Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ungeheuerlichkeiten - die nahe liegenden

∞  21 Dezember 2009, 20:26

Am Radio wieder mal einen Experten über Computergames referieren gehört:
Sind Computergames, die Gewalt verherrlichen, schädlich für die Entwicklung der Jugendlichen?

Antworten: – Noch lässt sich das statistisch nicht beweisen. Und…: – das wird auch schwierig werden, weil bei einem Grossteil aller Jugendlichen heute solche Spiele zu finden sind.

Die Frage sei gestattet: Warum gebietet uns die innere Ethik nicht eindeutig, schlicht alle Computer- und Videogames zu verbieten, in denen derjenige gewinnt, der mehr Menschen umbringt?

Was mag es wohl sein, dass wir so träge sind, dies gar nicht in Erwägung zu ziehen? Welche Werte schätzen wir dagegen höher ein?

Und warum haben wir vor den sichtbaren Ungeheuerlichkeiten in unserer eigenen Gesellschaft weniger Angst als vor den vermuteten Ungeheuern in anderen Ethnien?

Warum reklamieren wir Menschenrechte ein, sind aber gegenüber menschenverachtenden Computerspielen, welche die Gewalt verherrlichen, gleichgültig?




  1. Claudia · 21. Dezember 2009, 23:53 · #

    Spiele, in denen Gewalt, Kampf, Krieg, Sich-gegenseitig-umbringen eine große Rolle spielen, gab es schon immer. Sie wurden lieber von Jungs gespielt als von Mädchen, die eher auf Rollenspiele stehen. Trotzdem war ich auch dabei beim “Räuber und Indianer” – noch nicht virtuell mit doller Grafik, sondern ganz “real life” mit selbst gebastelten Pistolen aus Ästen und Wäscheklammern, später dann die Plastik-Colts mit Zündblättchen. Und die Großväter hatten als Kinder Zinnsoldaten und bauten Schlachten nach…

    Ich bin NICHT der Meinung, dass einschlägige Computerspiele Jugendliche zu Monstern formen. Wer mal selbst so ein Spiel getestet hat, merkt doch selber schnell, dass es weniger ums “Morden” geht, sondern ums geschickte Durchkommen, Hindernisse überwinden, Treffer landen, Punkte sammeln, etc.
    Es gibt große, sehr kommunikative Real-Versammlungen Jungendlicher und junger Erwachsener, die das ganz sportlich betreiben, mit weltweiten Ranglisten etc.

    Es gibt auch m.E. keine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Spielen, ganz im Gegenteil: sie werden bei JEDEM “unverständlichen” Verbrechen/Ausrasten eines Jugendlichen zur Erklärung heran gezogen und wieder und wieder werden Verbote diskutiert. Dabei ist es wirklich Unsinn, den Spielen die Schuld an einer verkorksten Psyche zu geben, den dann müssten ja ALLE so geschädigt sein! Die bekanntesten Spiele spielt nämlich die große Mehrheit, zumindest phasenweise.

    Nein, es sind Erziehungsmängel, Vernachlässigung, sich nicht kümmern, Konfliktscheu etc., was einzelne Jugendliche abdriften lässt – vermutlich auch Chancenlosigkeit, Sinndefizite und vieles mehr.

    Rollenmuster werden auch und vor allem in FILMEN und in der Musik weiter gegeben, ebenso in der allgegenwärtigen Werbung. Man schaue doch mal ein paar dieser Action-Filme der Privatsender! Beim Ansehen dieser Filme gibt es keine Interaktivität, kein SPIEL, das eine Leistung heraus fordert und den Fokus der Aufmerksamkeit weg von der Handlung aufs eigene Können verschiebt – die Filme sind vergleichsweise REINE Gehirnwäsche!

    Warum die Spiele nicht verboten werden? Weil eine Mega-Wirtschaft dahinter steht, bereits größer als die Filmumsätze, wie ich mal las (=ohne Gewähr).

    Aber auch: WEIL ES NICHT GEHT! Man kann sich die Spiele aus dem Netz herunter laden und dagegen ist kein Kraut gewachsen, denn es würde die totale Überwachung aller Netz-User bedeuten – eine Horrorvorstellung, gegen die es sich zu kämpfen lohnt.

    Der beste aller Gründe, nichts dagegen zu tun, wird wohl leider kaum mitschwingen: auf die Jugendlichen hören, sie ernst nehmen, wenn sie sagen, es gehe ihnen bei den Spielen nicht ums töten, sondern um den “Sport”.

  2. Zappadong · 22. Dezember 2009, 12:57 · #

    Jetzt ist mir Claudia zuvorgekommen. Ich hätte nämlich mehr oder weniger den gleichen Text geschrieben.

    Weil: Ich als Kind mit selbst gebastelten Pistolen Cowboy und Indianer gespielt habe und es im Sommer keinen schönen Abend gab, an dem wir nicht entweder Räuber und Pol oder Schittliverband gespielt haben. Leidenschaftlich und leidenschaftlich gerne. Keine-r von uns ist zum Mörder oder Amokläufer geworden.

    Weil: Mein Sohn ab und zu in Spielen herumballert, bei denen es mir die Haare aufstellt (und ich ihm auch klar sage, was ich von solchen Spielen halte). Trotzdem verbiete ich sie ihm nicht. Ich erwarte nicht einmal, dass er von selbst darauf verzichtet, sondern ich baue darauf, dass diese Phase irgendwann vorbeigeht, genau wie meine Räuber- und Pol Phase. Sohnemann ist übrigens aufgestellt, ausgeglichen, politisch interessiert und macht mit Begeisterung eine Lehre (so viel zum Klisché vom dumben Spieler).

    Wichtig: Es hilft nichts, wenn wir diese Spiele einfach nur verteufeln. Eltern sollten wissen, was ihre Kinder tun. Mein Sohn ist 17, also alt genug, zu wissen was er tut. Als er jünger war, haben wir ihm solche Spiele schlicht und einfach nicht gekauft. Wir haben auch immer Interesse an seinen Spielen gezeigt und seine Begeisterung für besonders gute Grafik (oder andere positiven Seiten seiner Spiele) geteilt.

    Zur Filmindustrie: Mittlerweile kostet die Entwicklung und Herstellung eines guten Spiels gleich viel oder mehr wie ein Hollywood Blockbuster. Und ich schätze jetzt mal, dass es auch mindestens gleich viel wenn nicht mehr einbringt.

    Sohnemann spielt zur Zeit ein Spiel, dessen graphische Umsetzung Filmqualität hat (kein Ballerspiel, aber getötet wird trotzdem). Ich finde es faszinierend, dass er damit mehr oder weniger seinen eigenen Spielfilm kreieren kann (indem er die Figuren steuert) und schaue ihm öfters zu, wenn er spielt (die Play Station ist in meinem Arbeitsraum :-) )

  3. Chräcker · 22. Dezember 2009, 15:01 · #

    Hach, alles noch mal wie meine Vorkommentatoren schreiben? Auch blöd. Dann was dazu ergänzendes. Ich selber spiele (auch) Gewaltspiele, seit über vier Jahren sogar meist ein und das selbe, bei dem ich, Blutfontänen erzeugend, andere Wesen mit dicken Schlagwaffen erschlage.

    Meine Kinder, beide noch arg minderjährig, dürfen sogar dabei zusehen und fachsimpeln, welche Gegner die besseren sind. (Nun gut, mein Sohn mag einen “pupsenden” am meisten….)

    Aber spielen dürfen sie es nicht. Weil: das besondere an Computerspielen im Gegensatz zum alten Cowboy und Indianerspiel auf dem Schulhof ist die hohe vorhanden Sugestionswirkung. Heutige Spiele, egal ob das friedliebende Sims oder das neuste BallerKillerspiel, bauen einen hohen Grad des “kümmer Dich um mich” auf, die schnell zu in der Tat suchtartigen Wirkungen führen kann. Wollen die Spielziele gemeistert werden, muß man sich laufend nachkümmern. Egal ob beim Facebook-Bauernhof oder dem neusten Online-Rollenspiel ist. Nur wer dabei bleibt, bleibt.

    Diese Sogwirkung verbunden mit dem abspielen von doch stereotypischen Handlungsmustern kann schon etwas bewirken, was uns, und auch Kinder, der Realität und ihrer Bewältigung intensiver entrückt, als es besagtes Schulhofspiel schaffte. Aber das ist eben unabhängig vom dargestelltem. Und es ist die Aufgabe der Eltern, sich hier schlau zu machen und dann die Energie der Kinder “bei” zu steuern. Freilich leichter getippt als gemacht.

  4. Chräcker · 22. Dezember 2009, 15:08 · #

    Ps. Verzeihung für diesen Doppelkommentar, aber das ist mir trotz Vorschau untergegangen: meine Kinder dürfen freilich Computerspiele spielen, aber Spiele, deren “kümmer-Dich”-Zeitrahmen deutlich mehr deren Tages-Zeitpensum angepaßt ist, den ich als Vater für vernünftig halte.. Also: Eltern müssen sich kümmern.

  5. Thinkabout · 22. Dezember 2009, 20:44 · #

    Danke Euch Allen!
    @Chräckers Gedanken zur Vereinnamung, der beabsichtigten Sogwirkung, sind besonders erhellend.
    Ich befürchte auch gar nicht so sehr die Verrohung / der Einfluss auf die Kids. Was mir Sorgen macht, ist die Motivation der Macher und ihr Kalkül, das auf der eigenen Diagnose der Gesellschaft beruht: Blockbusters in Kino wie Computer haben mit Gewalt zu tun. Mit einer immer stärker anonymisierten Gewalt. Wenn ich die neusten Hollywoodschinken dazu erinnere, mit diesen schwarzen coolen Typen ohne Seele, mit schwarzen Sonnenbrillen und schwarzem Haar in schwarzen Städten und neongrünen Subways – es läuft mir alles aus dem imaginären Ruder, das ich selbst früher viel eher gestalten konnte: Oh ja, ich liebte meinerseits Indianerspiele, wir lebten richtige Stammesfehden aus, wir fochten mit Bambusruten, die dünnen Fäuste hinter Ovomaltine-Büchsentellern nur unzureichend geschützt, aber ein Indianer kennt keinen Schmerz, nicht wahr. Und die Käpslipistole – ja, auch sie musste natürlich sein, und ich habe damit auch geschossen. Gezielt geschossen. Die Kinderwelt bleibt dabei aber eine Phantasiewelt, und die Entwicklung, der ganze Erzählstrang ist wichtig.
    Die Phänomene, die hier angesprochen sind, haben eine rasende Abfolge, die wie das Stackato rasend schnell sich folgender Standbilder durchs Hirn schiessen. – Mir macht dies schon mal Angst.
    Die einzelne Situation ist nicht mehr erfahrbar, die Szenen sind ohne Gefühl dafür versprechen sie Sensation (sic!).
    Man mag sich vielleicht wundern: Ich mag Boxkämpfe. Ich schaue sie mir nicht selten an. Dabei ist aber wichtig, dass ich mir vorstellen kann, was es heissen mag, am Ende in diesen Ring zu steigen und auf 37qm nichts zu besitzen, als meine Courage. Hoffenlich. Eine Extremsituation, die unter Regeln ausgetragen und ausgehalten wird.
    Am Ende weiss auch ich nicht, was an allen diesen Dingen wirklich schlecht ist. Einigen können wir uns ganz sicher darauf, dass die Begleitung der Jugendlichen bei und in diesen Medien wichtig ist.
    Vielleicht sollte @Chräcker mal gegen @ZappisSohnemann antreten, und wir schauen alle zu!

  6. Thinkabout @ Alle · 22. Dezember 2009, 21:49 · #

    Wir haben zusammen nochmals diskutiert. Und ich werde darum nochmals ein paar Fragen und Bemerkungen dazu aufwerfen:

    Wir sind uns also einig, dass die Eltern die Kinder bei ihrem Tun begleiten müssen?
    Gleichzeitig sind jene Mütter, die nicht arbeiten gehen sondern “nur Hausfrau und Mutter sind”, in der Situation, dass man ihnen unterstellt, damit doch gar nicht ausgefüllt zu sein. Tatsache ist doch, dass die durchschnittliche Zeit, die Eltern ihren Kindern widmen (“können”) wollen, immer mehr abnimmt.

    Ist es wirklich ein Argument, ein Verbot nicht auszusprechen, nur weil die Spiele eh illegal herunter geladen werden können? Montieren wir die Geschwindigkeitstafel “50 innerorts” ab, weil eh alle 70 km/h schnell fahren? Nein.

    Ich kann mich noch erinnern, als ich in der Rekrutenschule war, da wurde diskutiert, ob es ethisch zu vertreten sei, die angehenden Soldaten auf Pappkameraden schiessen zu lassen… Nur, um zu verdeutlichen, dass wir sehr wohl eine Entwicklung kennen, zu der die Polizei auch sehr deutliche Beobachtungen beisteuern könnte. Die Steigerung der Gewaltbereitschaft unter jugendlichen Raufbolden ist exorbitant gestiegen. “Mal rasch Leute wegklatschen.”
    Jemanden auf den Kopf zu schlagen, zumal, wenn er schon auf dem Boden liegt, das haben nicht mal die “schwersten Jungs” im Quartier vor dreissig Jahren “gebracht”.

    Auch Pädophilie bleibt verboten, obwohl im Netz fast alles herunter geladen werden kann.
    Die frei für Jugendliche verfügbare Pornographie, ja deren gezielte Bewerbung über Handy-Filmchen und -Anzeigen, hinterlässt sehr wohl ihre Wirkung. In extremis. Trotzdem ist sie ab Mitternacht auf diversen privaten Fernsehkanälen zu sehen, Nacht für Nacht. Ich habe noch von keiner Initiative gehört, die das eingrenzen will. Heute gibt es sehr viel mehr Jugendliche, die mit dieser Reizflut nicht mehr richtig umgehen können, und mangels lebendiger und greifbarer Vorbilder eben imitieren, was ihnen vorgespielt wird.

    Übrigens haben gerade pubertierende Jugendliche ein sehr gutes Gespür für die Scheinheiligkeiten einer Gesellschaft, und es kann sehr wohl eine direkte Reaktion sein, sich GEGEN den blutleeren Kodex zu wenden und damit die Sinnentleerung in sich selbst sichtbar zu machen.

    Wollen wir und müssen wir nicht vor aller Durchsetzbarkeit fragen, ob wir es ethisch vertreten können, dass solche Spiele in dieser Weise produziert werden dürfen? Was geschieht mit uns, wenn wir hier zu “Realisten” werden? Ab wann mache ich mich eigentlich mitschuldig an einem vermeintlichen Sachzwang?

    Müssten wir uns nicht fragen, warum wir wirklich nicht den Mut haben, mal zu sagen: Zurück auf Feld A? Wir sind dann die ewig Gestrigen, die spröden, die Weltfremden – was einem aber entgegen gehalten werden kann, ist nur das Phantom der persönlichen Freiheit und die Angst vor der übermässigen Kontrolle. Dass wir damit das Einstehen für die meisten unserer ursprünglichen Grundwerte aufgeben, nehmen wir hin.

  7. Chräcker · 23. Dezember 2009, 13:26 · #

    Das Argument, man kann es nicht verbieten, weil es eh technisch nicht verbietbar ist, fand ich auch immer krude. Selbst wenn es so wäre und ist: meine eigene moralische Differenzierung und Gefühl, auch gegenüber dem Wunsch nach gesellschaftlichen Konsens in bestimmten Fragen, lasse ich mir doch nicht vom technisch machbaren eingrenzen.

    Je mehr immer genau dieses Argument kommt, desto kommt der Verdacht, daß es ansonsten wohl keine hintergründige Überlegungen gibt, die Frage nach richtig und falsch zu entscheiden.

    Zurück aber zu einer der, wie ich denke, wichtigeren Überlegungsebene. Inwieweit erleben wir wirklich eine negative Veränderung und ist sie durch Medien hervor gerufen? Gibt es heute mehr Gewalt unter Jugendlichen? Ich bin in einem kleinen Vorort aufgewachsen, zwei Fernsehkanäle gabs damals, gleichwohl wurde ich laufend von Jugendlichen auf der Straße verprügelt. und Kinderschänder gabs damals auch.

    Das ich mich an keinen Amokläufer erinnern kann, würde ich jetzt frech auf mangelnde Medienpräsenz NACH den Amokläufen zurück führen.

    Es ist sauschwer, Belege für das eine oder andere zu finden, weil sich die Gesellschaft und das aufwachsen in ihr auf so viele Felder verändert hat. Es gibt kaum ein (freilich nicht selten aufgedrücktes) einheiltliches Wertesystem mehr. Alles ist fragmentiert. Man zappt sich sein veremeintliches “Jetzt” zusammen. Wir erleben kaum “Verantwortungsfelder” zum üben. All das wird auch Einfluß auf die (mangelnde) Sozialkompetenz des einzelnen führen. Ob es da immer ein blutiges “Killerspiel” braucht?

    Anonym wurde übrigens auch früher Menschen in Massen in den Medien umgebracht. In jedem Western, und sei es eben in schwarz weiß.

    Aber ich gebe zu, all diese “Lässigkeit” von mir schwindet, wenn ich die berüchtigte Flughafenszene aus dem neuen Call of Duty sehe…. dann werde ich in meinem Argumentationselan wieder sehr zögerlich.

  8. Titus · 24. Dezember 2009, 03:25 · #

    «Der Mangel an Gelegenheiten zwang die früheren Generationen noch dazu, etwas aus sich heraus zu entwickeln. Das ist heute gar nicht mehr notwendig. Wir leben in einer Knopfdruckwelt: Man drückt auf die Tastatur des Handys, auf den Knopf am TV oder des iPod, und überall bekommt man sofort etwas. Das lähmt von klein auf.»

    Das vollständige Interview ist nachzulesen unter:
    http://www.beobachter.ch/dossiers/jugend/artikel/jugendpsychologe-leo-gehrig_jugendliche-sehnen-sich-nach-einfachen-erlebnissen/

    Oder mit anderen Worten: Man sollten den Jugendlichen alle elektronische Spielereien entziehen und ihnen wieder Bauklötze hinstellen.

    Dadurch ist es nämlich erforderlich, dass der Jugendliche AGIEREN und nicht auf ein Computerspiel RE-AGIEREN muss: Seine Initiative ist erforderlich (sonst entseht nichts aus den Bauklötzen), seine Phantasie wird angeregt, die eigene bildliche und räumliche Vorstellungskraft werden gesteigert (statt von einem Computer generiert), er muss selber wieder überlegen, was er macht.

    Das ist übrigens bei Räuber ond Poli oder beim Indianerlis nicht viel anders: Wir hatten nach freiem Willen agiert, uns wurde nicht ein Pfad vorgezeigt. Schon alleine die Frage, wo man sich als Räuber am besten versteckt, regt ungemein den Kopf an.

    Und als kleiner Bonus: Eltern brauchen Kinder nicht zu begleiten, die selbständig wissen sich zu unterhalten.

  9. Chräcker · 24. Dezember 2009, 14:45 · #

    Oh, letzter Satz von Dir

    “Eltern brauchen Kinder nicht zu begleiten, die selbständig wissen sich zu unterhalten.”

    stimmt meiner bescheidenen Meinung nach für bestimmte “Räume” des Lebens, und für bestimmte Räume nicht. Vielleicht liegt daran ein Schlüssel. Ich, als Vater zweier Kinder (8 und 11) bewege mich in einem “mittlerem bildungsbürgerlichem Milleu” bei dem, so finde ich gar, die Eltern meinen, daß man Kinder in jedem Lebensraum “begleiten” muß.

    Selbst anders denkend stoßen wir da immer auf Unverständnis, vor allem wenn Kinder bei uns sind, wenn die fragend vor mir stehen und erstaunt sind, daß ich sie nicht nun bespiele, nicht mit ihnen den ganzen Sonntag durchbastel und wir auch zu keiner Kinderveranstaltung aufbrechen, sondern sage “spielt doch miteinander”.

    Dann gibt es aber in der Tat immer mehr Räume, wo man Kinder begleiten sollte. In die Medienwelt zum Beispiel. Denn auf der anderen Seite wohne ich im Gegensatz zu meinem Freundeskreis in einem Stadtteil mit eher “schlichtem”-Milleu, da läßt man die Kinder am liebsten komplett unbegleitet. In allen Bereichen. Das ist auch wiederum nicht immer mit “günstigen” Ergebnissen gesegnet.

    Ich denke, heutzutage muß man da eine Balance finden. Klar kann man heute seinem eigenen Kind nur Klötze geben (auf einen Waldesrand zum spielen kann man vielfach schon nicht mehr verweisen, entweder ist kein Waldesrand da oder dort sind keine anderen Kinder, weil die Kinder, die am Waldesrand wohnen, 5 mal die Woche im Ballett-unter-Wasser-Schachverein sind.) – Aber damit bekommt man ein Kind auch nicht dazu, sich selbstbestimmend in einer nun doch zum Teil arg klötzchen losen sozialem Umfeld zurecht zu finden.

    Fantasieanregendes Basisspielzeug ist toll, beim Kumpel aber auch mal die Konsolenbedienung richtig herum halten hilft beim sozialen Kontakt zuweilen auch weiter.

    Die Mischung machts. Und da, jaja, sind Eltern und deren Kompetenz gefragt.

  10. Thinkabout @ Chräcker · 25. Dezember 2009, 01:02 · #

    #7 Wunderschön, wie Sie einen am eigenen Nachdenken teilhaben lassen. Sie kommen hier zum ähnlichen Schluss wie ich, wie viele (wie alle, wenn sie sich ehrlich befragen?): Die Spirale dreht sich, nur schon von der Technik begünstigt. Vereinfacht gesagt genügt es Machern wie Konsumenten nicht mehr, wenn die Indianer vom Pferd fallen, sondern sie müssen wenigstens explodieren. Der Indianer, der im Steigbügel hängend mitgeschleift wurde, war eine Stuntman-Sensation, und wir konnten uns die Geschichten der Filmerei dazu in allen Farben ausmalen. Heute explodieren die Köpfe in Grossaufnahme und die Salti die Wände hoch werden im Studio vor blankem Projektionshintergrund vorgeturnt und danach in die Szenerie hinein kopiert und gezeichnet. In Entstehung wie Handlung wird alles je länger je surrealer, ohne dass wir je wirklich aus uns heraus treten würden, wenn wir diese Medienprodukte konsumieren. Ja, es wird immer brutaler. Und es fehlten die einheitlichen konsensfähigen Korrektive, was “geht”, und was nicht.


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