Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Meine angegossene Wohlfühlgarantie

∞  8 August 2010, 21:46

Wir liegensitzen im Bett. Und frühstücken. Es ist schon mitten am Tag, aber ich lasse mir Zeit dabei, das wirklich zu registrieren. Das Brioche-Brot schmeckt köstlich. Sonntagsschmaus.

Ich schaue mir in den verspiegelten Kastentüren beim Kauen zu. Das ist gut auszuhalten, da ich kurzsichtig bin.

Vor dem Bett stehen meine Hauslatschen. Offene Sandalen, deren Riemen über den Rist längst undefinierbare Flecken tragen. Die Gummisohlen sind durchgetreten; sie stehen vorn und hinten vom Boden ab, als würde es sich bei den beiden Schuhen um am Sandstrand auf Grund gelaufene Ruderbote handeln, in die nun aber wirklich keiner mehr freiwillig steigen würde.

Aber meine Füsse wollen da rein. Denen passen diese Treter nämlich wie angegossen. Seit Jahren. Auch Sie kennen bestimmt dieses Gefühl von Schuhen, die sich längst jeder kleinsten Wölbung Ihrer Sohlen angepasst haben und in denen Sie sich einfach wohl fühlen. Sie stehen darin irgendwie aufrechter und gehen entspannter als in jedem anderen Schuhwerk. Sie schlüpfen rein, und es kann los gehen. Als wäre einfach alles zu schaffen. I am ready, folks.
Was für ein schönes Sinnbild für Geborgenheit, nicht wahr? So ähnlich kann es sein, wenn man unter Freunden wohlgelitten ist, wenn man einfach “hinein passt”, wie angegossen. Oder vielleicht haben Sie einen Lieblingsplatz, an dem Sie den Eindruck haben, dass hier alle an Ihnen vorbei gehen, und Sie grüssen, wie wenn es Ihr Wohnzimmer wäre. Die Vögel inklusive. Meine Haustreter wären vielleicht ein Albtraum für Sie, für mich sind sie perfekt, mag jeder Orthopäde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Und jeder Ästhet dazu. Für mich sind sie perfekt. Und es ist durchaus typisch, dass es sich bei vielen meiner innigsten Geborgenheitslieblingsmerkmalsdingen um scheinbare Kleinigkeiten handelt, ohne materiellen Wert, eigentlich ausrangiert, für niemanden erstrebenswert. Um so besser. Ich muss also nicht einmal darum kämpfen. Nur Sorge tragen sollte ich.

Ein paar Hausschuhe und die Gedanken daran haben mich irgendwie durch den ganzen Tag begleitet. Ich habe viele Dinge getan wie immer. Aber irgendwie war mir heute bewusst, wie schön sie sind. So herrlich gewöhnlich. Und dabei so persönlich.




  1. Claudia · 9. August 2010, 01:30 · #

    Es ist ein Elend, dass es heute kaum mehr möglich ist, zu irgendwelchen Gebrauchsgegenständen und Kleidungsstücken eine solche Beziehung zu entwickeln. Es sind auch typischerweise Hausschuhe, die du hier benennst – und nicht die Straßenschuhe. (die vermutlich öfter wechseln).

    Es geht nicht, weil die Dinge recht schnell verfallen – man nennt das “Produktoptimierung”. Was das Marketing schnell wechselnder Moden und/oder technischen Features nicht leistet, wird eben durch eingebaute Schnell-Vermüllung garantiert.

    Wo kämen wir auch hin, wenn eine Fahrradpumpe mehr als 20 Pump-Einsätze überstehen würde, bevor ein Plastikteil zerspringt? Oder ein teures Seidennachthemd, dessen Stoff sich nachhaltig dem schnellen Verschleiss entzieht, nicht mit Garn zusammen genäht wäre, dass rechtzeitig brüchig wird? Oder das Futter der Handtasche, der Lederhose, des teuren Jackets/Blazers genauso haltbar wäre wie der große Rest, dessentwillen das Teil gekauft wurde?

    Die Dinge sind nicht mehr dafür gebaut, sich in vielen Jahren dem Benutzer anzupassen, ihm ans Herz zu wachsen, Mittel der “Heimeligkeit” im kleinen zu sein oder gar Teil seiner Individualität zu werden. Sondern dafür, in genau kalkulierten möglichst kurze Zeiträumen ins Müll-Stadium überzugehen.

    Deshalb heißen wir in der Welt der materiellen Dinge auch nicht User/Benutzer, sondern VER-Braucher.

    Und alles wegen der Arbeitsplätze, ja, ja….

    Wie es mich doch ankotzt! Und doch weiß ich keine Lösung für dieses KOAN.

  2. Kay · 9. August 2010, 10:03 · #

    Danke. Jetzt fühle ich mich nicht mehr allein. ;-) Ich habe da so eine Hose… für zu Hause nur noch. Natürlich.
    Der Beitrag und auch der Kommentar von Claudia sprechen mir aus der Seele. Vielleicht müssen wir alle wieder ein wenig mehr Hoffnung entwickeln, dass sich fest Gefahrenes ändern lässt. Gelegentlich die Augen für die kleinen, schönen Dinge zu öffnen, ist auch hilfreich.
    Oder mit Lao Tse gesagt:
    Siehst du ein, dass du genug hast, dann bist du wahrhaft reich.

  3. Uwe · 9. August 2010, 15:10 · #

    Natürlich benutze ich Dinge genau solange, wie sie mir Freude machen und solange sie ihren Zweck erfüllen. Das ist manchmal länger und manchmal nicht so lange. Das eigene Urteil zählt dabei mehr, als das der betrachtenden Umgebung. Sein Herz an Dinge zu hängen, halte ich nicht für besonders segensreich.

    In diesem Zusammenhang ein Zitat (keine Ahnung von wem): “Der Materialist liebt Dinge und benutzt Menschen, anstatt Menschen zu lieben und Dinge zu benutzen.”

  4. Relax-Senf · 10. August 2010, 01:09 · #

    @ Thinkabout: Bei einem solchen Start in den Tag – andere träumen davon schon ein Leben lang, wie Frau Relax – würde mich auch die Wolke 7 Stimmung begleiten und mir das Schweben in alten Latschen vorgaukeln. Als ich kürzlich Brioche-Brot hatte, breitete sich bei mir auch ein besonderes Gefühl aus. Nach all den Leckereien die es gab, fuhr ich anschliessend ruhig und gediegen mit meinem Schlitten dahin und ich dachte er hätte sich in einen Rolls gewandelt. Dabei war es die Mischung aus Erlebnisessen und Wohlgefühl, welche im Kopf dafür sorgte, dass mein hart gefederter Abt zur Rolls-Sänfte wurde. Womit ich nur sagen will, dass der Kopf entscheidend ist. Nimmst du deine Latschen am Montagmorgen auch so wahr, wie beschrieben?

    Zurück zum Kern deiner Aussage. Gut 40 Jahre hat mich ein Mantel begleitet, hausintern “Bärenmantel” genannt, Nicht nur weil er braun war sondern die Oberfläche war langhaarig wie ein Bärenfell. Als ich ihn kaufte, war dies modetechnisch „state of the art.“ Habe zwar noch nie einen Bären gekrault, aber so stelle ich mir das entsprechende Gefühl vor. Schon lange Zeit hatte ich den Mantel nur noch zum Schneeschippen an und selbst dann nur, wenn es Huddelwetter war, also like cats and dogs raining. Auf jeden Fall war der Mantel eines Tages verschwunden, weil ihn Frau Relax entsorgt hat. Und ich meinne ganze entsorgt, und nicht in einen Sack gesteckt, für die Armen in Afrika. Meiner Meinung war der Mantel immer noch tipptopp, lediglich dem Modeanspruch wurde er nicht mehr ganz gerecht, mit seinem geilen 60-ziger Look. Achtung, gemeint ist das Jahrzehnt und nicht das Alter :-) Da es ein eisernes Gesetz bei uns ist, dass keiner vom Anderen etwas ohne Rücksprache wegwirft, kann daraus geschlossen werden, dass mein Bärenmantel bei Frau Relax unendlich viel Stress ausgelöst hat, wann immer er wieder ans Tageslicht durfte.


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