Kambodscha - und andere Beispiele unserer Anmassung
Wir kümmern uns um die ganze Welt. Unsere Nachrichten schliessen die Hochs und Tiefs dieser ganzen Erde mit ein. Ausbeutung da, Artenschutz dort. Wir sind alle Ex- und Gegenwartskolonialisten. Gegenwart? Protestieren Sie nicht. Oder sagen Sie mir, warum Sie als Binnenländerbewohner meinen, Sie müssten Meerestiere essen?
Ich weiss, das ist sehr asketisch gedacht,und ganz bestimmt sitzt gleich mit am Tisch einer, der mir erklärt, dass unsere Lust am Meeresgetier ganze Heerscharen von Fischern ernährt. Alles richtig. So lange Brosamen an die Küste fallen – und nicht der Mangel gänzlich einkehrt.
Wir haben den Holocaust, die Grauen im früheren Jugoslawien, über die wir schon nicht mehr so genau Bescheid wissen, und wir machen einzelne Volksgruppen und Geschichten unserer Geschichte zu tragenden Säulen unserer Gegenwartsrechthaberei und meinen, wir wären auch im Leid einzigartig. Ja, das ist irgendwie mies. Denn gleichzeitig vergessen wir Genozide und Greueltaten gegenüber Völkern und Religionen, die in ihrer Dichte und zielgerichteten Perfidität jeden Vergleich mit unserer Geschichte aufnehmen können.
Jetzt gerade schaffen wir es, mal kurz hinzuhören, mehr als dreissig Jahre nach dem Ergeignis: Die roten Khmer haben in Kambodscha innert vier Jahren zwei Millionen Menschen unter die Erde gebracht, und den Rest traumatisiert.
Wir haben die Mongolei bereist. Dieses Land, das wir als Märchenparadies weiter Steppenlandschaften glorifizieren, und das gerade seiner Bodenschätze wegen an die Meistbietenden verschachert wird, hat die Schleifung von 7000 buddhistischen Klöstern unter Stalin hinter sich – und nichts als Ruinen sind geblieben, auch in der Erinnerung: Eine ganze Generation, nein, eher zwei, fehlen, um aus den Klöstern die buddhistischen Lehren wieder mit Leben erfüllt ins Land zu tragen. Wer lebendige Formen dieser Religion kennt, und in der Mongolei das besucht, was übrig geblieben ist, dem legt sich ein grauer Schleier aufs Gemüt.
Und in Kambodscha? Vor 1975 gab es 50’000 Mönche. Fast alle sind umgebracht worden. Die Bildungslücke für den Buddhismus beträgt mindestens 20 Jahre.
Man stelle sich mal vor, wir würden hier, wo wir leben, gezwungen, alles Kulturelle, das uns mit dem Christentum verbindet, aber auch jede Form von Individualität aufzugeben, und alles, was daran erinnert, ob Mensch oder Ding, würde zerstört. Was meinen Sie, wie gründlich das angegangen werden müsste, um uns in zwanzig Jahren vor dem gleichen Problem zu sehen, das Kambodscha heute noch hat?
Aber vielleicht ist unsere Ignoranz sehr viel besser für die Menschen dort, als wenn wir plötzlich unsere Fürsorge entdeckten. Denn wenn wir “es gut meinen”, dann geht die Entwurzelung fort. Wir reden von Menschenrechten, von Demokratie. Und machen uns keinen Gedanken, dass diese Begriffe von uns mit unserer Kulturgeschichte angehäuft sind und in dieser Form gar nicht zu vermitteln sind. Wir können selbstverständlich versuchen, zu helfen. Zu stärken. Mut zu machen. Aber wir sollten, verdammt nochmal, dafür erst einmal an diese Orte reisen, um zu lernen. Wir wissen nichts. Noch nicht einmal, ob unsere Fähigkeit zum Mitgefühl ausreicht, um auch zu sehen, dass es andere Formen der Verarbeitung gibt, als wir sie kennen. Oder andere Wege, um zu diesem Ziel zu kommen.
Wie unerschiedlich, wie bedenkenswert und wie vielschichtig eine solche Annäherung gestaltet werden müsste, zeigt sehr gut das Interview mit dem Kambodschaner Monychenda Heng in der Zeit, Printausgabe Nr. 31 vom 29. Juli, Seite 56.
Zum Abschluss ein paar Zitate, wobei die Einfachheit der Sprache allein schon stumm macht:
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Der Westen spricht gern von Menschenrechten, er buchstabiert sie aus, wir lesen das Ergebnis.
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Die westliche Vorstellung von der Überwindung der Vergangenheit ist immer eine Erzählung über die Vergangenheit. Aber im Leben geht es um mehr. Das Leben geht weiter.
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Die Gegenwart ist wie ein grosser Raum. Darin zu leben ist an sich schon Therapie. Eine mögliche Heilung liegt darin, den Menschen zu helfen, diese Gegenwart zu geniessen.
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Für das Erleben der Gegenwart muss ein Trauma keine Katastrophe sein. Ein Trauma kann auch benutzt werden, um weiterzuleben.
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Ich bin vollkommen damit einverstanden, mit meinen Erinnerungen zu leben.
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Wir in Kambodscha müssen zuallererst überleben, bevor wir Gerechtigkeit brauchen. Verstehen Sie? Sie in Europa leben, wir überleben mit Müh und Not. Sie konsumieren, wir essen.
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Bei uns steht die Liebe an erster Stelle. Dann kommt das Mitleid. Dann der Gleichmut und erst dann Gerechtigkeit.

Uwe · 4. August 2010, 11:38 · #
Ein Verzweiflungsausbruch? Aber nicht doch.
Ich kann mich nicht um die ganze Welt kümmern. Sie ist zu groß für mich und ich kenne nicht ihr Ziel. Was aus Fernsehkanälen und Zeitungen sickert, sind nicht meine Nachrichten. Es sind die Versuche meiner Mitmenschen, ihre Brötchen zu verdienen. Die Erde kommt auch ohne dieses Geblubber gut klar und ich auch. Ausbeutung und Artenschutz sind Begriffe, die menschlichen Weltbildern entspringen. Bei näherer Betrachtung sind beide Vorstellungen unhaltbar. Menschen sind integrierter Teil der Erde, wie die Zellen eines lebenden Körpers. Der Körper hält die Zellen am Leben und die Zellen den Körper. Was soll in diesem Zusammenhang “Ausbeutung” sein? Artenschutz ist ein netter Versuch. Hier wird ein seltener Molch aufgepäppelt und dort werden Milliarden Lebewesen in Öl erstickt. Durch schiere Masse beansprucht eine Spezies Raum und Energie und verdrängt dadurch andere Spezies. Was soll da Artenschutz sein?
Ich bin Kolonialist, weil ich Raum einnehme. Ich beanspruche einen Platz auf der Erde und ich integriere andere Lebewesen in meinen Stoffwechsel, ohne ihre Erlaubnis abzuwarten, nicht nur Meerestiere. Das tue ich, weil ich nicht anders kann. ;)
Manche Menschen beanspruchen sehr viel Platz und dehnen ihren Stoffwechsel weiter aus, als ich. Wer soll sie daran hindern? Wer kennt das rechte Maß? Soll ich da protestieren? Sagen Sie mir, welchen Sinn es macht, wenn sich eine Körperzelle anmaßt, den Weg und das Ziel zu kennen und versucht, alles um sich herum, nach ihren eigenen kleinen Maßstäben zu richten. Und was geschieht, wenn das ganz viele Körperzellen tun und sich dann heftig über Weg und Ziel streiten? Ich fürchte, es hält sie davon ab, ganz ruhig und aufmerksam zu sein, um ihrer Bestimmung im Sinne des Körpers folgen zu können.
Meine Meinung: Es ist nicht das Geschwätz anderer Menschen, welches mir die Richtung zeigt, nicht ihre Ängste, nicht ihre Euphorie und nicht ihr Verstand, der ebenso begrenzt ist, wie meiner. Mein individuelles Ende und das jedes anderen Lebewesens ist gewiss und es ist gewollt, egal wie richtig oder wie falsch ich etwas mache. Da nehme ich mir wenigstens die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, was richtig und was falsch ist und entspanne mich derweil. :)
Marianne · 4. August 2010, 20:03 · #
Ich finde sehr wohl, dass wir etwas tun können. Zum Beispiel solche Berichte lesen, darüber nachdenken. Uns fragen, warum es gerade uns so gut geht, warum wir glücklich in einem unversehrten Land leben dürfen. Wir sind alle Menschen, auch bei uns gibt es Verbrecher, Sadisten. Und doch bleiben wir verschont. Wäre doch eine Idee, das nächste Mal, wenn ein Einzahlungsschein, von z.B. Aerzte ohne Grenzen, ins Haus flattert, das Portemonnaie zu öffnen und einen netten Betrag einzuzahlen. Nur so, aus Dankbarkeit und weil wir es uns leisten können – im Vergleich.
Richard · 6. August 2010, 14:24 · #
war in dieser ZEIT nicht auch das interview der vizeaussen- od. wirtschaftsministerin? von china welche auch die frage stellte ob wir nicht zu oft “essig” in unserem rezept der westlichen wahrnehmung beim anrichten unseres meinungsbildes der nicht-westlichen-länder verwenden würden.