Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Das Leben ist nicht gestorben

∞  23 August 2010, 13:51

Christoph Schlingensief ist tot [1]. Ich kann mich noch an die ersten Auftritte in Talk-Shows erinnern, in denen ich mich wunderte, was für ein durchgedrehter Rotzbengel denn hier losgelassen worden wäre. Aufgefallen sind mir seine stets blitzenden Augen, aus denen immer die kindliche Freude an der Provokation leuchtete. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, als bereitete ihm die Ignoranz aller Etablierten einen quälenden Juckreiz.

Mit der Zeit etablierte er sich selbst – und manchmal brachte er auch mich zum Nachdenken. Das meine ich nicht herablassend, im Gegenteil: Wenn ich jemanden mal eingeordnet habe, dann ist es auch bei mir nicht leicht, aus dieser Schublade wieder heraus zu hüpfen. Schlingensief passte je länger je weniger in keine meiner Schubladen. Und das wäre ihm ganz bestimmt sehr recht gewesen.
Nun also ist er tot. Viel zu jung gestorben. Der Krebs war stärker. Die Medien sind voll von Nachrufen. Auch von Künsterlkollegen:

“Einer der größten Künstler, der je gelebt hat” – das ist Christoph Schlingensief für die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. So einen wie ihn könne es nicht mehr geben, teilte die zurückgezogen lebende Autorin der österreichischen Nachrichtenagentur APA schriftlich mit. “Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.” [1]


Elfriede Jelinek, diese wortgewaltige Gehirnakrobatin macht auch mich fassungslos. Denn ich finde diesen “Nachruf” einfach nur dumm.

Ja, so einen wie ihn kann es nicht mehr geben. Wie das auch für uns alle gilt. Wir alle sind einmalig, unverwechselbar, und für gewisse Menschen sind wir unersetzlich. Wir alle. Nicht wegzudenken. Wir werden auch nicht ersetzt. Das Leben aber ist uns allen ein Geschenk, und wir bestimmen nicht, wann es uns was beschert. Wir sind nicht das Leben selbst, wir machen es höchstens reicher für andere und können es selbst bewusst leben. Vielleicht erklären wir es ein bisschen, leben es vor, machen es besser oder heller. Dann ist das wunderbar. Und vielleicht bleiben Wesenszüge, Dinge, die wir geschaffen haben, Anliegen, für die wir kämpfen, durch das Andenken an uns lebendig(er). In allem aber bleibt es die Verantwortung jedes Einzelnen, ob ein Wert lebendig bleibt. Und nichts, was Schlingensief erschaffen haben mag, hätte, wäre ein menschliches irdenes Leben unsterblich gedacht, die gleiche Bedeutung. Gerade, weil wir wissen, dass so viele Dinge, die uns unverzichtbar sind, ständig gefährdet sind, werden wir angetrieben. Und hören wir hin, wenn andere gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit anwirbeln.

Das Leben stirbt mit keinem Tod eines Menschen. Es hat sich vielmehr erfüllt, ein Kreislauf hat sich geschlossen. Und wir sind aufgerufen, ja eingeladen, unserem eigenen Leben recht zu geben: Wir können die Dinge aufnehmen, welche uns andere gezeigt haben – und ihnen damit Ehre erweisen. Elfriede Jelinek wird das auch so halten. Die Aussage, im Moment des Verlustes, ist daher vielleicht nicht einfach dumm, sondern eher hilflos.
Fassungslos macht mich daran wahrscheinlich der Umstand, dass der Satz von jemandem kommt, der sich doch mehr als mancher andere Gedanken über das Leben, über uns, das Dasein macht. Aber der Tod ist gnadenlos. Er zeigt uns auf, wie leer wir in seinem Angesicht werden.


[1] gmx.net – Trauer um Schlingensief
Bilder:
Schlingensief: davidgilbert.de
Jelinek: de.academic.ru




  1. Uwe · 23. August 2010, 14:24 · #

    Vielleicht war es eine Auftragsarbeit für Elfriede. ;)

    Scheinbar haben einige Menschen das Bedürfnis, einen anderen hochzujubeln, speziell nach dessen Ableben. :) Mir persönlich kommt das ebenso überflüssig vor, wie das gleichfalls beliebte in Grund und Boden Verdammen.

    Ich denke, dahinter steht nichts weiter, als der Wunsch, auf einer sich anbahnenden “Bewunderungswelle” zu surfen.

    Ich mochte Schlingensief, er war so herrlich engagiert und begeistert und wirkte auf mich so ehrlich. Wenn ich seine hastigen und oft fragmentarischen Reden hörte, hatte ich allerdings das Gefühl, daß er bei aller Aktivität, vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit für sich selbst übrig hatte.

  2. dirk · 23. August 2010, 19:44 · #

    Wenn du die Sätze auf die Waage legst – ja. Sie sind gar nicht von ihr, sind Textbausteine unsrer Starkultur, der nur die “größten”, gleich in welchem Wettstreit, wirklich leben, derweil wir übrigen, bestenfalls Fans, bloß vegetieren. Was aber ruft man aus im Schmerz (wie auch im Glück)? Nichts sinnvolles, nur Wörter die zur Hand sind, elendes Gestammel. Mich fragte keiner, ich hab es gut, bin unbekannt, drum steh ich heute klüger da (in meiner Ecke). Es gibt Augenblicke, da funktionieren wir nicht. Schau, was sie kürzlich erst geschrieben hat; das ist ihrs.

  3. Uwe · 23. August 2010, 23:30 · #

    Ich hab mal geschaut. Was für ein Text! So viele tolle Worte hintereinander: “Blutkuchen”, “Tochter” und “Adlerhorst”, es grenzte an ein Wunder, wenn nicht jemand seinen Sinn darin fände. :)

    Die Erkenntnis trifft mich: Ich verstehe nichts von Kunst. Unkenntliche Bilder, unverständliches Kauderwelch, unharmonische Töne, kommen mir vor wie des Kaisers neue Kleider.


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