Die Schweiz und ihre Helden...
Wir haben wirklich eine ziemlich verschrobene, zurückhaltende Art, mit unserem Nationalstolz umzugehen…
Da haben wir den besten Tennisspieler aller Zeiten hervor gebracht, und der sammelt Grandslam-Titel wie andere Menschen Komplimente. Und was mach(t)en wir? Wir wählen einen Motorradweltmeister der kleinsten Hubraumklasse zum Sportler des Jahres. Zuviel Lobhudelei ist uns einfach unsympathisch, scheint es. Und jetzt hat die Schweizer Fussball-Nati also den Euorpameister geschlagen. Die Siutation nach ein paar Stunden Delirium:
Das Schweizer Fernsehen berichtet diszipliniert jeden Tag von den aktuellen Spielen – und widmet der eigenen Mannschaft abends um viertel vor elf gut zehn Minuten – in Form eines Interviews mit einem Spieler. Ansonsten: Sendepause. Die Aufmerksamkeit gehört dem aktuellen Spielplan und den Mannschaften des Tages.
Irgendwie ist das sehr sportlich, sehr bescheiden, aber irgendwie auch schon wieder bizarr. Währenddessen berichten die deutschen Sender schon mal in der Halbzeitpause nicht in erster Linie vom aktuellen Spiel, sondern aus dem WM-Quartier der eigenen Mannschaft, wenn sie “schon in 48 Stunden” wieder an der Reihe ist.
Vielleicht misstrauen wir ja einfach grundsätzlich dem Erfolg. Und denken prophylaktisch voraus, wie gross die Häme sein möge, wenn die Mannschaft nun gegen Chile verliert…
Merke: Schweizer Protagonisten sollen sehr gerne alle möglichen Tugenden zeigen und das Selbstvertrauen demonstrieren, das notwendig ist. Aber danach, bitteschön, zurück in die Reihe. Uns ist alles zuwider, was sich vordrängt. Da machen wir irgendwie nicht mal vor der eigenen Begeisterung halt. Mal sehen, dass wenigstens die innere Freude brennt und ausgetauscht wird. Im Gespräch mit Kollegen. Dafür brauchen wir ja auch das Fernsehen nicht.
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Marianne · 18. Juni 2010, 16:18 · #
Da geniesse ich doch lieber still und zufrieden den Sieg unserer Mannschaft, als dass ich wie unsere Nachbarn schreie: wir sind Weltmeister – um dann ein paar Tage später zuzusehen, wie diese Mannschaft kläglich gegen Serbien verliert.
Es gilt immer noch “wer zuletzt lacht…”
flashfrog · 18. Juni 2010, 16:38 · #
Dafür war in Deutschland die Sympathie für die Schweizer Mannschaft und die Freude über ihren Sieg einhellig und gross.
Thinkabout @ Marianne, Flashfrog · 18. Juni 2010, 18:22 · #
@Liebe Marianne
Ansichtssache: Die Niederlage Deutschlands fand ich nicht kläglich, sondern unglücklich, um nicht zu sagen unverdient. Es ist nie gut, wenn der Schiri so im Zentrum steht…
Und zehn Deutsche wurden weniger müde als elf Serben…
Das mit dem Schreien: Ja. Aber aufrappeln werden sich die Deutschen auch wieder, genau mit dieser Überzeugung, eben gut genug dafür zu sein.
Es ist doch genau das, was wir auch an Hitzfeld bewundern: Den Glauben an das eigene Vermögen. Wenn man das auch noch mit viel Stil hinkriegt, ja dann ist es natürlich perfekt. Jetzt müsste man nur noch Stil definieren…
@Flashfrog
Ja, das sehe und höre ich auch – und freue mich darüber. Und ich treffe auch viele, welche den Deutschen das Weiterkommen wünschen, wenn sie so attraktiven “jungen” Fussball spielen.
Relax-Senf · 19. Juni 2010, 13:22 · #
Ob man Erfolg, d. h. Siege im Sport fröhlich und laut oder still und zufrieden geniesst, hängt von den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen u n d von der vorherrschenden Stimmungslage ab. Sport, Spiele und Siege können ja auf die Psyche wie Medizin – sprich Doping – wirken. Bei Niederlagen können Symptome wie bei Entzugserscheinungen auftreten.
Auf jeden Fall bedienen die Medien mit ihren Schlagzeilen die Erwartungen der anvisierten Leser. Ob es um Fussball oder Federer geht. Die Sportler sind heute Helden und können Stunden später zu Nieten in der öffentlichen Meinung werden.
Ob Hitzfeld oder Löw, beide müssen natürlich Zuversicht verbreiten, dass ihre Teams den nächsten Gegner schlagen werden obwohl dies in den Sternen steht! Aber Trainer oder Aktive die öffentlich die Niederlage kommen sehen sind in jedem Fall Sympathieverlierer.
Titus · 19. Juni 2010, 23:11 · #
Ich denke, dieser Artikel erklärt vielleicht die allgemeine Zurückhaltung (seitens Medien und seitens Mannschaft):
http://www.sport.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/06/19/FIFA-WM-2010/Schweizer-Nati/Hitzfeld-Wir-brauchen-Ruhe
Seelenleerer · 20. Juni 2010, 01:12 · #
Vielleicht sind wir auch einfach zu lieb mit den Anderen
und darum “meist” unterlegen bei “Kontakt“sportarten.
Aber zum Glück gibt es ja die Ausnahmen bei den Regeln – lassen wir
uns überraschen, wie weit uns diese Ausnahme zu tragen vermag.