Mehr als nur den Respekt verloren
Es geht noch einmal um Fussball, aber wieder nur am Rande. Denn erneut ist dieser Sport in gewisser Weise nur das Brennglas, mit dem darauf hingewiesen wird, was unsere Gesellschaft wie sanktioniert. Und erneut geht es damit auch um eine Parabel in Sachen Regelwerk, Umgang mit diesem und dem, was daraus folgt (bzw. dafür schon Bedingung ist): Respekt.
Die WM ist vorbei. Die einstigen Lustfussballer aus Holland haben im Final versucht, den spielstarken Spaniern mit Härte den Schneid abzukaufen. Zum Glück vergeblich. Was wir zu sehen bekamen war ein sackgrobes Finalspiel mit unzähligen Fouls, welche die Gefährdung der Gesundheit des Gegners ganz bewusst in Kauf genommen haben. Der Schiedsrichter soll nun wieder der Dumme sein. Für den holländischen Trainer ist der Schiedsrichter an der Niederlage schuld, weil er vor dem Tor einen Eckball nicht pfiff und ein vermeintliches Foulspiel am eigenen Angreifer, für “neutrale” Kommentatoren war er schlecht, weil er nicht entschiedener durchgegriffen hat.
Holland hat schlussendlich dem möglichen Erfolg manchen Sympathiewert geopfert, am Schiedsrichter mag ich persönlich gar nichts festmachen. Sehr wohl aber am Umgang mit ihm:
Wenn man sieht, mit welcher Vehemenz die Spieler sich heute erlauben, über Entscheide des Schiedsrichters zu reklamieren, und dies meist ganz offensichtlich zu unrecht, der fragt sich schon, wo das hinführen wird? Howard Webb hätte in der Tat unzählige Spieler vom Platz stellen können. Er hat es nicht getan. Hätte er Recht gesprochen, es wären Spieler vom Platz geflogen, reihenweise. Allerdings nicht nur wegen brutalem Foulspiel (je nach Einschätzung und Wertung zwei), sondern auch für Ball weg schlagen bzw. weiter spielen nach dem Pfiff (nochmals zwei) und für Reklamieren (unzählige, auch Spanier, denn wenn das Palaver mal beginnt…).
Der Schiedsrichter hatte vielmehr ein gutes Gespür für das Spiel, wollte ein Finale nicht zerpfeiffen, hat nach zehn Minuten mit gelben Karten Zeichen gesetzt, und vorübergehend wurde es dann “gesitteter”. Aber es ist kein Zufall, dass er nun in der Diskussion steht. Er wäre ihm sowieso so gegangen:
Ganz offensichtlich ist die Vehemenz, mit der heute der finale Erfolg angestrebt wird, so bedingungslos, dass alles weit über die Regeln hinaus ausgereizt wird. Wenn das so ist, und der Schiedsrichter tatsächlich Richter ist, dann wird er in den kommenden Jahrzehnten jeden Final entscheiden. Weil sich die Protagonisten schon zuvor in einem Gleichen: Es besteht Grundübereinkommen, dass die Limiten ausgeschöpft werden. Alle. Und zwar nicht bis zum Punkt, von dessen Rechtmässigkeit man noch selber weiss, sondern bis zum Straffall, den der Schiedsrichter hoffentlich übersieht.
Der Sport ist ein wunderbares Beispiel, wie mangelnder Respekt Atmosphäre und Lebensqualität total vergiften kann.
Besser kann das nicht demonstriert werden, als wenn man diesen Final und den Halbfinal zwischen Spanien und Deutschland einander gegenüber stellt. Verlieren mag niemals schön sein. Aber Holland hat am Sonntag mehr verloren als eine Weltmeisterschaft. Zumindest in meinen Augen. Das muss niemanden kümmern, ich weiss. Aber wenn ich einen Jungen hätte, der Fussball spielt, und der würde gewissen Herren nacheifern, die am Sonntag sich auslebten, dann wäre mir gar nicht wohl.
![]()

Titus · 12. Juli 2010, 20:24 · #
Fussballer sind auch ausgezeichnete Schauspieler – und niemand stört sich wirklich daran. Die Kameras überführen ihre angeblichen Stürze zwar schon längst als simulierte Aktionen. Trotzdem bekommt keiner der Fussballer rote Ohren. Es fragt ja schliesslich auch niemand danach, warum sie sich denn absichtlich fallen liessen…
Was hat das hier zu suchen?
Auch bei diesen «Aktionen» geht es um mangelnden Respekt, mangelnden Respekt gegenüber der gegnerischen Mannschaft.
Lernen die Fussballer das eigentlich im Training? Falls nicht, dann dürften auch so die Trainer diese Simulantitis mitbekommen haben. Es läge auch bei ihnen, den Spielern nicht nur gegenüber dem Schiri, sondern auch gegenüber den Gegnern mehr Respekt einzuhauchen. Wenn nicht sie, wer sonst?
Nur: Solange wie es keiner macht und keiner besser macht, machen es halt eben alle genau gleich. Und selbst wenn es einer macht, dann ist in einer Herde schwarzer Schafe immer noch das weisse Schaf das schwarze Schaf…
Aufs zivile Leben umgemünzt bedeutet solches Verhalten zum Beispiel: Den Richter bei der Verhandlung wegen einer Parkbusse anbrüllen und berufliche Mitstreiter durch Theaterspielchen zu einer Verurteilung durch einen Richter zu treiben.
Schöne Vorbilder, diese Fussballer…
Wenn Fussball mehr sein soll als ein Sport, dann müsste ein Trainer auch mehr sein als einer, der nur fussballerische Fähigkeiten trainert…
Thinkabout @ Titus · 15. Juli 2010, 23:14 · #
Sportler müssen für die Gesellschaft scheinbar nicht mehr Vorbilder sein. Es reicht, wenn sie Spiegelbilder der Gesellschaft sind. Und bitte, erfolgreiche. Sonst lacht man über sie. Vielleicht haben wir ja die Sportler, die wir verdienen?
In England wird der eigene Stürmer ausgepfiffen, wenn er sich im Strafraum fallen lässt. Generell fällt auf, dass in keiner Liga so wenig Spieler sich am Boden wälzen wie in Englang. Grund: Es wird vom Publikum nicht goutiert.
Konsequenz auch hier: Die Spieler machen nur, was wir positiv sanktionieren.