Europa und die jungen deutschen Generationen
Der Euro schwächelt weiter – Ausgang völlig offen. Wenn das so weiter geht, ist der Tag nicht mehr fern, an dem über den Ausstieg – erzwungen oder gewollt – einzelner Länder aus dem Währungsverbund diskutiert werden wird. Dann wird ein Tabu gebrochen – und es wird eine ganz neue Diskussion darüber stattfinden müssen, was wir denn unter Europa verstehen können und sollen? Und was denn dieses Europa überhaupt ist? Nicht wenige haben in der EU eh vor allem einen Zweckverband gesehen, der in der Wirtschaftsförderung auch eine Friedensförderung sein würde. Wirtschaftliche Prosperität oder auch nur schon die Chancen dazu einem Land zu verkaufen – das ist der einfachste Weg, eine Einheit zu finden – sie muss nur auf gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen beruhen. Das ist dann aber in jedem Fall vor allem eine Geschäftsbeziehung.
Und was hat darüber hinaus Europa zusammen gehalten oder zusammen gebracht? Was bleibt, was wird kitten, wenn die wirtschaftlichen Probleme grösser werden? Der Wunsch nach Frieden war immer da, die stillschweigende oder ausgesprochene gemeinsame Losung: “Nie wieder Krieg” auch. Darin ist die EU in ihrem Kern wohl zu erkennen und auszumachen: Die Deutschen durften, konnten und wollten nach dem zweiten Weltkrieg in der Mehrzahl keine Deutschen mehr sein. Die EU kreierte die Ersatzidentität des Europäers unter eigener Flagge. Das hatte und hat bis heute sehr viel Geld gekostet. Kein anderes Land hat je in vergleichbarer Höhe Reparationskosten geleistet. Man mag dagegen anführen, dass auch kein anderes Land kriegführend so viel Leid verursacht haben mag. Dennoch gibt es kein vergleichbares Beispiel, in dem Reparationszahlungen in solchem Ausmass und so lange nach dem Krieg weiter geführt wurden. Deutschland war sehr schnell wieder eine führende Wirtschaftsgrösse Europas – und ist es heute erst recht. Keinem anderen Land wäre es wohl möglich gewesen, neben diesen Abgeltungen so hohe Beiträge in die EU-Kasse zu leisten – und auch noch die Wiedervereinigung zu stemmen.
Nun aber leben bereits Generationen von Deutschen, die den Krieg nur vom Hörensagen kennen – oder nicht mal mehr das. Man mag das bedauern. Aber so ist es nun mal, und ich kann junge Deutsche sehr gut verstehen, die gewissen Zöpfe nicht mehr ohne weiteres weiter flechten wollen – statt sie eher abzuschneiden.
Der Fall des drohenden Staatsbankrotts einzelner Länder ist nun nicht nur im Falle von Griechenland ein Knackpunkt: Nun sind wir wohl endgültig an einem Punkt angekommen, wo alle Teile Europas mit ihren nationalen Befindlichkeiten im Rücken neu definieren müssen, was denn an der europäischen Idee eine Utopie, was eine reale Zielsetzung und was ein gescheitertes wirtschaftliches Modell ist.
Als junger Deutscher würde ich von der europäischen Staatengemeinschaft geradezu verlangen, gewisse Reflexe, die aus der Geschichte stammen mögen, abzulegen. Und allen wird wohl nichts anderes bleiben ald das Eingeständnis, dass Europa als Staatenbund noch immer mehr Wunsch denn Wirklichkeit ist. Vielleicht eine Gelegenheit, mit mehr britischem Pragmatismus und der entsprechenden Distanz neue Anregungen und Anforderungen zu formulieren?
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Menachem · 6. Juni 2010, 01:58 · #
Ist es nicht zu einem großen Teil so, dass die deutsche Wirtschaft ihren Ursprung gerade aus einem der dunkelsten Kapitel Deutschlands, dem zerstörten 1000-jähirgen Reich, bezieht? Ist das nicht schwärzeste und makaberste Ironie des Schicksals?
Obwohl viele Amerikaner im wirklichen Krieg ihr Leben gegen Nazi-Deutschland verloren haben, mit dem Marshall Plan wurden Milliarden Dollar drei Jahre später in den Aufbau der deutschen Wirtschaft und der Stabilität hineingepumpt. Ich denke, das jetzt, wo der Karren im Dreck steckt, die Griechenland Hilfe ebenso erstmal in Ordnung ist und nun an die Systemkorrekturen zu gehen ist. Ich glaube auch, das die Idee Europa gut ist und das es wahnsinnig schwer ist, zwischen all diesen Völkern und Interessen, auch immer unterschiedlich berechtigten, einen funktionierenden Weg zu findenI Ich hoffe, das dabei aus Rückschlägen gelernt wird und ich habe den Eindruck, das zukünftig Ernst und Wichtigkeit vereinbarter Eckpunkte neu wahr genommen wird.
Seelenleerer · 6. Juni 2010, 09:44 · #
@menachem: Als Ironie würde ich das nicht bezeichnen. Sondern als Lehre aus dem Versailler Vertrag welcher überhaupt erst zum 2. WK geführt hat. Um dies nicht zu wiederholen wurde der Marshall Plan umgesetzt.
Ironie sehe ich eher darin, dass all die Probleme in denen wir jetzt stecken durch die Wettspiele einer kleine Gruppe von Banker entstanden sind, die dafür auch noch wahnsinnig viel Bonus gekriegt haben und schon wieder mächtig auf den Putz hauen. Nun sollen ganze Länder durch sparen das Geld wieder beschaffen.
Gerechtigkeitshalber muss ich noch anfügen, dass Griechenland scheinbar echte strukturelle Schwächen hatte, weil dort EU Gelder einfach in Löhne verwandelt wurden, statt bleibende Werte zu erschaffen. Aber Griechenland ist nur das schwächste Glied dieser Kette und weitere werden sicher folgen.
Relax-Senf · 6. Juni 2010, 13:50 · #
@ Seelenleerer:
Ihre Ausführungen dürfen nicht ohne Widerspruch bleiben.
a) Richtig ist, dass die Banker von ihrem Tun profitieren und sich dies in Boni ausdrückt. Falsch abgelegt in den Köpfen von Politikern und einem Teil der Öffentlichkeit ist die Einschätzung, “nur” die Banker hätten die Finanzkrise ausgelöst. Die Banker stehen für die Spitze des Eisbergs der globalen Anlegergemeinde, welche sich bei genauem Hinsehen aus Millionen von individuellen Anlegern aus allen Vermögensschichten der ganz normalen Bürger zusammensetzt. Es ist das Geld der Anleger, das nach möglichst viel Rendite sucht. Gestern, heute und morgen. Der nächste Hype kommt bestimmt und es wird zu “ähnlichen” Verlustorgien kommen.
b) Griechenland und die Eurokrise hat doch nichts mit den Banken zu tun. Alle “alten” Staaten in Westeuropa, leben seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse, i n k l u s i v Deutschland. Alle Nachkriegsregierungen haben immer grosszügig Wahlgeschenke verteilt ohne sich Gedanken über die Finanzierbarkeit, d. h. die langfristige Auswirkungen zu machen. Die Staatsverschuldung und Überschuldung – über Jahrzehnte entstanden, hat nichts mit den Banken zu tun. Die Politiker schmeissen das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus und das Wahlvolk jubelt dazu.
Auch die USA sind praktisch pleite. Seit Jahrzehnten wird der amerikanische Konsumrausch auf Pump finanziert. Lange hauptsächlich mit “Überschussgeldern” aus Europa und heute mit Geldern aus China und Indien. Würden diese Länder ihre Gelder abziehen, wäre der Tank für Antriebsstoff leer und der Tanker USA würde ohne Steuerungsmöglichkeit im Wellenmeer treiben.. Aha, daran wären dann die Banken schuldig!
Die Korrektur ist unvermeidlich und wird sehr schmerzen. Alle.
Thinkabout @ Relax-Senf und Alle · 6. Juni 2010, 15:17 · #
Danke. Diese Korrektur ist sehr wichtig. Man kann den Bankern vorwerfen, dass sie die Wünsche der Anleger nicht ablehnen – oder deren Nerv treffen wollen, indem sie jene Angebote kreieren, die ihnen die Zeichnung der Papiere bringen. Damit agieren sie schlicht so wie jeder andere Verkäufer auch.
Die Reagan-Aera in den USA wurd stets besonders glorifiziert. Damals ging es ganz besonders flott voran mit dem Geldausgeben – während höhere Steuern niemand will.
Auch die Spekulationsmär in Sachen Euro-Krise ist ein Witz: Eine Währung beruht auf so vielen Grundeinflüssen – da kann die Spekulation höchstens auf die wachsende Bedeutung einer Komponente spekulieren – und punktuell zu Ausschlägen führen. Die Währungssicherheit aber beruht auf harten ökonomischen Fakten, welche die EU-Länder mittlerweile alle ad absurdum führen. Praktisch kein Land mehr erfüllt die Maastricht-Kriterien mit maximal 3% jährlichem Defizit im Vergleich zum BSP. Abgesehen von diesem Kriterium hat der Euro prakisch keine Puffermechanismen – schon gar nicht eine einheitliche Währungspolitik.
Die Banker können viel – aber wie mit den Politikern ist es auch mit ihnen so:
Wir haben jene davon, die wir verdienen.
Wir geben als Gesellschaft vor, was toleriert wird und was nicht. Und da wir alle gerne Profiteure sind…
Seelenleerer · 6. Juni 2010, 19:30 · #
@relax-senf: Ihrer Theorie nach, ist auch nicht der Dealer Schuld daran, dass er Koks verkauft. Und das sogenannte anfixen von Neukunden?
Für mich steht der “Banker” in der Mitschuld, weil er bestimmte Produkte überhaupt kreiert hat. Wie soll ich als Kunde entscheiden wo die Grenze des maximalen gesunden Gewinns steht, wenn mir während der Beratung der Fachmann sagt, dass viel mehr Gewinn mit seinen Methoden möglich sind?
Klar ist es die Gier des Einzelnen die diesen Umstand überhaupt erst entstehen liessen. Aber für mich haben die Banker solcherlei Vehikel zum Laufen gebracht und dann auch verkauft.
Die Eurokrise hat nichts mit den Banken zu tun?
Wer hat denn all die Kredite zur Verfügung gestellt, um die Banken wieder flüssig zu machen?
Klar ist, dass dieses Geld den Prozess “nur” beschleunigt hat und es einige Zeit später zu einem ähnlichen Crash gekommen wäre. Aber die jetzige Krise entstand, weil alle Länder wahnsinnig viel Geld aufnehmen mussten um die Banken zu retten und die Allgemeinheit nun die Zinsen dafür zu bezahlen hat. Selbst wenn dies nur der Tropfen war, der das Fass zum überlaufen brachte, wäre ein wenig Bescheidenheit bei den Auslösern dieser Krise schon etwas angebracht.
Thinkabout @ Seelenleerer · 6. Juni 2010, 20:52 · #
Wenn Deine Theorie stimmen würde, müssten alle Leitwährungen schwächeln und der Dollar könnte nicht so am Euro vorbei ziehen – denn die Stützungen für amerikanische Firmen waren mindestens so massiv.
Die Währungskrise ist auch und zuerst eine politische Krise, wenn wir vom Euro sprechen. Das ist ein Weichspülerkonstrukt, das für solche Eruptionen, wie wir sie hier erleben, nicht taugt. Die Banken, die das ändern könnten, müssten erst noch erfunden werden.
Uwe · 6. Juni 2010, 23:12 · #
Im Zusammenhang mit Geld sehe ich zwei Problematiken:
1. Die Schulden
Noch kein Staat widerstand der Versuchung, seinen Haushalt durch eine immer zunehmende Ausweitung von Krediten “aufzublasen” und in die Zukunft zu verschieben. Wohltaten jetzt, bezahlen später (und andere), so die Devise. Das geht solange gut, wie der Glaube an die Rückzahlung besteht und wenn der schwindet, dann geht es den Einkommen und den Vermögen der Bevölkerung an den Kragen. Die Entscheidungsträger für Mißwirtschaft und Schulden baden in Unschuld und beziehen sichere Rente. Ein schlichter Systemfehler.
2. Die Verteilung
Geld ist ja Zahlungs- und Tauschmittel und so nutzen es auch die meisten. Sie arbeiten, schaffen Werte und tauschen Geld gegen andere Werte. Hat man aber mehr als genug Geld, dann kann man damit andere interessante Sachen machen. Mit einer weit besseren Gewinnchance als im Casino, verdient Geld viel mehr Geld als Arbeit oder Tausch und je mehr man hat, desto besser klappen die Deals. Das führt zu ungleichgewichtiger, nicht auf Leistung oder Arbeit basierender Verteilung von Geld. Dies ist kein Systemfehler sondern Absicht. :)
Relax-Senf · 7. Juni 2010, 13:13 · #
@ Seelenleerer
Die Macht der Drogen Dealer entsteht durch die Nachfrage nach einem verbotenen Produkt. Die Analogie zu Banken ist daher nicht gegeben.
Der Sicht, dass Banken und ihr Verkaufspersonal eine Mitschuld am Desaster trifft widerspreche ich jedoch nicht. Nehmen wir eine Metapher zu Hilfe, dann ist das treffende Bild jedoch mit dem Autokauf zu vergleichen. Es hat Kunden gegeben, die das Geld für einen Porsche nicht hatten! Es hat Kunden gegeben, die einen Porsche nicht fahren können und die Risiken beim Einsteigen in einen Porsche nicht erkannt haben. Diesen Kunden wurde „Porsches d.h. Derivate“ verkauft. Manchmal auf eigenes Verlangen und manchmal auch aufgeschwatzt. Da wurde von den Banken Ertragsschinderei betrieben. Zweifelsohne.
Aber, von echten Schweinereien abgesehen, ist der Grossteil der Verkaufsaktivitäten nicht anders abgelaufen, wie es bei jedem Verkaufsvorgang in jeder Branche tagtäglich die Norma ist. Verkauft wird solange der Kunde das zulässt. So kommen Konsumenten zur teuersten Spiegelreflexkamera, zur teuersten HiFi-Anlage und zur 100 Kondome Packung obwohl drei von Ostern bis Weihnachten gereicht hätten. Als jedoch die charmante Verkäuferin augenzwinkernd bemerkte: Für sie als sportlichen und potenten Mann gibt es die Lifestyle Packung mit 50 Prozent Rabatt, da hat der Kunde nicht den Mut zum Neinsager aufgebracht.
Den Löwenanteil der Kredite zur Bankenrettung, d.h. konkret zur Rettung der Weltwirtschaft haben die Amerikaner und die Engländer aufgebracht. In US$ und UK £. Das ist einfach mal ein Fakt. Die Kredite für die Banken tue ich nicht bagatellisieren, aber die „Grippe“ der Banken kann man nicht mit dem „Asthma mit Lähmungserscheinungen“ vergleichen, das durch die Staatsverschuldung auf dem Röntgenbild sichtbar wurde.
Für die Staatsverschuldung sind die Nationalstaaten verantwortlich und nicht die Banken und wenn die Gelder für die Schuldnerstaaten ausbleiben, bzw. der Risikozuschlag auf den Anleihenzinsen ständig wächst, dann sind das nicht die bösen Banken sondern spiegeln einfach die Bedingungen zu denen Anleger bereit sind Kapital zur Verfügung zu stellen. Die Banken sind einfach eine Pumpstation, die zwischen den Kunden mit Geld und den Kunden ohne Geld eine Vermittlerrolle ausfüllen. Wie dieser Lebensnotwendige Kreislauf funktioniert, ist für zu viele Menschen ein Thema das sie nicht interessiert. Leider. Somit gehört Meckern und Mockieren zur Imagepflege ohne das Problem auch nur im Ansatz zu verstehen.
Seelenleerer · 7. Juni 2010, 23:44 · #
Dann habe ich es also nicht einmal im Ansatz verstanden?
Relax-Senf · 8. Juni 2010, 02:22 · #
Meine Kritik in den letzten vier Zeilen ist eine allgemeine Feststellung und zielt damit nicht auf eine einzelne Person. Im Gegenteil, in der gewählten Form sind auch Politiker und Journalisten gemeint.