Enttäuschte Erwartungen sind besser als keine!
Enttäuschung gilt als Übel. Ein unbedachtes Vorurteil.
Wodurch, wenn nicht durch Enttäuschung, sollten wir entdecken, was wir erwartet und erhofft haben? Und worin, wenn nicht in dieser Entdeckung, sollte Selbsterkenntnis liegen? Wie also sollte einer ohne Enttäuschung Klarheit über sich selbst gewinnen können?
Pascal Mercier, “Nachtzug nach Lissabon”
Wir werden von Menschen enttäuscht – oder vom Leben, von dem, was uns zufällt oder vorenthalten wird. Und sagen dann: Ich bin enttäuscht worden. Wieder einmal.
Mercier lässt seinen Helden im weiteren Text auch sagen, dass dies alles kein Grund wäre, keine Erwartungen mehr zu haben – sondern anders damit umzugehen. So, wie es hier schon angedeutet werden: Sie begrüssen und mit ihnen “reden”, erkennen, was sie einem zu sagen haben.
Und genau so sage ich Menschen, die Mühe haben, zu vertrauen:
Es lohnt sich, es immer wieder zu wagen. Denn nur so kann ich mich in der Fähigkeit, mich aufs Leben einzulassen, weiterbilden und meine Geborgenheit ergründen, finden. Enttäuschungen, verletztes Vertrauen – oft sind dies Wegmarken, die uns den Weg weisen zu Tritten, die wir aus uns selbst mit festerem Schritt machen können – auf dass wir erwartungsvoll auf festen Boden vertrauen – und dabei mit allen Sinnen nach innen und aussen danach vorab erkunden, was möglich ist, und damit uns selbst die Behutsamkeit schenken, die wir jedem Kind zuteil werden liessen!
Ein Kind aber, das wegen Schrammen das Spielen aufgegeben hat, macht uns traurig.
Und unser Leben soll nicht traurig sein!

Bild: Caro

leuchtkind · 20. September 2007, 22:12 · #
ich stimme dir zu, dass es schlimm ist, NICHTS mehr zu erwarten.aber ist es nicht so, dass es manchmal besser ist für das eigene wohlbefinden, wenn man erwartungen, die wiederholt enttäuscht werden, runterschraubt?
Thinkabout · 20. September 2007, 22:48 · #
@Leuchtikind: Erwartungen runterschrauben ist gut – aber bitte nicht aus Fatalismus – sondern aus der Erkenntnis, dass meine Erwartungen von mir gemacht werden. Vielleicht habe ich zuvor gar einen eigenen Liebesdienst schon in der Vor-Erwartung einer Dankbarkeit erbracht, und will mich das lehren, dass ich auch ohne dies sein sollte – und die Energie und Freude finden, trotzdem Güte zu verschenken.
Seelenleerer · 21. September 2007, 03:11 · #
entTäuschung
beweist letztendlich nur
dass ich mich selber getäuscht habe
Tina · 21. September 2007, 05:16 · #
@ Seelenleerer
das seh ich genauso.
De Mello hat das auch einleuchtend erklärt:
“Leiden ist ein zeichen dafür, dass ihnen die beziehung zur wahrheit fehlt. Das leiden wurde ihnen gegeben, um ihnen die augen für die wahrheit zu öffnen, um zu verstehen, dass es irgendwo unwahrheit gibt; genauso wie ein körperlicher schmerz zu verstehen gibt, dass an einer stelle etwas krank ist. Leid zeigt an , dass irgendwo etwas nicht stimmt. Leid entsteht, wenn sie in widerspruch mit der wirklichkeit leben- wenn ihre illusionen sich an der wirklichkeit, ihre lügen sich an der wahrheit stoßen, wenn sie leiden. Anders gibt es kein leid. “
(http://www.diedenker.at/data/demello.html)
Killakami · 30. Juli 2008, 18:52 · #
Jegliches Szenario in der Zukunft wird von mir automatisch mit Hoffnungen und Erwartungen belegt. Man könnte also sagen Enttäuschung ist vorprogrammiert. Wenn ich dies also als unvermeidlichen Erfahrungswert anerkenne, nachdem der Schmerz durch Selbstvorwürfe abgeklungen ist, bleibt die Unsicherheit über die Aussage selbst. Kurzum hat eine Enttäuschung wirklich Aussagekraft für künftige Situationen? Woher weiß ich denn, dass ich nicht die “falschen” Rückschlüsse ziehe und in mich aufnehme und somit neuer Enttäuschung Nahrung gebe.
Am Bsp gefragt: Ich verhalte mich offensiv einer Person gegenüber, die ich anziehend finde. auch von ihr gingen vorher positive Zeichen aus, die daraufhin aber abebben. als Reaktion darauf werde auch ich mich emotional zurückziehen, um nicht weiter verletzt zu werden und die Person mit meiner Überschwenglichkeit nicht zu überfordern. habe ich aus der enttäuschten Erwartung das “richtige” gelernt?!
Thinkabout @ Killakami · 31. Juli 2008, 17:52 · #
Hallo Killakami:
Nun, wenn Sie sich im Moment dieser Enttäuschung, im Erleben der Ablehnung zurückziehen und sich damit schützen, so reagieren Sie instinktiv. Und Ihre Seele wird schon wissen, was sie jetzt brauchen. Vielleicht erzählt Sie Ihnen auch, dass Sie die Person dennoch lieben, und Sie finden einen Weg, dies auch zu zeigen, ohne zu bedrängen. Dann mündet der Rückzug vielleicht in eine Annäherung, in der die gesuchte Person die Freiheit spürt, sich ihre Zeit zu lassen, die sie braucht. Wenn Sie spürt, dass ihr Nein akzeptiert wird, Ihr Ja aber nicht zum Erlöschen bringt, so wird es Ihr leicht fallen, bei sich selbst zu spüren, ob sie sich der Person Killakami wirklich nicht annähern möchte, oder ob sie eine generelle Angst vor Bindung verspürt.
Wenn Sie den Grund der Abwehr in Ihrer Überschwenglichkeit sehen, wenn Sie sich in dieser Form schon in Ihr Gegenüber hinein versetzen können, dann ist das durchaus ein gelerntes Stück Beziehung. Es wird es Ihnen leichter fallen, ihrem Herzen immer wieder die Chance zu geben, sich zu öffnen. Aufblühende Liebe – sie hofft. Erwarten kann sie das Glück ja nicht. Wenn wir mit dem Erwarten beginnen, sind wir schon nahe an der Forderung und damit mindestens beim Verhandeln.
Das gehört zwar zu einer guten Ehe dazu – aber erwartet sollte die Gunst des Partners nie sein. Sie bleibt immer ein Geschenk. Und wenn ich staunend nehmen und annehmen kann, was meinen Partner ausmacht, dann habe ich keine Erwartung nötig.
Nehmen Sie sich Ihre Überschwenglichkeit selber nicht übel. Sie ist Teil Ihrer Person und Ausdruck Ihres Gefühls. Und tadeln Sie sich nicht zu sehr dafür. Schon gar nicht, wenn sie über Ihren Nasenspitz hinaus auch dann noch sehen können, dass es schwierig sein kann, Ihrem Enthusiasmus richtig zu begegnen.