Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Beunruhigende Signale gab und gibt es viele

∞  8 Dezember 2009, 10:33

In der Debatte rund um den Islam in der Schweiz gab und gibt es viele Gründe, weitere Fragen zu stellen.

Hier sollen ganz bewusst nicht einzelne Ethnien aufgerufen werden, sich eindeutig zu unserer Rechtsordnung zu bekennen, sondern Migranten aller Nationen, ja alle in der Schweiz lebenden Muslime danach gefragt werden, ob sie ihre muslimischen Überzeugungen mit dem Vorrang unserer Rechtsordnung vereinbaren können. Nach meinem bescheidenen bisherigen Verständnis des muslimischen Dilemmas, mit dem eigenen Wertekatalog in Konflikt mit der schweizerischen Gesellschaft zu geraten, ist diese Harmonisierung für einen gläubigen Muslim äusserst schwierig, und für jede auch gemässigt praktizierende Islam-Gemeinde erst recht.

Der muslimische Wertekatalog im Konflikt mit der schweizerischen Gesellschaft

Beispiele aus doch eher der Polemik nicht zu verdächtigender Quelle, einer Reportage im Beobachter, vom 29. Oktober 2009:


Schweiz: Ein streng gläubiger türkischer Muslim meint:
“Braucht ein Mensch, der diese Pflichten [die fünf Säulen des Islams, Th.] befolgt, sich noch weiter zu integrieren? Ein solcher Mensch stört doch niemanden, und niemand wird sich von ihm belästigt fühlen.»
°
Österreich: Der österreichische Soziologe Mouhanad Khorchide führte selbst eine Umfrage durch: Khorchide ist selber Muslim, predigte in Wien als Imam. Zur Auswertung seiner Fragebögen meinte er: «Die Ergebnisse sind katastrophal». Gemäss seiner Untersuchung hält rund ein Fünftel der Befragten [210 islamische Religionslehrer, Th.] Demokratie und Islam für unvereinbar, fast jeder Fünfte (18,2 Prozent) erachtet die Todesstrafe als eine gerechte Sühne für den Abfall vom Islam. Jeder Dritte (32,7 Prozent) lehnt rechtsstaatliche Prinzipien ab [ein Muslim kann nicht Europäer sein, Quelle Weltwoche, Th.], und immerhin noch jeder Elfte (8,5 Prozent) äusserte Verständnis dafür, wenn zur Verbreitung des Islams Gewalt angewandt wird.
°
Deutschland: Studie, die das deutsche Bundesinnenministerium vor zwei Jahren publik machte. Befragt wurden insgesamt 1750 Muslime. Über 44 Prozent äusserten die Überzeugung, dass Muslime ins Paradies kommen, wenn sie im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben. Immerhin 14 Prozent der Befragten, von denen knapp 40 Prozent einen deutschen Pass hatten, stünden mit der Rechtsstaatlichkeit auf Kriegsfuss und zeigten eine problematische Distanz zur Demokratie. Die Studie ordnet 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime als fundamental orientiert ein.
°
Westschweiz: Die Genfer Buchautorin Mireille Vallette hat für ihr Buch «Islamophobie oder legitimes Misstrauen?» analysiert, wie sich führende, vor allem Westschweizer Islamvertreter und Imame öffentlich äusserten – zu umstrittenen Fragen wie dem Tragen eines Kopftuchs, dem Austritt aus dem Islam oder der Meinungsfreiheit. «Ich habe keinen Fürsprecher eines modernen Islams gefunden», sagt Vallette.
°
Eidgenossenschaft: Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) beauftragte vor einiger Zeit Schweizer Religionsforscher mit einer Studie, in der die Einstellungen der hiesigen Imame erforscht werden sollten. Ausserdem sollten das Rekrutierungspotential und mögliche Schweizer Ableger der Muslimbruderschaft untersucht werden, einer der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Die Ergebnisse sind bis heute geheim. «Sie wurde gemäss den Bestimmungen für sensible Informationen klassifiziert», erklärt Sebastian Hueber, stellvertretender Chef Kommunikation VBS.
°
Zürich: 2004 muss Ibram, der marokkanische Imam an der Rötelstrasse, nach zehn Jahren gehen, nachdem er in einem Interview zur Frage der Steinigung gesagt hatte: «Ich kann nicht dagegen sein, diese Strafe ist Teil des islamischen Rechts.»
Ibram sitzt jetzt als Vertreter der Schweiz im European Council for Fatwa and Research (sinngemäss etwa: Europäischer Rat für Fatwas und Forschung). Der Rat betrachtet die Scharia als verpflichtend für alle Muslime und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fatwas (islamische Rechtsgutachten) für die muslimische Bevölkerung Europas zu erlassen, die mit den lokalen Gegebenheiten vereinbar sind. Fatwa Nr. 6 schreibt den Frauen das Kopftuch vor, Fatwa Nr. 17 verbietet strikt die Heirat einer Muslimin mit einem Nichtmuslim, Fatwa Nr. 38 verbietet den Mädchen das Velofahren, falls das Risiko dabei gross ist, dass das Jungfernhäutchen reisst.
So viel zum Verständnis der Vereinbarkeit der Rechtsordnungen.
°
Genf, Petit Saconnex: Vier liberale Kadermitglieder der Moschee müssen gehen, wahrscheinlich auf Betreiben Ibrams und der saudischen Gesandtschaft.
°
Emmenbrücke: Der bosnische Imam Efendic wirkt sehr aufgeschlossen, modern, aber zur Scharia meint er: Die Scharia? Wenn ein Dieb wisse, dass ihm die Hand abgehackt werde, überlege er sich zweimal, ob er stehlen wolle. Und ja, die Frau müsse ein Kopftuch tragen. Und ja, eine Muslimin dürfe keinen Christen heiraten. Efendic: «So will es die islamische Tradition.»

°°°

Von der Weltwoche sind solche Berichte wohl allgemein eher zu erwarten, und doch sollte man mal hinlesen. Es geht dabei auch um die Wortmeldungen der führenden Muslime der bestehenden Dachverbände.
Weltwoche 42/09 – Ist der Islam mit Rechtsstaat und Demokratie vereinbar?

Schweiz: Laut einer Untersuchung der Stiftung Surgir aus dem Jahre 2006 sind in der Schweiz «tausende Frauen» Opfer einer Zwangsheirat und leben häufig in unglücklichen Beziehungen, die mit häuslicher Gewalt einhergehen.
°
Deutschland: Laut einer Umfrage halten dreissig Prozent aller türkischen Studenten Ehrenmorde für legitim. Zahlen für die Schweiz gibt es keine.
°
Schweiz: Den Moscheen in der Schweiz stehen schätzungsweise rund 150 Imame zur Verfügung. Sie stammen aus der Türkei, Albanien, Bosnien, Ägypten, Marokko oder dem Iran – und die wenigsten sind mit der Schweizer Kultur und Sprache vertraut. Was sie predigen und wofür sie stehen, ist unbekannt; sie publizieren ihre Reden weder in Büchern noch im Internet.
°
Schweiz: Zur Frage, ob in der Schweiz Scharia-Gerichte eingeführt werden sollen, sagte Afshar [Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz ] der NZZ, die staatliche Ordnung breche «nicht zusammen, wenn unterschiedliche Rechtssysteme parallel bestehen». Die Schweiz werde nicht darum herumkommen, Sonderrechte für die Muslime einzuführen.
Selbst beim Thema Steinigung konnte sich Farhad Afshar in einem Interview, das die Weltwoche vor vier Jahren mit ihm führte, nicht zu einer klaren Aussage durchringen. «Es ist absurd, sich von der Scharia distanzieren zu wollen», meinte Afshar.
°
Zürich: Mit Fatih Dursun, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), rüttelt ein weiterer offizieller Islam-Vertreter an der Schweizer Rechtsordnung. Laut Tages-Anzeiger bekundet Dursun «grosse Sympathien» für Vorstösse zur Einführung der Scharia in der Schweiz. Das hiesige Rechtssystem müsse «flexibel» gestaltet werden, fordert der türkisch-schweizerische Doppelbürger, der die Muslime in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) vertritt.
°
Tariq Ramadan, führender intellektueller Entwerfer eines europäischen Islams, schlug lediglich ein «Moratorium» für Steinigungen vor – nicht etwa einen endgültigen Verzicht.
°
Freiburg: Christian Giordano, Professor für Sozialanthropologie in Freiburg, will islamische Rechtsvorstellungen noch wesentlich stärker in der Schweizer Justiz verankern. 2008 forderte er in der Zeitschrift der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) die Anerkennung von Scharia-Gerichten, etwa in Zivilprozessen, aber auch bei Delikten bis zur Körperverletzung. Giordano rechtfertigt seine Vorschläge damit, dass die kulturelle Distanz zu gross sei: «So sehr sich diese Migranten auch assimilieren, es bleibt immer eine Differenz bestehen. Auch zu unserem Rechtssystem.»
°°°
Ein besseres Schlusswort gibt es nicht, um die Gefahren einer weiteren Aufweichung unseres Rechtssystems zu dokumentieren. Und genau da haken jene aufgeschreckten Schweizer Bürger ein, welche dies nicht zulassen wollen. Zum eigenen Nachteil nicht, sich gegen die Entfremdung im eigenen Land richtend – und sich dabei auch für die Rechte aller Betroffenen, auch der Migranten, einsetzend. Diese Aufstellung ist eine Art Gruselkabinett, ich weiss. Entscheidend ist aber, was nun praktisch weiter geschieht:
In dieser Aufstellung kommen im Grunde alle führenden Persönlichkeiten der grössten Dachorganisationen vor. Sie alle haben Erklärungsbedarf geweckt. In den ersten Pressemitteilungen nach der Abstimmung ist so was wie ein Erkennen nicht ausgeschlossen, wenn man das jeweilige Ende der Mitteilungen liest:

Stellungnahme der KIOS/FIDS zum Abstimmungsresultat der Minarett-Initiative

Die muslimischen Verbände erkennen auch, dass nun ihre Verantwortung noch gewachsen ist, auf legitime Befürchtungen in der Schweizer Bevölkerung einzugehen und zu antworten. Wir müssen unsere Öffentlichkeitsarbeit verstärken, um Missver-ständnissen und Vorurteilen über den Islam und die Muslime zu begegnen. Wir laden darum alle Kreise ein, bei anstehenden Problemen gemeinsam mit uns nach konstruk-tiven Lösungen zu suchen. Unser Anliegen ist es, ein friedliches Zusammenleben zu fördern im Respekt voreinander und entsprechend der menschlichen Würde.


Stellungnahme Verband Aargauer Muslime

Obwohl sich nun eine gewisse Enttäuschung unter den Musliminnen und Muslimen breit machen wird, möchten wir an dieser Stelle betonen, dass wir uns der Probleme bewusst sind, welche die Integration ethnischer und religiöser Minderheiten mit sich bringt und möchten daher unsere Bereitschaft bekräftigen, mit allen interessierten Kreisen die vorhandenen Probleme ernsthaft zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu suchen.


Der Schweizerische Rat der Religionen

Der Schweizerische Rat der Religionen ruft alle dazu auf, sich auf die schweizerische Werte- und Rechtsordnung sowie auf die freiheitliche Gesellschaft einzulassen. Der SCR lädt die islamischen Gemeinschaften ein, bei der Bildung ihrer Strukturen z.B. auf die Erfahrungen der christlichen Kirchen oder der jüdischen Gemeinden zurückzugreifen.
Der Respekt vor den jeweiligen Überzeugungen der Anderen ist die Voraussetzung für den Umgang mit Differenzen und das friedliche Zusammenleben. Der Schweizerische Rat der Religionen will den Dialog zu Fragen der gemeinsamen Werte- und Rechtsordnung weiterhin führen und auf allen Ebenen fördern.


Wir sind gespannt. Ich wünschte mir persönlich einen Weg, den gläubige Muslime tatsächlich in Europa begehen könnten, um ihren Glauben zu leben. Nur: Ich sehe ihn (noch) nicht, ohne dass sich der Islam aus sich selbst heraus reformiert. Bis zu einer überhaupt möglich werdenden Auslegung des Korans zum Beispiel, ist es noch ein sehr, sehr langer Weg. Mitbürger mögen mir entgegnen, dass die tägliche Praxis doch das Gegenteil beweise: Tausende Gläubige leben tagtäglich friedlich mit uns (oder neben uns?). Stimmt. Aber es irritiert sehr, welche Signale von den Führern und Repräsentanten der Moscheen und Verbände ausgehen. Und gleichzeitig sind diese Signale auch ehrlich, denn das Dilemma der Verknüpfung des muslimischen Glaubens mit der Scharia, die dem Islam inne wohnende Verbindung von Staat und Religion und der missionarisch politische Anspruch nach weiterer Verbreitung und Vorherrschaft des Islam SIND spürbar.
Wenn die muslimischen Verbände Erklärungsbedarf orten, dann ist er genau in diesen Punkten mehr als gegeben. Von aussen mag man da nur hoffen, dass Organisationen wie das Forum für einen Fortschrittlichen Islam endlich auch innerhalb der muslimischen Gesellschaft einen höheren Stellenwert bekommen. Auf deren Homepage steht als Begrüssung unter anderem:


Wir sind primär Schweizer Bürgerinnen und Bürger, denen die Befreiung des Islams aus der festgefahrenen kulturfeindlichen Sackgasse am Herzen liegt.
Wir sind Menschen muslimischer und nichtmuslimischer Konfession, die den Koran als Text seiner Zeit und seines Raums lesen und verstehen. Wir wollen diesen Text mit unserem heutigen Wissensstand ergänzen und ihm auf diese Weise ermöglichen, zu einer modernen, menschlichen und lebensbejahenden Quelle zu werden.
Natürlich ist unser Vorhaben gigantisch. Wir sehen darin keinen Grund, untätig zu bleiben. Tausende denkende und handelnde Menschen in- und ausserhalb der islamischen Welt tun es auch – in freiheitsfeindlichen Rahmenbedingungen.



Auch ich will nicht in den hier zutage tretenden Fronten verharren. Ich will Bewegung, Verständigung, Erklärung, Gestaltung. Aber hierfür brauchen wir offensiv informierende muslimische Verbände. Auch sie müssen sich – nicht zuletzt gegenüber solchen fortschrittlichen Organisationen aus den eigenen Reihen – mehr öffnen und den Dialog pflegen. Immer wieder. Unablässig. Der Weg ist lang und verdammt hart.

Hierzu sinnbildlich ist auch der bisherige Web-Auftritt dieser Organisationen. Über KIOS erfährt man im Netz durch inforel.ch am meisten, die Seite der FIDS ist eine Wüste.

Wenn die Energien damit verbraten werden, in dieser verfahrenen Situation juristisch darüber zu streiten, ob die Religionsfreiheit verletzt wurde, wenn Menschenrechte eingefordert werden, während gleichzeitig das Menschenrecht der freien Meinungsäusserung eine tiefere Verständigung theoretisch möglich machen würde, dann verschwenden wir unsere Chancen. Denn ganz offensichtlich ist diese Verständigung Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft diese Rechte auch mit Bereitschaft und Überzeugung gewähren kann.




  1. Mara · 8. Dezember 2009, 12:29 · #

    Um welchen Islam soll es hier gehen? Schiiten, Sunniten, Aleviten, Ba^hir, Ahmaddiya – um nicht noch die Wahabiten und sonstwen zu vergessen..

    Strenggläubige aus allen Richtungen werden unterschiedliche Antworten geben .. und solange stetig alles durcheinander geworfen wird, ist im Sinne der Aufklärung nichts getan. – Sondern führt nur weiterhin zu Ressentiments die in diesem Pauschalurteil den Muslimen nicht gerecht werden.

  2. Thinkabout @ Mara · 8. Dezember 2009, 13:11 · #

    Selbstverständlich gibt es verschiedenste Richtungen und entsprechende Ausgestaltungen. Dennoch wird hier nichts durcheinander geworfen, denn die Wortmeldungen der Herren Afshar und Dursun sind jene von Vorstehern von Dachorganisationen der Schweizer Muslime, und die Scharia und die mangelnde Möglichkeit der Auslegung des Koran sind in allen Strömungen Kernpunkte. Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen Strömungen gegenseitig beeinflussen und auch die Geldflüsse nicht streng solcher Grenzen entlang verlaufen.
    Nein. Hier und für diese Diskussion, für die Feststellung des Grundproblems spielen die verschiedenen Strömungen keine Rolle, so einheitlich, wie die obigen Statements ausgefallen sind.

  3. Mara · 8. Dezember 2009, 15:50 · #

    Da würden dir dann sowohl die Alevitten als auch die Ba`hia und Ahmaddiy widersprechen. Ist ungefähr so als werfe man die extremistisch rechten Freikirchen in den USA mit den liberalen Schweizern in einen Topf. Aber es entspricht natürlich unseren Vorurteilen einer homogenen islamischen Masse von der man sich fürchten muss..

  4. Mara · 8. Dezember 2009, 16:15 · #

    ba`hai und co werden auf dieser Seite kurz und gut vorgestellt..

    http://www.relinfo.ch/bahai/info.html

    wenn man den Selbstbeschreibungen jeweils nicht traut..

  5. Thinkabout @ Mara · 8. Dezember 2009, 16:26 · #

    Richtig. Dennoch ist Dein Einwurf zumindest verfrüht: Wir sind uns wohl einig, dass die von Dir hier genannten Bewegungen von einem Grossteil der anderen Muslime gar nicht anerkannt werden. Musterbeispiel dafür sind die Aleviten, welche sich tatsächlich zu einem laizistischen Staat bekennen, in der Türkei auch entsprechend eingewirkt haben und (folgerichtig?) bis heute von der Türkei nicht als religiöse Minderheit akzeptiert werden.
    Es geht hier nicht um ein Muslim-Bashing, sondern darum, aufzuzeigen, dass die wirlich einflussreichen Muslimorganisationen und mit ihnen ihre Führungsfiguren Fragen aufkommen lassen. Die von Dir genannten Ausprägungen werden ganz bestimmt noch Thema sein, wenn es darum geht, nach jenen Formen zu fragen, welche sich tatsächlich in den oben angesprochenen Kernproblemen unterscheiden.

  6. Thinkabout @ Mara · 8. Dezember 2009, 16:31 · #

    Danke für den Link!
    Nachtrag: Ich werde in einem der nächsten Beiträge auch noch auf die Seite inforel.ch hinweisen, die ebenfalls gutes Basiswissen vermittelt.
    Und an muslimische Kreise ist bereits die Einladung ergangen, Ihrerseits Empfehlungen für eine vertiefte Information abzugeben, für welche Gruppierungen auch immer.

    Nachtrag zum Nachtrag, 16h33: Ich glaube, unser Problem fürs Verständnis ist gerade NICHT, dass wir meinen, eine homogene dunkle Masse vor uns zu haben, sondern dass so viele verschiedene unkoordinierte Signale zu vernehmen sind. Gerade deswegen ist dieser Artikel dazu gedacht, die Kernprobleme zu zeigen, welche bei allen Glaubensrichtungen mit wirklichem Einfluss bestehen.
  7. Mara · 8. Dezember 2009, 16:37 · #

    Auch die progressiven Muslime werden von den orthodoxen wahabiten nicht anerkannt. – und was heisst das für die anderen? Damit untewirfst du dich und dein Verständnis von Islam einer orthodoxen Sicht. – Wenn du das als Masstab für ein Islamverständnis nimmst, kannst du eigentlich nur zum Schluss kommen, den du oben bereits angedeutet hast. Selfulfilling prophecy. …

    Nein, meiner Ansicht nach steht differenzierte Betrachtungsweise und das Lernen was die anderen Ausmachen am Anfang – Erklärungsversuche am Ende..

    Und das Schweizer Rechtssystem wurde gerade auch von den Schweizern aufgeweicht…

  8. Mara · 8. Dezember 2009, 16:45 · #

    Natürlich sind die Signale unkoordiniert und unterschiedlich! es gibt eben nicht die islamische Organisation die für alle spricht. – schliesslich sind auch die Staatsvorstellungen anders, und auch vielfach von der staatlichen Herkunft bestimmt.

  9. Thinkabout @ Mara · 8. Dezember 2009, 16:49 · #

    Liebe Mara,
    ich kann nicht verhindern, dass Du mich wieder in diese Ecke stellen willst. Die Leser sollen selbst entscheiden. Ich verweise hier nochmals auf die Aussage von Mireille Vallette im Text oben, nur so zum Beispiel. Es geht darum, wer welchen Einfluss geltend machen kann, nicht darum, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. Die Ahmadia-Gemeinde hat übrigens etwa 800 Mitglieder in der Schweiz.

  10. Marianne · 8. Dezember 2009, 20:07 · #

    Danke für einen sehr interessanten, ausführlichen Bericht. Ich habe ihn ausgedruckt und werde ihn aufbewahren. Auch ich bin beunruhigt und dies auch durch Berichte von sehr nahen Bekannten, die sich in der Türkei nicht mehr wohl fühlen.

  11. Caro · 8. Dezember 2009, 20:12 · #

    Ich bin auch eine Leserin. Und bringe hier einfach einmal den Begriff “Jude” ein.

    Und jetzt?

    Stigma. Vorgefertigte Meinung. Keinen Schimmer von den sensiblen Nuancen dieses Volkes: es wird über einen Kamm geschert, wie es auch bei dem Moslems geschieht. Ja, sicher: es gibt das Gottesstaatähnliche Israel, es gibt ultraorthodoxe Fundamentalisten. Aber es gibt auch ultraorthodoxe Juden in den USA, welche sich ganz strickt vom Staat Israel distanzieren. Es gibt auch eine lebendige Peace-Now-Bewegung in Israel, es gibt auch alternative Aussteiger. Und es gibt Holocaust-Überlebende, die einem Juden-Witze erzählen, die würde ich niemals in meinem Leben weiter geben!
    Hüten wir uns davor, in das filigrane Gebilde religiöser Gemeinschaften einzugreifen und darüber zu befinden. Wie Mara (danke!) aufgezeigt hat, sind unsere beiden monotheistischen Bruder-Religionen für die Schweizer eine sterile, homogene Masse. Meiner Meinung sollte sich erst dann jemand dazu äussern, wenn er sich auch wirklich damit auseinander gesetzt hat.

  12. mimikry · 8. Dezember 2009, 20:58 · #

    Beunruhigend sind allerdings auch die von Caro aufgezeigten Parallelen. Und nicht weniger beunruhigend, dass die Partei mit dem höchsten Wähleranteil im eignen Land, sich auf den «Volkswillen berufend» die Kündigung der Menschenrechtskonventionen ernsthaft in Betracht zieht. Und eben diesen Volkswillen missachtet, indem immer wieder die Streichung des Anti-Rassismus-Artikels gefordert wird:
    http://www.parlament.ch/D/Suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20093843

    Das mögen zwar Details sein, aber es liesse sich eine ebenso lange Liste solcher «Details» schreiben, wie diejenige über die Muslime – und dies finde ich ziemlich bedenklich – und durchaus auch beunruhigend.

  13. Thinkabout @ Caro · 8. Dezember 2009, 21:13 · #

    Ich habe zwanzig Jahre lang an der Peripherie des orthodoxen Judenviertels in Zürich gearbeitet. In meiner Jugendzeit war es chic, von einem Aufenthalt in einem Kibbuz zu schwärmen. Zionistische Politik ist ein Schlagwort, wird aber nirgends im Ausland mit jüdischen Gemeinschaften verbunden. Im Gegensatz zur monotheistischen Bruderreligion des Islam ist in allen gelebten Religionsströmungen des Juden- und Christentums nirgends etwas von einer angestrebten Weltherrschaft zu lesen oder zu hören. Im Gegensatz zu den jüdischen Organisationen in der Schweiz haben die Muslime keine Öffentlichkeitsarbeit betrieben – oder eine unzureichende. Eine Persönlichkeit wie Sigi Feigl ist auf jeden Fall aus dem Kreis der Muslime nicht hervor gegangen. Vielleicht deswegen, weil es gerade so viele Strömungen gibt, dass sich keine allgemein gültigen Aussagen machen lassen?

    Du scheinst mir vorzuwerfen, dass ich das nicht bedenke. Anders kann ich Deine – meiner Meinung nach völlig unberechtigte – Spitze am Ende nicht deuten. Der Artikel soll aber genau zeigen, dass in den Grundfragen, die uns im Westen am meisten beunruhigen, tatsächlich die Kern-Gegensätze immer bestehen. Die Statements oben kommen von türkischen Moslems, bosnischen oder marokkanischen Imamen etc., und die Vertreter der Dachorganisationen sprechen für 10-12 muslimische Organisationen (lauf Herrn Afshar, ich komme in einem sep. Artikel darauf zurück), und Herr Hisham Maizar äussert sich zwar vorsichtiger zur Scharia, aber auch für ihn, den Präsidenten der Föderation Islamischer Dachverbände in der Schweiz, muss über die Scharia diskutiert werden:

    Die Anerkennung gewisser Teile der Scharia sei ein vernünftiger Weg,
    NZZ-Online

    Er hält die Diskussion im jetztigen Zeitpunkt nur für “politisch nicht opportun”.

    Zur Liste der Verbände, denen Herr Maizar vorsteht, hält die FIDS auf ihrer
    Webseite
    selber fest:

    Diese Dachorganisationen repräsentieren mehr als 130 multiethnische islamische Vereine und Zentren in den Schweizer, Albaner, Araber, Bosnier, Türken, Afrikaner und solche Muslime aus Südostasien anzutreffen sind. Sie sind in 16 Kantonen der Schweiz präsent und in allen 4 Sprachregionen der Schweiz vertreten

    —-
    Dieser Artikel will nicht die Gleichmacherei betreiben. Aber er weist darauf hin, dass gewisse Eckpunkte der Unvereinbarkeit zwischen europäischem Recht und muslimischem Rechtsempfinden in praktisch allen muslimischen Glaubensrichtungen zu Tage treten.

  14. LD · 8. Dezember 2009, 22:15 · #

    Eine öffentliche Diskussion unserer Werte und unserer Beziehung zum Islam (ich erlaube mir die Pauschalisierung) war schon lange fällig. Dass die Abstimmung hitzige Debatten wie diese hier bei Thinkabout ausgelöst hat, finde ich sogar sehr wertvoll, denn endlich dürfen wir nicht nur, nein plötzlich müssen wir uns endlich über unsere eigenen Werte klar werden. Und ebenso müssen auch die Muslime in der Schweiz klar Position beziehen und Flagge zeigen. Ein Tabu ist endlich gebrochen.

    Trotz des Ernstes des Themas kommt mir allerdings die humoristische Seite viel zu kurz. Daher möge mir der Gastgeber folgenden Link zu einer kleinen Satire-Einlage verzeihen: Minarettverbot: Wer hats erfunden?

    Ebenfalls kreativen Humor zeigt der studentische Blogger-Kollege GEBSN in seinem Beitrag Hoffnung für Minarett-Aficionados.

  15. Ugugu · 9. Dezember 2009, 09:45 · #

    1. Die Frage bleibt: Ist all das Aufgelistete ein Argument diskriminierende Artikel in die Bundesverfassung einzufügen? Ich finde nein. Interessant ist aber das offenbar vorhandene Bedürfnis den Islam genau durchleuchten zu wollen. Wie mir scheint, lieber Thinkabout, haderst du immer noch gewaltig mit deinem Ja zur Minarettverbots-Initiative. Das klassische Post-9/11-Syndrom. Und mir wird Angst und Bange, wenn ich mir überlege, welche Grundrechtseinschränkungen sich unsere Politiker noch einfallen lassen könnten, um dem Volk eine Beruhigungspille zu verabreichen.

    Vor allem aber glaube ich nicht an die Möglichkeit von aussen einen Säkularisierungsdruck auf irgendeine Religion aufbauen zu können. Wer unter Generalverdacht steht, reagiert eher mit Abschottung und Rückzug, behaupten zumindest die Sektenforscher.

    2. Soweit der Islam in der Schweiz bereits durchleuchtet wurde (warum eigentlich nur der Islam, wenn wir schon dabei sind?) reden wir also von einer Zahl von dreissig- bis vierzigtausend praktizierenden Muslimen, die sich wiederum in verschiedene (vor allem nach Herkunft) Glaubensrichtungen aufsplitten. Für mich ist das uneinheitliche Auftreten insgesamt und das mikrige Webangebot im Speziellen eher der Beleg dafür, dass es den lokalen 130 Kulturvereinen eher an Geld mangelt, als dass alle von wahabitischen (Geld-)Strömen unterwandert wären. Nimmt man die Anzahl praktizierender Muslime als Massstab, zeigt sich aber auch, dass die Ahmadia-Gemeinde mit ihren 800 Mitgliedern eine so kleine Bewegung innerhalb der schweizerisch-muslimischen Gemeinschaft auch wieder nicht ist.

    Vielleicht hat aber auch Rassismus-Experte Georg Kreis recht: Machen wir einen gutschweizerischen Schnüffelbericht über die Muslime in der Schweiz, und überlassen allfällige Extremisten der Polizeiarbeit, immer noch besser als Kündigung der EMRK oder ähnliche in den letzten Tagen portierte Dumpfbackenvorschläge einer ins Paranoide abgedrifteten politischen Klasse.

  16. Thinkabout @ Ugugu · 9. Dezember 2009, 23:30 · #

    zu 1)
    Gegenfrage: Was wäre geschehen, es hätte die Abstimmung nicht gegeben?
    Frust, der sich nicht oder spät entlädt, Angst, die sich kein geordnetes Ventil verschafft – die Konsequenzen hätten dann einmal viel schlimmer werden können.
    In der Tat ist das Beunruhigendste das, was sich in den kurzfristigen Reaktionen offenbart. Die Schnellschüsse bei Medien wie Politkern (u.a. Parteipräsidenten) waren mehr als peinlich.
    Mal durchatmen, würde ich sagen.
    Säkularisierungsdruck kann man tatsächlich auf keine Religion ausüben. Aber Du hast selbst einmal festgestellt, dass 80% der Muslime mit strammer Islam-Religion nichts am Hut haben. Leider beteiligen sie sich in keiner Weise an der Diskussion, bringen sich überhaupt nicht ein. Oder viel zu wenig. DA muss eingesetzt werden, und dieser grosse Teil muss das Gefühl bekommen, dass es sich lohnt, eine eigene Position zu definieren und für Verständnis zu werben. – Und allenfalls auch Zoff und Diskussion in der eigenen Familie mit der Elterngeneration zu riskieren!
    zu 2)
    Ich habe die Zahl der 800 nur angeführt, um zu verdeutlichen, dass solche Gruppierungen die kritischen Gemeinsamkeiten der Mehrzahl nicht relativieren. In der Tat aber sind die Ahmadia-Gemeinden wichtig, weil sie oft schon sehr lange bestehen und Erfahrung im Zusammenleben mit anderen Religionen haben. Um deren Akzeptanz unter den Muslimbrüdern könnte es aber scheinbar auch besser bestellt sein…
    Den Ärger in Deinem letzten Abschnitt teile ich vollumfänglich. Ich befürchte aber nicht so sehr die Schnüfflerei als die unehrliche Beisshemmung, welche Papiere und Berichte produziert, aber die öffentliche Debatte scheut.

  17. Zappadong · 10. Dezember 2009, 13:03 · #

    @ugugu: Es sind nicht alle Politiker ins Paranoide abgedriftet. Es sind nicht alles Dumpfbacken, die sich über ein “wie weiter” Gedanken machen. Nicht jeder Bericht ist ein Schnüffelbericht. Und Thinkabout zu unterstellen, er hadere mit der Entscheidung ist schon ein starkes Stück.

    Was ist passiert diesen Herbst:

    Studenten protestieren – der Bundesrat ist offiziell bereit, sich die Pisa-Reform sehr kritisch anzusehen und dann Konsequenzen zu ziehen.

    Eine Mehrheit sagt Ja statt Nein und endlich finden Debatten statt, die wir vor einem Monat noch nicht hätten führen können (unter anderem auch, was wir mit der Ausschaffungsinitiative machen werden – hätte es ein Nein gegeben, wären wir halt dann bei genau jener Initiative in den Hammer gelaufen).

    Mir kommt vor, als brechen Krusten auf. Wo Krusten aufbrechen, tut es immer weh. Schlussendlich aber kann daraus ein Heilungsprozess werden – wenn alle die Chance wahrnehmen.

    Im Moment sitzen meiner Meinung nach nicht nur die vom rechten Rand im Bunker, sondern einige vom Linken genauso. Da gefällt mir Jaqueline Fehr von der SP besser, die gestern für den Tagi einen guten Kommentar geschrieben hat.

  18. Ugugu · 10. Dezember 2009, 16:14 · #

    @zappadong: ich würde auch alles gerne etwas optimistischer sehen. solange sich cvp und fdp nicht definitiv aus dem erpresserischen würgegriff der svp befreien, stehen wir in punkto ausschaffungsinitiative genau dort wo wir vor drei jahren bei der abstimmung über die asylgesetze schon einmal standen: zwei, drei noch nicht komplett abgestumpfte bürgerliche politiker werden ausscheren, der rest wird aus angst vor der svp und dem “volch” einem minimal abgeschwächten deportationsgesetz zustimmen und irgendwas von humanitärer tradition labern…

  19. Thinkabout @ Ugugu · 10. Dezember 2009, 17:09 · #

    Ich teile Deine Beurteilung der Mitte-Parteien cvp und fdp im Grossen und Ganzen, nehme aber auch die SP nicht aus: Was sollte Levrats Vorstoss betreffend Guantanamo-Häftlingen in diesen Tagen nach der Wahl? Eine Pfandeingabe um das empöte Ausland zu besänftigen?
    Christine Egerszegi
    hat umgekehrt heute im Rendez-vous am Mittag bei Radio DRS 1 einen Gedanken geäussert, der auch etwas für sich haben könnte: Ohne die Minarett-Abstimmung wäre die Ausschaffungsinititative ohne die nun eingeleiteten Abklärungen zur Abstimmung durchgewunken worden – und wer weiss, was das bedeutet hätte? Aber es wird nun tatsächlich darum gehen, ob die Mitte-Figuren nicht länger Pappkameraden sein werden, sondern sich getrauen, Politik zu machen. Nicht mit den Populisten, aber für die Mensche, welche den rechts geschürten Ängsten sich nicht entziehen können.
    Und bitte, bitte, man möge endlich aufhören damit, alle diese Bürger als thumbe fehl geleitete Stammtischköpfe zu betrachten…!
    Basisarbeit, Maloche ist gefragt. Los geht’s!

  20. André · 10. Dezember 2009, 18:50 · #

    ho ho – das liest sich ja spannender als ein knesset- ratsbericht (die beschimpfen sich schon mal als affen, sofern denn überhaut ein paar abgeordnete im parlamentssaal sitzen).

    aber: eine liste mit einigen stimmen aus a,b,c wird dem phänomem religion – oder geht’s öppen am änd doch um was anderes??! – schwerlich gerecht. eine zitatensammlung sagt in der regel mehr über den verfasser denn die quotes aus. das ist nicht böse gemeint, sondern mag daran erinnern, dass gefühle und – unter umständen durchaus berechtigte ängste – beim besten willen keine argumente ersetzen. mara und caro liegen halt schon richtig, wenn sie auf das riesige und alles andere als homogene gedankengut “des islam” verweisen.

    aber immerhin: so scheint also im nachgang zu einer abstimmung das nach – denken einzusetzen. so weit so gut. bloss, jetzt, da ein paar wenige in blogs und noch weniger in der politik sich offenbar erstmals mit einer anderen denn der eigenen religion auseinander setzen, bleibt die frage: was so viele nicht wollen, wird langsam klarer. und das schmeichelt der toleranz vieler nicht unbedingt. noch unklar bleibt freilich, was viele denn wollen?

    das jahrhundert der identität (in der politikwissenschaft wird das 20.jahrundert als das jahr der ideologien abgehackt) ist gerade mal knappe neun jahre jung – möge es den flötlern der extreme nicht gelingen, uns bei dieser identitätssuche schnurgerade in einen eigentlichen kulturkampf zu führen. mir scheint freilich, wir sind exaktement auf dem weg dorthin.

  21. Thinkabout @ André · 10. Dezember 2009, 20:37 · #

    Lieber André
    Immerhin scheinst Du mir nicht zu unterstellen, diesem Kulturkampf Vorschub leisten zu wollen. Danke.
    Was ich bei Euch Allen nicht verstehen kann, ist die Unfähigkeit (Verzeihung), auf die Grundaussage des Artikels einzugehen (weil man sie nicht entkräften kann?). Und die lautet eben gerade:

    Das Grundproblem ist, dass - unheimlich viele verschiedene Richtungen des Islam die Scharia als die im Grunde überlegene Rechtsordnung betrachten - in vielen Regionen / Strömungen die konservativen inneren Kräfte wohl stärker sind als wir gerne vermuten würden - praktisch keine Imame, egal welcher Gemeinde, mit den Schweizer Verhältnissen vertraut sind
    etc.
    Im Kern stelle ich fest: Mein Artikel sagt,
    das Dilemma der Verknüpfung des muslimischen Glaubens mit der Scharia, die dem Islam inne wohnende Verbindung von Staat und Religion und der missionarisch politische Anspruch nach weiterer Verbreitung und Vorherrschaft des Islam SIND spürbar.
    und ich behaupte tatsächlich, dass das für praktisch alle in Erscheinung tretenden muslimischen Gemeinschaften so gilt.

    Der Hinweis auf die Vielfalt der Kultur und der Religion entkräftet dies nicht. Das ist kein Gegenargument. Der Artikel geht vielmehr davon aus, dass diese Vielfalt besteht und ortet in den verschiedenen Statements aus verschiedensten Quellen die Gemeinsamkeiten in den Positionen.

    Ich habe mit Widerspruch sehr wohl gerechnet. Wie unqualifiziert, unsachlich und pauschal er allerdings ausfällt, ohne wirklich auf den Artikel einzugehen, erstaunt mich sehr.
    Und: Hört endlich auf mit dieser Angst vor der Angst. Ich bleibe nicht diffus, sondern ich benenne konkrete Positionen der islamischen Bewegungen, die mir Mühe machen. Keine einzige wurde hier widerlegt, ja nicht einmal vom Thema her aufgenommen. Ich finde diesen Therad in der Tat eine Katastrophe!
    André, Dein Kommentar enthält aber auch etwas, was ich sehr zentral finde: Selbstverständlich hat die ganze Debatte viel mit der fehlenden eigenen Identitätsfindung zu tun oder dem Bewusstsein, das dazu gehört. Dass, wenn dieser Prozess einsetzt, zusätzliches Konfliktpotential entsteht, liegt ein Stück weit in der Natur der Sache. Aber ich traue unserer humanitären Geschichte und dem Fundament, das dadurch schon besteht, ein wenig mehr zu als die Verunglimpfungen aller Ja-Stimmenden der letzten Tage. Wenn der Schock sich einmal gelegt hat, wird man sich vielleicht auch wieder zu Verbindlichkeiten bekennen, zu denen auch der Respekt gehört, welcher folgendes zuliesse:
    Den ersten Reflex mal vorbeiziehen lassen und dann alles nochmals neu bedenken: Ist es tatsächlich so, dass 60% der Mitbürger in dieser Ecke Platz haben, in die ich sie stellen will?
    Schadet es dem 80%-Anteil der muslimischen Bevölkerung bei uns im Endeffekt wirklich, wenn man z.B. eine Debatte darüber führt, wie dem Anspruch des Islam auf Vorherrschaft zu begegnen sei, wenn sie sich darin äussert, dass ein Muslim seinen Glauben nicht ablegen kann – was gegen jede anerkannte Glaubens- und Religionsfreiheit verstösst? Wäre die Debatte über “Türmchen” nicht die Gelegenheit, zu ebener Erde statt von Türmen hinunter mehr über einander zu erfahren und Fragen zu stellen?
    Wenn Ihr das nicht wollt, dann liefert Antworten. Lasst Euch auf die Diskussion ein, verweist nicht auf Vielfalt, ohne die Unterschiede wirklich benennen zu können und anerkennt meinen und den Wunsch Vieler, mehr wissen zu wollen. Glaubt mir eines: Ihr leistet der Sache, für die Ihr stehen wollt, mit dem Verharren in dieser Position keinen Dienst.

  22. André · 11. Dezember 2009, 07:29 · #

    @thinkabout:

    Ich bin nicht “Ihr”, und ich stehe auch nicht für eine “Sache”. Soweit zur erneuten Pauschalisierung.

    Was ich jedoch – und eben auch andere Kommentatorinnen/Kommentatoren – als zentral sehe, ist die Unmöglichkeit, die Religion Islam auf ein paar Quotes zu reduzieren, Begriffe wie Religion, Kultur mit Politik zu mixen, dann noch eine Prise Sharia dazuzugeben und simplifizierend als bad, bad, bad abzuhaken. Zum Beispiel Sharia: Dieses Rechtssystem lässt sich einfach nicht auf Hände abhaken, missionarischen Eifer etc. etc. reduzieren, und es gibt eben beim allerbesten Willen nicht bloss eine Anwendung oder Interpretation des Sharia – Rechts; wer das gebetsmühlenartig wiederholt, muss sich halt schon den Vorwurf gefallen lassen, dass er, bewusst oder unbewusst, für einen Kampf der Kulturen einsteht.

    Falls Du bewusst den Islam angehst, dann hast Du Dir sicherlich schon die Frage beantwortet, wie Dein Bild “des Islam” zustande gekommen ist; ev. öppen als Resultat eines geschickten, manipulativen Propaganda- Krieges neo- konservativer Prägung?

    Falls nicht: Lade Dich ein, Dir die Frage mal zu stellen.

    Komme soeben aus Aegypten, wo Sharia- Recht gilt, zurück nach Israel, wo sich der Justizminister dafür aussprach, dass biblisches Recht zur Grundlage der Rechtssprechung Israels werde. — Sind das nun ebenso beunruhigende Tendendenzen, oder geht’s Dir primär um “den Islam”, dem Du ja munter den Anspruch auf Weltherrschaft unterschiebst(vermutlich basierend auf ein paar Quotes, und der Interpretation des Begriffs Umma durch irgendwelche Leute, gell) ??

    Und: was habe ich von Dir zur katholischen Kirche zu lesen gekriegt in den letzten Jahren? Einer Kirche, die den Lebensraum, in dem Du Dich bewegst, doch wesentlich stärker geprägt haben dürfte in den letzten Jahrhunderten denn die 400 000 Muslime in der Schweiz in den letzten 10 – 20 Jahren?

    So sehr ich, der ich seit 5.5 Jahren inmitten von 400 Millionen Muslimen und ein paar Millionen jüdischen Leuten lebe und arbeite, Deine diffusen Unsicherheiten und Dein Unwohlsein nachvollziehen kann: Du vermischt schlicht und ergreifend zu viele Dinge, die Du nicht oder willkürlich definierst; Du spielst auf der Klaviatur der Unklarheit und des beliebigen Ausblendens. Das ist es, was Dich nicht abheben lässt vom irritiert sein.

    Thinkabout – im Sinne des Wortes ;)

  23. Thinkabout @ André · 11. Dezember 2009, 08:15 · #

    Endlich. Endlich bist Du selbst nicht mehr ganz so diffus, indem Du – zum allerersten Mal – auf die vielleicht zu differenzierende Bedeutung/Wirkung der Scharia eingehst. Du verwendest in Deinem Kommentar Worte wie
    simplifizierend, gebetsmühlenartig, unterschieben, diffus, willkürlich definieren
    und ich antworte Dir: Indem auf einen Artikel wie diesen so reagiert wird, wie das bisher in diesem Thread getan wurde, macht man genau das und nimmt die Beunruhigung und die konkreten Indizien für diese Unruhe nicht ernst. Damit wird einer besseren Verständigung geschadet, nicht genützt.
    Ich komme auf Deine nun konkreteren Kritikpunkte noch zurück, wenn ich mehr Zeit habe, will Dir aber schon sagen, dass ich Dir sehr dankbar dafür bin. Endlich etwas Hirnfutter im Dienst der Sache!

  24. André · 11. Dezember 2009, 08:54 · #

    @ thinkabout:

    Na also. Und keine Sorge: es dauert schon noch ne Weile, bis ich Dich den “Köppel der Blogger” nennen würde ;)

    So denn, “Hirnfutter im Dienste der Sache” – Jallah

  25. Menachem · 11. Dezember 2009, 13:02 · #

    Religion und Freiheit. Passt das eine überhaupt zum anderen? Ist das nicht ein Paradoxon?
    Dieser Gedanke rührt wahrscheinlich daher, das ich, als Agnostiker, GROB umrissen vornehmlich in drei Dinge unterscheide, in:
    Religion (mit Kirche, deren Vertreter und Ritual), also äußere Erscheinungsform und
    Glaube und Spiritualität, die ich mehr als eine innere Einstellung oder Haltung verstehe.
    Und wenn jemand wie ich es als Paradoxon empfindet, so ist es das NUR aus meiner Sicht, der, des Betrachters. Für den, den ich betrachte, mag das eine in sich schlüssige Einheit sein.

    Bereits „Freiheit“ ist für mich und die meisten schon eine sehr persönliche Definition, und bei „Religion“ dürfte es genau so sein.
    Schon als Wertbegriffe für den Einzelnen kaum definierbar, sollen sich aber nun die Vorstellungen einer ganzen Nation darin wieder finden und darüber hinaus, und das ist wahrscheinlich ein unmögliches Unterfangen, sich sogar ein Konsens zwischen ganz unterschiedlichen Religionen und Kulturkreiswerten bilden.

    Sollte es dann tatsächlich einen Konsens geben, so ist dieser Wert dann vielleicht nur noch eine leere Hülle ohne Inhalt. Zu wenig deckungsgleiche Elemente, wenn überhaupt, werden sich darin wieder finden können. Und vielleicht muss auch das wiederum genauso so sein, damit es für die Vielfalt der Religionen zumindest eine gemeinsame Hülle gibt.

    Soviel zu einem Grundrecht, dass aufgrund unmöglicher und keiner allgemein gültigen Definitionen vorab schon zu Streitigkeiten prädestiniert ist. Oder möchte jemand klar und eindeutig in einer Grundverfassung geregelt wissen, was er unter „Freiheit“ zu verstehen und zu leben hat, oder unter Religion? Daher verstehe ich sie, und das geht wiederum gar nicht anders, als Gummiparagraphen.

    Das an sich müsste nicht das Problem sein, denn, wenn ich Helmut Schmidt in seinem Buch „Außer Dienst“ richtig verstanden habe, gehört zur Kunst der Demokratie der „Kompromiss“.

    Wo könnte also der Kompromiss für den kleinsten, gemeinsamen Nenner liegen – wenn, ja, gäbe es nicht wieder einen weiteren solchen Gummiparagraphen, der, auch wenn er diesmal nicht in der Verfassung verankert ist, trotzdem existiert:
    Das Gastrecht

    So habe ich in den letzten Tagen erfahren, ausgehend von der Minarettabstimmung, dass es egal ist, wie das Thema heißt, ob Minarett, Klima, oder Olympia – aus jedem wird der Faden dorthin geführt, wo er zu einer in mir bereits begonnen Diskussion hinwill und sich für mich die Frage stellt: Will und kann ich sie jetzt mit mir weiterführen.

    Ich habe es versucht.

  26. Titus · 11. Dezember 2009, 17:26 · #

    Da mir das Kommentarfeld hier zu klein ist :-) ist, antworte ich – etwas verspätet und etwas globaler betrachtet – in einem eigenen Artikel:
    http://www.augenreiberei.ch/2009/12/11/die-subtile-manipulation-einer-masse/

  27. Thinkabout @ André · 11. Dezember 2009, 21:14 · #

    vor allem zu #22:

    So ein Blog ist wirklich heikel. Man kann mir da so allerhand um den Mund schmieren, wenn man danach suchen mag… Wenn man in das Suchfeld oben rechts “katholisch” eingibt, bekommt man
    diese Auswahl
    In diesem Fall, finde ich, habe ich einigermassen Schwein: Ich schreibe durchaus über die katholische Kirche – und dies auch kritisch. Dass ich es tun kann und dass es darüber generell eine offene Debatte gibt, ist ja gerade entscheidend.
    Wenn ich die Begriffe Religion, Kultur und Politik mixe, dann nicht deswegen, weil der Herr Schluer mir das eingetrichtert hat, sondern weil sich Imame in der Schweiz immer wieder mit Aussagen zitieren lassen, die genau solche Verknüpfungen herstellen. Ganz offensichtlich ist die Sharia ein Teil der muslimischen Kultur, und es wäre tatsächlich hilfreich, Beispiele für Gesellschaftssysteme aufgezeigt zu bekommen, in denen diese Gesetzesordnung Gutes bewirkt. Indem Du umgekehrt dann das Beispiel Israelischer Fundamentalisten beschwörst, machst Du ja schon deutlich, dass das kaum das Modell für eine westliche Gesellschaft sein kann.
    Den Anspruch auf Weltherrschaft unterschiebe ich dem Islam im übrigen überhaupt nicht – er kommt vielmehr im starken missionarischen Charakter zum Vorschein, mit dem viele Islamisten und konservative Muslime ihre Gläubigkeit beweisen. Ich sage nicht, dass es dies im Christentum nicht gibt, aber die schlimmsten Zeiten hiervon dürften überwunden sein. Und ich will sie in keiner Religion wieder aufleben sehen.
    Entsprechend “stört” es mich auch – vielleicht durchaus einseitig – dass Muslime, die konvertieren wollen oder schlicht den Glauben ablegen, dies nicht können. Je nach Auslegung dürfen sie gar mit dem Tod bedroht werden. Das sind nun mal alles Elemente, gegen die mein freiheitlicher Geist rebelliert. Und diesen Geist habe ich auch als gläubiger Mensch. Und ich erwarte ihn – im gesellschaftlichen Leben – von uns allen. Und ich will davon ausgehen, dass die Kinder, die unsere Schulen besuchen, dies mit der Unterstützung ihrer Eltern tun können. etc. etc.
    Wenn Du mein Blog regelmässig liest, dann wirst Du mir nicht wirklich eine religiös parteiisch gefärbte Sichtweise vorwerfen wollen, oder? Ich wage zu behaupten, dass es kaum ein anderes Blog in der Schweiz gibt, indem so viele spirituelle Gedanken verarbeitet worden sind, die aus den verschiedensten Kultur- und Glaubens- und Philosophenkreisen stammen.
    Mein grosses Privileg ist es, dass ich viel reisen durfte. Der Besuch von Moscheen hat dabei zum Eindrücklichsten gehört, was ich erlebt habe. Nichts wünsche ich mir mehr als ein spirituell anregendes Miteinander.
    Vielleicht ist es mein Problem, dass ich mich nicht mit weniger zufrieden geben will. Und dazu gehört auch, dass ich uns Christen und Europäern vorwerfe, dass wir viel zu lange zuliessen, dass sich das Bewusstsein für den Wert unserer demokratischen Grundordnungen verflachen konnte, bis zur Unkenntlichkeit verschüttet und nur noch in Schlagworten vorhanden. Ja, auch wir müssen neu lernen, unsere Fragen nicht nur in Forderungen zu packen, sondern zuzuhören. Womit ich beim grössten Problem bin: Wir brauchen mehr Muslime, die reden, erzählen, diskutieren – und ihre berechtigten Ansprüche stellen – um in Fragen des Zusammenlebens, der Rechtsordnung, der praktischen Demokratie zu diskutieren, Lösungen zu erarbeiten und Vorschläge zu machen. Nur so wird unsere Gesellschaft tatsächlich reicher; multikulti im besten Sinn des Wortes und eben nicht "parallel".

  28. Thinkabout @ André @ Alle · 11. Dezember 2009, 21:46 · #

    noch zwei Nachbemerkungen:
    Zum Vorwurf, einen Kulturkampf zu riskieren:
    Nein, natürlich will ich das nicht. Aber eine KulturDEBATTE scheint mir sehr wohl sehr wichtig zu sein. Und sie muss auch riskiert werden, denn nachhaltig (was für ein Modewort!) erhalten wir uns unser Wertesystem nur und behalten wir die Demokratie lebendig, wenn wir uns auch selbst unserer Werte bewusst sind – und zwar in einer Form, die auch dieses Feld nicht den Villigerzigarren schmauchenden Saftwurzeln (nicht abwertend gemeint) aus der SVP überlassen, sondern uns diese Errungenschaften wieder bewusst machen -und was dafür nötig war, so weit zu kommen. Dass wir in vielen Bereichen auch eine beunruhigende Degeneration zeigen, müssen wir gar nicht bestreiten. Es ist nicht weg zu diskutieren. Ob es zu korrigieren ist, weiss ich nicht.
    Bildhaft gesprochen: Wir fordern Integration. Wenn wir damit nicht nur meinen: “Kusch Dich!”, dann, bitteschön, müssen wir auch erklären, was das bedeutet. Ich habe auf jeden Fall an mir selbst erlebt, dass ich mir viel bewusster geworden bin, welche phantastischen Errungenschaften eigentlich Teil unseres Gemeinwesens sind. Und ich gehöre zu jenen, die sehr wohl erkennen, dass dafür “der Einfluss von aussen” immer auch ein segensreiches Element war. Dazu gehört dann auch die Kultur, Reibung zu ertragen. Mit der SVP wie mit den Muslimen wie mit den Europäern.

    Zur Anmahnung, erst zu denken und dann zu schreiben (nicht explizit hier als Vorwurf erhoben): Ich bin mir bewusst, dass ich mich selbst in einem Prozess der Wissensbeschaffung und -vertiefung befinde, und ich meine Positionen dort noch suche, wo es um die Annäherung geht. Aber ich bilde mir ein, dass ich sehr wohl verantwortlich damit umgehe und in keiner Weise zum Hetzer werde. Im Gegenteil soll es Lesern möglich sein, mit mir die verschiedensten Aspekte zum Problem kennen zu lernen und zu eigenen Gedanken angestossen zu werden. Genau dies hat dieses Blog stets gewollt – zu den verschiedensten Themen.


Kommentare dieses Blogs abonnieren: RSS-Feed

Textile-Hilfe