Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Bloggen ist immer Schreiben über sich selbst

∞  27 November 2009, 19:52

Man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten, hat Max Frisch einmal gesagt. Und diese Haut wächst nach…

Also schreibe ich immer vom Gleichen? Knapp 3000mal in gut fünf Jahren? Natürlich Jein. Es gibt ja sooooo viel Interessantes. Ist man am Weltgeschehen einigermassen interessiert, so gibt es täglich eine Gelegenheit, gegen irgend einen Gauner oder eine Ungerechtigkeit die verbale Faust zu heben oder sich gelassen über etwas zu amüsieren. Aber in der subjektiven Auswahl seiner Themen ist jeder Mensch immer sehr eng mit “dem Gleichen” beschäftigt. Was uns umtreibt, so können wir feststellen, ist sehr oft das Immergleiche. Das Zipperlein, das in uns anschlägt, ist oft an der immer gleichen Stelle nervös und lässt sich von einer handvoll Impulsen locken.
Und die Versuchung ist dann am Grössten, ganz laut zu rufen, wenn im Innern eine Phase der trockenen Stille vorherrscht: Ich würde mich gerne kontemplativer mit mir selbst beschäftigen. Aber dafür gibt es intensivere und flachere Zeiten. Das geht uns allen wohl so. Und manchmal ist dann das Schreiben “über die Welt” eben eine Art Looping, oder eine gewanderte Schleife auf dem Weg zu dem, was in mir selbst wirklich ansteht.

Zeitweise ist ein solches Blog eine ziemlich herausfordernde Kiste. In einer Zeit, die man vielleicht gar nicht mehr so genau erinnern kann, hat man mal damit begonnen, ein virtuelles Tagebuch zu schreiben. So habe ich das irgendwie tatsächlich verstanden, wohl wissend, dass es das nicht wirklich ist. Einem Tagebuch vertrauen Sie und ich ganz andere Sachen an – oder ich kann es auch so formulieren: Ich vertraue sie dem Tagebuch anders an. Das ist auch gut so. Jeder, gerade die, welche öffentlich schreiben, sollten ein Gefühl dafür behalten, was privat bleiben soll und was öffentlich sein darf. Und doch wird sich jeder Blogger bewusst: Er verrät etwas über sich. Und das ist eine echte Herausforderung. Da kann man hinein wachsen (vielleicht auch wieder heraus). Es gilt, ein Gefühl dafür zu bekommen, was man wie öffentlich sagen kann und auch wirklich will. Und während man sich darin übt und dabei begreift, dass man sich beim Schreiben auch nicht selbst verraten sollte, also auch als Thinkabout Kurt bleibt, wird klar: Ich kann auch über den Verriegelungsmechanismus eines Einmachglases schreiben – ich häute mich dabei. Und wann immer Sie dann auf “Veröffentlichen” gedrückt haben, sind Sie in einer bestimmten Weise, vielleicht nur für den flüchtigen Moment einer Ahnung, ohne diesen Teflon, an dem die Gleichgültigkeit oder die übertriebene Neugier der Mitmenschen sonst scheinbar abperlt.


Bild: Loriot




  1. Menachem · 28. November 2009, 01:11 · #

    Hallo Thinkabout, dein Beitrag lässt mich weiter darüber nachdenken, was seit ein paar Tagen in mir werkelt, nämlich, dass wir vielleicht mehr über uns selbst durch Äußerlichkeiten erfahren, als durch tiefes in uns hineinsehen, wie z.B. was ist das Lieblingsbuch, warum, aus welcher Zeit und mit welchem wichtigen Nebenthema, wo liegt oder steht es, an einem dunklen Ort oder Ehrenplatz..weil, so empfinde ich es aus deinen obigen Zeilen:

    Ein Tagebuch ist ein introvertiertes Medium, stumm, tod?
    ein blog extrovertiert, lebendige Kommunikation,
    Ja, der blog kann manchmal eine Gratwanderung sein, aber eine schöne.

  2. Claudia · 28. November 2009, 11:00 · #

    Gerade hab’ ich auch wieder auf “veröffentlichen” geklickt und die 7 WWMAG-Surftipps zum Wochenende in die Netzwelt entlassen.
    Das betreibe ich so mit der Selbstverpflichtung zur Kontinuität und es gibt mir regelmäßig eine schöne Stunde, in der ich mir klar werde, was mir diese Woche in all dem “Geschwurbel” wichtig war. Da ich das im WWMAG mache, sind die Tipps themenzentriert auf “rund ums Internet”, doch ich merke, dass mir das Lust macht, eine andere, umfassendere “Nachrichtenschau zum Wochenende” zu erstellen – mit ALLEN Themen, die mich bewegen.

    Das Thema “VON SICH SCHREIBEN” hab’ ich mal in einer Länge ausgeführt, die heute in Web kaum mehr zumutbar erscheint:

    Von sich schreiben – Webdiarys und mehr

    Der brisante Bereich “über andere schreiben” wird da auch detailliert betrachtet.

    Danke für dein Posting, das mir all das mal wieder ins Bewusstsein gehoben hat!

  3. Thinkabout @ Claudia · 28. November 2009, 11:22 · #

    ich werd’s lesen.
    Überhaupt finde ich die Art Andacht, sich hinzusetzen und zu fragen:
    “Was war?”
    (am heutigen Tag, diese Woche, dieses Jahr)
    eine ganz wunderbare Übung, um gleich im Moment etwas bewusster weiter zu machen mit seinem Leben. Und mit seinem Schreiben und Lesen.

  4. Thinkabout @ Menachem · 28. November 2009, 11:27 · #

    Ja, lieber Menachem, auch das Äusserliche ist meist Resultat eines inneren Antriebs, und alles, was uns schlussendlich erreicht, wird von aussen an uns heran getragen. Spätestens dann, wenn wir es aufnehmen, beachten, ist es nicht länger Zufall. Mag sein, dass, wenn es mal Teil unseres Inneren geworden ist, es ganz leise wird und still, aber jederzeit können auch wir wieder Zeichen setzen, in denen es manifest wird, greifbar, gewandelt und entwickelt, wie es in uns weiter gewachsen ist – wie jeder neue Gedanke, den wir annehmen und in uns selbst weiter denken.

  5. Titus · 29. November 2009, 18:43 · #

    Das Risiko oder die Sorge, quasi ständig über «das Gleiche» zu schreiben, kann auch zu einer thematischen Öffnung führen. Man lässt sich auch auf Themen ein, die einem bisher eher am A… vorbei gingen. Dabei ist man immer wieder überrascht darüber, wie interessant dieses Thema dann doch ist. Und am Schluss ist man ganz froh darüber, wieder ein Stückchen mehr gelernt zu haben.


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