Kommunikation und Netz und Interaktion und Konfusion und...
Norbert Bolz ist Kommunikationswissenschafter, und als solcher gibt er The European ein Interview zur schönen neuen internetten Kommunikation. Zwischendurch fragte ich mich, wie weit man als wissenschaftlicher Betrachter eines Massenphänomens zwangsläufig zur Überzeugung kommt, dass eine neue Scheinwirklichkeit als Wirklichkeit zu deuten ist? Wahrscheinlich aber pflege ich nur einen Abwehrreflex, der in mir schon nach dem ersten Satz ganz gehörig ausschlug:
Wie bitte? Facebook, Twitter oder StudiVZ als Religionsersatz? Das Geschwätz und der Austausch von Farmtierchen in einem virtuellen Spielchen als Religion?
Aber eben, der Herr Bolz ist Wissenschaftler und versteht Religion soziologisch: Das Netzwerk der Vielen, die alle über das gleiche Schwatzen, gibt dem Teilnehmer Rückversicherung, Rückkopplung. Das ist “religio” im lateinischen Wortsinn, wie Görlach in den Kommentaren erklärt. Dennoch regt sich bei mir die Vermutung, wenn denn die Deutung nicht absolut verstiegen ist, dass frühere Generationen an diese Art der Rückkopplung und Rückversicherung handfestere Erwartungen geknüpft haben dürften – und folglich auch ganz anders gefordert gewesen waren, selbst Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein… Aber wahrscheinlich ist das genau mein zweiter Holzweg. Denn das Interview will mich auch lehren, dass Kommunikation nicht das ist, was ich darin vermute: Es geht nicht um Wissenstransfer, nicht um Informationserhalt, um Frage und Antwort. Es geht um Geschwätz Vieler über das Gleiche. DAS schafft Geborgenheit. Das Geheimnis heisst Redundanz – also das mehrfache Vorhandensein der gleichen Aussage:
Wenn viele Fan vom Gleichen sind, und ich auch, dann gehöre ich dazu?
Zum ersten Mal lese ich schwarz auf weiss, was scheinbar mit Kommunikation heute wirklich gemeint ist: Lärm. Bewegung. “ich auch-Verhalten”. Mit Dualität hat das nichts zu tun.
Umgekehrt ist das interaktive Element des Internets aber nach Bolz auch der Grund, warum es kein eigentliches Massenmedium ist. Die Möglichkeit der Interaktivität bindet die Aufmerksamkeit des Konsumenten nicht an das Medium. Der Inhalt kann gar nicht in gleicher Weise bestimmt werden wie z.B. vom Fernsehen. Vielleicht ist das ja der Trost? Dass eben wegzappt, wer wirklich reden will? Und fragen?
Nur, wie ist das mit dem Zappen. Es geht durch alle Kanäle. Die Fernbedienung, der schnelle Klick ist vielleicht der Tod der Aufmerksamkeitsbindung und damit so manches Angebotes – aber die Vielfalt macht Breite. Nicht Tiefe.
Und so wird der Mensch eben der Natur entfremdet, versinkt in der digitalen Technik und deren rasanter Entwicklung. Hier treffe ich mich in meiner persönlichen Wahrnehmung mit ihm:
– um dann sogleich wieder allein zu stehen, denn – natürlich – ist für den Kommunikationswissenschaftler das alles folgerichtig, und der Mensch tut, was er tun muss:
Also: Ich finde, mein Halt war nie grösser, als in jenem Moment, in der ich in der Steppe Botswanas stand und die Elefanten in doppelter Steinwurfdistanz an mir vorbei zogen.
Zugegeben, wir können nun nicht alle unsere Zelte in Botswana aufschlagen, und es mag auch richtig sein, dass wir uns über Technologie definieren bzw. mit ihr versuchen, alles zu optimieren, was wir uns vorstellen, aber nicht tun können. Fliegen, Schwimmen, aber auch denken.
Ob das wirklich wo hin führt, wo wir uns wirklich finden können? Im Netz lernen wir in dieser Art “religio” ganz sicher kein vernetztes Denken. Aber dummerweise entfernen wir uns auch immer mehr von dieser Einsicht. Die Bescheidenheit des Einzelnen geht in diesem Massenlärm unter.
Dass dieser mich so sehr verwirrende Mann am Schluss darauf kommt, dass die Frage nach Gott längst nicht überflüssig geworden ist, verwundert mich nicht mal mehr:
Ich nehme einen Satz mit ins Bett, der mir wirklich gut gefallen hat:
Er sei wiederholt:
Der Mensch […] verliert seinen Referenzbogen, seine möglichen Selbststeigerungsgedanken, wenn er Gott aufgibt.
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Nochmal der Link zum Interview:
Das Internet ist kein Massenmedium
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Michael Kostic · 5. Mai 2010, 02:00 · #
Ich habe das Interview gelesen und bereue ein weiteres Mal auf gewisse Schlüsselwörter herein gefallen zu sein.
Ist es denn derart schwierig zu verstehen (zu akzeptieren?), dass wir das Resultat eines enorm komplexen Mechanismus sind?
Ein weiterer Wissenschaftler der vermutlich mit der folgenden Weissheit nichts anfangen kann:
“Nur weil ich nicht dazu in der Lage bin ein Ding, eine Sache zu vertehen, bedeutet dies noch lange nicht, dass es nicht verstanden werden kann”
LG
Claudia · 6. Mai 2010, 00:28 · #
Ich kann nicht behaupten, mehrheitlich wegen eines Informationsbedürfnisses online zu gehen: viel mehr schau ich z.B. heute abend hier rein, um zu sehen, was Du heute schreibst. Genau wie ich nachsehe, wer bei mir kommentiert hat und was auf einigen anderen Ebenen des “Social Web” so läuft. Und gelegentlich sprechen viele über das Gleiche, z.B. in den letzten Tagen ist Web2.o / das Internet wieder mal Top-Thema – auch du bist mit nun zwei Artikeln Teil dieser “Welle”.
Ich finde daran nichts schrecklich: es zeigt sich da ein normal menschliches Bedürfnis nach Gesellschaft und Gemeinschaft, man könnte auch sagen nach dem Affenfelsen, auf dem man in lockeren Gruppen zusammen sitzt und kommuniziert. Kommunizieren, Community, Kommunion – da braucht man doch nur der Sprache lauschen! :-)
Titus · 6. Mai 2010, 01:03 · #
Bei mir kamen sowohl die Fragen wie auch die Antworten ebenfalls ziemlich «schief» an. Und Widersprüche hat’s auch drin so von wegen «Internet ist das neue Leitmedium» und «Internet ist kein Massenmedium». Wie bitte soll das gehen?
Ansonsten halte ich diese Plattformen – von Netzwerken mag ich gar nicht erst sprechen – für weitere hilflose Versuche seitens Benutzer, der Langeweile zu entgehen… Oder wozu sonst dient das Geschwätz?
Uwe · 6. Mai 2010, 09:57 · #
Der Geist ist ein Organ, das beschäftigt sein will. Es möchte analysieren, ergründen, Probleme lösen und Ideen entwickeln, gelegentlich auch die eigene Brillanz feiern. :)
Bei der Gelegenheit sei erwähnt: Beine möchten auch gerne gehen, wenn nicht sogar laufen, Arme und Hände etwas fassen und greifen. Ein Grund vielleicht, dem Sitzen vor dem Bildschirm nicht zu viel Zeit zu geben. Und Augen möchten vielleicht mal wieder die Sonne sehen, anstatt dieser kleinen schwarzen Zeichen. ;)
Thinkabout · 7. Mai 2010, 21:43 · #
Willkommen auf dem Affenfelsen! Das Bild, @Claudia, ist wirklich gut. Um bei ihm zu bleiben: Es wäre nur vielleicht schöner, dieser Affenfelsen wäre auch mal eine Beiz oder eine Flaniermeile oder… Chräckers anfassbare Welt, eben… Und ich glaube, dass sich viele Menschen ein Stück weit ins Internet ätherisieren.
Um so schöner, wenn es dann eben zu realen Begegnungen kommt!
@Titus:
Die Sache mit dem Leitmedium hat wohl mit der journalistischen Vorstellung vom Leitartikel zu tun: Den soll(t)en auch alle Lesen, ist aber womöglich so brillant geschrieben, dass ihn nicht alle verstehen und der angesichts dieser Gefahr nur von Meinungsmachern und Alphatieren gelesen wird.
@Uwe:
Das sind in der Wirkung Leitartikel-Gedanken. .. Ich drifte dann bald mal ab zum Fernsehen. sic!
nils · 10. Mai 2010, 16:01 · #
Schöööner Artikel! Das Interview finde ich auch sehr interessant. Danke dafür!