Und wenn es keine Autoren gäbe?
Nach der Lektüre eines Interviews mit einem Autor selbst ein bisschen weiter gedacht:
Wie, wenn es keine Autoren gäbe? Nur Texte.
Es würde bedeuten: Dass Gedanken, Argumente, Abhandlungen, Philosophien geschrieben würden, rein um der Inhalte wegen. Kein Wort würde – im Bemühen, den Autor zu erhellen – gebogen, gewälzt, verdreht, betont. Analytisches würde Rhetorisches plötzlich wirklich ausstechen können. Es gäbe nur Anhänger eines bestimmten Textes, einer Argumentation, eines Gedankens. Keine Fans von Autoren.
Und “wie-Du-mir-so-ich-Dir-Blogrolls” wären nur noch überflüssig oder gar peinlich.
Die Motivation, zu schreiben, würde auf ihren Kern zurück geführt. Es würde nurmehr geschrieben, was man als einer Sache dienlich betrachten würde. Womöglich würden sich umgekehrt Menschen getrauen, ihre wichtigen Gedanken auch zu äussern, die heute lieber schweigen, weil sie sich selbst nicht verwechselt oder dargestellt sehen wollen.
Und der Leser würde lernen, jeden Text wieder neu wirklich darauf zu prüfen, ob er etwas hergibt. Jeder neue Text hätte für sich die Chance, unvoreingenommen als Schrott oder Gold wahr genommen zu werden. Voreingenommenheit wäre ganz generell eine viel kleinere Gefahr.
Wer nicht an seinem Glanz feilen muss, baut anders an seinem Text. Es würde auch, ganz bestimmt, weniger geschrieben. Auch dieses Blog wäre viel dünner. Also, in seinem Quantum, meine ich.
Wie, wenn ich, wenn wir alle so schreiben könnten? Nur der Sache verpflichtet. Ohne Gedanken daran, was davon auf uns als Person abfärbt. Es hiesse, dass uns der Gegenstand unseres Schreibens genug bedeutet, dass zu dessen Wohl gesagt werden soll, was ich schreibe. Punkt.
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Claudio · 23. Dezember 2009, 17:32 · #
Ich fände es schade, wenn man die Autoren ganz ausblenden wollte, ganz genauso wie ich biografistische Interpretationen ablehne. Texte muss man auch mit unseren Vorstellungen von Autorschaft kritisch und unvoreingenommen lesen! Dennoch helfen Namen dabei, Texte miteinander in Verbindung zu bringen, Texte zu ordnen, zu klassifizieren und auszuwählen. Wir wären ja noch viel verlorener in der Informationswüste, wenn wir nicht wüssten, von wem ein Text geschrieben ist. Wie würden wir auswählen, welche Texte wir lesen wollen?
Ich fände es schrecklich, nur sachliche Abhandlungen zu lesen. Rhetorisches Glänzen ist doch so viel schöner, wenn es gewieft gemacht ist. Was nicht heisst, dass man sich von der Rhetorik eines Textes einlullen lassen soll, vielmehr ein Staunen, dass Sprache für sich schon Kunst ist und nicht der Sache verpflichtet.
Menachem · 23. Dezember 2009, 18:31 · #
Ja, Ich bin vor einiger Zeit auch schon mal darüber gestolpert, als unter jedem Zitat Kant, Einstein, Lessing, Fromm … stehen musste (mal von urheberrechtlichen Dingen abgesehen) oder “schon bereits Sokrates, Freud, xy hat gesagt…”, als müsste man den Leser oder Hörer mit solchen Einwürfen aus einem beginnenden Tiefschlaf zurück zum Thema holen.
Es ist wie eine Entmündigung, als ob der Leser nicht selbst in der Lage ist zu erkennen und zu entscheiden, was richtig und wichtig für jeden selbst ist. Aber, vielleicht ist er es ja mittlerweile wirklich nicht mehr.
Meine Lieblingszitate, weil so extrem sinnentstellt, nach denen ich am besten erst 10 mal tief durchatme:
Gott würfelt nicht und
Stell dir vor es wäre Krieg und keiner geht hin
Jean-Paul Robin · 24. Dezember 2009, 10:58 · #
Lieber Thinkabout
Wird dieser Gedanke nicht teilweise damit in die Tat umgesetzt, indem Sie, wie auch ich übrigens, unter einem Pseudonym schreiben? Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit.
Jean-Paul
Claudia · 24. Dezember 2009, 16:52 · #
Ein sehr männlicher Gedanke, dem ich phasenweise wegen seiner Schönheit und Reinheit auch angehangen habe. Männlich deshalb, da der Mann in einem mythisch-symbolischen Sinn für das Prinzip, das Gesetz, das Allgemeine, die Ewigkeit steht, wogegen die Frau den Einzelfall, das Konkrete, das Leben symbolisiert – und eben vor allem auch DIE BEZIEHUNG.
Letztlich suche ich Menschen im Web, mit denen ich in gute Resonanz komme (und vielleicht auch mal zu gemeinsamem Handeln im Einzelfall) – nicht bloße Texte und Gedankengebäude. Diese inspirieren und belehren, bereichern und verblüffen, bleiben aber doch unlebendiger Stoff für die Ratio, so ganz ohne den Menschen, der sie verfasst,
Was ich nicht mag, ist Autoren-Eitelkeit – lieber nenne ich mich eine Schreibende. Und immer bevorzugte ich ein wenig literarisches, sondern eher sachliches Schreiben zu Dingen, die mich bewegen – also nicht Sprache als Kunst, sondern als Austausch: so denke ich über jenes – und du?
In diesem Sinne werden mir gute Diskussionen unter Texten genauso wichtig, manchmal wichtiger als der auslösende Text.
Und noch etwas: ich zweifle an absoluten Wahrheiten, je älter ich werde, desto mehr. In den Anfangsjahren des Webs führte ich lange Mail-Gespräche mit Menschen, von denen ich nur den Nicknamen kannte – über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Heute mache ich das nicht mehr: wenn ein Dialog sich vertieft, frage ich nach, WER der andere ist und will z.B. das Alter wissen.
Denn ein und diesselbe Aussage kann einen 20-Jährigen als “Menschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck” ausweisen, von einem 50-Jährigen wäre sie töricht und weltfremd. Ebenso ist eine Rede über (Frauen-)Emanzipation nicht unabhängig vom Geschlecht des Redners zu bewerten – und über den Holocaust können/dürfen Juden anders schreiben als die Tätervölker.
Je mehr ich mich mit dem Schreiben befasste (auch in themenzentrierten Schreibkursen, die ich immer wieder mal anbot), desto klarer wurde mir: im Grunde kann man sich gar nicht wirklich verstehen, wenn man sich nicht auch die je eigene Lebensgeschichte erzählt. Diese fließt nämlich (zusammen mit Kultur/Sozialisation) in die Bedeutung ein, die man vermeintlich “allgemeinen” Begriffen gibt – z.B. Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Respekt, etc. Die “Ehre” eines anatolischen Türken ist nicht dasselbe wie das “Gesicht” eines Kambodschaners oder Thai – und der “Ruf”, bzw. das “Image” von uns Westlern ist wieder was anderes.
‘Kurzum: ohne den Autor/die Autorin werden die Texte tendenziell unverständlich bzw. hermetisch. Jeder interpretiert sie vom eigenen Gutdünken her – und das kann gänzlich unterschiedlich sein. Der Autor verhindert das zwar nicht (man kann ja nur den einen Text lesen), bietet aber immerhin die Möglichkeit, das Verständnis zu vertiefen.
Thinkabout @ Claudio · 25. Dezember 2009, 00:27 · #
Da spricht der Literaturstudent aus Dir. Sympathisch ist mir mir vor allem Dein Einsatz für die Rhetorik: In der Tat gehört die spürbare Lust am geschliffenen Wort mit zur schönsten Lust meines eigenen Schreibens. Aber gerade hier könnte man mit viel Grund sagen: Nichts ist so sehr der Gefahr der Egozentrik ausgesetzt, wie die Rhetorik. Also wäre gerade hier deren Einsatz und Studium in Ausblendung des Autors oder Redners besonders spannend: Verschwände sie womöglich aus einem Text ganz, wenn derAutor wüsste, dass er selbst keine Rolle spielen könne? (ist eine ziemlich intellektuell-hypothetische Diskussion hier. Doch, wer selbst schreibt, weiss wohl genau, welcher Art die Gedanken sind, die ich mir mache.
Thinkabout @ Jean Paul, Menachem · 25. Dezember 2009, 00:35 · #
Danke für die guten Wünsche @Jean Paul, und @Menachem, die Zitate liebe ich selbst auch sehr.
@Jean Paul: Ja, das Pseudonym. Man könnte es fast meinen. Doch, ich nehme an, Ihnen geht es auch so: Ob Max oder Moriz: Wir sind immer der, welcher schreibt, und wir reagieren auch mit Pseudonym auf das, was wir auslösen oder eben nicht. Und wir können das Ego nie ausblenden. Thinkabout ist nicht eine zweite Identität von mir, es ist ein Teil meiner Identität geworden. Und veröffentlichte ich ein Buch, und es würde, mit dem Namen Thinkabout, nicht gekauft, so würde das dennoch an meinem Selbstbewusstsein kratzen, nehme ich mal an. Und wehe, sie schreiben als Jean Paul ein Buch, und es ist erfolgreich: Sie werden als Jean Paul gefordert sein, dieser Ihrer und anderen Erwartungen gerecht zu werden. Wäre da nur ihr Text, wären wohl alle Schreibenden, ja vielleicht sogar die Lesenden, dazu aufgefordert, den Text weiter zu denken, zu entwickeln, eben das nächste Buch zu schreiben, das vielleiicht darauf aufbaut.
Thinkabout @ Claudia, Alle · 25. Dezember 2009, 00:45 · #
Die Gedanken, die mir hier in den Kommentaren geschenkt werden, sind sehr viel tiefer und breiter, als ich mir vorstellen mochte. Danke dafür! @Claudias Kommentar weckt in mir richtig die Lust, mal nach Herzenslust über das Schreiben an sich zu philosophieren. Und er bringt mich auf einen wesentlichen und spannenden Gegensatz:
In der Tat ist ein Text ohne Autor bei einem Blog fast ein Unding, weil die Interaktivität wie ein Gespräch das Bild vom Gegenüber voraussetzt. Es ist also ein grosser Unterschied, ob wir von einem Text reden, der in einem Buch oder in einer Zeitung gelesen wird, oder von einem Blog, in dem kommentiert und debattiert wird.
Soeben überlegt:
Vielleicht haben Journalisten deshalb mit Blogs tendenziell eher Schwierigkeiten, weil sie hier ganz anders als Person wahrgenommen werden, als in einem Zeitungsartikel. Im Blog schreibt auch auf einem Printportal zu allererst der Blogger und nicht “die Zeit” – auf Papier hört man danach in der Regel jemanden sagen: “Die NZZ hat heute geschrieben”.