Stundenhalt: Werden wir wieder verbindlich, und damit verlässlich
abelegt in den Themen Kolumnenund Zugeneigt
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Je nach dem eigenen Temperament, nach der Art des Charakters, beantworten wir diese Frage sicher unterschiedlich. Dennoch haben wir alle ein Bedürfnis nach Sicherheit, nach Verlässlichkeit. Wir wünschen uns unsere unmittelbare Umgebung berechenbar – so langweilig das tönt.
Nur, was heisst das? Was brauchen wir dafür? Auch dies ist unterschiedlich. Und wenn Sie zu der Mehrzahl jener gehören, denen es heute besser geht als vor zwanzig Jahren, dann werden Sie vielleicht ein Stück weit erstaunt sein, feststellen zu müssen, dass Sie nicht unbdingt weniger Angst haben, weniger Gefahren für Ihre Sicherheit sehen, als früher. Eine Bedrohung liegt immer in der Luft, kann immer gesehen werden, ist mehr oder weniger greifbar. Dafür leben wir eng genug auf einander und ist unsere belastende Wirkung auf die Umwelt gross genug.
Was nun lässt uns diese Angst verlieren?
Dass wir einander “kennen”:
Dass das, was wir von einander wissen, ausreicht, darauf vertrauen zu können, dass der Nachbar mir nichts Böses will.
Wenn wir glauben können, dass alle oder die überwiegende Mehrzahl der Menschen Verantwortung fühlen und wahrnehmen, um dieses Zusammenleben zu erhalten oder gar zu verbessern.
Wenn gilt, was gesagt wird.
Wenn gesagt wird, was gedacht wird.
Wenn diese Art Verbindlichkeit da ist, welche bedeutet, dass man eine Meinung hat, dass man Werte kennt, die man nicht nur reklamiert, sondern für die man sich auch selbst in die Pflicht nehmen lässt, weil man – eben – ihren Wert erkennt und ihn “selbst wert sein will”.
Wenn es diese Verbindlichkeit gibt, welche nicht nur bekennt, sondern auch anmahnt.
Wenn die ehemals bekannten Werte etwas bleiben, für das man eine eigene Meinung riskiert, statt dass es nurmehr reine Worthülsen sind.
Hält das Leben keine konkreten Überlebensängste mehr bereit, ist Freizeit etwas, was nicht fehlt, sondern nur schwer mit Sinn erfüllt werden kann, ist die Realität des wirklichen Erlebens durch den Stellvertreter Fernsehen und durch das Internet ersetzt worden, dann verlernen wir es, unseren Geist und unseren Körper selbst zu befragen, ihn zu benutzen und zu schulen. Wir erleben immer mehr Dinge nur auf Distanz, haben dabei jede Menge Informationen und bekommen dazu genau so viele Meinungen geliefert, denen es immer mehr an dieser oben beschriebenen Verbindlichkeit mangelt.
Die Macht der Bilder verführt noch mehr zur Manipulation als die Macht der Worte. Wir finden uns nur noch vereint in der Übereinstimmung, dass jeder schon seines Glückes Schmid sei. Heute sagen wir Freiheit und meinen Unverbindlichkeit, als Recht aller zu unbegrenzter Individualität. Selbstverwirklichung soll das sein, was wir suchen: Anerkennung. Ganz dem Leistungsgedanken entsprechend. Dabei sind wir viel mehr als der Mainstream zuzulassen scheint.
Eine neue Frage macht viel reicher als ein nachgebeteter Gemeinplatz. Erst eine Toleranz, welche Angst und Unverständnis benennt und diese erst überwinden muss, ist verlässlich. Denn sie ist gelernt und nicht länger ein Lippenbekenntnis.
Der Angst der Muslime vor Ausgrenzung sollte mit dieser Art Toleranz begegnet werden. Und dabei ist auch klar: Der relative Frieden, in dem wir leben, schenkt uns etwas enorm kostbares: Die Zeit, uns kennen zu lernen. Raus aus den Schneckenhäusern, auf allen Seiten!
![]()
paz · 15. Dezember 2009, 08:47 · #
na ja, lieber kurt, das sind sehr gute und intelligente überlegungen die du dir anstellst. das alles macht sehr viel sinn!
zwischending: bin ich jetzt der viertausend-und erste?
persönlich: mir geht es nicht schlechter als vor zwanzig jahren
momentzwanzig jahre, das war 1989? nein, da ging es mir nicht schlechter! ich war jünger! hatte mehr pfiff und mehr power im arsch. bin damals gerade die weihnachtstage von wollishofen zurück nach stäfa gezogen, in das uralte haus an der seestrasse. eine riesengrosse wohnung, ehemals klosterschule, ehemals pferde-post-amt, ehemals teigwarenfabrik, ehemals bildhauer-atelier. habe die eine völlig verwahrloste wohnung mit eigenen mitteln, die halt damals, wie heute, beschränkt waren, zu einem bijou gemacht, und mit partnerin eine galerie für junge kunst darin eröffnet. arbeitete nebenher wieder im rössli als koch, und tat etwas für die gemeinde. man liebte mich auch damals! und angst im dorf hatte ich keine. niemand hatte angst im dorf. aber dorfleben ist halt auch, dass, wenn jemand irgendwelchen erfolg hat, auch plötzlich neider da sind, die das ganze schlecht machen wollen. das ist so! und angekratzte psychen erleben dies doppelt so schwer. paz hatte schon immer eine angekratzte psyche…paz kannte vor zwanzig jahren fast eine halbe dorfbevölkerung. von links nach rechts, vom hilfsarbeiter bis zum it-fachmann mit zwei mercedes-offroader in der garage… ängste kannte paz höchstens davor, seine rechnungen nicht bezahlen zu können. finanzielles… chickenshit! denn paz kannte auch den betreibungsbeamten und seine töchter.
der druck HAT zugenommen, lieber thinkabout!
heute habe ich extreme ängste! nicht weil es mir finanziell schlecht gehen würde, das nicht! und ich habe gute beziehungen mit fast allen meinen mietshaus-mitbewohnern. auch serbisch-kroatische-kosovo albaner (mit kopftuch), he! habe ich jemals gefragt, woher sie kommen, und welche religion sie ausüben wollen? wir tauschen… eingemaches scharf-saures gegen eingemachtes süsses! umgehen gemeinsam die waschordnung, weil wir glauben, dass mieter das untereinander besser regeln können, als eine verwaltung.
und! wir teilen unsere ängste! wir werden alle ende september rausgeschmissen aus diesem wunderbaren haus. damit leute, denen es heutzutage besser geht als vor zwanzig jahren, ihre träume vom NOCH besseren leben verwirklichen können. und da ist dann plötzlich kein platz mehr für unsereiner. ob verrückter küntsler oder muslimin. die welt wird aufgeteilt! und dass die säcke (!) die da land geerbt haben (sie haben nie dafür gearbeitet, sondern ihre eltern und gross- bis gross-gross-eltern) dieses dann dem meistbietenden a…s verkaufen, kann man ihnen ja auch nicht verübeln, nicht wahr?
nur wo bleiben wir? diejenigen mit der arschkarte?? wir bleiben dann auf den ängsten sitzen. tatsächlich! wir bleiben mit den ängsten der welt sitzen, weil wir uns nicht wehren können.
thinkabout! hör auf mit der ganzen muslimen-geschichte. es geht nicht um minarette, es geht nicht um islamismus, es geht nicht um burkhas oder kopftücher. es geht um’s überleben. das recht zu wohnen, das recht auf wasser, das recht auf ernährung. kopenhagen ist ein witz sondergleichen!
die fronten vermischen sich! früher konnte ich noch sagen, svp=schlecht! sp=gut! grüne=nochbesser! heute wird echt gemauschelt, und sogar einem politisch interessierten und gebildeten wird es fast schlecht… dem svp-präsidenten könnte ich heute noch eine figur der st.galler kathedrale in die fresse hauen, aber dem abgehobenen herrn jositsch auch! was ist da los?
klar ist für mich: die politiker werden zu stark! und lassen sich von der wirtschaft… alles experten, die schon lange das einfamilienhaus oder die super-eigentumswohnung (anstelle meiner mietwohnung)… und so…
ich sammle weiter abfall für meine gemeinde. und hoffe, dass ich vor dem 31.september 2010 sterbe. das gemetzel möchte ich nicht miterleben!
ach, den restlichen anteil des bevölkerungszuwachses habe ich ganz vergessen zu erwähnen…
hab ein gutes leben, thinky! und think weiter!
Richard · 15. Dezember 2009, 10:01 · #
angstfreies leben ist nicht möglich. es gibt mommente angstfreien seins – meist nennt man dies glück.
( glücksmommente – glückliche augenblicke u.s.w.)
die überwindung der angst ist eins der großen, ungelösten heilsthemen der menschheit.
um so erstaunlicher ist es, wenn in unserer saturierten, westlichen welt, welche rationell und im geschichtlichen rückblick eigentlich für die überwiegende mehrheit der dort lebenden menschen das paradies sein müßte, allein die über 60zig jährige friedenszeit in mitteleuropa, das haben dem sein vorgezogen und dann doch wieder emotional verworfen wird. sozialisation ist anscheinend theoretisch vermittelbar aber gelebt als individium?
Nachsatz – bayerische lebensweisheit:
die menschen sind gut – aba d`leid hoid!
Thinkabout · 15. Dezember 2009, 10:42 · #
Nicht zerreden
@ paz und Richard:
Eure Kommentare will ich nicht zerreden. Ich sage danke und lasse sie gerne einfach so stehen. Wenn uns Probleme und Freuden verbinden, wenn wir uns erLEBEN, dann haben wir was gewonnen. Immer.
SeelenLeerer · 15. Dezember 2009, 11:05 · #
Paz bringt es äusserst exakt auf den Punkt, wo den Menschen der Schuh in der heutigen Zeit drückt.
Welche Werte willst du von der Wirtschaft einfordern?
Nachdem die Banken von uns gerettet wurden, drohen sie unverhohlen mit Wegzug, falls die Vorschriften verschärft werden sollten, um einen weiteren Kollaps zu verhindern.
Wer von uns kann die Globalisierung wirklich erfassen und wer alles profitiert echt davon? Ausser den Superreichen, wie Herr Blocher zum Beispiel.
Wohin soll das Ganze führen und wie können wir dabei mitreden?
Mit wem als (verbindliches) Gegenüber überhaupt?
Diese Ohnmacht wurde auf einen Sündenbock gerichtet.
Der Witz an der ganzen Sache ist der, dass die Islamisten mit den selben Argumenten bezüglich Sittenzerfall auf die Suche nach Attentätern gehen. Wenn wir uns wieder auf alte Werte konzentrieren, dann wird alles wieder gut, wird hier wie dort versprochen. Die Islamische Hochkultur brachte zu der Zeit, als sie stark expandierte, vieles hervor, von dem wir heute noch profitieren, dann wurde sie von unserer Kolonialpolitik an den Rand gedrängt.
Daher diese immense Wut auf die USA, weil die heute noch Kolonialpolitik betreibt.
Unsere Blütezeit überlappt sich mit eben jener Kolonialzeit, als aus der ganzen Welt Warenwerte hierher geschafft wurden im Namen Christi. Nun wird beiden Seiten versprochen, wenn wir wieder gläubig wie früher wären, dann wäre unser Stellenwert in der Welt auch so gross wie damals.
Doch mittlerweile ist die Blütezeit des Shareholders (den übrigens Herr Blocher zusammen mit Herrn Ebner in der Schweiz salonfähig gemacht haben, davor gab es die Patrons, nicht dass die als Patriarchen besser gewesen wären, aber sie waren wenigstens dem Ort und den Menschen an diesem Ort gegenüber verpflichtet) und wir sind beide Verlierer, die Muslime und die Christen, weil keiner mehr ethische Werte einfordern kann. Wem gegnüber auch, der Shareholder hat kein Gesicht und deren Minarette, die Glastürme sind längst überall zu sehen.
Dummerweise ist der Shareholder inzwischen zu mächtig, um ihn noch angreiffen zu können. Also braucht er einen Ersatzfeind.
So muss nicht die Abhängigkeit vom System in Frage gestellt werden, weil wir alle viel zu tief drin hängen, wir alle viel zu viel zu verlieren hätten.
Jeder denkt, hoffentlich trifft es nicht mich, aber die Gewinnmaximierung wird uns alle aufressen. Nicht weil sie böse oder schlecht ist. Nein, ganz einfach weil es eine Hyperbel ist. 4% Wachstum oder Zins jedes Jahr führt rein rechnerisch zu einer Hyperbel. Wenn nun auch noch die Schwellenländer mit Resourcenverbrauch so richtig loslegen, weil sie endlich die Kohle dazu haben, wird es noch viel intensiver bei uns zu spüren sein.
Wer soll dann – womit – dafür bezahlen?