Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Trüber Advent

∞  22 Dezember 2009, 13:45

Es sind irgendwie Tage des Trübsinns. Vielleicht eine Art Kontrastprogrammierung, damit das Fest der Liebe dann seine Wirkung tun kann?

Heiligabend ist für viele Menschen ein trauriger Tag, weil an keinem anderen Fest ihnen so deutlich vorgeführt wird, was Ihnen selbst fehlt.

Aber man muss gar nicht allein unter dem Weihnachtsbaum sitzen, um relativ mutlos zu werden. Es genügt ein Blick auf die Welt, vom Grossen zum Kleinen.
Kaum ein Konflikt auf der Welt, der schwelt, hat eine Geschichte und eine Entwicklung, die auf Besserung hoffen lässt. Der Hoffnungsträger Barack Obama wird je länger je mehr zurecht gestutzt werden auf ein Mass, das den Profithaien in seinem Umfeld erträglich erscheint. Die Klimakatastrophe juckt niemanden so richtig, doch die Frage unseres Nachwuchses, welche Welt wir ihm überlassen, piekst uns ganz gehörig – wenn wir denn hinhören. Das Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen in der Schweiz wie in ganz Europa müsste neu gelernt werden – Ansätze dazu sehe ich kaum. Dafür wird mit jeder vermeintlichen Angst ein politisches Süppchen gekocht und alle Seiten suchen nach dem Vorteil, der sich kurzfristig erzielen lässt. Mittelfristige Ziele, ganzheitliches Denken – nie fehlte so sehr Übersicht wie Überzeugung, dass sich solches lohnt und seine Kraft entfalten kann. Und: Nie haben in der Schweiz so viele Menschen allein gelebt, mit einem so hohen Lebensstandard – und mit so viel Angst vor Veränderung.
Die Schweiz steht mit drei der vier Nachbarländer im Streit wegen Steuerfragen. Wer sich in unserem Land als Sonderfall begreifen wollte, kriegt in diesen Monaten schmerzlich aufgezeigt, wie sehr sich der Wind drehen kann – und wie sehr er anschwillt, wenn die ersten Riesen mal mit dem Pusten beginnen…

Und wenn ich in meiner eigenen persönlichen Welt an die Menschen denke, die ich kenne, so stosse ich dabei auf so viel Leid und Verlust bei Freunden, wie wohl noch nie zuvor. Das bedrückt mich alles sehr, und mir ist eigentlich nicht nach feiern zumute.

Die vierte Adventswoche ist dieses Jahr ganz offensichtlich eine schwere für mich, und das soll auch so sein dürfen. Ich habe Ferien, Zeit, und den Willen, dem meine Gedanken zu widmen. Ich muss nicht die ganze Welt schultern, ich weiss. Aber ein bisschen an ihr zu verzweifeln, muss auch mal erlaubt sein.




  1. Jean-Paul Robin · 22. Dezember 2009, 16:09 · #

    Sehr geehrter Thinkabout
    Wer sich die Welt auf die Schultern lädt läuft Gefahr gebückten Rückens nur noch seine Fussspitzen zu betrachten. Sie tun dies nicht. Glückwunsch.

    MfG

    Jean-Paul Robin

  2. Claudia · 22. Dezember 2009, 16:16 · #

    Natürlich ist das erlaubt – aber ist es auch erwünscht?

    * Obama: er rettet natürlich nicht die Welt, wie man fälschlicherweise annahm. Aber sein Jahrhundertwerk “Krankenversicherung in den USA” scheint auf gutem Weg zu sein. Uns erscheint das marginal, aber für die USA ist es eine Riesensache!

    * Scheiternde Klimakonferenzen haben auch eine helle Seite: die Illusion, das Ganze werde schon irgendwie “von oben” geregelt, zerschellt und viele treten der Idee bei: das müssen wir “von unten” erzwingen!

    *Egal, wie die Welt für künftige Generationen sein wird: die neu in sie hinein Geborenen finden sie jeweils “ganz normal”.

    * Das Schweizer Minarette-Votum hat immerhin die Diskussion neu belebt – auf vielen Seiten! Und z.B. in Berlin gibt es (wie vermutlich in jeder großen Stadt) viele Beispiele gelungener Integration als auch friedliches Zusammenleben verschiedener Etnien.

    * Schweiz: es mag Streit um Steuerfragen geben, aber das ändert nichts daran, dass Deutsche die Schweiz und die Schweizer mögen! :-)

    Und ich mag deine besinnlichen Texte sehr!

  3. Zappadong · 22. Dezember 2009, 18:48 · #

    Und wieder war die Claudia schneller :-)

    Geholfen hast du auch mir, Claudia, denn ich bin gerade dabei, an dieser Welt total zu verzweifeln.

    Danke also, Claudia.

  4. Thinkabout · 22. Dezember 2009, 20:20 · #

    Also, liebe @Claudia,
    ich kann ja an manchen Tagen durchaus in die gleiche Richtung blicken, wie Du – und mag dann ergänzen:

    Ja, Obamas Krankenkassenwerk ist auf dem Weg, aber es hat die erste Hürde nur hauchdünn genommen. Es ist noch eine sehr lange Strecke – und wer weiss, welche Zugeständnisse in anderen Bereichen dafür gemacht werden müssen…

    Mit der Klimakonferenz an sich habe ich eigentlich gar nicht so sehr ein Problem: Es ist ganz gut, dass kein Wischiwaschi-Wohlfül-Weichspüleragreement verkündet wurde. Es wurden bemerkenswert klare Worte gesprochen. Den Blues bekomme ich angesichts der immer wiederkehrenden Beobachtung, dass gegen Bedrohungen nur dann wirklich etwas getan wird, wenn diese die Gnade haben, überfallartig über uns zu kommen, statt so dumm zu sein, sich lange vorher anzukündigen…

    *Seufz, ja. Aber ob es für die Jungen einmal noch in Ordnung sein wird, für die Alten die AHV zu zahlen? Versicherungen mit Solidaritätsgedanken haben es verd… schwer. Die bald einmal total abhanden kommende “soziale Kompetenz2 in unserer Gesellschaft beelendet mich wie nichts anderes. Immer weniger Zugehörigkeitsgefühl, und von Verantwortung will ich lieber gar nicht erst reden.

    Ja, die Minarette-Diskussion wollte und will ich selbst genau so. Und sie muss weiter gehen. Aber ich muss erst meine Batterien wieder aufladen.
    Und genau so, wie konkrete Modelle des Zusammenlebens mehr erzählt werden sollten, so kann ich – als letzten Punkt -. auch sehr viele gute Kontakte nach Deutschland mein eigen nennen. Vielleicht ist der Blues mehr in der Perspektivlosigkeit der Schweizer Politik begründet.

    Und, ach, das alles wäre sehr viel leichter zu ertragen, wenn wenigstens einer meiner Nächsten berichten könnte, dass es ihm besser geht. Der Mikrokosmos “Privat” ist eben der erste Stimmungsmacher.

  5. Thinkabout @ JP Robin · 22. Dezember 2009, 20:25 · #

    Danke. Da ich gerne den lauen Wind im Gesicht spüre und die Sonne mag, wenn sie mir die Wangen wärmt, werde ich weiter versuchen, den Kopf hoch zu kriegen.

  6. Claudia · 23. Dezember 2009, 01:36 · #

    AHV – das ist wohl ein Begriff für Altersrente?

    Ich hab selber nie mit Rente gerechnet und werde nur die “Grundsicherung” erhalten, da die Rente dank unsteten Freiberufler-Lebenslaufs noch sehr viel weniger sein wird. Das hat mich allerdings noch nie “beelendet” (schönes Wort!) – bin wohl einfach nicht der Typ, der sich um Zukunft sorgt. :-)

    Auch denke ich Alterssicherung nicht in Geld-Ansprüchen, sondern ich versuche, nützlich zu bleiben – in einem nicht-ökonomisch verstandenen Sinn. Und: Wenn es mal keine Menschen mehr geben sollte, die Wert darauf legen, dass es mich gibt, dann will ich vermutlich auch meinerseits nicht mehr sein.
    Kurzum: du hast recht, es ist ein Elend, dass solidarische Versicherungen auf dem Rückzug sind. ABER ich denke, dieses Problem muss man individuell lösen – dann hab man weniger Grund, “beelendet” zu sein!

  7. Zappadong · 23. Dezember 2009, 08:59 · #

    @Claudia: Die AHV ist ein Generatrionenvertrag: Die Jungen bezahlen für die “Alten”, die besser Verdienenden tragen die schlechter Verdienenden mit. Sie ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten sozialen Errungenschaften der Schweiz, weil sie auf totaler Solidarität beruht. Man nennt sie die erste Säule der Altersversorgung. Sie basiert auf einem ausgeklügelten, fairen Umverteilungssystem von Jung nach Alt, von besser verdienend zu weniger gut verdienend.

    Im Gegensatz dazu steht unsere zweite Säule, die obligatorischen Pensionskasse, in die alle Berufstätigen einzahlen müssen, die mehr als einen bestimmten Betrag verdienen (im Moment liegt der ungefähr bei 20’000 Franken pro Jahr). Diese Versicherung basiert – etwas vereinfacht gesagt – auf dem Prinizip, dass man für sich selber einzahlt. Ich empfinde diese Pensionskasse als ziemlich ungerecht, da nur Berufstätige ab einem bestimmten Einkommen von ihr profitieren (also keine Hausfrauen, wenige Teilzeitangestellte, keine Menschen, die unbezahlte Freiwilligenarbeit leisten ect.). Kommt dazu, dass mit diesen Geldern massiv an der Börse gehandelt wird und die ersten Pensionskassen die Schraube gemacht haben. Sprich: Das – obligatorisch! – einbezahlte Geld ist weg oder nur noch in beschränktem Mass vorhanden.

    Ich würde diesen solidarischen Versicherungen gerne den Rücken stärken. Zum Beispiel, indem man die erste und zweite Säule zusammenlegt und sie mit einem Generationenvertrag besiegelt. Zum Beipsiel, indem unsere Krankenkassen den Solidaritätsgedanken vermehrt wieder aufnehmen usw.

    Individuelle Lösungen sind für die Starken gut. Ein starker Staat schaut aber auch zu seinen schwächeren Menschen. Wobei ich hier – in Anspielung auf die in letzter Zeit geführten Diskussionen – nicht einfach auf grenzenloses Vertrauen in den Einzelnen und eine tolerante Haltung zähle, sondern auf eine fordernde, aber nicht überfordernde. Wünschens- und erstrebenswert wäre, wenn jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Beitrag leisten würde.


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