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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Muslime: Zentral scheint nur Ratlosigkeit zu sein...

∞  5 Mai 2010, 21:30

Seit der Abstimmung über die Minarettinitiative ist viel Zeit vergangen. Zeit genug auf jeden Fall, dass aus der scheinbar allgemeinen Entrüstung über einen Schweizer Volksentscheid ein weiteres Lehrstück über die Funktionsweise der Medien geworden ist – und leider auch eine Demonstration dessen, wie muslimische Interessenorganisationen mit den Fragen der Integration umgehen – gefangen in einer Art Hilflosigkeit – oder in den eigenen partikulären politischen Interessen.

Es waren ein paar Interviews nachzulesen mit Vertretern muslimischer Verbände, und natürlich wurden fortschrittliche, weltlich orientierte muslimische Frauenrechtlerinnen gehört – und ein paar Frage-Antwort-Spiele abgedruckt. Aber, mit Verlaub, haben Sie persönlich den Eindruck, es würde sich irgend etwas auch nur in kleinsten Schritten bewegen?
Ein einziges Thema findet in allen Medien nachhaltigste Beachtung: Zu den gefühlten rund dreihundert bisherigen muslimischen Verbänden ist ein neuer hinzugekommen. Offenbar hat er die gleichen Ansprüche wie die schon zu mehreren bestehden bisherigen muslimischen Verbände, die alle für sich in Anspruch nehmen wollen, die Interessen der Muslime bündeln zu können.
Diese neue Gruppierung, ich meine jene Gruppierung mit den besonders strammen und besonders bleichen und besonders bärtigen Köpfen konvertierter Muslime mit Schweizer Wurzeln, führt das Wort “Zentralrat” auch gleich im Namen und soll mittlerweile 1000 Mitglieder zählen.
Das ist ein 400stel aller Muslime in der Schweiz. Aber dieser Teil hat 98% des Medieninteresses auf sich vereinigt und macht in erster Linie einmal den Muslimen aller Richtungen vor, was denn wirkliche Medienarbeit in etwa bedeuten würde. Hierzu muss man sich nur einmal die Web-Auftritte der verschiedenen Verbände, so sie denn überhaupt diesen Namen verdienen (die Webauftritte), neben einander ansehen.
Die etablierten Führer der Muslime aber scheinen in immer neuen Wellen des Staunens über den Lauf der Dinge gar keine Worte mehr zu finden – und die Botschaften der Verteter des Forums für einen fortschrittlichen Islam erschöpfen sich irgendwie auch in den immer gleich klingenden Verlautbarungen.
Ich vermisse auf allen Seiten die Fähigkeit zum Dialog, und kann einen solchen vor allem auch zwischen den verschiedenen muslimischen Organisationen kaum ausmachen.
Derweil erschöpft sich die überkonfessionelle Wahrnehmungsdebatte muslimischer Identität anhand der Insignien im öffentlichen Raum, neuerdings auf feinstofflicherer Ebene: Vom Stein des Minaretts zur Beschaffenheit der weiblichen Kleidung.
Auch diese Debatte kann geführt werden. Oder könnte. Entscheidend aber wären die Bekenntnisse zur Teilnahme an jener Art öffentlichem Leben, die bei uns zur Ausbildung aller Bürger und zur Ausübung der Bürgerrechte gehörten. Und hierzu gibt es nach wie vor keine klaren Bekenntnisse, die an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig liessen.
Stattdessen kann man die oben schon erwähnten Bärtigen vernehmen, die eine Sharia “selbstverständlich nicht angewendet sehen wollen, da man ja hier in einem mehrheitlich demokratischen Staat lebe”.

Und genau dies bleibt wohl die Krux für uns Menschen mit westlich-christlicher Kultur im Umgang mit Muslimen: Wir glauben zu wissen, dass, wäre die Mehrheit der Einwohner muslimisch, ein drastischer Wechsel der Präferenzen und der Grundwerte stattfinden würde – und dass, im Schutze einer entsprechenden Bewegung, so manche zusätzliche Kraft zu wirken begänne, die überall dort schlummert, wo in Parallelgesellschaften Menschen bei uns leben, welche unsere Gesellschaft als wertlos, minderwertig und moralisch unterlegen betrachten.
Eine solche Sichtweise ist einem überzeugten religiösen Herzen eigen – nicht nur im Islam. Und darum, genau darum reicht es nicht aus, nur den Reflexen zu vertrauen. Es braucht praktische Beispiele des Dialogs und Austauschs, Lebensmodelle moderner Muslime – die westliche Demokratie leben und glauben wollen und können – und es braucht explizit das Engagement jener 85 oder noch mehr Prozent, welche mit muslimischen Wurzeln weltlich unreligiös europäisch in der Schweiz leben wollen: Gerade sie sollten erkennen, dass es eine Aufweichung der Grenzen braucht, welche bisher jeden wirklichen Dialog in den massgeblichen Fragen der religiösen Riten und inhaltlichen Überzeugungen verhindert hat.
Muslime aller Präferenzen – macht Euch die Integration in der Schweiz endlich zur allgemeinen Aufgabe. Und wir Ein-heimischen sollten die Herzen für alle diese Versuche öffnen und auch immer wieder Vertrauen für solche Versuche aufbringen – und bei allen unseren Forderungen für das Bekenntnis zu unseren Werten des Zusammenlebens uns auch bewusst sein, dass damit auch gefordert wird, dass wir mit unseren eigenen religiösen Riten keinerlei Druck und Rechthaberei aufbauen sollten:

Wir sollten alle dem Staat geben, was der Staat braucht, um für uns den öffentlichen Raum gemeinsam lebbar zu machen – und allem misstrauen, was uns vermuten lässt, wir hätten die einzige Wahrheit gefunden.

Und wenn wir das schon glauben, dann sollten wir auch wissen, dass diese Wahrheit keinerlei Gewalt benötigt, um sich behaupten zu können. Und dass sie alle Zeit hat, mit friedlichen Mitteln überprüft zu werden, vertieft, gestärkt.
Wir hätten im Miteinander so viele unermessliche Vorteile zu entdecken…




  1. Titus · 6. Mai 2010, 01:16 · #

    «…und es braucht explizit das Engagement jener 85 oder noch mehr Prozent, welche mit muslimischen Wurzeln weltlich unreligiös europäisch in der Schweiz leben wollen»

    Warum gehst Du davon aus, dass das bisher nicht der Fall war?

    Waren die Muslime je eine Thema vor der Anti-Minarett-Initiative? Ich meine nein und zwar vor allem deshalb nicht, weil niemand nach ihrer Religion gefragt hatte und weil sich niemand an ihrer Religion störte. Religion sei Privatsache und genau danach haben 85 Prozent gelebt.

    Sie wurden doch erst durch die fragliche Initiative für uns zu «Muslimen», oder nicht?

    Worin ich mir noch nicht im Klaren bin, ist die Vermischung zwischen Integration und Religion. Ist es richtig, die beiden miteinander zu vermischen? Was bedeutet denn für Dich Integration?

  2. Thinkabout @ Titus · 7. Mai 2010, 21:56 · #

    Mir ist aufgefallen, dass viele dieser 85%-Muslime sich ein Minarettverbot wünschten, weil sie darin ein Signal gegen die fanatisch-fundamentalen Strömungen erkannten – und dass sie aber umgekehrt alles scheuen, in Debatten offen dagegen anzureden – weil man eigene Familienmitglieder nicht brüskieren wollte. Separation und Abgrenzung zu inneren stark religiösen Membern des eigenen Clans ja – offene Diskussion und Debatte nein. Das schickt sich nicht, ist beleidigend, unwürdig, zieht die Ehre der Familie in den Schmutz.
    Wenn Religion Privatsache ist, dann werden diese 85% weiter danach leben wollen – aber das könnte zwingend blaue Flecken bedeuten. Vielleicht muss man sich das eben zwar nicht erstreiten. Aber man muss es hochhalten.
    Nein. Für mich waren das Muslime schon zuvor. Wie viele von uns Christen sind. Aber wenn neben Dir ein Christ vermeintlich mit in Deinem Namen Wahrheiten verkündet, die nicht die Deinen sind – dann solltest Du Dich wehren und abgrenzen, nicht wahr? Das ist für uns weltliche Christen in unserer Heimat nicht schwer. Oder sollte nicht schwer sein. Für Muslime als Migranten sieht das ziemlich anders aus.
    Integration und Religion: Vermischung? Für uns ist das gut zu trennen. Unsere gesellschaftlichen Werte vertragen sich ganz gut mit den Regeln der Religion. Religion und kulturelle Heimat haben ihre Wurzeln am gleichen Ort. Für einen Mslim sieht das anders aus. Seine Religion greift viel direkter in seinen Alltag ein – und je nach Auslegung sehr absolut.
    Integration bedeutet also, dass ein gläubiger Muslim einen Weg finden muss, sich unserer Gesetzgebung und unserem Staatsvertändnis anzupassen, es anzunehmen und für sich verbindlich zu betrachten – egal, was in anderen Büchern steht.
    Integration bedeutet, dass ich mich darauf verlassen, dass er das aufrichtig meint und sich ehrlich gewollt danach verhält. Im Idealfall sieht er darin auch einen Wert.
    Wenn nicht – möchte ich eigentlich nicht mit ihm zusammenleben.

  3. Mara · 10. Mai 2010, 10:41 · #

    @thinkabout
    So als selber Nichtchristin – das geht aber ganz schön weit – und hat für mich viel mehr mit Assimilationals mit Integration zu tun (einseitige Anpassung und nicht gegenseitiges Zuhören und Aufeinanderschauen).

    Denn für manche gehört zum Staatsverständnis auch so christliche Selbstverständlichkeiten wie Sonntagsruhe (ich würde da gerne mal meine Wäsche waschen), kirchensteuer für Unternehmen, christliche Feiertage (für die eigenen muss man sich halt freinehmen.. egal wie gut das beim Arbeitgeber ankommt..) etc… soll man wirklich als NichtchristIn gezwungen werden das nicht nur als Fakt anzuerkennen (was garnicht anders geht wenn man hier leben will) , sondern auch noch toll zu finden?

    Man kann ja sehr wohl gesetzestreu sein und trotzdem es wagen einzelne Gesetze für überholt zu betrachten .. egal aus welcher religiöser oder nichtreligiöser Richtung man kommt.


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