Aus meinem Nähkästchen, sprich Postfach, erzählt
Ich habe in den letzten Wochen und vor allem Tagen ein wenig Post bekommen, Briefe, die mich auf meine Positionen rund um die Minarettinitiative angesprochen haben, vom Postboten, aber natürlich auch und vor allem per e-mail. Ohne dass ich das Vertrauen eines einzigen Absenders missbrauchen würde, kann ich dazu Folgendes erzählen und weitergeben, und ich glaube, dass das für alle Diskussionen zu diesem Thema bedenkenswert ist:
Der Antrieb der Absender lässt sich aus zwei Richtungen ausmachen. Auf der einen Seite sind jene, die sich bestürzt zeigen über mein Ja, dies von mir nie erwartet hätten und mir – was ja auch in Kommentaren häufig geäussert wird – vorwerfen, ich wäre einer rechtspopulistischen Propaganda aufgesessen und würde mit meinem Verhalten deren Ziele unterstützen und damit den Unfrieden schüren. Ich fühle Liebesentzug. Damit will ich diese Botschaften nicht lächerlich machen, ganz im Gegenteil. Ich empfinde es wirklich so.
Und da sind die anderen Briefe. Die, welche sich nicht lange damit aufhalten, mir zu danken (für was auch), sondern die sich etwas von der Seele schreiben wollen und sich ganz offensichtlich wünschen, dass ich nicht den Kopf einziehe. Sie erzählen mir eine eigene, erlebte Geschichte oder schildern mir ihr Unbehagen, dass es in ihrem Umkreis nicht möglich ist, eine kritische Haltung zum Stand der Integration der muslimischen Bevölkerung zu äussern, ohne sogleich als grundsätzlich fremdenfeindlich taxiert zu werden.
Ich lese dabei viel innere Entfremdung heraus, der man nicht anders glaubt begegnen zu können, als sie so gut wie möglich still hinzunehmen, will man nicht riskieren, nicht nur nicht verstanden, sondern ausgegrenzt zu werden.
Was gänzlich fehlt bisher, ist irgend eine Zuschrift eines Rechtspopulisten, der sein Triumphgeheul mit mir teilen möchte.
An mir selbst kann ich beobachten, dass mich beide obigen Arten von Reaktionen tatsächlich darin bestärken, ein Tabu ganz bestimmt zu brechen: Das Verschweigen eines konstatierten Problems. Ich kann aber auch in mir drin eine Unsicherheit darüber ausmachen, wie es denn um die Gesprächskultur in diesem Land bestellt sein möge – und insbesondere auch um die konstruktiven Diskussionsmöglichkeiten in meinem wirklichen Umfeld. Und ich fühle, dass in den vielen Debatten, die nun landesweit geführt werden dürften, Menschen, die für ihre Haltung verbal sehr persönlich attackiert werden, sich innerlich tatsächlich ihrer bisherigen Welt entfremden und sich nicht länger verstanden fühlen. Damit sei deutlich gesagt, dass wir alle mit dem klaren Willen, andere, gegenteilige Positionen verstehen zu wollen, mit verhindern können, dass wir andere Stimmen ausgrenzen. Denn erst dann geschieht wirklich, was allenfalls vorgeworfen wird: Die Schaffung neuer Kräfte am rechten Rand.
Eine andere Meinung im vertrauten Umfeld vertreten zu müssen, reicht dafür nicht aus. Eine innere Entfremdung auf Grund übertriebener persönlicher Angriffe aber kann dafür eine Basis schaffen. Also: Bleiben wir bemüht, zu verstehen. Ich schreibe mir das auch ans eigene schwarze Brett.
![]()

XiongShui · 5. Dezember 2009, 20:03 · #
Ich frage mich die ganze Zeit, worum es denn nun wirklich geht, bei der Ablehnung eines religiösen Symbols.
In den Sechzigerjahren war ich oft in den Schweiz, damals begegnete mir dort oft diese latente Angst vor Überfremdung, die damals ihren Ausdruck im Status der Saisonarbeiter fand (nein, ich war keiner, nur Tourist). Dafür habe ich Verständnis, schließlich ist die Schweiz nicht besonders groß.
Wieso kommt also ein Abstimmungsergebnis zustande, welches gegen Menschenrechte und wie ich gelernt habe, gegen die Schweizer Verfassung verstößt. – Und natürlich in dem Zusammenhang: wie konnte es in diesem Wissen überhaupt zu einer derartigen Abstimmung kommen.
Im Übrigen finde ich es unverschämt, daß jetzt vor allem Deutsche über die Schweiz herfallen, statt ruhige Ursachenforschung zu betreiben – und die Stimmung in Deutschland auszuloten. Denn ich fürchte, es käme hier bei einer Abstimmung zu einem ähnlichen Ergebnis.
Erhellend finde ich in dem Zusammenhang übrigens den Artikel in der NZZ. Vielleicht müssen die Menschen wirklich mehr miteinander reden?
Thinkabout @ Xiongshui · 5. Dezember 2009, 20:41 · #
Ich freue mich riesig über Deine Wortmeldung. Und habe zu den angesprochenen Fragen ein paar Bemerkungen:
Oh ja, wir haben damals diese “Überfremdung” auch schon hitzig diskutiert, und es gab auch Ängste. Im Endeffekt aber leben wir in einem Land mit einem Ausländeranteil von 22%. Hinzu kommen viele eingebürgerte Schweizer, womöglich genau viele unter Ihnen ehemals Fremde aus genau jener Zeit, die Du ansprichst. Ich glaube, das Ausland ist sich oft nicht klar, dass die Schweiz ein Modell für eine Multikulti-Gesellschaft darstellt, in der ein kleines Land mit hohem Siedlungsdruck ein Gesellschaftsmodell sucht. Das wird sichtbar, weil alle unsere Instrumente der direkten Demokratie und die Kultur der möglichen Diskussion solche latenten Ängste eben an die Oberfläche bringen. Es werden Ventile dafür geschaffen – und dann müssen Lösungen gefunden werden. In letzter Konsequenz haben wir diese immer gefunden, und ich finde, wir können stolz sein auf das Modell und die Integrationsleistungen mit früheren Generationen. Schlussendlich möchten wir das gleiche auch hier erreichen. Dafür muss es gelingen, diese Ängste abzubauen. Nun liegt das Problem auf dem Tisch – und alle Seiten sind gefordert.
Herzlichen Dank auch für die Erwähnung des NZZ-Artikels. Ich nehme an, Du meinst den Leitartikel von heute
Zappadong · 6. Dezember 2009, 15:45 · #
Als harmoniebedürftige Seele habe ich in einer frühen Phase dieser Diskussion schon vor der Abstimmung den Liebesentzug gefühlt. Er hat mich massiv beschäftigt, nicht zuletzt, weil ich gleichzeitig auch noch von einer anderen Seite so etwas wie Liebesentzug erlebte.
Ich komme gerne gut mit meinen Mitmenschen aus und es tut mir weh, wenn das nicht geht. Aber wenn ich die letzten paar Wochen eines gelernt habe, dann dies: Es muss mir dort, wo ich mich verleugnen müsste um diese Liebe am leben zu erhalten, egal sein. Weh tut es trotzdem und vielleicht bin ich in diesem Punkt auch viel zu empfindlich (ich knabbere ziemlich heftig an den Erfahrungen der letzten Wochen).
Der gefühlte Liebesentzug (wie immer das weniger romantische / sensible Seelen definieren würden) ist das Eine. Viel mehr zu schaffen macht mir etwas anderes: Ich fühle mich plötzlich heruntergesetzt, habe das Gefühl, man redet von oben auf mich hinunter, ich sei als Gesprächspartner nur noch halb so ernst zu nehmen wie vorher – und das, weil ich eine Meinung vertrete, die nicht “salonfähig” ist, eine, die man als aufgeschlossene, tolerante Schweizerin nicht haben darf. Auch das mag ein subjektives Empfinden sein, vielleicht sehe ich das im Moment zu negativ.
Aufgrund der Erfahrungen der letzten paar Wochen ist aber auch das Verständnis für Exponenten gewachsen, die abseits der “allgemeingültigen” Meinungen argumentieren. So habe ich zum Beispiel den von Relax immer gemocht, heute aber einen Punkt erreicht, an dem ich tiefsten Respekt vor ihm und seinen Äusserungen habe (was haben wir den armen Kerl in meinem Blog auseinandergenommen wegen seiner Einstellung zu den Ereignissen in der Finanzwelt). Ich merke, wie schnell man in eine Ecke gedrängt wird, in der man sich nur noch zu verteidigen versucht.
Marianne · 8. Dezember 2009, 20:31 · #
Ich möchte nicht von Liebesentzug sprechen, nur von völligem Unverstandnis im nahen Kreis. Wieso kommt man mit Logik so oft nicht weiter? Warum wird man zum Menschrechtsverleugner, wenn es doch ganz klar ist, dass es hier nur um Türmchen geht, die keine Religion braucht? Sehen viele nicht, um was es hier wirklich geht? Schade.
XiongShui · 9. Dezember 2009, 04:33 · #
@Thinkabout Danke für den herzlichen Empfang. Ich hatte den Artikel vom 03.12. gemeint, den ich auch in meinem Blogbeitrag zum Thema verlinkt hatte.
Vielleicht war es wirklich gut, daß die Entscheidung so ausgefallen ist. Denn erst dadurch scheint nicht nur in der Schweiz eine längst fällige Diskussion aufgebrochen zu sein, die jenseits aller Hysterie zum Kern des Problems führt: wir muten den Moslems viel zu, wenn wir Intergration sagen. Andererseits können wir aber auch nicht dulden, daß ein Staat im Staat entsteht, für den anderes Recht gilt, als für den Rest des Staates.
Wenn dadurch wirklich eine offene und respektvolle Auseinandersetzung wird, wäre Beiden geholfen: jenen, die den Islam in eine moderne Welt führen wollen und jenen, die sich ein friedliches Zusammenleben unter einem Dach unter als beiderseits gerecht empfundenen Bedingungen wünschen.
Ich sehe hier einen Funken Hoffnung.
vR (von-Relax-Senf) · 9. Dezember 2009, 13:09 · #
@ Zappadong
Der Buschtelegraf funktioniert. Gleich 2 Cyberspace Koryphäen (pst 1 x war es Mr. Google persönlich) haben mich per urgent mail darauf hingewiesen, dass im Thinkabout Blog – von Ihnen Frau Zappadong – mit Verspätung etwas Seelenbalsam bereit gestellt wurde, um meine Blessuren zu behandeln. Getreten und geschlagen wurde ich auf dem Zappadong Blog. Resultat: ich habe einen Knacks erlitten und mich von diesen Schlägen an allen Körperstellen, seither kaum erholt.
Spass beiseite, Frau Zappadong. Es ist immer erfreulich zu lesen, wenn Hartgesottene Blogger Flexibilität zeigen und die Sicht über den eigenen Tellerrand hinaus richten, um zu sehen, was am nächsten Tisch auf dem Teller liegt. Ich habe seit August 09 eine recht strube Zeit hinter mich gebracht. Die konkrete Auswirkung war, dass ich darauf verzichten musste, meinen Relax-Senf unter die Leute zu bringen,
Argumentationstechnisch habe ich keinen Schaden genommen, keine Entzugserscheinungen sondern fühle mich pudelwohl. Wenn einem im Leben richtige Probleme begegnen, dann werden Wortgefechte auf Blogs, als eine Form der Selbstverwirklichung der scharfen Denker und Schreiber, ziemlich gleichgültig.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen (Blogger drehen Buchstaben schneller um als man sie schreiben kann), mit Schmunzeln habe ich den angebotenen Trost entgegengenommen. Danke für die Sympathieerklärung hier und ebenfalls für die entscheidenden Worte “ganz ohne Ironie” beim BB Blog.