinehund” nennen. ;)

    Die tägliche Dosis an erzwungener Konformität wird unbewußt aufgenommen und weitergegeben und wenn der Verstand beginnt darüber nachzudenken, so liefert er nichts anderes als viele gute Gründe dafür, warum es überhaupt nicht anders sein kann. :) Was sollte er auch anderes liefern, wenn die Abwesenheit eines Herrschaftssystem jenseits aller Erfahrung liegt?

    Die Lebensweise thailändischer Bettelmönche ist mir fremd. Wie ich jedoch schon beobachten konnte, sind sie durchaus nicht die einzigen sind, deren Leben sich in Abhängigkeit an 220 und mehr Regeln entlang hangelt. Wer einmal gelernt hat, sich im Korsett und mit Krücken zu bewegen, dem kommt der schlichte aufrechte Gang sicherlich irgendwie nackt und ungeschützt, wahrscheinlich gar unmöglich vor. ;)

  2. Richard · 10. Juli 2010, 12:09 · #

    In einer Eltern-Kindbeziehung gibt es “Muß-Inhalte” welche liebende Eltern in fördernder, sanktionsfreier Weise dem Heranwachsenden als besonders “Wünschenswert” nahe bringen wollen. Gerade in einer “offenen Gesellschaft” die wir Gott sei Dank in Mitteleuropa lebend erleben ist es wichtig Grundsätzliches welches man für sein eigenes Leben als solches erkannte, Heranwachsenden anzubieten. Das Recht auf ein “Muß” hielt ich bei der Erziehung meiner Kinder und auch von Lehrlingen für unverzichtbar. Jahrzehntelanges Feedback von inzwischen Erwachsenen mit aufrechtem Gang bestätigt diesen Ansatz.

  3. Relax-Senf · 11. Juli 2010, 13:32 · #

    @Uwe:
    Also es geht ja nur um den Kitzel derDiskussion!

    “Autorität nicht natürlich entstehen zu lassen”

    Also dies ist nun wirklich wissentschaftlich bewiesen, dass es in jeder willkürlich zusammen gewürfelten Gruppe, nach kürzester Zeit eine “Hackordnung” gibt, und daran wird sich auch nichts ändern. Dieser innere Antrieb wird auch von Leuten ohne Bildung, ja von Analphabeten gelebt.

    Nachtrag auch zu “du musst…” Im persönlichen Gespräch kommunizieren wir dies auch wortreicher, also vorsichtiger und mit situativer Empathie, wie wenn wir es schriftlich verfassen, wo jeder Buchstabe zählt um es knackig darzustellen.

    Nochmals, ich bin Deiner Meinung, dass es mehr Erfolg bringt, wenn man nicht mit “du musst” operiert. Doch dies hat auch einen zwingenden Platz. Meine Enkel sind gerade zu Besuch und da ist mir ein herrliches Beispiel in den Sinn gekommen.

    Sohn und Schwiegertochter erziehen die Kinder nach der Methode, Überzeugungsarbeit und damit freiwillige Einsicht. Deren Recht und schön anzusehen, wenn aus dem Zeitfaktor keine Gefahr entsteht….

    Wenn ich aber beobachte, wie trotz Mehrmaligem NEIN, dies nicht beachtet wird, befürchte ich, dass in einer realen Gefahrensituation – z.B.; NEIN, bleib stehen auf der anderen Strassenseite – das Kind nicht wie gewünscht reagiert, weil es nie ein Nein als gültiges Nein gelernt hat. Sofort. Frau Relax und ich mischen uns nicht ein in die Erziehungsarbeit, hat man bei uns auch nicht gemacht. Aber in Ausnahmesituationen, wo ich Gefahr sehe und sei es nur materieller Schaden in meinen vier Wänden, interveniere ich auch mal ausnahmsweise, scharf und erfolgreich. Eine Entschuldigung hinterh bringt mir nähmlich nichts!!

    Diskussion und Begriffe sind vielfältig und ohne das vorauslaufende definieren von Parametern, hat jeder recht mit seiner persönlichen Sicht, weil man sich auf einer anderen gedanklichen Spielwiese bewegt, wie der “Spielpartner”. Dies ist sher oft bei Blog-Diskussionen der Fall.

  4. Uwe · 11. Juli 2010, 16:37 · #

    Ja, lieber Relax-Senf, das stimmt: “Diskussion und Begriffe sind vielfältig und ohne das vorauslaufende definieren von Parametern, hat jeder recht mit seiner persönlichen Sicht, weil man sich auf einer anderen gedanklichen Spielwiese bewegt, wie der “Spielpartner”. “

    Und dies ist m.E. nicht nur bei Blog-Diskussionen der Fall sondern überhaupt. Für alle Spiele, die das Leben so kennt, hat jeder seinen eigenen Regelsatz, auch wenn Konventionen die Regeln vereinheitlichen sollen. Deswegen kann man sich, solange es Freude macht oder aus anderen Gründen notwendig erscheint, trefflich darüber unterhalten oder auch streiten. ;)

    Was Kinder angeht, verfüge ich über persönliche Erfahrungen. Meine sind 11 und 13. Natürlich habe ich ihnen auch schon ein paarmal meinen Willen aufgezwungen, um sie vor sicherem und irreparablem Schaden zu bewahren. :) Ich zwinge sie aber nicht zum Teilen oder zum Verzeihen, auch wenn ich vermutlich deutlich mache, daß ich die Vorteile solchen Verhaltens schätze.

    Was die “Hackordnung” in Gruppen angeht, kann ich Dir nur sagen, daß ich mich NICHT in Gruppen mit Hackordnung aufhalte und weder hacke noch mich hacken lasse. Das Herstellen einer solchen Ordnung mag also üblich und gewohnt sein aber ich halte es nicht für zwingend. Wer seine persönlichen Spielregeln wirklich umsetzen WILL, der kann es immer tun. Es besteht dann natürlich die Möglichkeit, daß niemand mehr mitspielen will. Für diesen Fall hilft es, über genügend Autonomie zu verfügen, um nicht auf ein Mitspielen angewiesen zu sein. :)

  5. Thinkabout @ Richard, Uwe, Alle · 11. Juli 2010, 19:35 · #

    @ Richard
    Das Recht auf ein Muss ist auch ein Kindesrecht, nicht wahr?
    @Uwe
    Du hältst Dich nicht in Gruppen mit Hackordnungen auf? Du wirst mit Deiner Haltung in einer Gruppe, in der es Dir persönlich wohl ist, vielleicht sehr wohl Druck ausüben: Indem jemand wider die eigenen Zweifel dabei bleibt, weil er dazu gehören möchte – aber nicht unbedingt aus Überzeugung. Wir üben alle Autorität aus – oder folgen Autoritäten. Immer wieder. Wir schliessen uns an. Rufen: Ja, genau! etc. Die Grenzen sind wirklich fliessend.
    In Deinem ersten Kommentar zu diesem Artikel stört mich ein bisschen Deine Optik:
    Ich akzeptiere die Kritik meiner Formulierung eines Gemeinplatzes, nachdem jeder sich der Leistungsgesellschaft unterzieht. Du kritisierst das durchaus zurecht, auch wenn ich es bewusst tue und damit ein bisschen in der Wunde rühre, die viele von uns täglich zwickt.
    Aber wenn Du weiter unten meinst:

    Weil es seit tausenden von Jahren gängige Praxis und Gewohnheit ist, Autorität nicht natürlich entstehen zu lassen sondern als Herrschaftsanspruch willkürlich zu setzen,

    so sage ich:
    Auch dies ist eine Pauschalisierung: Die Subversion der Gewaltfreiheit, nur so z.B., hat in der Autorität von Persönlichkeiten sehr viel konträres bewirkt:
    Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Dalai Lama.
    Täglich entsteht in den verschiedensten Zellen Autorität ganz natürlich und segensreich. Dies ist meine Beobachtung. Auch viele Kategorien tiefer. Z.B. in Vereinen, wo Menschen Verantwortung übernehmen und – ja! – führen.

  6. Menachem · 11. Juli 2010, 22:11 · #

    Ich weiß gar nicht, warum und wo mich der Dialog hier packt. Was ich beitragen möchte, ist vielleicht folgendes:

    Kinder sollten, glaube ich, immer das Gefühl haben dürfen, dass sie willkommen sind auf dieser Erde, das für sie fürsorge getragen wird und das sie immer einen Menschen ihres Vertrauens in ihrer Nähe wissen.

    Eltern können und dürfen nicht perfekt in der Erziehung sein. Kinder, die sich ein selbstständiges Leben aufbauen wollen unter dem Vorbild ihrer perfekter Eltern – ich glaube, daran kann man nur zerbrechen.

    Ich glaube auch, das ein “ du musst” zu unterscheiden ist, in Notwendigkeiten

    - des Überlebens

    - den Grundregeln des sozialen Miteinanders und

    - den Werten

    Ein autoritäres “Nein” ist zwingend notwendig, wenn ein Kind ungeachtet einer Gefahr die Straße überqueren will.

    Ein Kind hat auch zu lernen, so wie ich es noch aus meiner sehr gut weiß, dass ein Mülleimer zu leeren ist und das Geschirr zu spülen ist, will man nicht irgendwann auf Stelzen durch den Dreck einer Wohnung laufen. Das sind einfache und recht einsichtige Dinge, wobei es unerheblich ist, ob ich gesagt bekam, “du musst noch den Mülleimer runterbringen” oder es zu meiner Schwester hieß: “bitte vergeß das abspülen nicht!”. Die Botschaft bleibt die gleiche.

    “Du musst um 22 Uhr zu Hause sein” – eine Botschaft meiner Eltern, gegen die ich mein Leben lang, immer noch, ankämpfe. Freiheit. In diesem “muss” liegt die Einschränkung der eigenen Grenzerfahrung.

    Wenn ich einmal sage, das ich für mich persönlich das Gefühl habe, mich in einem normalen Rahmen (und was ist schon nomral) des “teilens”, “respektierens” und “verzeihens” zu bewegen, so ist das ein ganz persönliches Befinden, das nicht auf einen anderen Menschen übertragbar ist. Und wo sind für jeden Menschen selbst die Grenzen?

    Ich kann nicht meine Frau mit einem anderen “teilen”, aber ich kann einen Mantel teilen, mit einem der friert.

    Ich kann G.W.Bush nicht “respektieren”, aber H. Schmidt.

    ich kann A. Hitler nicht “verzeihen”, aber anderen Menschen, auch, die mich in Not gebracht hatten.

    Kindern, so glaube ich, kann die Botschaft “teilen, respektieren, verzeihen” nur vorgelebt werden. ich weiß doch von mir selber, wie ich Dinge von anderen fordere, und selbst noch am allermeisten darin der Übung bedarf, z.B. in Toleranz. Und gerade weil ich das nicht gut kann, kann das ein Wunsch meiner Kinder sein, sich in diesem erlebten Handicap meiner Person für ihr Leben einen anderen Weg, der mag besser sein, zu suchen.

    Schwierig wird es glaube ich auch, weil hier Gedanken und Empfindungen erwachsener und sehr reflektierender Menschen nicht richtig in die sich kleine und bildende Welt der Kindern 1:1 transportiert werden kann.

    Weil, wie zu deinem Beispiel relax-senf, ich mein kleines Enkelchen, das jetzt fast 2 jahre ist, fragte: “Wo sind denn Stella`s Schuhe`?” und sie antwortet:
    “Da stehen Stella`s Schuhe!”
    Da fall ich manchmal um. Die kleinen Kinder haben noch gar kein “Ich”, sie reden von sich in der dritten Person. In solchen Momenten bedaure ich, das das mit meinen Kindern schon alles so lange her und vorbei ist, und genau so froh bin ich auch, das es schon so lange her und vorbei ist.

  7. Uwe · 12. Juli 2010, 11:44 · #

    @Thinkabout
    Unter Hackordnung verstehe ich ein System, in dem eine fixierte Rangordnung mit Gewalt erhalten wird. Es wird dort aktiv gehackt und nicht nur als Vorbild geführt. Der Mannschaftsdienstgrad ist z.B. bei Strafandrohung verpflichtet und gebunden, dem Offizier zu gehorchen. Über die sich andererseits natürlich, fließend und gewaltlos ergebende Autorität sagte ich oben schon:

    “Gegen Autoritäten, die auf Ansehen und Anerkennung, auf freiwilliger, von innen gewollter Orientierung beruhen, ist nichts einzuwenden. Wozu auch, denn sie treten natürlicherweise und automatisch dann auf, wenn sich jemand an einem anderen orientiert, wie z.B. bei Eltern und Kindern. Wird diese Orientierung aber erzwungen und erpresst, dann ist die Autorität angemaßt, eigentlich nicht vorhanden und ist durch Herrschaft ersetzt worden.”

    Ich finde bemerkenswert, daß dieser Unterschied, der mir eindeutig und klar vorkommt, oft nicht gesehen wird. Der Unterschied besteht in der Institutionalisierung von Autorität, wodurch die Autorität fast immer ihre innere Begründung verliert. Es führt dann nicht der Begabte, der Überzeugte, Willensstarke und der Selbstsichere sondern es führt der, den die Institution zum Führer bestimmt hat und die Verweigerung der Gefolgschaft führt zu Sanktionen.

    @Menachem
    Schön!

  8. Relax-Senf · 13. Juli 2010, 14:37 · #

    @ Uwe:

    “Wer seine persönlichen Spielregeln wirklich umsetzen WILL, der kann es immer tun.”

    Sorry, lieber Uwe, bei aller Brillanz Deiner Zeilen mit rotem Faden, da muss ich wirklich PHILOSOPHISCH Einspruch erheben und – ungern – Dir Blauäugigkeit vorhalten. Entgegen den flotten Sprüchen, welche ich immer wieder auf Blogs finde – z. B. einfach die Stelle künden, einfach die Partnerin / den Partner verlassen, im Verein den Austritt geben etc. – ist das Leben sehr viel komplexer, denn wo würden wir hinkommen, wenn jeder “flüchtet” der seine Spielregeln nicht als gültigen Massstab respektiert sieht.

    Wenn ich es richtig abrufe, sind wir Beide Unternehmer, d.h. haben beim Festsetzen unserer Moral-, Ethik- und Sympathie-Massstäbe viel Spielraum. Ein verlorener Kunde, ist nicht mit einem Stellenwechsel zu vergleichen. Trotzdem gibt es aus meiner Sicht klare Grenzen für das Verhalten, d. h. wichtigen Kunden verzeiht man – nach Unterbruch – auch Mal wieder ein stilloses Verhalten, also die Ignoranz von “gültigen” Spielregeln, weil man sich zwar im Einzelfall den Verzicht auf einen Kunden leisten kann, aber eben nicht mehrere in kurzer Zeit, nur weil die einfach nicht gängige Standards einhalten. Übrigens ein anschwellender Trend.

    Einer meiner Söhne, damals 18, in der Ausbildung und finanziell abhängig von den Eltern, hat mich im Streit um das Okay zum Auszug aus dem Haus für den Wechsel in eine WG gefragt, weil er mit meiner Hausordnung und mit meinen “FIFA” Spielregeln nicht einverstanden war. Innert Minuten schweigendem Nachdenken, habe ich das Okay gegeben und hinterher für das Verletzen meiner Hausordnung den Mietanteil an der WG übernommen.

    Das heutige tolle Verhältnis zum Sohn ist eben auch das Resultat eines Verhaltens, das trotz der Verletzung meiner Spielregeln nicht zu einem irreparablem Schaden geführt hat.

    Das Wort etablierte und damit häufig gebrauchte Hackordnung, wird doch nicht nur in der von Dir beschriebenen Form “Hackordnung = Gewalt” benützt. Hackordnung wird für das Entstehen jeglicher Art von Rangordnung und Hierarchie benützt und gilt deshalb von Klassenzimmer Hierarchien bis zur Hierarchie im Esssaal im Altersheim.

    Wenn Du allein nach Deinen Prinzipien leben kannst, bist Du sehr privilegiert. Zum Glück wird das noch nicht besteuert! :-)

  9. Uwe · 13. Juli 2010, 23:03 · #

    Erhebe ruhig Einspruch, lieber Relax-Senf. Ich BIN blauäugig! :)

    Ich mache zwar eigentlich keine flotten Sprüche, sondern sage ernsthaft meine Meinung aber ich habe alles, was Du so aufzählst getan: Einfach die Stelle künden, einfach die Partnerin verlassen, im Verein den Austritt geben etc. Wenn mir das Leben zu komplexer wird, dann mache ich es mir einfacher. Wo wir hinkommen, wenn jeder “flüchtet” der seine Spielregeln nicht als gültigen Massstab respektiert sieht, ist eine interessante Frage. Ich versuche, ihr auf den Grund zu gehen.

    Unternehmer bin ich nicht mehr, nur noch Mikro-Kapitalist. Beim Festsetzen meiner Moral-, Ethik- und Sympathie-Massstäbe können mich weder Kunden, noch Arbeitgeber oder Arbeitnehmer beeinflussen.

    Ich freue mich über Dein gutes Verhältnis zum Sohn. Ich wünsche mir, daß mir das auch gelingen möge. Gibt es sinnvolleres, als gute und freudvolle Beziehungen? Was sind dagegen Regeln?

    Natürlich darfst Du das Wort “Hackordnung” genau so gebrauchen, wie Du es möchtest. Ich aber sehe einen großen Unterschied zwischen natürlicher Autorität, frei und fallweise entschiedener Führung und Unterordnung einerseits und einer durch hacken und herrschen angemaßten oder durch stupide Regeln gewillkürten Autorität. Ich sehe auch einen Unterschied zwischen freiwilliger, einsichtiger Verbundenheit einerseits und deklarierter, erzwungener Verbindlichkeit, andererseits. Aber das soll nicht Dein Problem sein, es wäre meines – wenn es eines wäre. ;)

    Ja, ich bin privilegiert und dafür bin ich dankbar. Ich kenne Leute, die viel mehr besitzen, viel mehr verdienen und viel mehr leisten, als ich und die sich in Sachzwängen und in Leidenschaften verfangen haben. Ja, zum Glück wird das Glück noch nicht besteuert! :-)

  10. Thinkabout @ Div · 13. Juli 2010, 23:36 · #

    @Menachem
    Danke Dir für diese Gedanken, auch und gerade aus der Sicht der Kinder. Und für den interessanten Ansatz, nicht ein perfekter Elternteil sein zu wollen, aber sehr wohl ein Grenzen vermitelnder.
    @Uwe
    Die Hackordnung gibt es nicht nur beim Militär. Es gibt sie in jeder Firma. Und es kann Pattsitautionen geben, in denen eben entschieden werden muss. Autorität bedeutet dann allenfalls, dass man danach auch den Kopf hinhält und die Verantwortung übernimmt. Dass es aber eine Hierarchie gibt, ist per se nicht falsch, sondern manchmal sogar lebensnotwendig. Es ist wie mit der Uniform: Der Mensch darin macht ein System unmenschlich – oder eben nicht.


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