Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ein Abschied als kleine Fragestunde mit mir selbst

∞  17 Juli 2010, 10:50

Was einem an einer Trauerfeier so alles durch den Kopf gehen kann.

Der Pfarrer auf dem Hochseil. Die Nächsten des Toten, die getröstet nicht werden können.
Die Frage nach dem Jenseits, die uns im Diesseits endlich mal umtreibt, aufgezwungen vielleicht, aber doch ehrlich. Endlich.
Das Gedicht von Bertolt Brecht gegen die Verführung, in dem Brecht alle religiöse Mutmassung über einen Lohn in der Ewigkeit zertrampelt.
Die Entgegnung von Hans Küng, in der er im gleichen Gedicht die Aussagen ins Gegenteilige umkehrt, ohne dass das Gedicht nicht ganz bliebe – und die Schlussfolgerung des Pfarrers daraus:
Entscheiden müssen Sie.
So einfach, nein, so schwer ist das. Und es ist unsere urpersönliche Angelegenheit. Nicht delegierbar, sozusagen. Bernie weiss vielleicht mehr. Der Tote ist, in der Konfrontation mit unserem Mysterium des Sterbens voran gegangen. Nur schon darin kann ein Trost liegen. Es ist zu schaffen, weil wir alle da hindurch müssen.
Das Wort des Psalmbeters, der sagt:
Auch jetzt leben wir nur eine Handbreit von Gott entfernt.
Vielleicht wissen wir es nur nicht. Wir müssten nur diese Hand ausstrecken.
Und dann, am Ende, im ausklingenden Orgelspiel dieser eine Gedanke:
Wer wirklich Antworten finden will, darf nie den Dialog aufgeben. Man darf mit “dem da” hadern und schimpfen, an ihm zweifeln, ihn dem Märchenonkel zuweisen. Was weiss ich schon, eigentlich, was man darf. Was man aber nie tun sollte: Die Frage als beantwortet ad acta legen. Sie ist nicht zu beantworten. Nicht so. Die Spiritualität ist in jedem Fall viel mehr als eine ätherische Wolke.
Ich habe das feste Gefühl, dass wir alle die Antwort in uns aus der Kirche hinaus getragen haben. Ob wir im Leben weiter danach fragen, liegt an uns. Die Sonne schien. Es war ein heisser Tag voller Leben, heute. Doch auch dieser Tag hat eine Nacht. Angst machen muss uns das nicht. Heute nicht und morgen nicht. Denn ohne die Dunkelheit gibt es auch kein Licht. Der Ursprung für Beides liegt in dem einen Gleichen.




  1. zentao · 17. Juli 2010, 11:32 · #

    die Antwort ist wie immer in dir selber, auf jedenfalls ist die Antwort in keiner Kirche. Das es etwas gibt ist unbestritten, ob es ein persönlicher Gott ist oder nur Energie ist, das ist nur für Dich selber, in Dir zu finden. Suchst Du es Ausserhalb, bist Du weit daneben. Die Suche danach ist ein Prozess, welcher in Dir startet, sobald Du anfängst die Fragen zu stellen und mit der Suche beginnst. Immer wenn wir meinen wir hätten jetzt die Antwort gefunden, so erkennen wir, dass wir immer noch nichts wissen. Aber wenn wir fragen, erhalten wir fast immer auch eine Antwort, die ist aber nicht immer das was wir erwarten. Die Suche dauert ein ganzes Leben und endet mit unserem Weggehen aus dieser Welt.
    Liebe Grüsse zentao

  2. Seelenleerer · 17. Juli 2010, 16:24 · #

    Lieber Zentao
    Von Herzen hoffe ich, dass Du noch vor Beendigung Deines Lebens
    finden mögest, um im Diesseits davon profitieren zu können.

  3. Relax-Senf · 18. Juli 2010, 14:09 · #

    “Ein Abschied als kleine Fragestunde mit mir selbst”
    Trifft auch für mich den Nagel auf den Kopf, wenn ich denn Menschen beim letzten Gang begleite. Es hängt allerdings sehr von der Predigtqualität ab! Nicht immer, aber es kommt vor, dass die Gedanken bei der Predigt bleiben, weil es der Pfarrer versteht, mich zu fesseln und meine Gedanken – innert gewisser Leitplankenbreite – bei dem frisch Gesagten verweilen. Bei besonderer Qualität der Nähe zur verstorbenen Person, kann es aber auch losgelöst vom Pfarrer zu eigenen Gedankenexkursionen kommen. Und dies führt zum Gespräch mit mir selbst, das in diesem Moment zu einer Sichtqualität führt, die nicht immer gegeben ist. Das Bewusstsein an des Ende jedes Seins ist da und gleichzeitig ringt mit der Trauer die stille Freude; man lebt.


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