Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Nicht Grabesruhe, aber Friedhofsstille schon

∞  26 September 2008, 20:10

Friedhofsruhe. Der Begriff ist erfahrbar.

Die Natur auf einem Friedhof ist ja von Menschen gepflegt, gebastelt, gestutzt, gepflanzt.

Könnte es sein, dass der Mensch am Ort, an dem er seinem Ende so direkt entgegen sehen kann, mit mehr Ehrfurcht zu Werke geht als gewöhnlich? Sind Friedhofsgärtner Genies?

Warum liegt auf einem Friedhof nie Abfall rum? Wird er sofort entfernt – oder gar nicht hinterlassen?

Oder ist auf einem Friedhof einfach deswegen Ruhe, weil ich mir selbst Stille gebiete?

Warum sieht man auf einem Friedhof nie Menschen, die es eilig haben?

°

update 23h46:



Bild: Jüdischer Friedhof Zürich, Friesenberg



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Die Vielfalt der Lebens- und Glaubenswege ist Teil des menschlichen Reichtums

  1. Marianne · 27. September 2008, 16:26 · #

    Warum ist uns der Friedhof so wichtig? Was suchen wir eigentlich dort? Ich fühle mich auf einem Friedhof irgendwie verloren, ich hatte auch nie das Bedürftnis, jemanden dort zu “besuchen”. Mir liebe Menschen, die gestorben sind, trage ich in mir. Ich spreche mit ihnen, ohne Worte, täglich. Was in einem Grab liegt, hat für mich keine Beziehung mehr zu dem Menschen, den ich kannte. Seine Seele ist wichtig, nicht sein toter Körper. Und seine Seele ist nicht auf irgendeinem Friedhof.

  2. von Relax · 27. September 2008, 18:10 · #

    @ Marianne
    Meine Frau denkt und handelt wie Sie. Ich wiederum habe das Bedürfnis bei einem Besuch in der alten Heimat auch das Grab der Eltern zu besuchen. In der Zuneigung zu den Eltern macht dies keinen Unterschied zwischen mir und meiner Frau. Wir gehen einfach individuell damit um. Und dies ist gut so. Sei es bei diesem Beispiel oder bei vielerlei anderen Dingen und Themen.

  3. Sina · 30. September 2008, 08:49 · #

    Friedhof
    ist für mich ein Ort der Begegnung.
    Begegnung in Form von Erinnerungen, jedoch auch
    real.. treffe ich Menschen, bekannte oder fremde,
    mit denen ich auf diese oder jene Weise kommuniziere.
    Der Friedhof ist für mich ein wundersamer Ort,
    denn ich begegne auch mir. In aller Stille,
    Manchmal erkenne ich an der Gestaltung des Grabes
    Züge des Toten, seine Vorlieben zu Lebzeiten, auch seine Beliebtheit und seine LIebe zu Anderen.
    Nicht manchmal, oft. Ich gehe gern auf den Friedhof, ganz bewusst, nie schlendernd nebensächlich.
    Eine Traumfängerfigur und eine Regenbogenskulptur haben es mir angetan, auch die Traumtänzerin mag ich besonders.. Gräber erzählen mir Geschichten, auch alte, aus meiner Vergangenheit, Kindheit.

    Ein Friedhof ist für mich Leben.

    Meine Sicht und mein Gefühl.

    liebe Grüße
    Sina

  4. Zappadong · 6. Oktober 2008, 16:18 · #

    Lieber Thinkabout

    Ich traure.

    Und da habe ich mir bei dir ein Plätzchen gesucht, an dem ich verweilen kann. Nicht wegen des Friedhofs – die Seelen der Verstorbenen sind anderswo. Sondern wegen des besinnlichen Schreiborts.

    Vielleicht ist es der Respekt vor dem Tod, der die Friedhöfe zu dem Ort macht, der sie sind. Da mein Bruder bei der Gemeinde arbeitet (und dort Gräber ausheben und nach gut 20 Jahren auch wieder aufheben muss, kenne ich mindestens aus Erzählungen auch eine andere Friedhofseite).

    Friedhof ist Erinnerung. Die Namen der Toten erinnern uns an sie. Lassen uns beim Vorbeigehen der Gräber fragen, wer sie waren, wenn wir sie nicht gekannt haben. Man sagt, dass Leute, die in der Erinnerung leben, nicht sterben. Vielleicht brauchen wir deshalb die Namen auf den Grabsteinen.

    Friedhöfe erinnern an die Vergänglichkeit des Lebens. Manche Leben sind zu kurz. Viel zu kurz. Vielleicht macht auch das nachdenklich, wenn man über Friedhöfe geht und auf Grabsteinen liest. Solche Gedanken lassen uns ganz nach innen kehren, weg vom Lärm, hin zur Stille. Vielleicht ist es deshalb ruhig auf Friedhöfen.

    Friedhöfe sind für die Hinterbliebenen. Ein Ort, an dem sie sich erinnern können. Ich selber möchte nicht auf einem Friedhof begraben werden. Vielleicht ist das egoistisch. Vielleicht sollte ich meine Lieben fragen, ob sie diesen Ort der Erinnerung brauchen würden.

    Um auf den Anfang zurückzukommen: Vielleicht braucht die Trauer einen Ort. Und der kann Friedhof heissen.


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