Kindsein. Punkt.
![]()
Das Kind lebt im Jetzt. Es gibt nichts Wichtigeres als den Moment. Eigentlich gibt es nichts anderes. Niemand spielt so Ball wie ein Kind: Es gibt da nichts anderes als diese Kugel, die genau jetzt getroffen werden soll. “Selbstvergessen” nennen wir Erwachsenen dieses Spielen, und im Klang des Wortes lassen wir ein bisschen Wehmut mitklingen. Es steckt keinerlei Kritik darin. Forderungen nach einem vorausschauenden Handeln sind weit weg – und doch ist die Zukunft ganz nah. Dieses Kindsein ist nur ein Haltepunkt in der Zeit, und bald ist er, genau so, wie wir Erwachsenen es empfinden, wenn wir das hier schreiben und lesen, Erinnerung, ein Teil der sich dehnenden, immer weiter zurück reichenden Vergangenheit, die sich hinter uns als Kind ausbreitet, während gleichzeitig, wenn der Entdeckergeist voraus schaut, eine Ahnung einer riesigen Weite aufkommt, was noch wartet. Doch mit dem Bangen und Erwarten beginnt der Widerstreit mit der Zeit. Fortan blicken wir voraus und zurück und stehen dabei allzu oft neben dem Jetzt.
Interessant scheint mir, dass die erste vorausschauende Ahnung, die erste Beschäftigung mit Gedanken an Zukunft und Vergangenheit bei uns Kindern meist mit dem Gespür für die Endlichkeit zu tun haben: Der Tod ist ein schaurig Ding, das aber im Spiel sehr wohl vorkommt. Wir machen uns sehr früh Gedanken zu Anfang und Ende, und wir geben uns kindliche Antworten, in denen wir aber das Unbestimmte, Fragende noch viel leichter zulassen können als schon kurze Zeit später. Denn noch sind die Gedanken nicht “verkopft”, verbildet, versponnen mit angelerntem, mitgedachtem. Noch leben wir aus, was wir zu fühlen glauben und spinnen und weben unsere Bilder von Zeidimensionen in Spielformen und Vorstellungswelten aus. Vielleicht der letzte Moment, in dem ein Gefühl von Endlichkeit und der eigenen Schwerelosigkeit darin nicht von der Angst zu Boden gezogen wird?
![]()

Roman · 26. Mai 2010, 16:25 · #
In der Vergangenheit liegt der Hass, in der Zukunft die Angst. So ein weiser Spruch; von wem weiss ich nicht. Aber es liegt Wahrheit drin, wenn auch nicht – zum Glück – nur Hass und Angst, sondern auch Wehmut und Vorfreude, Glück und Hoffnung zu finden sind.
Das wichtigste im Leben ist das Jetzt oder – wie es die Indianer sagen: Das wichtigste im Leben ist ein friedvoller Tod. Es ist beides dasselbe. Wer sich die Zeit, die Ruhe und die Musse nimmt, um darüber nachzudenken, wird dem zustimmen.
Danke für den Text, Kurt! Kinder leben im Jetzt und jeder von uns hat das Potenzial, Kind zu sein. Mindestens zeitweise.
giannina · 29. Mai 2010, 13:26 · #
lieber thinkabout,
das ist interessant, denn häufig liest man es so: das kind sei im jetzt, der erwachsene nicht. und dann breche das erwachsensein ein, ins kindsein, und die unschuld sei dahin, die sterblichkeit werde erahnt, und plötzlich seien da düstere blicke in die zukunft.
ich würde das gern glauben – aber ich kenne es von mir ganz anders. ich war ein kleinkind von 2 jahren, ich erinnere mich noch in einem stuhl gesessen zu haben der einem hochsicherheitstrakt glich. auf meinem brustkorb war ein latz mit einer ente drauf. sie stand freilich auf dem kopf wenn ich sie ansah, und das störte mich. mich störten auch die krümel die von meinem mund auf die kopfüber stehende ente fielen, denn ich hatte es gern sauber.
und da schon, genau da, und da war ich der definition nach ein kleinkind, hatte ich in mir den wunsch: ich wünschte ich wäre erwachsen. ich wünschte ich wäre endlich ein grosser mensch der tun und sagen und lassen kann was er will, der sitzen kann wo er will und der draussen sein kann bei nacht. der bücher lesen kann über die sterne. ich hatte diese gedanken genau so und auch im folgenden. und deswegen bat ich meine mutter auch mit drei jahren, mir lesen beizubringen (und sie tat es und es war ganz leicht).
ich kann mich also de fakto nicht daran erinnern JEMALS im moment gewesen zu sein. mein streben galt immer dem morgen, schon als ich ein sabberndes menschenklößchen war. natürlich bin ich heute geneigt, das mit “karma” zu erklären, denn selbstverständlich entsprach nichts von dem einer kindlichen psyche und persönlichkeit. auch nicht mein hang dazu, schon im vorschulalter den leuten zu erklären dass es keine seele gebe. offenbar hatte ich diesen alten glauben doch von sonst wo mit auf diese welt gebracht?
kurios das ganze…und noch heute staune ich darüber und kann es mir nicht erklären.
dir aber dank für diesen artikel denn ungeachtet dessen glaube auch ich dass ein schlüssel zu frieden und erlösung im jetzt liegt.
sei herzlich gegrüsst
g
Thinkabout @ Giannina · 31. Mai 2010, 18:29 · #
Danke Dir für Dein Erzählen! Eine Parallele gibt es, an die Du irgendwie auch andockst: Die allgemeine Vorstellung, wir würden die “falsche Welt” zu den Kindern tragen, ist wohl zu kurz gedacht. Alle Kinder wollen erwachsen werden – und viele fühlen sich dabei in ihrem noch viel zu kleinen Körper unverstanden. DAS kann man immer wieder von Menschen hören, die sich zurück erinnern.
Interessant auch, wie viele Leute es gibt, die spontan sagen, Kind oder “ganz jung” möchten sie nicht nochmals sein…