Vermummungsverbot für alle
Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist gegen ein Burkaverbot. Es gibt kaum Frauen in der Schweiz, welche eine Burka tragen. Dass der Islamwissenschaftler der Uni Bern meint, er hätte noch gar nie eine Frau in einer Burka gesehen, während ich “schon” zwei Mal eine solche gesehen habe, beweist nun sicher nicht, dass ich im Gegensatz zu dem Herrn Professor der Islam-Spezialist bin, aber es ist vielleicht ein Beleg dafür, dass Bern das grössere Kaff als Zürich oder Genf ist.
Mag nun also die Schweizer Regierung in einem Kaff regieren – was übrigens nicht wirklich meine Meinung ist, ich mag Bern und welche andere Stadt der Welt machte es möglich, dass der Verteidigungsminister mit dem Bike zur Arbeit radelt und sein Rad ganz normal im Radständer parkiert, samt Zahlenschloss – nein, das “Kaff” ist kein Hieb sondern eigentlich eine Sympathiekundgabe, denn in der Beschaulichkeit und Rechtsstaatlichkeit, die wir hier pflegen, ist das, was Frau Widmer-Schlumpf anmahnt, durchaus glaubwürdig:
Wir sollen keine Burka-Diskussion führen, sondern das Recht und den Anspruch der Menschen, im öffentlichen Raum anderen mit Blickkontakt begegnen zu können:
Wer mit Menschen zu tun hat, soll ihnen ins Gesicht schauen können. Die Diskussion der Burka muss also im Umkehrschluss zur Diskussion jeder Art von Vermummung führen:

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Ist es zulässig, dick vermummt als “Fussballfan” im Fussball- oder Eishockeystadion zu stehen? Ist es für eine Verkäuferin nicht geradezu unheimlich, einen Motorradfahrer im Tankstellenshop zu bedienen, der mit geschlossenem gespiegeltem Integralhelm vor ihr steht? Was gewichten wir mehr? Die Angst, scheinbar gläserne Bürger zu sein oder die Vertrauensbildung einer gewissen Offenheit im Auftritt Aller im öffentlichen Raum?
Die hier angeregte Diskussion ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein scheinbar auf Immigranten gezielter Angriff dazu führt, dass wir jenseits aller kulturellen und religiösen Bedürfnisse zum Bewusstsein finden müssen, wie wir das Gegenüber zu respektieren haben – und wie wir uns dabei nach den Gepflogenheiten zu richten haben, die dafür in der Gesellschaft anerkannt gelten. Bei uns. Ich persönlich bin für ein Vermummungsverbot auf öffentlichen Plätzen, in öffentlichen Lokalen und Geschäften, etc.
Und siehe da: Schon ist es keine auf eine Minderheit zielende Debatte mehr, die emotionalisiert werden kann. Und damit auch diese Gefahr gebannt:
Wenn wir für eine Burkaträgerin hinter deren Schleier denken wollen, dürfte es uns nicht selten passieren, dass wir dahinter eine Konvertitin zum islamischen Glauben finden, welche so was von freiwillig und fern aller Unterdrückung tragen will, was sie trägt.
Aber es geht gar nicht darum. Es ist viel banaler. Und nichts ist daran falsch, dies auch so anzugehen.
Ich für meinen Teil gehe dann mal wieder fernsehen.
Oder so was in der Art…
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Bildquellen (von oben nach unten):
Berliner Morgenpost
motorradonline.de
motorradhelm-blogspot.com
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dirk · 7. Mai 2010, 11:38 · #
Es ist sicher hilfreich, über Vermummung zu reden, statt über Burkas, und wahrscheinlich tragen nicht wenige in Mitteleuropa die Burka freiwillig und begeistert. Als Provokation geht diese Burka über den Motorradhelm hinaus und bleibt hinter der Vermummung im Stadion zurück. Betritt einer mit Strumpfmaske die Bank, wird der Alarmknopf gedrückt. Vermummung, der man ansieht, dass die Gewalt kommt, ist z.B. in Deutschland verboten. Aber sollte alle Vermummung verboten werden? Das einzige Argument dafür, das ich kenne, ist eben das unheimliche Gefühl, das der geschlossene Motorradhelm an der Kasse der Tankstelle auslöst. Manche Tankstellen dulden das nicht. Ich kann es gut verstehen, fühle mich schon vor verspiegelten Brillengläsern unwohl. Es erscheint mir als unverschämt, Menschen vermummt gegenüberzutreten, wenn ich auch weiß, das oft nur Gedankenlosigkeit dahinter steckt. (Ich empfinde es auch als befremdlich, in der S-Bahn von Leuten umgeben zu sein, die alle laut in ihr Mobiltelefon sprechen.) Wo die Vermummung keine Provokation sein soll und nicht der Ermöglichung eines Verbrechens dient (zwei sehr unterschiedliche Fälle) und auch nicht dem fasnachtlichen Mummenschanz oder dem Theater, da ist sie oft ein unfreundlicher Akt und unhöflich. Ich liebe es, unter freundlichen Menschen zu sein. Die Höflichkeit scheint eher die Freundlichkeit zu substituieren, wo es zu ihr nicht reicht. Das Gesetz ist dann die Überhöflichkeit, ‘du sollst’ statt ‘man macht’, statt aufgesetzter Umgangsformen echter Zwang. Höflichkeit ist nützlich, man muss nicht ständig Einzelsituationen bewerten und Entscheidungen treffen. Zwang hingegen ist das äußerste Mittel, sich vor Gefahr zu schützen. Ist es eine Gefahr, dass ich mich unwohl fühle? Ich denke nicht. Die Welt ist voller Leute, die Dinge tun, die mir nicht angenehm sind, und viele davon sind auch anderen nicht angenehm. Sollen die verboten werden? Ich denke das schon darum nicht, weil in den letzten Jahrzehnten dermaßen viel verboten wurde, das heute die meisten Menschen die kleinen Verbote kaum noch beachten (z.B. einfach fremde Fotos nutzen). Je mehr die Menschen gegängelt werden, desto verrufener das Gängeln an sich. Zudem ändern sich die Sitten schneller als die Gesetze. Es ist eine kluge Idee, das Mode-Nischenthema Burka in das viel breiter angelegte der Vermummung zu überführen, man könnte aber sagen, dass damit die Energie eines Ressentiments zum Zwecke des Gängelns aller ausgenutzt wird. Letztlich müsste ich vom Staat erwarten, dass er mir die Mühe abnimmt, mit meinen Nachbarn klarzukommen, das zu bejahen. Gespräche darüber in Gang zu setzen, wie wir mit einander leben wollen, ist natürlich eine gute Sache, so könnten etwa Freunde des Vermummens dadurch begreifen, wie ihre Helme, Masken, Brillen, Burkas auf andere wirken.
Erwin Flüc · 18. Mai 2010, 10:05 · #
Vermummungsverbot. – Sollen wir die Vermummung
tatsächlich verbieten? – Vermummung ist ein Stück Freiheit. Hier kann der Bürger noch ungestraft Aggressionen abbauen. Der Personenschutz ist gewährleistet. – Es ist unvergleichlich entspannend,
Schaufenster einzuschlagen, Autos abzufackeln, Ordnungskräfte zu provozieren und zu steinigen.
Wollen wir dieses letzte Ventil zur Entladung auch noch schliessen?
Erwin Flück, Dulliken
Stella · 18. Mai 2010, 13:22 · #
Ein Vermummungsverbot für Alle im öffentlichen Raum – ausgenommen während der Fasnacht – fände ich akzeptabel. Wer hingegen auf ein Burkaverbot besteht, war sicher auch für ein Minarettbauverbot, unterliegt demzufolge der durch christliche Fundamentalisten heraufbeschworenen Islamphobie. Wer nach dem Minarett die Burka verbieten will, klar auch noch das Kopftuch, also alle äusseren Zeichen des vielseitigen Islam weist fremdenfeindliche Gesinnung auf.
Solcherlei Rassismus widerspricht aber klar christlichen Grundsätzen, wo vor Gott alle gleichwertig sind, die den allbarmherzigen Gott verehren, ihm gehorchen wollen.
Thinkabout @ Dirk · 30. Mai 2010, 18:35 · #
Es geht beim Vermummungsverbot noch um etwas anderes, was sehr schön bei Fussballspielen zu beobachten ist: An einer Veranstaltung, an der es überhaupt keinen Grund gibt, sich unkenntlich zu machen, es sei denn, man hat was Entsprechendes vor, suggeriert man “normalen” Matchbesuchern genau diese Art mulmiges Gefühl, und das dürfte auch beabsichtigt sein. Das hinterlässt aber nicht nur bei mir unangenehmes Befinden – es werden vielmehr Mitläufer dazu ermuntert, sich einem anonymen Mob anzuschliessen.
Guerillamentalität in einer Umgebung, die dafür nichts hergibt – so ähnlich wie Indianer und Cowboy spielen auf echt – und das ist dann definitiv kein Spiel mehr. Für niemanden. Hier nicht für Abhilfe zu sorgen und übermässige rechtsstaatliche Bandagen des Persönlichkeitsrechts schützen zu wollen, ist einfach lächerlich – und schränkt mein Recht auf den freien Matchbesuch ein.
Und zum Ressentiment ausnützen, damit mit einer Anti-Muslim-Stimmung gegen Burkatragen das Recht aller gegängelt werden könnte: Dadurch, dass das Vermummungsverbot, allgemein und breit diskutiert, uns dann, hoppla, alle tatsächlich etwas angeht und wir also auch alle etwas dabei von unserer Freiheit verlieren könnten, garantiert gerade, dass es eben nicht zu Überinterpretationen kommt. Es sei denn, wir nehmen an der Diskussion nicht teil und verhalten uns gleichgültig – wie es viel eher geschehen könnte, wenn wir die Diskussion in der Nische eines kleinen Teils der muslimischen Glaubensgemeinschaft belassen.