Lärmverschmutzung mit gesellschaftlichem Dauerschaden
Die Politik kreiert den Begriff des Sozialschmarotzers. Sozialdedektive werden eingesetzt, um Sozialhilfebezüger, welche Leistungen erschleichen, zu überführen.
Boulevard und Politik schreien auf, das Bild des BMW-Fahrers mit Sozialgeld geht durch die Gazetten, usw. usw. Doku-Soaps im Privatfernsehen zu diesem Thema sind schon lange ein vermeintlicher Renner.
Der Staat prangert Steuersünder an und kauft illegal ebenso illegal beschaffte und kopierte Bankdaten von seinen Bürgern auf. Allenthalben werden Milchbüchlein-Rechnungen aufgemacht: Wieviel Sozialleistungen können durch den Einsatz der Detektive eingespart werden? Wieviel Steuergelder können durch den Kauf der gestohlenen Bankdaten eingetrieben werden.
Und dann wird bilanziert: Hat sich gelohnt.
Wenn wir uns da mal nicht etwas vormachen. Ich vermisse ganz generell in unserer “Gesellschaft” jedes Gefühl und die dazu gehörende Verantwortung für die Lärmverschmutzung. Damit meine ich den Umstand, dass jede solche öffentliche Debatte, bei der eine Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht mit pauschalisierenden Formulierungen wie die Sau durchs Dorf getrieben wird, Spuren hinterlässt: Die Protagonisten des öffentlichen Lebens profilieren sich ständig, indem sie mit der Keule auf Gruppen einschlagen, welche im Moment zum Abschuss frei gegeben scheinen, bzw. auf deren Kosten Stimmung und damit Auflage gemacht oder ein Wahlerfolg erzielt werden kann.
Richard hat es im Kommentar zum letzten Artikel treffend umschrieben: Was wir anhand des neusten Beispiels der Bankdaten-Affäre uns ausmalen können, ist zumindest, dass die endgültige Bilanz der ganzen Aktion nicht abgeschätzt werden kann: Denn im Verborgenen wird die Entfremdung weiter Teile der Bürger von “ihrem” Staat gefördert. Jede schwammige Grundlage der Rechtsstaatlichkeit, jede verbale Entgleisung eines Politikers auf einem vermeintlichen Saubermannsfeldzug lässt so manchen im Stillen fragen: Und wann gerate ich in den Fokus? Darauf zu antworten, wer seine Steuern zahle, habe nichts zu befürchten, ist mehr als naiv. Denn wie die zwei einzelnen Beispiele hier zeigen, lässt sich die vermeintliche Raison des Staates je nach Stimmungslage nicht eingrenzen (morgen ist es vielleicht wieder stärkere Angst vor Terroranschlägen), und wir haben uns folglich ganz grundsätzlich damit zu beschäftigen, welche Beugungen welcher Prinzipien wir durch welche Instanzen unter welchen Bedingungen zulassen sollen?
Wenn Sie mich allerdings nun fragen, wie wir diese Tendenz aufhalten könnten, dann habe ich keine Antwort. Ich glaube, es gibt sie nicht. Und zwar nicht zuletzt deshalb nicht, weil sich die wirtschaftlichen und wohlhabenden Eliten noch nie so wenig wie heute um das Gemeinwohl gekümmert und sich dafür verantwortlich gefühlt haben. Es mag keine Entschuldigung sein, dass sich ein Banker nur ums Geschäft kümmert, weil ja eh die ganze Welt nur das von ihm erwartet, aber es bleibt müssig, darüber zu diskutieren, was zuerst war: Der Unmut der Gesellschaft über tatsächlich fehlende Moral (Sozialschmarotzer, Banker, Unternehmer, Steuersünder, Arbeitsscheue) oder die Verunglimpfung der jeweiligen Bevölkerkungsgruppe unter einem Pauschalverdacht. Ganz eindeutig ist auf jeden Fall Folgendes: Es wird viel Lärm gemacht. Und dabei jedesmal ein Stück des Porzellans zerschlagen, aus welchem die Solidarität bestünde oder bestanden hat, welche uns über die Wohlstandschichten, über Ethnien und Generationen hinweg das Gemeinsame betonen liess. Diese Stimmen sind kaum mehr zu hören. Es hat sich sehr Vieles sehr schnell sehr drastisch verändert. Mittlerweile gibt es keinen kalten Krieg, keine atomare Bedrohung mehr. Die Bedrohungen wie “Terrorismus” oder “Klimakatastrophe” bleiben diffus. Wir finden immer weniger Gründe, zusammen zu rücken. Und genau darin gefährden wir uns selbst. Statt dass wir den Freiraum nützen würden, um gemeinsam zu gestalten, bauen wir uns die Supergarage für das Drittauto, kümmern wir uns um uns selbst und verlernen das Wichtigste jeder Gruppe mit Erfolgsaussichten:
Wir gewähren keine Kredite mehr, materiell nicht, und zwischenmenschlich schon gar nicht. Verlassen uns auf nichts mehr und glauben, uns das leisten zu können. Die Katastrophe, die wir selber sind, wird unsere Welt noch viel kälter machen. Und dafür wird es nicht unbedingt eine Klimakatastrophe brauchen.
Ich sehe es an mir selbst: Vor Jahren wäre ich für ein soziales Projekt, für eine gemeinschaftliche Arbeit, für ein finanzielles Engagement noch leicht zu begeistern gewesen. Heute halte ich mich lieber raus und pflege Freundschaften, schreibe Briefe, fühle mich am wohlsten, wenn ich auf intellektueller Ebene versuche, Zivilcourage zu zeigen. Aber ansonsten möge man mich bitte in Ruhe lassen. Mir reicht schon das entlarvende “Bäh, ein Gutmensch”, wenn man sich auch nur ein bisschen dem Verdacht aussetzt, idealistisch wohlmeinend sein zu wollen.
Ich (üb)ergebe mich dann mal ne Runde.
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JK · 3. Februar 2010, 08:11 · #
Der Kern der “Lärmverschmutzung” ist aus meiner Sicht Sensationsjournalismus. Im Kern geht es um ein “Produkt Nachricht”, das auf den Geschmack der Mehrheit zielt. Leider ist zu jedem beliebigen Thema “die Mehrheit” nicht an einer differenzierten Berichterstattung interessiert. Fußball zum Beispiel interessiert mich überhaupt nicht, Asien sehr wohl. Bei einem Freund von mir ist Fußball sehr beliebt, aber Asien nicht. Also wenden sich die Mehrheits-Fußballjournalisten und die differenzierten Asien-Journalisten an mich, und bei ihm ist es umgekehrt.
Das ist meiner Meinung nach primär eine Frage zwischen mir, dem Leser / Zuhörer / Zuseher und einer Zeitung / einem Radiosender / einem Fernsehsender. Ich denke (und bedaure das sehr), daß es da keinen Ausweg gibt. Keiner kann der Menschheit beibringen, zu allen Themen eine differenzierte Meinung zu bilden. Dann macht die ganze Menscheit nichts anderes mehr als Meinungen, davon wird keiner satt. Und ich kann es keinem Journalisten oder Redakteur verdenken, wenigstens hin und wieder für “die Masse” zu arbeiten. Die wollen ja auch hin und wieder essen. Jeder macht für sich etwas sinnvolles, das ganze schaukelt sich auf. Das Ganze wird anders als die Summe der Teile, und am Ende gefällt das Ergebnis niemandem.
Die Frage nach der Rechtsstaatlichkeit läuft auf das gleiche hinaus. Jeder macht seinen Teil “richtig”, und das Ergebnis gefällt niemandem. Ein Jurist hat mir einmal beigebracht: Wir wollten Gerechtigkeit, und wir bekamen Gesetze.
Richard · 4. Februar 2010, 09:50 · #
zur frage: war`s früher besser – bei den buddenbrooks gibt es einen bankier – einmal kein schweizer – der dem Sohn-Senator wg. der geplanten hochzeit der schwester des senators über den bräutigam nur die beste auskunft gibt – analog zu manch ratingagenturen- und nach der hochzeit dem “haus buddenbrook” die Schuldscheine präsentiert also so ganz neu ist dies alles nicht. zum zustand der gesellschaft glaube ich muß man sich hüten eine kausalität zwischen veröffentlichter und öffentlicher meinung grundsätzlich als gegeben anzunehmen.
siehe minarettentscheid – die quotenjäger brauchen headlines und alle 24std eine neue aufgeregtheit. das wirkliche leben findet weder in den gazetten noch in den privatmedien statt. bei uns in der BRD wird das leider viel zu wenig angefragt, da sind die Eidgenossen durch ihre basisdemokratie besser dran
zum sozialenengagement – mache seit ca. 5 jahren ehrenamtliche hospizbegleitung dadurch kann man wirklich erkennen welche bedeutung dieser vor langen jahren erschienen buchtitel “der mensch lebt nicht vom brot allein” wirklich hat.
auch daß es diesen blog gibt ist meiner ansicht nach “Dienst an der Gesellachaft”