Stundenhalt: Das Leben findet statt. Mit uns?
Wie war denn Ihre Welt dieses Jahr? Sie wüssten bestimmt einiges zu erzählen. Vielleicht haben Sie aber auch das Gefühl, Ihr Leben würde “langweilig” in den immer gleichen Bahnen verlaufen und wäre bestimmt keine Erzählung wert? Da würde ich jede Gegenwette eingehen. Wenn Sie einmal ein bisschen tiefer graben und etwas länger darüber nachdenken, wird plötzlich das eine zum andern kommen. Genau so verhält es sich auch mit Ihrem ganzen Leben. Das Leben, das nicht spannend erzählt werden könnte, gibt es nicht.
Nun, egal, wie sehr sie protestieren mögen – bezüglich “der Welt” werden wir uns wohl schneller einig: Unglaublich, was da “läuft” und immer “los ist”. Je nach Sichtweise laufen die Dinge aus allen Rudern oder sie können genauestens analysiert werden. Auf jeden Fall sind sie Thema. Unsere Welt ist eine Medienwelt. Es kann uns gar nicht gelingen, sie nicht in der Weise gefiltert wahr zu nehmen, wie sie “die Medien” für uns selektieren und “aufbereiten”. Nichts ist heilsamer, um jede Illusion zu verlieren, als die Erfahrung, in einem fernen Land einmal zu verfolgen, wie und was (das vor allem!) über die Schweiz oder Europa berichtet wird. Es kann durchaus schockieren, was dabei ein Thema ist, und was nicht, zumal, wenn wir von Ländern reden, denen gemeinhin nicht zugetraut wird, dass sie die drehende Kugel, auf der wir uns bewegen, gleich in die Luft jagen oder zum Stillstand bringen könnten. Manchmal mag es Ignoranz sein, oft nur Unwissenheit, immer aber ist es auch das Bild, das schon besteht, welches mit bestimmt und sich vertieft.
Wie viel von unserem Wissen über die Welt ist angelesen – und wie viel ist erfahren? Die Antwort (die ich vermute) will ich Ihnen nicht geben, zumal dann auch noch zu beachten wäre, dass die Erfahrung, die ich als Tourist in einem Land machen kann, zwar eine tiefere ist, aber noch immer eine in vielen Dingen zufällige: Mir fehlt die Zeit. Uns allen fehlt die Zeit. Und weil wir uns die Welt anlesen “müssen” und immer mehr über die Welt zu lesen steht, haben wir immer weniger Zeit, die Mikro-Welt, die um uns ist oder wirklich wäre, zu sehen und in ihr zu leben. Wir machen uns statt dessen Sorgen um die äussere Welt, die sich vor unseren Augen manchmal scheinbar ohne uns weiter dreht, ihrem Verhängnis oder ihrer Bestimmung entgegen.
Dinosaurier erscheinen uns faszinierend. Dass es solche gewaltigen Viecher vor Abermillionen von Jahren schon gegeben hat, tröstet irgendwie über die Tatsache hinweg, dass wir in rund 4’000 “modernen” Menschheitsjahren die Welt ziemlich grundlegend verändert haben. Es scheint so, als gäbe es Pläne, die über unseren Horizont reichten – und wenn wir ehrlich sind, ist das zu begrüssen. Allerdings heisst das auch, zu erkennen, dass die Welt ohne uns auskommt. Und irgendwann auch wieder auskommen wird.
Für uns alle aber ist Zeit, so wie wir sie verstehen, eine messbare Linie von abfolgenden Ereignissen, Herzschlägen gleich, und damit ein höchst begrenzter Begriff. Die Unendlichkeit dieser Linie, die wir dieser Welt zudenken mögen, bleibt ziemlich theoretisch und auch ein wenig bedrohlich. Denn wir wissen, dass so, wie wir “sind”, wir auf dieser Linie eher früher als später keine Rolle mehr spielen. Als Einzelne wie als Spezies. Wäre es da nicht sinnvoller, die Welt wirklich zu entdecken, statt sie im Fernseher vorgeführt, gedeutet und gefiltert zu bekommen?
Was ist denn die Welt, die man uns zeigen will? Vielleicht läge da ein ganz persönlicher, stärker zu gewichtender Filter für uns bereit, nach dem wir die Nachrichtenflut am Nadelöhr der persönlichen Wahrnehmung besser drosseln könnten: Sucht die Nachricht den Konsumenten in mir? Warum will ich mich (schon wieder) informieren?
Und was mache ich mit dieser Information? Hat überhaupt irgend etwas Relevanz, das, wenn ich es “weiss”, nicht dazu führt, dass ich (bei mir) irgend etwas ändern kann? Was macht die Wiederholung der Nachricht(en), in Nuancen alternierend, mit mir und meiner Wahrnehmung?
Sollten die Antworten, die Sie sich auf diese Fragen geben mögen, dazu führen, dass Sie ausgerechnet dieses Blog nicht mehr lesen, so habe ich Pech gehabt. Ihr Glück kann es durchaus werden – wenn Sie sich diese Zeit wirklich für tatsächlich anderes erhalten. Für Ihre reale kleine Welt, die gross genug ist für ein sattsam spannendes Leben, womit wir wieder beim Beginn dieses Artikels wären.
::: Cartoon: Barbara Henniger bei cartooncommerz.de :::
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Relax-Senf · 30. Dezember 2009, 17:36 · #
Zu viele Aspekte um umfassend darauf einzugehen. Punktuell folgende Einwürfe. Wer auf alle Informationen verzichtet, also weder liest noch TV konsumiert, ist wohl sicher auch nicht als Blog Leser oder gar Blog Betreiber zu gewinnen. Es wäre aber vermessen, Blogger bessere Werte – welche Werte?? – zuzubilligen, wie Menschen, die nach hartem Tageswerk sich mit TV begnügen. Es ist ja eine individuelle Angelegenheit, was den Menschen Erholung und Entspannung verschafft. Mich wundert immer wieder wie locker Blogger TV-Couch- Potatoes als Dummy einstufen. Selbst wenn nur diese eine Information – ist Fernsehgucker – vorliegt.
Tatsächlich ist es so, dass wir durch Informationen eine Reizüberflutung erleben und eine ausgeglichene Balance beim Gebrauch der Info-Kanäle nicht täglich statt findet. Nicht zu vergessen sind die Liebhaber von Büchern, die nicht nur auf TV und weitgehend auf Zeitungen verzichten sondern Blog und Blogger kaum buchstabieren können geschweige denn das Medium als adäquate Info- und/oder Unterhaltungsquelle betrachten.
Zu viele Informationen? Der Wert von Informationen? Schädlich für die Psyche? Gut die uralte Erkenntnis “Wissen ist Macht” erfolgreich zu leben?
Eine willkürlich Zusammengewürfelte Anzahl Personen, wird nie eine einheitliche Meinung zu diesen Fragen vertreten. Nur schon die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner dürfte sich schwierig gestalten!
Eine lange Diskussion könnte ich mit Thinkabout auch über den Wert von Reisen als Tourist führen. Unbestritten ist, dass es für die Einzelperson(en) eine tolle Erfahrung sein kein die grosse Befriedigung auslöst und für Herz und Seele als Balsam im Alltags-Dasein eine wichtige Funktion erfüllt.
Nur als Tourist mir hat man in der Regel keine echte Berührung mit den Lebensumständen der Bevölkerung und vor allem den unterschiedlichen Schichten. Ich habe x Mal in Vier- und Fünfstern Hotels in Manhattan gelebt. Ja dieses Leben würde ich weierhin in den USA aushalten. Diese Erfahrung lässt aber gar keine Erkenntnis zu, wie wohl ich mich fühlen würde, müsste ich mit meinem US Einkommen in einem N.Y. Quartier leben.
Damit will auch festhalten, dass unsere Eindrücke von fernen Ländern im Voraus davon mitbestimmt werden, mit welchem Reiseprogramm und mit welchem Reisebudget wir an die Erkundigung der Welt und das Sammeln neuer Eindrücke gehen.
Ich denke. das tägliche Sammeln von Informationen, wo immer sie angeboten werden, ist richtig und wichtig, wenn es in diesem Moment unserem Sammelinteresse dient.