2010-03-03: Tagebuchgedanken zur Entfremdung
09h36
Von kleinen Kindern heisst es in unserem Dialekt manchmal:
“Är (oder sie) fremdelet äs bitzli”, womit man die Scheu des Kindes vor fremden Menschen meint.
Als ich mich dazu entschloss, meine beruflichen Schwerpunkte zu verändern, die Ziele zu verschieben, weniger auf Anerkennung versprechende Dinge zu setzen und dafür vor allem Zeit für mich zu gewinnen, war ich sehr gespannt, wie sich das auswirken würde in mir selbst. Im vierten Jahr (unglaublich, wie die Zeit rast) meiner persönlichen Neuorientierung stelle ich fest, dass ich “fremde”. Es ist dies der Aspekt, den ich am wenigsten vorausgesehen habe, vor allem in seinen Auswirkungen: Immer mehr schaue ich ungläubig auf die Welt, immer kritischer betrachte ich sie, und statt dass ich aus meiner Ruhe gelassen darauf reagiere, enerviert mich alles über Gebühr und ich könnte wahnsinnig werden ob der Tatsache, wie leicht viele Menschen vieles hinnehmen – und mit wie wenigen Werten sie auskommen.
Was mich schmerzt, und das bin ich mir sehr wohl bewusst, muss anderen als reiner Hochmut erscheinen. Wer nicht das Gefühl hat, selbst etwas bei sich ändern zu können, wer vor allem wirtschaftliche Zwänge kennt, mag sagen: Du hast leicht reden. Ja, stimmt. Und doch, wir haben nur dieses eine Leben. Und eigentlich müsste es uns doch viel, viel mehr wert sein. Und wenn ich jetzt in der Wir-Form schreibe, dann mit Absicht. Denn auch dies ist eine Folge meiner vorhandenen Zeit: Man bekommt genügend Gelegenheiten, um zu erkennen, wie viel Leerlauf oder ungewollte Leere im eigenen Leben vorhanden ist…

Fabio · 4. März 2010, 08:22 · #
Du sprichst mir aus dem Herzen. Als ich jünger war, hätte ich mir nie denken können, wie heute zum Teil gelebt wird: Vieles wird getan, weil es zu unwichtig ist, um es zu ändern, oder man hat es nie anders gekannt (“es isch halt eso”).
Manchmal macht mich das wütend und traurig, da ich gerne mal etwas in Bewegung bringe. Das für mich persönlich Schlimmste ist, dass ich mir für vieles selber einen Sinn geben muss, da der Sinn durch die Art, wie es gemacht wird, oft wegfällt.
Meiner Ansicht nach sind (eigene) Werte das Persönlichste und Entwicklungsfähigste am Menschen, und daher eigentlich recht wichtig.
Liebe Grüsse
F.
Thinkabout · 4. März 2010, 21:28 · #
Lieber Fabio
Wenn der Sinn “durch die Art, wie es gemacht wird”, weg fällt, war es mit ihm wohl nicht so weit her, nicht wahr?
Heute ist es oft befremdend, dass die Frage, ob eine Sache, ja gar ein ganzes Leben, überhaupt einen Sinn habe, gar nicht mehr gestellt wird.
Und jetzt macht es gleich nochmals click bei mir:
“durch die Art, wie es gemacht wird” – hat ein Leben plötzlich ein Problem, wenn die Zeit knapper wird…
Nur: Wie knapp unsere eigene Zeit ist, wissen wir nicht wirklich – es sei denn, wir fragen uns, wenn wir denn nun an die Reihe kämen in der Warteschlange im Supermarkt, zum Beispiel.
Richard · 5. März 2010, 09:57 · #
vielleicht ein kleine anregung zu diesem thema und der selbstentwicklung: der japanische film
Nokan die Kunst des Ausklangs
erzählt in wunderbarer weise wie imleben jemand seine orginalität findet.
die selbstkritische betrachtung und die kraft verbunden mit mut aus dieser betrachtung dann die erkenntnis in tun umzusetzen gelingt nur, wenn ein gewisses maß an gesicherter deckung der primärbedürfnisse gegeben ist.
dazu flankierend der abflauende sturm und drang der jugend, dann ja dann wird es aber wirklich schön und interessant.
als stiller betrachter auf dem “parkbankerl” sitzend loriot gedanklich rezidierend:
ja wo laufen sie denn, ja wo laufen sie denn wieder hin!
Vi · 14. Mai 2010, 22:51 · #
schön, und das stimmt irgendwie.