Schluss mit Bio aus dem Hofladen
Wirklich Bio ist für mich nur der Einkauf auf dem Bauernhof. Die Eier von dem Huhn, das draussen gackert und in der Erde scharrt. Und wäre ich nicht Vegetarier, so würde beim Rindfleisch das Bewusstsein dazu gehören, dass es von einem Artgenossen jener Rinder stammt, die auf der Weide beim Hof grasen. So viel Realismus und “Produktnähe”, das ist Bio. Viele Bauern haben die Möglichkeiten, einen Hofladen zu betreiben, entdeckt und die Idee umgesetzt. “Mein” Hofladen allerdings wird bald Geschichte sein. An der Tür prangt ein Schild:
Ende Juli ist Schluss.
Grund: Es lohnt nicht. Der Bauer gibt auf. Zuviele Hofgänger haben eine genaue Vorstellung davon, welches Fleisch sie kaufen wollen, aber auf dem Weg vom Kühlregal zum Kässeli beim Eingang haben sie vergessen, was es kostet. Oder ob überhaupt. Sprich: Die biobewussten Konsumenten klauen wie die Raben. Der Bauer hat zwar vor längerer Zeit schon Videokameras installiert und auch darauf hingewiesen. Genutzt hat es offenbar nichts. Und es wird genug schlaue geben, die zwar bezahlen, aber einfach “so ungefähr”. Nur so zum Beispiel. Also wird es zukünftig nur noch Fleisch auf Bestellung geben, aber keine Eier, keine Kartoffeln, kein Gemüse und keine Früchte mehr. Und nichts in Selbstbedienung.
Ich frage mich echt, wie sehr sich diese Helden in ihrer Nachbarschaft als Biokonsumenten rühmen mögen. Zu dem Bewusstsein, dessen sie sich brüsten, würde nämlich sehr stark die Überzeugung gehören, dass biologisch gewonnene und gepflegte Nahrungsmittel ihren Wert haben – und also auch einen Preis. Wahrscheinlich stopfen sich säumige Bio-Produkte-Zahler daneben mit Pommes und Hamburgern voll – wenn schon nicht leicht zu klauen, dann muss es eben doch billig sein…
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Annegret · 14. Juli 2010, 20:36 · #
Ich komme selbst von einem Bauernhof und kenne die harte Arbeit, Ich bewundere die Landwirte, die neben ihrer normalen Arbeit noch einen Hofladen betreiben und dort ihre Produkte zum Verkauf anbieten, manchmal auch noch Kaffe und Kuchen. Wenn dann Leute die Produkte nicht schätzen, “billiges” Fleisch kaufen möchten oder sogar klauen, finde ich das total schade. Wir sollten die Natur und ihre Produkte schätzen.
Annegret
Relax-Senf · 15. Juli 2010, 01:35 · #
Das Klauen wundert mich gar nicht. Geld geben die Leute fürs teuere Leasingauto aus. Ferien müssen nur vordergründig teuer sein, tatsächlich gesucht werden Schnäppchen. Aber ein Schnäppchen ist nur, wenn sich für wenig Geld eine teuere Reisedestination vorspiegeln lässt.
Das Geld, das man in die Selbstbedienungskasse legt, bringt dem Image nichts, weil es ja niemand sieht, was man sich gönnt. Doch was die Imageblender nicht in die Kasse legen, müssen die anderen Kunden mehr bezahlen. Oder man schliesst den Laden! Schummeln und bescheissen ist so allgegenwärtig, dass es einem furchtbar Elend wird beim Gedanken.
Jutta Wilke · 15. Juli 2010, 11:18 · #
Zum Thema “bescheißen” – gestern erst erlebt.
Kind bei der Sommerrodelbahn.
Der Aufseher fragt: “Wie alt bist du? Darfst du überhaupt schon alleine fahren?”
Kind: “Sieben” stolzguck
Vater: (brüllt übern Zaun) “ Du Idiot! Ich hab dir doch gesagt, dass du heute acht bist!”….
Tja.. worüber wundern wir uns eigentlich?
Claudia · 15. Juli 2010, 11:19 · #
Verstehe ich das richtig: da wurde gar nicht kassiert, sondern jeder hat selber “nach Gutdünken” und unbeaufsichtigt Geld in die Kasse gelegt??
Da müssen die Betreiber aber recht naive Idealisten gewesen sein! In DE hab ich so ein Arrangement noch nicht gesehen. Nur ganz normales Abkassieren an der Kasse.
Natürlich ist es bedauerlich, dass so viele zum klauen und schummeln neigen – allerdings legt ein solches Konzept die Schwelle dafür auch maximal niedrig!
Relax-Senf · 15. Juli 2010, 13:39 · #
Natürlich kann man den Sittenzerfall in einer Weltstadt nicht mit dem intakten Sittenkleid, mit Sprenkelflecken, in der heilen Schweiz vergleichen :-)
Einkauf auf dem Bauernhof findet auch zu nicht bedienten Zeiten statt und die Bezahlung erfolgt in Eigenverantwortung. Häufig. Man hört dann auch nichts vom Geld klauen durch Drögeler, aber wer weiss schon ob die ganz normale Hausfrau für ihren Zehnfrankenschein nicht einen Zwanzigfrankenschein herausnimmt! Das Angebot “Blumen zum selber Pflücken” gibt es häufig, mit Eigenabrechnung. Da besteht dann noch die Schwierigkeit, dass man die Preise der Einzelblumen zusammen rechnen muss. Und dies auch noch im Kopf! Da muss es einen doch nicht wundern, wenn aus Überzeugung und Wirklichkeit ein Konflikt entsteht.
@ Claudia überrascht mich an dieser Stelle sehr, dass sie von “naiven Idealisten” schreibt! Ist dies der Weltstadt-Impact?”
Und mit der Feststellung, “allerdings legt ein solches Konzept die Schwelle dafür auch maximal niedrig!” tritt die sozial eingestellte Claudia in den Hintergrund und zum Vorschein kommt die Argumentation der Vertreterin einer Anwaltskanzlei!
Bei diesen Zeilen beherrscht mich Freude und grosses Grinsen, den die unschuldige Claudia Aussage zeigt doch wunderbar, wie sehr wir alle vom Umfeld und Aufgesaugten Sichtweisen beeinflusst sind. Und die sind im Grossstadtdschungel anders, wie in der ländlichen Idylle, wo Thinkabout und Relax-Senf hausen.
Thinkabout @ Claudia · 15. Juli 2010, 18:00 · #
Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich denke, er legt wirklich ganz grundsätzlcihe Unterschiede in den Mentalitäten und im Gesellschafts-Impact unserer Regionen offen.
Ja: Bei uns ist es durchaus üblich, dass Hofläden nur eine Kasse haben, d.h. eine Metallbox mit Schlitz.
Nach Gutdünken legt allerdings niemand Geld rein, denn die Sachen sind fein säuberlich angeschrieben. Bei uns gibt es sogar eine Wage mit Warencodes.
Und dass das funktioniert, oder funktionieren solle, wird bei uns tatsächlich als normal empfunden, denn schliesslich sind die Waren auch noch billiger als im LM-Geschäft.
Interessant auch der Terminus “Abkassieren”: Der ist bei uns in jeder Form negativ besetzt.
Ich finde dieses Beispiel auch interessant, wenn man die Debatte um die Steuermoral in D und der CH vergleicht, und auf unser System der Selbstdeklaration hinweist.
Und noch etwas:
Ich bin sicher, es gibt auch die anderen: Der Bauer findet am Abend in der Kasse einen Zettel: Guten Tag Herr Bauer, ich hatte heute nicht das richtige Kleingeld bei mir und schulde Ihnen für die Eier noch 6.50. Ich lege das Geld morgen in die Kasse.
Auch das gibt es. Naiv? Vielleicht, ja. Aber genau solche Kultur, noch immer in der Mehrheit vorhanden, wollen wir uns mit allen unseren Systemen gerne erhalten. Oder möchten es. Leider scheinen wir tatsächlich den gleichen Weg zu gehen, wie das Beispiel zeigt. Ich kann einfachnur eines sagen:
Wenn diese Form der Ehrlichkeit Kultur bliebe, wäre unser Leben ein Stück naiver. Das hiesse dann schlicht: Schöner.
Claudia · 16. Juli 2010, 10:20 · #
Nun, immerhin beschrieb der Artikel ja das Misslingen eines solchen Konzepts – in der Schweiz!
Meine zugegeben geringen Erfahrungen mit Hofläden machte ich in Mecklenburg und Brandenburg: da waren die Läden halt nur zu bestimten Zeiten geöffnet – und jemand war zum kassieren da. Ich muss direkt mal fragen, ob es das “Selbstzahlermodell” auch in DE gibt!
“Naive Idealisten” meinte ich nicht bös, es sind ja meist sehr liebe, sympathische Menschen, die eben davon ausgehen, alle anderen seien auch so. Und sich damit dann oft genug Enttäuschungen einhandeln.
Ich glaube , in kleinen überschaubaren Zusammenhängen, wo jeder jeden kennt, kann sowas noch ganz gut klappen. Das aber ist auch auf dem Land nicht mehr überall so: Neubaugebiete, in denen Pendler wohnen, bringen ein Stück Anonymität der Großsstadt aufs Land. Und wer den Bauer nicht persönlich kennt, hat eine geringere Hemmschwelle. Ich denke nicht, dass die Ehrlichkeit wirklich mit der Nationalität korrespondiert: eher mit Wohlstand/weniger Wohlstand und Größe der Gemeinden.
@RelaxSenf: es widerspricht m.E. nicht einer sozialen Einstellung, einen realistischen Blick auf die Menschen zu haben. Und der sieht dann eben auch den Erschaffer einer “verführerischen Situation” ein wenig in der Mitverantwortung.
Relax-Senf · 16. Juli 2010, 13:52 · #
@ Claudia
Habe die Zeilen korrekt gelesen und “verstanden”. Ein Ist-Zustand-Abgleich ist ja interessant. Mein mit Empathie geschriebener Kommentar sollte dies auch spiegeln. Philosophisch hängen geblieben bin ich daran, wie schnell die Opfer “gesellschaftlich” Täter werden! Ist ja klar ….. Kein Wunder wenn ….
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