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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Solidarität - eine aussterbende Lebensform?

∞  20 Februar 2010, 17:14

Frau Zappadong hat in ihrem Kommentar einen bemerkenswerten Ausruf getätigt:

ein solidarisches Volk ist schwieriger übers Ohr zu hauen und auszunehmen als eine Horde von Individualkämpfern für den eigenen Vorteil.


Da ist was dran, nicht wahr? Aber für was fühlen wir uns denn überhaupt noch verantwortlich, mal abgesehen von der Familie und allenfalls allerengsten Freunden? Tatsächlich ist auch in der Politik zu beobachten, dass der Populismus allenthalben vor allem auch die Polarisierung fördert (und anstrebt). Es wird eine Negativ-Identifikation geschaffen, indem “die Anderen” definiert werden. Als Urheber eines Übels natürlich.

Nun, um Solidarität zu leben und sie also auch zu empfinden, braucht es eine Überzeugung. Es braucht Werte. Und eine Identifikation mit dem Gemeinwesen. Es muss mich dann eben etwas angehen, wenn es dem rechts und dem links von mir nicht gut geht. Solidarität würde dann auch eine Art Sicherheit bedeuten, eine tatsächlich vorhandene und darum nicht einzufordernde Einbettung in ein soziales Netz, in das niemand Löcher schneidet.

Allgemein akzeptierte Altersvorsorge-Konzepte sind schwierig zu gestalten. Dabei haben wir nur über Anpassungen zu befinden, diskutieren wir über Modifikationen an gewachsenen Strukturen, und ich habe ein wenig den Eindruck, dass, egal wie unvollständig, im Einzelfall ungerecht und damit unzulänglich das Modell auch sein mag, wir vor allem froh sein können, haben wir überhaupt ein System. Denn: Müssten wir eine komplett neue Altersvorsorge in diesen Zeiten erschaffen, so befürchte ich, dass wir die gesellschaftsintern dafür notwendige Gestaltungskraft und Solidarität nicht aufbringen würden…




  1. Relax-Senf · 21. Februar 2010, 02:57 · #

    @ Thinkabout
    Ein griffiger Titel und doch balanciert dargestellt. Die von @ Zappadong gewählte Beschreibung ist auch eingänglich. Deshalb, ich trete ich nicht gegen berechtigtes Nachdenken an.

    Einen wichtigen Aspekt, aus meiner Sicht, will ich aber doch erwähnen. Die Kommerzialisierung der Marketing Aktivitäten aller Hilfswerke und von ALLEN die auf Spenden hoffen, spült uns ununterbrochen Bittbriefe ins Haus, unterlegt mit herzzerreissenden Bildern und Geschichten. Das stumpft ab, sofern man die Post wegen dem vorhersehbaren Effekt überhaupt immer öffnet. Da sind ja auch noch die lokalen Spendenbedürfnisse zu berücksichtigen und da hat es immer auch die Institutionen, die wir aus persönlichen Gründen bevorzugt unterstützen. In unserm Fall z. B. den Schweizerischen Blindenverband.

    Wie schnell sind Paare heute auch bereit sich zu trennen, Jugendlich ziehen aus ohne auf den eigenen “finanziellen” Beinen stehen zu können und Frauen entscheiden sich bereits zu Beginn der Schwangerschaft, den Kindsvater in keinem Fall zu heiraten. Stellen werden aus einer Laune heraus oder wegen Kritik und Ermahnungen gekündigt.

    Sicher kenne wir alle Personen im sozialen Beziehungsnetz, wo wir das obige Verhalten dann verstehen !!! Aber die Masse solcher Entscheidungen, wo Personen letztlich darauf vertrauen, dass es schon irgendwie gut geht und wenn halt das Gemeinwesen einspringen muss, ritzt die immer und jederzeit geforderte Solidarität.

    Das Thema ist nicht mein Metier und deshalb ist es nur Versuch darauf hinzuweisen, dass das Thema sehr viele Facetten aufweist.

  2. Uwe · 21. Februar 2010, 12:16 · #

    Ist Solidarität nicht etwas, das aus Liebe und Mitleid, aus einer persönlichen Beziehung geboren wird?

    Ich wundere mich nicht darüber, daß eine lieblos organisierte und verwaltete anonyme Solidarität nicht dauerhaft funktioniert. Eigentlich kommt immer ein Mist heraus, wenn man das Gutsein dem Menschen gewaltsam verordnet, weil man nicht auf sein Gutsein vertrauen kann.

  3. dirk · 21. Februar 2010, 15:36 · #

    Ich kann mir Solidarität im Allgemeinen nicht vorstellen. Nur im Konkreten. Die Solidarität mit der gemobbten Kollegin. Die Solidarität mit dem kranken Mann im Haus. Die Solidarität mit den geschlagenen Kindern. Das fällt nicht schwer, selbst wo es Verzicht, Gefahr und Mühe bringt, denn es macht glücklich und froh und stolz – und man fürchtet sich nicht mehr vor vermeintlich bösen Nachbarn. Ich habe keine Ahnung, ob es funktioniert, aber ich denke, wenn jeder sich da solidarisch verhält, wo er ist, mit den Menschen, denen er begegnet, dann wird von unten ein Netz der Solidarität geflochten, das letztlich alle trägt. Zumindest herrschte ein Geist, darin weder ein Wettlauf der Hartherzigkeit noch einer der Gefühlsduselei aufkäme. Die organisierte, indirekte Solidarität ist in der Praxis immer Bürokratie (oder Business) und ruft verlässlich nach der Kostenfrage. Die direkt aber, die kann ich nicht einfordern. Nur selber leben und weiterträumen.

  4. Relax-Senf · 21. Februar 2010, 16:23 · #

    Ja, den Ausführungen von @ Dirk kann ich mich anschliessen. Bei direktem, konkretem und sichtbarem Nutzen fällt mir gelebte Solidarität viel leichter.

    Natürlich geht es im Artikel um die Staatsbürger-Solidarität bei der Rente und um soziale Gerechtigkeit, der ich mich nicht verschliesse.

    Es ist jedoch einfach so, dass ich nebst der Bittpost – die mit jeder Spende jeweils weiter anschwillt – häufig Anrufe aus Call Centern – da unterdrückte Nummer – erhalte und es auch an der Haustüre immer wieder klingelt, um Personen vorzufinden die wortreich an Bargeldspenden kommen möchten.

    Liebe Leser, ich nehme Solidarität ernst, aber Solidarität wird leider auch – für mich – mit inflationärer Tendenz eingefordert. Für mich schon mal Grund um penetrante telefonische Spendensammler nicht “swiss like” abzufertigen. Auch durch Auflegen, wenn die andere Seite nicht hört was ich zuvor anständig gesagt habe.

    Meine mir abverlangte Zuhörzeit ist nämlich auch Arbeits- oder Freizeit. Beides ist für mich sehr kostbar.

  5. Zappadong · 21. Februar 2010, 16:31 · #

    @Dirk: Ein wunderbares Votum. Danke.

    Diese Art von Solidarität meine ich. Wenn wir sie alle leben, weben wir einen ganzen Teppich davon.

  6. Thinkabout · 21. Februar 2010, 17:23 · #

    Wenn ich Eure Kommentare lese, dann stelle ich einmal mehr fest, dass ich ganz wunderbare Leser habe! Danke. Noch ein Gedanke:
    Ja, selbstverständlich kann man Solidarität nicht verordnen noch einfordern. Genau so, wie echtes Mitgefühl eine Qualität ist, die zwar in uns schlummert, die wir aber selbst frei legen müssen, indem wir ihren Wert erkennen, nicht zuletzt für uns selbst. Nur wie? Natürlich ist es richtig, dass wir von Apellen nur so eingedeckt werden. Aber auch richtig ist, dass ich hier eigentlich nicht die Spendierfreudigkeit meine, egal, wie verbindlich ich mein Engagement dann auch wirklich meine, sondern das Bewusstsein, dass diese meine Gesellschaft ohne die Solidarität, die in meiner Teilnahme daran liegt, nichts wert ist. Für mich nicht und im Grunde auch für mein Umfeld nicht. Sobald wir “den Staat” mit Menschen gleichsetzen, mit Nachbarn, binden wir den Begriff aus der Politik los und machen ihn zu einem Synonym für uns selbst und unser eigenes Umfeld. Wenn wir darin in Dirks Sinn Netze weben, dann machen wir die einzige wirkliche Politik, auf die es am Ende ankäme. Man stelle sich mal vor, die solidarische Kraft der Menschen wäre in diesem Sinne so stark, dass die Politik gezwungen wäre, nicht nach dem Munde von Lobbyisten zu reden, sondern nach dem Herzen der Menschen und ihrem Bedürfnis nach Frieden und Gemeinschaft zu HANDELN
    Naiv? Utopisch? Ja! Und enorm wichtig. Nicht wahr?

  7. Uwe · 21. Februar 2010, 18:47 · #

    @thinkabout
    Naiv, utopisch, den Staat mit den Menschen gleichsetzen, da bin ich ganz bei Dir. :)

    Doch komme ich nicht umhin, den Staat auch auf eine andere Art wahrzunehmen. Vielleicht kannst Du mir ja darüber hinweghelfen. Mein Problem ist dies:

    Ich vermute, nachdem was ich bisher so las, Herr und Frau Thinkabout sind solidarisch miteinander. Nehmen wir an, es gelänge ihnen, sich über die Verteilung der Arbeit, der Zeit und des Raumes und der Geldmittel so zu einigen, daß beide von sich sagen können, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Ganz sicherlich haben sie zusammen individuelle Lösungen gefunden und Vereinbarungen getroffen. Gesetzt also, sie sind es zufrieden. Und nehmen wir ferner an, auch Brüder, Schwestern, Eltern, Schwiegereltern, Nachbarn und Freunde wären glücklich mit den beiden, weil es ein Geben und ein Nehmen ist.

    Nun klingelt es an der Haustüre. Ein Gremium gutgekleideter Herren steht dort und sagt: “Guten Tag, werter Herr Thinkabout, wir sind die Vertreter des Gemeinwesens, dem sie von Geburt an zugehören und wir sind besorgt. Wir sind besorgt über sehr vieles und haben Angst, daß einiges sich nicht zum Guten wendet und vor allem haben wir Angst, daß alles schlechter wird. Wir nehmen diese unsere Besorgnis zum Anlass, Ihre Beziehungen neu zu regeln. Wir regeln für sie, und nicht nur für sie, keine Sorge, welche Unterstützung und welche Aufmerksamkeit, Sie wem zukommen lassen MÜSSEN, um die Dinge in die richtige Bahn zu lenken. Bitte stören sie sich nicht an dem harten Wort, denn es ist nur zu Ihrem Besten. Glauben Sie uns, wir haben den Überblick, den Durchblick und den Scharfblick. Überlassen Sie uns Ihre Kasse, Ihre moralischen Bedenken und Ihre Entscheidungsfreiheit, denn wir können besseres damit anfangen als Sie. Falls wir Sie nicht überzeugt haben sollten und falls Sie uns sogar als spirituelle Banausen betrachten, deren Ängste das erschaffen werden, was sie zu bekämpfen vorgeben, macht nix, denn Sie haben keine andere Wahl.”

  8. Thinkabout @ Uwe · 22. Februar 2010, 22:54 · #

    Ich glaube, dass das, was Du da beschreibst, das Gespenst ist, das gewisse politische Kreise erfolgreich so lange an die Wand gemalt haben, bis wir es alle zu reptieren begonnen haben. Ich weiss zwar nicht, wie der Staat in Deutschland wahr genommen werden muss, da ich nicht in D lebe. Wenn aber das, was Du beschreibst, der Status Quo ist – dann ist das allerdings schlimm. Noch schlimmer allerdings ist dann, dass es dagegen keinen Widerstand gibt.
    Die Reaktionen in den deutschen Medien (nicht von der Politik allein, sondern vorauseilend von den Journalisten) zum direktdemokratischen Entscheid der Schweizer gegen den Bau von Minaretten hat mir allerdings eine Ahnung davon verschafft.
    In einem Land allerdings mit so vielen direkt-demokratischen Instrumenten wie in der Schweiz erwarte ich tatsächlich, dass jeder einzelne erkennt, dass ER Teil des Staates ist, dass Veränderungen möglich sind und der Staat tatsächlich mehr oder weniger das abbildet, was wir verdienen. Er kann sich nur da so entfremdet und fremdbestimmend auf uns stürzen, wo wir ihm mit Gleichgültigkeit dafür die Ebene geben, auf der er Anlauf nehmen kann.

    Auch bei uns versuchen gerade die einst freisinnigen, liberalen Kräfte, die einmal staatstragend waren, mit dem Slogan von “weniger Staat” uns einzureden, dass sich dieser Staat aus möglichst vielem heraus halten sollen. Privatisierung bedeutet aber oft gerade Entfremdung.

    Diese scheinbar fremde Wesen Staat, die Krake, der Büttel, das alles begänne doch eigentlich auf Gemeinde-Ebene mit eigenem, gestalterischem Einfluss. Zumindest in der Schweiz. Wir haben die Mittel, mit denen man seine Zähne zeigen kann. Es liegt an uns, der Gleichgültigkeit, die sich oft selbst mit Toleranz und einer schwammig postulierten allgemeinen Freiheit verwechselt, etwas entegen zu setzen, was individuellen Einsatz für das Gemeinsame genannt werden könnte – und die Leistung des Tributs, den es dafür eben braucht.

  9. Uwe · 23. Februar 2010, 10:10 · #

    Danke für die Antwort, lieber Thinkabout.
    Ich weiß aus eigener Anschauung tatsächlich wenig über das Funktionieren des schweizer Staatswesens. Offenbar hast Du das Gefühl, dort etwas mitbestimmen und bewegen zu können.

    Offen gestanden habe ich dieses Gefühl nicht. Seit bald 30 Jahren mache ich alle 4 Jahre ein oder zwei Kreuzchen auf ein Papier, mal hier und mal dort aber was herauskommt, ist immer dasselbe: Unsere zwei großen und zwei kleinen Parteien koalieren mal so und mal so, während die Politik für mein Gefühl immer dieselbe bleibt. Nur mit viel gutem Willen kann ich marginale Unterschiede zwischen diesen Parteien entdecken und etwas anderes, als alle vier Jahre etwas anzukreuzen (Wählen erscheint mir dafür nicht der richtige Ausdruck), kann ich nicht tun. Mein Gefühl gegenüber der Regierungsbürokratie ist Ohnmacht und auch die Politiker selbst scheinen mir ohnmächtig zu sein. Ich sehe das deutsche Volk als ein Volk von Untertanen, die mehrheitlich ihres Selbstwertes beraubt sind und abhängig dem Geld und der Macht dienen. Ganz so, wie Heinrich Mann es 1914 beschrieb. Solidarität erschöpft sich hierzulande in der Frage, ob das “Kindergeld” 164 Euro oder 184 Euro betragen soll und ob Hartz IV mit rund 350 Euro zu hoch ist, während es in Dänemark 1200 Euro beträgt. Ich finde allein schon den Ansatz, Solidarität über Geld und Bürokratie regeln zu wollen, lächerlich.

    Niemand fragt mich, ob ich möchte, daß in meinem Namen Afghanen bombardiert werden oder ob ich Kernkraftwerke möchte. Ich darf zwar laut sagen, daß ich es nicht möchte aber sobald sich ein Wählerwille für derartig abweichende Wünsche institutionalisiert, tritt durch “Selektionsdruck” eine rasche Anpassung der Politiker ein, die sich binnen kurzem den “Sachzwängen” unterwerfen und auf die allgemeine Linie einschwenken. Ich empfehle www.flegel-g.de, falls sich jemand für die politische Landschaft des deutschen Feudalsystems interessiert.

    Ich jammere nicht darüber und will auch nicht diskutieren, denn rein persönlich bin ich sehr zufrieden und denke nicht daran, bei anderen Menschen etwas ändern zu wollen. :)

  10. Thinkabout @ Uwe · 23. Februar 2010, 14:17 · #

    Was Du ansprichst und mit dem Satz mit den Kreuzchen alle vier Jahre auf einem Papier zum Ausdruck bringst, ist genau das, was wir Schweizer empfinden: Was hier Demokratie genannt wird, ist meilenweit von dem entfernt, was wir selbst unter Demokratie verstehen. Bei uns unterstehen viele Gesetzesvorlagen einem obligatorischen Referendum – oder es kann für ein solches ‘Unterschriften geammelt werden. Theoretisch kann jeder Bürger einen neuen oder abgeänderten Verfassungsartikel lancieren. Wir stimmen ca. viermal im Jahr über wichtige Vorlagen auf Bundesebene und auf Kantonsebene ab. Wir bestimmen den Steuersatz in den Gemeinden selbst wesentlich mit, indem ein Gemeindesteuersatz der Genehmigung durch die Gemeindeversammlung, also durch die vorgeschriebene Einberufung der Versammlung der Stimmbürger, entschieden wird.
    Wir wählen unsere Parlamentarier – also die Volksvertreter im Kanton und für den Bund – aber wir wählen den Bundesrat, die Regierung, nicht selbst. Zumindest bis jetzt nicht. Dies ist Sache des Parlaments, das dabei die Konkordanz innerhalb des Vielparteienstaates der Eidgenossenschaft austariert. Wir haben zwar einen Chef der Bundesregierung, den Bundespräsidenten, aber der wechselt alternierend jedes Jahr. Unsere Minister sind mehr Chrampfer als Blender, wirken oft etwas bieder wie die ersten Bundesbeamten unter Ihresgleichen. Das hat alles oft Nachteile, aber es ist auch sehr bodenständig. So sehr, dass bei uns ein Bundesrat mit dem Fahrrad oder der Strassenbahn ins Bundeshaus zur Arbeit fahren kann.
    Wir kennen keinen Personenkult, dafür noch manchen Brauch. Wenn uns Michael Schumacher begegnet, fallen wir nicht in Ohnmacht, sondern erinnern uns daran, dass der auf dem Donnerbalken ähnlich lächerlich aussehen dürfte, wie wir selbst auch. Wenn das der Schumacher auch weiss, ist alles in Ordnung und er kann bei uns herzlich gern sehr ungestört leben. Ja, er spielt sogar übers Wochenende in einer 3.Liga-Mannschaft Fussball und sitzt danach auf den Holzbänken und isst eine Bratwurst mit seinen Mannschaftskollegen.
    Auch wenn wir es oft selbst nicht so genau kapieren: Ja, vieles ist bei uns ein wenig sonderbar, aber ich finde, in einer Weise, die sehr viel näher an der Realität ist als das, was uns in anderen Ländern aufgeführt wird.

    Und ich denke, wir können tatsächlich auf die Tradition der direkten Demokratie stolz sein, die uns lehrt, Mehrheitsentscheide genau so zu akzeptieren wie Niederlagen als Minderheit. Wir sind immer wieder abwechslungsweise in beiden Lagern.

    Manchmal tut es richtig gut, sich dieser Dinge wieder neu bewusst zu werden – und eigentlich ist das auch der Grund, weshalb dieses Blog nicht ein rein kontemplatives bis literarisches Projekt geblieben ist, sondern immer wieder Tagespolitik aufnimmt und in aktuellen Themen einen Stachel sieht, der so sehr “im Füdli” piekst, dass darüber auch was gesagt werden will. Demokatisch auch das – aber irgendwie mit viel mehr Chancen auf Nachhall, als dies bei Euch in Deutschland der Fall sein kann.

  11. Uwe · 23. Februar 2010, 15:39 · #

    @Thinkabout

    Mögliche Gründe dafür, daß bei Euch der Inhalt der Verpackung “Demokratie” etwas näher an der Deklaration ist: Ihr seid zahlenmäßig um Faktor 10 weniger und offenbar ist das Bewußtsein für Gleichheit bzw. Gleichwertigkeit in der Schweiz stärker ausgeprägt. Fraternité, Egalité und Liberté sind leider niemals in Deutschland angekommen.
    Brüderlichkeit gibt´s nur befristet und in kleinsten Einheiten, an Gleichheit glaubt niemand und vor Freiheit fürchtet man sich. :)

    Grundsätzliche Mängel der Idee einer Herrschaft des Volkes sind erstens das Festhalten an der Vorstellung, ein Herrschen und Beherrschtwerden sei unabdingbar und zweitens das Festhalten an der Illusion, daß es noch so etwas wie ein “Volk” gäbe. Die individuellen Unterschiede und Bedürfnisse von Menschen lassen sich immer weniger nach “Völkern” einteilen.

  12. Uwe · 24. Februar 2010, 09:31 · #

    Nachtrag:
    Frau Käßmann, Chefin der evangelischen Kirche in D, hat sich öffentlich wiederholt kritisch zum Afghanistan-Krieg geäußert, den rund 75 % der Bevölkerung nicht wollen. Am 12. Januar hatte sie ein persönliches Gespräch mit dem Verteidigungsminister. Nun gibt es ganz zufällig ein Skandälchen und ihr Rücktritt wird gefordert.

  13. Thinkabout @ Uwe · 24. Februar 2010, 10:51 · #

    Die Individualisierung ist auch bei uns zu beobachten. Gemeinschaft gewinnt Identität eigentlich nur noch im Zusammenstehen “gegen die anderen” (mit dem Ziel, im Innern dann möglichst allein, selbst und ohne Gemeinschaftspflicht für sich wursteln zu können?).
    In der Tat hat unsere Geschichte aber sehr viel mit Abgrenzung, Abspaltung und Freiheitsempfinden zu tun – mit der gleichzeitigen Notwendigkeit, sich als kleine Gruppe immer wieder anzupassen. Vielleicht haben wir es mit der Identität auch deswegen ein bisschen leichter, weil wir von unseren Strukturen her schon geübt und trainiert werden, diese Einigkeit zu beschwören, sie vom Kopf her immer wieder neu und bewusst zu wollen: Anders ginge es nciht in einem Land mit vier Landessprachen, mehr als 20% Ausländeranteil und einer hohen Eingebürgertenquote. Dem Bild des knorrigen Urschweizers zum Trotz sind wir eine Multikulti-Gesellschaft, welche ständig nach dem Gemeinsamen suchen muss.
    Etwas ganz Spannendes sprichst Du an:
    Die Geschichte, die das Volk im Umagang mit Freiheit hat, ist ganz wichtig: Traut man sich diese Freiheit zu? Traut man sie seinem eigenen Staat zu?

    Zur Frau Kässmann: Fast würde ich mir wünschen, die Politiker würden sich von einer evangelischen Bischöfin tatsächlich ein wenig in die Enge treiben lassen. Ich fürchte (und hoffe), es ist banaler: Tatsächlich weiss ich selbst, dass auch ein leises Vorpreschen, eine in den Wind gehaltene Nase, für mächtig Zugwind in sich selbst sorgen kann, und dann wird der eigene Stand getestet. Gegenrede, Entrüstung, Zuspruch – alles ist plötzlich heftiger und kommt nicht selten aus Ecken, in denen man es nicht vermutet hätte. Da kann man schon selbst schnell mal ein bisschen fahriger (kleines Wortspiel) werden…

  14. Seelenleerer · 24. Februar 2010, 22:06 · #

    Womit wir wieder beim Titel wären, dem Aussterben der Solidarität.
    So wie es aussieht, sind uns die anderen Länder bloss in der Zeit voraus. Wieder so ein “Vorurteil”, dass bei uns alles ein wenig langsamer geht. Doch die Richtung zeichnet sich immer klarer ab.
    Das Erstaunliche dabei ist, wir gehen offenen Auges darauf zu und können doch nicht anders. Als Einzelner fällt es uns leicht solidarisch zu sein, doch als Gemeinschaft scheitern wir in immer mehr Ländern.
    Warum wohl?

    Zum Thema Freiheit wäre die Frage interessanter, traut uns der Staat diese Freiheit noch zu?
    In Zeiten des immer grösser werdenden Misstrauens wird die Überwachung und Kontrolle immer rigoroser. Zu Zeiten der Fichen war es ja noch irgendwie putzig, doch das liegt mittlerweile weit hinter uns. Immer mit der Begründung, wer nix zu verbergen hat, muss sich auch nicht fürchten. Wie können wir uns da noch frei fühlen?
    In den USA ist der Patriot Act zum Schutze der eigenen Bevölkerung eingeführt worden. Wie lange sind sie uns darin voraus?

  15. mimikry · 26. Februar 2010, 04:07 · #

    Ein Aspekt, der oft bewusst unter den Tisch fallen gelassen wird in der populistischen Verunglimpfung jener “Anderen”, die da so “unverschämt Solidarität fordern” – die Arbeitslosen, die Sozialhilfebezüger, die Behinderten – ist das Fehlen des Bewusstseins dafür, dass das Verhalten eines jeden Einzelnen auch dazu beiträgt, dass es für diese Menschen immer schwieriger wird, für sich selbst sorgen zu können.
    Wir möchten möglichst billige Produkte kaufen, weshalb einfache Arbeiten nicht mehr in der Schweiz durch weniger Qualifizierte hergestellt werden, sondern irgendwo in Fernost. Wir sind nicht bereit, an der Migroskasse oder am Postschalter von Menschen bedient zu werden, die vielleicht nicht ganz so flink sind. Wir wollen keine Arbeitskollegen mit einer psychischen Erkrankung. Wir fordern Perfektion. (oder wie es so schön heisst “absolute Professionalität”).
    Alles was nicht hineinpasst in dieses Raster der Perfektion wird ausgesondert in die “sozialen Auffangnetze”, in Heime und geschützte Werkstätten – und dann beklagen wir uns darüber, dass diese “Aussortierten” und deren Beschäftigungstherapien, Beaufsichtigung und Verwaltung auch noch soviel kosten. Und wenn wir grad einen guten Tag haben, spenden wir vielleicht noch ein bisschen an den Blindenverein. Das beruhigt dann das Gewissen.

    (ich möchte mit dem “wir” niemandem zu nahe treten, aber ich wollte auch nicht “die anderen” schreiben, weil ich mich selbst aus diesem Verhalten auch nicht ausschliesse)

  16. Marianne · 27. Februar 2010, 20:58 · #

    Solidarität? Vor 2 Tagen las ich in der BAZ einen Artikel über die Dringlichkeit der “managed care”. Wer da nicht mitmachen will, soll in Zukunft 1400 Fr. Selbstbehalt bezahlen. Das sei nicht schlimm, werde ich getröstet. Der Normalbürger käme ja kaum auf diesen Betrag. Das betreffe vor allem chronisch Kranke, die viel zum Arzt müssten und mehr Medikamente brauchen. Solidarität?


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