Die Realität ist immer vielschichtiger als die Information
Es gibt Bretter, gegen die man Jahre lang mit dem Kopf schlägt, bis endlich jemand kommt und einem hilft, sie abzumontieren…
Ich bin ganz bestimmt nicht der einzige, der sich daran stört, dass es immer wieder Wissenschaftler gibt, welche grossmeisterlich im Stile eines Zauberkünstlers verkünden, “eines der letzten Geheimnisse” (oder so was in der Art) entschlüsselt zu haben. Nachgeschoben wird die Verheissung ungeahnter neuer Möglichkeiten und vielleicht wieder einmal der Satz, die Welt hätte keine Geheimnisse mehr.
Masslos haben mich all die Jahre immer wieder solche Aussagen geärgert. Mehr noch: Sie haben mich bestürzt, mir Angst gemacht: Denn wenn Forscher Ihre Demut verlieren, die Fähigkeit, zu staunen und das Bewusstsein verloren geht, dass der Triumph der neuesten Entdeckung nicht mehr ist als der neue momentane Stand des menschlichen Unwissens – ja dann wird es gefährlich.
Tja, und nun also rede ich mit meinem Freund, Angestellter eines Universitätsbetriebes, über dieses mein Unbehagen. Und er lächelt. Und dann fragt er:
Hast Du Dir schon mal überlegt, durch welchen Filter alle diese Verlautbarungen medial denn gehen, bevor sie Dir zu Ohren kommen? Wenig später ist mir klar: Auch hier spielt die Triage der Massenmedien die entscheidende Rolle: Sie bestimmt, welche Art Information ich bekomme – und also wird mir die medial geile Variante des Wissenschaftlers präsentiert, um es jetzt bewusst zornig zu formulieren: Das Medium will die klare, einfache, plakative Botschaft. Zu viele Zwischentöne verwirren. Und die schreierische Verheissung ist nun mal interessanter als die differenzierte abwägende Prognose. Ich glaube, dass wir uns dies immer wieder und in immer stärkerem Ausmass bewusst machen müssen: Was wir aus den verschiedensten Forschungs, Gesellschafts- und wissensbereichen vermittelt bekommen, ist das, was in der Masse einzuschlagen vermag.
Genau so, wie radikale bis populistische Statements und entsprechend kantige Figuren und die scheinbar so hehre Auseinandersetzung mit ihnen in Form von “Kritik” ein Abstimmungsthema oder überhaupt eine öffentliche Debatte bestimmen können, so ist es auch in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens: Es wird für uns entschieden, welche Art Information uns zumutbar erscheint.
Ich bin sicher nicht der einzige, dem es unwohl wird, wenn er Politiker erklären hört, wie ich, “der Bürger” gewählt hätte und was ich folglich wolle – und wir alle sind wohl schon wütend geworden, wenn Politiker bei der Gelegenheit erklären, die Komplexität der Vorlage hätte dem Stimmbürger nicht erklärt werden können.
Aber was uns noch viel mehr beschäftigen sollte: Es ist dies nicht nur die Sichtweise des Politkers, es ist jene der Medien. Sie haben sich längst ihr Bild von Ihnen und von mir gemacht. Und entscheiden, wieviel Differenzierung uns denn zugemutet werden könne. Das ist ganz praktisch, denn es bedeutet auch, dass man sich selbst an den vordergründigen populistischen Auseinandersetzungen reiben kann. Der Holzschnitt erfordert weniger Feinschliff als das differenzierende Argument – und damit auch weniger eigene Herausforderung, fachliche Vertiefung etc.
Liege ich falsch? Ich hoffe es. Aber ich bin mir nicht sicher. Gar nicht sicher.
Was ich aber weiss: Sich informieren zu wollen ist auch für einen mündigen Bürger eine echte Herausforderung geworden.
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Bildquelle: Kounadeas by iStockphoto >
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Menachem · 11. Mai 2010, 00:37 · #
Für diese Herausforderung, sich durch die Informationsdichte zu bewegen, haben wir noch gar keine Lösungs- und Arbeitsmittel. Diese müssen wir erst noch erfinden, so meint es jedenfalls Prof. Peter Kruse, und ich habe auch überhaupt keinen Plan, wie alles noch sinnvoll für meine Interessen zu filtern ist.
Dabei habe ich für mich das Problem, so aus dem Vortrag von P. Kruse erkannt, um nicht in der Informationsflut unterzugehen, das ich mich vornehmelich auf den Seiten bewegen, in deren Gedankengut und Wertesysteme ich mich gut und schnell zu recht finde – und damit das wirklich große Wissen, das im Netz bereit steht, nicht nutzen kann, weil mir sonst wahrscheinlich die Birne platzen müsste.
Aber ich meine, das ist oft so bei uns Menschen. In unserem stetigen Drang nach Neuem erfinden wir so vieles, und der Umgang und das Handling damit, da verlässt uns der Spaß an der Sache. Atomkraftwerke haben wir – ein Endlager, das macht kein Spass. Einen Euro haben wir – noch! Ein www haben wir – und es sprengt alles an bisher bekannten Wissenssammlungen.
Titus · 11. Mai 2010, 02:19 · #
Das Thema hat wohl viele Aspekte…
a) Wir sind keine Wissenschaftler. Es liegt irgendwie in der Sache der Natur, dass wir nicht über sämtliche Details Bescheid wissen können (und müssen). Insofern entspricht die Publikation eines Forschungsergebnisses immer einer Zuspitzung der gewonnenen Erkenntnisse.
b) Wer ist andererseits noch in der Lage, etwas vertiefter in die Themen einzutauchen? Stichworte: Reizüberflutung, Informationsflut.
c) Ist die plakative Zuspitzung nicht auch das Resultat der eben genannten Reizüberflutung, das heisst, damit wir möglichst noch eine Botschaft mehr aufnehmen können (der Schwamm ist quasi vollgesaugt)), wird noch eins draufgesetzt?
d) Viele glauben, immer über alles Bescheid wissen zu müssen (davon nehme ich mich auch nicht aus). Ist das richtig?
Haben wir nicht vielleicht eine falsche Wertung, das heisst, dass wir über vieles Bescheid wissen (wollen), nur nicht über das Naheliegende oder über das wirklich «Wichtige»? Etwas plakativ verdeutlicht: Kennt der eine oder andere einen Promi manchmal nicht schon fast besser (dank Yellow-Presse) statt den eigenen Lebenspartner?
f) Helfen uns Medien nicht auch, eben gerade zu filtern – nur dass wir vielleicht (zunehmend) der Auffassung sind, dass falsch gefiltert wird?
…
Uwe · 11. Mai 2010, 08:59 · #
“Die Realität” ist das, was jemand für real hält und ein jeder hält das für real, was er durch seine eigenen Filter aufgenommen hat. Schon diese Tatsache läßt für mich an der Absolutheit und an der Objektivität einer wahrgenommenen Realität starke Zweifel aufkommen, selbst wenn das Aufgenommene aus erster Hand stammt und sogar selbst beobachtet, selbst gehört und selbst gespürt wurde. Denn was weiß ich denn überhaupt über meine eigenen Filter? Wer hat mein Denken programmiert? Und wie unwahr sind dann erst Informationen, die vielfach gefilterter Input und Output zahlloser Hirne und unterschiedlichster Absichten sind? Die Realität? – WESSEN Realität? :)
Und was tue ich nun mit der Erkenntnis dieser Relativitätstheorie von Realität? Das ist ein interessanter Punkt, denn je nach der individuellen Beschaffenheit des Geistes, der sie zu erkennen meint, fallen die Reaktionen ganz unterschiedlich aus. Die einen setzen sich einen Fixpunkte, die es nicht gibt, die anderen lassen sich Fixpunkte setzen (von der Mehrheit, von der “Obrigkeit” … ) und wieder andere kommen ohne Fixpunkte aus und genießen das freie Schweben in der geheimnisvollen Welt der Wahrnehmungen und der Gedanken.
Ich jedenfalls freue mich über die Erkenntnis der prinzipiellen und alle Menschen liebevoll verbindenden Unkenntnis einer wirklich realen Realität, in welcher dennoch ein jeder seinen Platz findet. Ich fühle mich dadurch unglaublich befreit und aufgewertet, denn meine eigene Wahrnehmung, meine persönlichen Ansichten und Überzeugungen, meine Gedanken und Gefühle sind um keinen Deut schlechter (natürlich auch um keinen Deut besser!), als die von absolut JEDEM anderen. Damit entfällt (in meiner Realität) jeglicher Grund für Kampf und Streit, was manchem oft Kummer bereitet, und es entsteht Harmonie und Frieden. ;)
Thinkabout @ Uwe · 11. Mai 2010, 14:15 · #
Ich finde Deinen Kommentar #3 sehr schön, und spreche damit v.a. den letzten Absatz an. Es ist nicht nur ein schöner Gedanke – Du formulierst ihn auch auf eine besondere, sehr positive Weise. In der Tat möchte ich auch mit diesem Blog nicht in erster Linie Antworten feil bieten. Ich möchte mich mit anderen Fragenden in einer Gruppe sehen, auf Interessantes hingewiesen werden, das richtige Fragen üben und andere ermuntern, sich auch Fragen zu stellen. Und genau das zu versuchen, was bei Dir auch anklingt: Den Mut zu haben -und jedermann dazu auch ermuntern – selbst zu denken und nach “Wahrheiten”, oder eben Realitäten, zu suchen. Man möge nur das wirklich verbindlich für sich betrachten, worin man Wahrheit erkennt – und sich dabei nicht selbst belügen. Auch damit ist man stets am Punkt der eigenen Unwissenheit, das Fundament aber ist eines, das zu einem selbst gehört, nicht angeredet und angedichtet ist, sondern anerlebt und entdeckt, angenommen und wert-voll, weil darin das einzige Beispiel liegt, das wir auch weiter geben können: Das Beispiel unseres eigenen Lebens, nach Möglichkeit wahrhaftig gelebt – also im Bestreben, nach genau dieser eigenen Wahrheit immer neu zu suchen – oder danach weiter zu leben.