RTL auf dem Tiefpunkt
Ich habe mir gestern DSDS – Deutschland sucht den Superstar angeschaut, und mich masslos geärgert. Eigentlich ist das falsch gesagt. Ich war, und ich bin entsetzt.
Da wurden doch tatsächlich zwei „Kandidaten“ in die Sendung eingebaut, die dadurch aufgefallen sind, dass sie sich bereits vier Mal vergebens für den Gesangstalentwettbewerb beworben haben – und zwar hoffnungslos vergebens.
Jetzt durfte die eine als Backstage-Reporterin auftreten und der andere durfte singen und tanzen oder das tun, was er dafür hielt. Das Publikum hatte seinen Spass, die Schenkelklopfer Grund zum Grölen. Die Gaudi war grenzenlos.
Damit setzte die Sendung nahtlos am Nachmittagstalk-Niveau an, bei dem mit einer bestimmten sozialen Schicht ohne sonstige Chance auf Beachtung hemmungslos Quote gemacht wird. Da werden Menschen mit ihren Träumen vorgeführt. Das einzige aber, was wirklich zählt, sind ihre Fehler und die geweckte Schadenfreude, mit der wir uns dann dabei unterhalten sollen.
Dass ein Sender dieses Prinzip ins Samstagabend-Programm hinein trägt, ist eine neue Steigerung dieses Formats, bei dem Menschen, die eh schon jede Bodenhaftung vermissen lassen, einmal auf den roten Teppich gestellt werden, auf dass sie definitiv jeden Sinn für ihre eigene Realität verlieren, um ihnen dann sogleich diesen Teppich mit einem endgültigen Ruck unter den Füssen weg zu ziehen, und sie ihrem weiteren Schicksal zu überlassen.
Menschen werden hier benutzt und der Müll, der produziert wird, hemmungslos gesendet. Und ich, hoffentlich nicht nur ich, sitze fassungslos da und blicke in die Fratze einer, nein unserer Gesellschaft, die so was erst möglich macht. Wenn wir dem Sender die Türe einrennen würden vor Empörung, würde das nämlich nicht passieren.
Ich höre das Argument schon: Das sind erwachsene Menschen, die selbst entscheiden.
Wirklich? Wir ergötzen uns doch gerade daran, dass es offensichtlich welche unter uns gibt, die genau das nicht können: Sich einschätzen. Das einzige, was wir mit ihnen teilen, ist vielleicht den heimlichen Wunsch, mehr Beachtung und Anerkennung zu bekommen. Hier wird mit Menschen gespielt. Punkt.
Dass unter den richtigen Kandidaten an diesem Abend die Frau mit der besten Stimme überhaupt ausschied, war die Quittung, die den Verantwortlichen dieses Machwerks zum Ende präsentiert wurde. Die Leidtragende ist auch in diesem Fall die Falsche: Francisca Urio ist als Ballerina aus einem Tanzbären-Wettbewerb ausgeschieden. Sie war ganz offensichtlich zu professionell. Das Publikum hat so bewiesen, dass es der richtige Adressat für dieses Format ist.
Wie haben sie getönt in Deutschland und vor allem bei RTL, und sich ihrer Kandidaten gebrüstet, sich mokiert über das Niveau anderer Talentwettbewerbe, und wie wie wurde das aufgenommen in der Schweiz und das letzte Format von Music Star und vor allem die Qualität der Kandidaten kritisiert. Was wir am Ende erlebten, war mit dem Final-Song von Fabienne eine positive Gemeinschaftserfahrung: Ein Mädchen mit einem Traum erlebte eine Sternstunde und wuchs über sich hinaus. Drei Minuten lang fühlte jeder Zuschauer: Diese junge Frau singt „um ihr Leben“. Es wurde fühlbar, erlebbar, wie gross der Wunsch eines Menschen sein kann, mit seiner Kunst auf der Bühne zu stehen und Menschen glücklich zu machen.
Mag sein, dass Francisca Urio trotzdem Karriere macht. Wer am Ende unter den paar Letzten der Selektion wirklich Beachtung findet, entscheidet nach einem momentanen Hype eh die Unterhaltungsindustrie – die Auswüchse hierzu, die hier in Deutschland offensichtlich wurden und so demaskierend zur Darstellung kamen, können aber nur gegeisselt werden.
Es gibt zu diesem Beitrag ganz bewusst keine Links Richtung Protagonisten. Wäre ja noch schöner, wenn damit den Machern noch signalisiert würde: Wir bekommen unsererseits Beachtung, wenn wir nur schön auf die Drüsen, Hormone und Minderwertigkeitskomplexe der Menschen drücken, die wir selbst zuvor bei ihnen ausgemacht haben (und ganz bestimmt auch selbst kennen).
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Vorschlag: Macht doch einfach Musik! Arno Horn Musik für Blasorchester

Tina · 2. April 2007, 05:33 · #
Ich habe diese Sendung nicht gesehen und kann sie somit auch nicht beurteilen, allerdings hatte ich andere Kostproben “Du hast die Haare schön” davon…
Mit Deinem Bildungsstand, Erziehung und Wissen siehst Du diese “Unterhaltungssendung” als niveaulos an und reihst Dich damit in die Schar der Kritiker ein, die bereits die ersten Schritte gegen diese Sendung unternommen haben:
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) wirft Bohlen folgendes vor:
“Beleidigende Kommentare der Jury sowie die redaktionelle Aufbereitung und Inszenierung der Auftritte einiger Kandidaten waren geeignet, die Entwicklung von Kindern unter 12 Jahren zu beeinträchtigen. In einem Massenmedium wurde vorgeführt, wie Menschen herabgesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden. Antisoziales Verhalten wird auf diese Weise als Normalität dargestellt.” Darüberhinaus könne die Show “die Entwicklung von Kindern unter zwölf Jahren” beeinträchtigen und “Werten wie Mitgefühl, Respekt und Solidarität entgegenwirken.” Und auch die Kirche hat sich schon eingeschaltet….
Trotz allem bin ich für die bunte Vielfalt in den Medien, die erlaubt, unterschiedlichste Sendungen auszustrahlen, sofern sie nicht wie oben beschrieben jugendgefährdend sind. Man kann ja wählen, was man einschaltet.
Ich gehe davon aus, daß sich bei dieser Einschaltquote tatsächlich viele Zuschauer gut unterhalten, (wie auch bei dem “Vormittagsklamauk” )die sich weniger tiefgründige Gedanken darüber machen. Nicht jeder versteht das Politbarometer oder die Themen Aeschbachers….
Man sollte nicht alles ausschließen, was aus der eigenen Perspektive heraus falsch erscheint, man muß nicht jeden einfachen Falter erschlagen, um nur noch die großen bunten Schmetterlinge zu sehen….
Man sollte alles sehen, vieles ignorieren, weniges zurechtrücken….
Inge aus HH · 2. April 2007, 20:24 · #
Guten Abend, Kurt,
sag mal, was tuste Dir da eigentlich an? Diese Sendung ist für mich langsam unter Normalniveau gerutscht. Klick und weg. Vielleicht ist es ein Zugpferd von RTL, aber ich halte da nicht mehr bei den Quoten mit, da gibt es besseres im Fernsehen. In der Zwischenzeit klick ich mich auch nicht mehr durch, ich marker mir in der Zeitschrift nur noch das an was ich mir auch wirklich anschauen will. Alles andere, da gibt es bei mir den “Willnichtknopf”. Im Computer ist es viel schöööööner.
Liebe Grüße von Inge aus HH
Caro · 2. April 2007, 21:13 · #
Mir kam bei Deiner Schilderung dieser australische Pianist in den Sinn: David Helfgott.
Nach einem Zusammenbruch psychisch zerstört gelangte er aber nach seiner, von seiner Frau verfassten, Biographie zu Berühmtheit. Sein Leben wurde – mit einer grandiosen Leistung von Geoffrey Rush – verfilmt, anschliessend gab er, basierend auf dem Erfolg des Filmes, eine Tournee nach der anderen. Ich selbst war zu einem Konzert eingeladen und bekam im Anschluss mit, wie sich ein Profi-Musiker abfällig über die Technik Helfgotts äusserte.
Eingezwängt zwischen geldgeilem Marketing und der intellektuellen Brandmarkung der U-Musik-Elite sass dieser Mann ganz alleine da vorne auf dieser Tonhallen-Bühne und spielte – für sich und für die Menschen.
Damit will ich jetzt überhaupt keine Stellung beziehen, ich weiss bis heute nicht, auf welcher Seite ich stehen würde.
Hier seine Homepage:
http://www.davidhelfgott.com/
Janna · 3. April 2007, 11:20 · #
Ich sehe nicht regelmäßig fern und dann nur ausgewählte Sachen – aber diese Sendung von DSDS habe ich mir einige Male angesehen – warum?
Du kennst meinen beruflichen Hintergrund – und deshalb verfolgte ich vor allem die Entwicklung der Kandidaten. Ich bewundere den Mut dieser oft sehr jungen Menschen, sich eben dieser oft „merkwürdigen und verachtenden“ Kritik von diesem Bohlen zu stellen, bewundere das Durchhaltevermögen und das Selbstbewusstsein – ich hätte das niemals geschafft!
Und für mich waren die Veränderungen an den Kandidaten, die nun in diesen Wochen zu sehen sind, bemerkenswert (auf Einzelne möchte ich hier nicht eingehen ).
Zu den beiden von dir beschriebenen besonderen Menschen, die da „vorgeführt“ wurden deiner Meinung nach, möchte ich etwas erzählen – ich seh das nämlich anders.
Besonders der junge Mann , das ist doch ein typischer Verlierer, ein „looser“ und eigentlich weiß er das auch. Und nun hatte er seinen großen Auftritt, wie im Theater – und nun kann es gut sein, dass sich sein Leben ändert! Dass er etwas schafft, was vorher nicht möglich gewesen wäre, dass das eine positive Chance gewesen ist!
Dazu nun meine Geschichte: Ich hatte einen kleinen, blassen, sehr schüchternen Buben in der Klasse, der sich nie etwas getraute, die Mutter war schon ganz verzweifelt – aber in einem meiner Theaterstücke war er die Idealbesetzung für die Hauptrolle . Ich brauchte lange, um ihn zu überzeugen, dass er das könne….und bei der Aufführung wuchs er über sich hinaus und war hinreißend! In der Woche danach kam seine Mutter, freudestrahlend, und erzählte mir: „Heute ist der Thomas zum ersten Mal die Wasserrutsche gerutscht, das traute er sich doch nie und alle lachten ihn deshalb aus…“ – und von da ab begann er sich zu verändern.
So sehe ich das. Und so wünsche ich das den beiden.
Leider sieht das das Publikum nicht – und das Publikum ist, finde ich, das Schlimme bei der Sendung….da ist das Niveau deutlich gesunken.
Schlimm ist auch die total falschen Entscheidung, die einzige Persönlichkeit, die Franziska, nicht weiterkommen zu lassen – siegen wird wieder ein Mann oder dieses blonde Dummchen – schade, Chancen vertan.
Ich grüße dich
….J Janna