Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer. Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Cuche: Lohn nach harten Zeiten

∞  23 Januar 2010, 15:49 Kommentare


BILD: KEYSTONE/AP ARTIKEL: TAGSANZEIER.CH


Am Tag, an dem Didier Cuche zum Doppelsieger auf der Streif geworden ist, inmitten eines Umfelds und einer Reihe von Resultaten, die ihn endgültig zu einem ausserordentlichen Skifahrer machen, weise ich gerne auf einen Artikel hin, der bald drei Jahre alt ist:

Goldene Bronze

Er erinnert daran, wie wechselhaft Karrieren verlaufen können, wie wenig es brauchen kann, dass jemand den Zenit erreicht – oder nie in dessen Nähe kommt. Nichts illustriert das besser als die Tatsache, dass mann auf der Streift mit zwei Sekündchen Rückstand kaum mehr in die ersten zwanzig fährt…
Auf dem Gipfel ist die Luft also dünn. Wenn diese Luft dann von einem sympathischen Menschen eingeatmet werden darf, dessen Schuften für dieses Ziel irgendwie greifbar geworden ist, dann mag man sich einfach von Herzen mitfreuen.


Artikel über Didier Cuche auf diesem Blog mit der ‘Suche nach-Funktion’: Cuche


Zurück im Rennen, aber in welchem Starthäuschen?

∞  4 Januar 2010, 21:13 Kommentare

Daniel Albrecht war schon immer ein eher ruhiger Typ. Mit seinem Kumpel Berthod hatte er allerdings recht häufig einen ziemlichen “Saich im Grind”. Ein TV-Tipp.


Und wenn Albrecht Skis an den Füssen hatte, dann war er plötzlich schnell, sehr schnell. Wer ihn fahren sah und davon etwas versteht, wusste, dass da vielleicht der beste Allrounder seiner Generation heranwächst. Vor einem Jahr etwa war’s, da kam Daniel Albrecht nach hervorragenden Resultaten nach Kitzbühl, und niemand musste sich einen Löli schimpfen lassen, wenn er meinte, dass auch auf der schwersten Abfahrt des Winters Daniel Albrecht erst einmal geschlagen werden müsse.

Und Albrecht gab Gas, war schon im ersten Training schnell unterwegs, sehr schnell – bis es ihn im Zielschuss mit über 130 Stundenkilometern in die Luft katapultierte – einen Hauch zu wenig Vorspringen vor dem Zielsprung – und nun hob es ihn in die Luft. Albrecht hatte keine Chance, die Skis unter dem Körper zu halten. Er krachte mit Rücken und Kopf auf die Piste und blieb bewusstlos liegen. Ein Schädel-Hirn-Trauma, ein künstliches Koma für quälend lange Tage. Lange fragte man sich: Würde Albrecht überleben, und vor allem, würde er geistige Schäden davon tragen? Sein Zustand wurde zwar stets mit “stabil” angegeben, aber die Aufwachphase einzuleiten wurde immer wieder verschoben. Dann endlich die erste Entwarnung. Daniel Albrecht wurde ins Bewusstsein zurück geleitet. Es folgten lange Monate der Rehabilitation, in denen der junge Hochleistungssportler eine ganze Menge banaler Dinge wieder wie neu lernen musste.
Koordination, Sprache, geordnetes Denken – und Reaktionsvermögen.

Das Schweizer Fernsehen hat in 2009 Daniel Albrecht immer wieder besucht und die Phasen seiner Genesung dokumentiert, begleitet ihn beim ersten Ausflug in die Stadt an den Ticketautomaten, auf den Radtouren mit den Mannschaftskollegen, wo er sich auch noch den Arm bricht, beim ersten Skifahren. Besonders in Erinnerung ist mir geblieben, wie er beschreibt, dass es Phasen gab, da sass er einfach da, ohne etwas zu denken. Er sagte, da war einfach kein Gedanke, nichts. Und es scheint, als hätte er sich dabei einfach verwundert zugeschaut.

Es ist überhaupt interessant, Daniel Albrecht zuzuhören. Er spricht langsam. Man nimmt unweigerlich an, zu langsam, weil man seine Geschichte kennt. Aber es ist mehr ein genau Hinhören von ihm selbst beim Sprechen. Und er macht einen ausserordentlich offenen, ehrlichen Eindruck, ohne falschen Stolz: Er weiss genau, dass er gar nicht versuchen darf, etwas zu erzwingen. Oder zu beweisen. Schritt für Schritt tastet er sich heran. Die Trainer lassen ihn mit den Kollegen trainieren. Albrecht soll Fortschritte machen, heisst es, und immer schneller werden. Aber er sagt selbst: Ob er die letzte Schwelle schafft, das unbedingte Vertrauen aufbauen kann, weiss er nicht. Und so verzögern er und die Trainer das Comeback, denn Daniel Albrecht weiss: Wenn er es zu früh probiert, und es gelingt nicht, wird er das Vertrauen wohl nie mehr finden.

Bei allem aber schaut man dem jungen Mann ins Gesicht und weiss: Es ist toll, was Du überstanden hast, und wo Du wieder hingekommen bist. Gut, dass es Dich gibt. Viele Menschen werden sich noch mit Dir freuen. Über was alles? Nun, das wird sich zeigen. Daniel Albrecht muss es im Grunde nicht mehr eilig haben. Er war schon mal da, wo die Zeit und die Gedanken still stehen – zumindest so, wie wir sie uns normalerweise denken.

Heute Abend, SF2, 22h20

Für jene, die sich dafür interessieren, aber nicht fernsehen können: Die Sendung dürfte später im Videoportal von SF zu sehen sein. Ich werde den Link dann hier rein setzen, wenn ich dran denke.


Update 5. Jan. 2009:
Link zum Video


abgelegt in Sport[ler] und Zeit und Leere
::: Bildquelle: merkur-online.de :::




Fehler ertragen

∞  16 Dezember 2009, 23:01 Kommentare

Ein Empfang für einen Schiedsrichter. Er kommt von einem grossen Turnier zurück. Wie nach jedem solchen Ereignis sind einige Entscheidungen der Schiedsrichter in der Diskussion. Der Festredner stellt die Frage nach dem Videobeweis gleich selber – und spicht sich klar dagegen aus.

Seine Begründung: Die Spieler gehen aufs Spielfeld ohne technische Hilfen. Sie begehen das ganze Spiel über immer wieder Fehler. Diese gehören zum Spiel. Es gehört genau so dazu, diese Fehler an sich selbst zu ertragen wie jene der Mitspieler – und der Schiedsrichter. Wenn wir das aufgeben, dann geben wir auch eine Charakterschulung auf. Ein Stück Kultur. Das Spiel, welches am Ende doch nur ein Spiel bleibt und bleiben soll, mag noch so viel Geld damit verdient werden.

Ein Phantast? Ein Sozialromantiker? Vielleicht.

Aber ist der kühle Realismus derjenigen, welche den Videobeweis fordern nicht einfach ein Verrat am Fussball, wie er gemeint ist, wofür er der Sport der Massen ist?
Fussball ist dann kein Spiel mehr. Es ist nicht länger nur Fussball, bei dem man eine Fehlentscheidung akzeptieren kann. Bis man dann am Montag ins Geschäft geht, und da vielleicht eine Fehlentscheidung des Managements ausbaden muss…

Fussball ist ein Spiel, in dem in vielen Szenen viele Menschen nur scheinbar das gleiche sehen – und endlos darüber diskutieren können. Am Ende müssen alle anerkennen, dass es nur ein Spiel ist. So schlecht finde ich das nicht.
Und man kann eines lernen: Meistens hebt sich Glück und Pech mit den Jahren auf. Es gibt für alles ein Gleichgewicht, man muss nur weit genug denken und die Ungerechtigkeit des Moments annehmen können.

Und: Wenn wir die Aufgabe ernst nehmen, gemachte eigene und fremde Fehler zu akzeptieren, wird unser Leben und das Leben um uns herum ganz bestimmt nicht schlechter werden.

Diese ewig gestrige Meinung, diese Rede, die ich zu Anfang erwähne: Sie wurde in England gehalten. Fair Play. Mindestens dafür ist England das Mutterland dieses Sports geblieben.


:::


Was man so alles sehen kann auf einem Fussballplatz: Ein Vorschlag für ein Weihnachtsgeschenk:




Mordillo – Footballissimo – Puzzle 1000 Teile – Heye Verlag




Wer reisst mir meinen Sitzplatz unterm A... weg?

∞  22 November 2009, 17:31 Kommentare [8]

Spitzenfussballspiele in der Schweiz. Klassiker. GC gegen Basel. FCZ gegen Basel. FCZ gegen GC. YB will nicht zurück stehen. Nicht mal Luzern. In St. Gallen halfen die Fans gar beim Stadionabbruch des alten Espenmoos.




Gemeint sind aber nicht nur die Fussballer. Oder die Zuschauer. Die wirklichen Fans. Sondern die Hooligans.

Sich die Köpfe einschlagen mit Baseballschlägern. Sitze aus den Verankerungen reissen. Petarden in den gegnerischen Fanblock schiessen. Polizisten aufmischen. Parolen schreien, die zuckenden Hände gestreckt nach vorne oben ausfahren lassen. Die Enthemmung beginnt im Kleinen und hat je länger je tiefere Schranken.
Auch, weil sie auf eine Hemmung der Gesellschaft trifft. Die will die Vereine mehr in die Pflicht nehmen und sie büssen. Sind ja schliesslich “ihre Fans”. Gleichzeitig debattieren wir über die Verhinderung des gläsernen Staates durch Video-Aufnahmen auf öffentlichem Grund. Was droht mehr? Der privat sich organisierende oder spontan wütende Pöbel, oder der manipulierende Staat?
Was vor allem droht: Eine Gesellschaft, die, statt sich zu wehren, sich in Statthalter-Diskussionen verliert, wer denn welche Verantwortung (und welche Kosten) zu tragen habe? Dies ist scheinheilig. Tönt für mich alles ein bisschen wie: “Ich nicht, der andere auch.”

Die Chaoten treten uns derweil zielgenau aufs Hühnerauge:
Wer sich um die Regeln einen Deut schert und die grobe Auseinandersetzung nicht scheut, macht uns ratlos. Ist doch schade, wenn ein bisschen Drohen mit dem Zeigefinger die Jungs nicht zur Raison bringt. Und während wir es also nicht schaffen, diesem Druck Stand zu halten und so viel Strafe auszusprechen, wie die Situation verlangt, kann ich mir überlegen, wie mein persönliches Verhalten der Situation nun gerecht werden mag:
Selbst nicht mehr zu Fussballspielen (und bald zu Eishockeyspielen) mehr gehen – und damit die Clubs für ihre Unfähigkeit “bestrafen”, für sichere Verhältnisse zu sorgen.
Dann gehört Fussball endgültig zu jenen Vergnügen im Hause Thinkabout, für die ich den Fernseher brauche. Den Hartgesottenen im Stadion bleibt dann die Aufgabe, für die akustische Stimmungskulisse zu sorgen, die mich das auch im Fernsehsessel geniessen lässt.

Oder erst recht hingehen, weil ich mir von Chaoten und Delinquenten das Vergnügen nicht nehmen lassen will? Ihnen diese Macht über meine Freizeitgestaltung nicht zugestehen? Aber es bleibt eine Tatsache: Ich ärgere mich jedes Mal über ungestrafte Sachbeschädigungen – und über eine Gesellschaft, die mit einer unendlich lahmen und nassen Zündschnur mit Jahrzehnten Verspätung auf solche Auswüchse reagiert, wenn überhaupt. Es ist Zeit, dass wir alle wieder verbindlicher erzogen werden. Von welchen Umständen auch immer, aber vor allem motiviert von unserem ehrlichen Bedürfnis, in unserer wirklichen Freiheit nicht eingeschränkt zu werden -und jede Freiheit des Nächsten dort begrenzt zu sehen, wo eine andere beginnt. Und dies alles, bitte, sehr, sehr verbindlich.


:::
Bildquelle
:::




Thierry Henry und sein wirklich unsterblicher Abend

∞  19 November 2009, 22:07 Kommentare [3]

Frankreich hat sich also für die WM Qualifiziert. Thierry Henry war so unfrei, den Ball mit klarem Handspiel zu bändigen und Fakten zu schaffen, die nun zur Krux für alle Beteiligten werden:


1)


Der französische Fussballverband und ein guter Teil der französichen Fussballfans mag sich nicht so recht freuen. Irgendwie erscheint die Tatsache, dass ein veritabler Beschiss nötig wurde, um sich auf Kosten einer besseren gegnerischen Mannschaft an die WM zu mogeln, noch das letzte Zeichen in einer Kette von Beweisen war, dass die goldenen Zeiten Vergangenheit sind.


2)




Thierry Henry, der vom Moment an, als er seinem Impuls folgte, ein wenig zu tricksen, seines Sportlerlebens auch nicht mehr richtig froh werden wird, denn Henry spielte nicht einfach Foul, nein, er hat betrogen. Diese Szene von gestern wird für immer mit seiner Karriere in Verbindung gebracht werden, wie die Hand Maradonas.
Noch schlimmer wird es, weil er im zwangsläufig folgenden medialen Spiessrutenlauf nach der Partie sich noch mehr in die Falle redete. Die Spielsituation als direkt Betroffener so zu schildern:
«Ja, meine Hand war im Spiel», gab Thierry Henry gegenüber der Zeitung «L’Equipe» zu, «der Ball springt mir an die Hand, der Schiedsrichter pfeift nicht . . . und ich spiele halt weiter. Das Wichtigste war schliesslich, die WM-Qualifikation zu schaffen.» [ Quelle: NZZ Online ]
Jeder kann sehen, dass der Ball zwar Richtung Hand von Henry fliegt, er diese aber zum Ball bringt und ihn mit der offenen Handfläche kontrolliert. Wie blöd, Verzeihung, will er uns verkaufen? Der letzte Satz ist dann “ehrlich”, aber auch naiv: Es mag ja sein, dass am Ende nur Titel zählen. Aber man stelle sich vor, Frankreich wird nächsten Sommer Weltmeister. Immer wieder wird daran erinnert werden, wie das überhaupt möglich werden konnte. Den Titel kann Henry und seine Mannschaft nun theoretisch holen, die Ehre aber ist verloren.
Und ist das Zufall? Nach der “Hand Gottes” (Maradona gegen England):trifft es mit Irland wieder eine britische Mannschaft. Auf der Insel pflegen Fans die eigenen Stürmer nur schon auszupfeifen, wenn diese im gegnerischen Strafraum eine Schwalbe produzieren…


3)


Die Firma Gillette, Gigant aus dem Super-Moloch-Konglomerat des Multis Procter & Gamble, der das Nass-Rasieren alle paar Monate neu erfindet und uns zu entsprechend immer teureren Ersatzklingen nötigt, wenn wir es denn zulassen. Denn genau das könnte etwas schwieriger werden: In Facebook und in allen möglichen Foren rufen neutrale Fussballfans dazu auf, Gillette zu boykottieren – so lange Thierry Henry dort neben Tiger Woods und Roger Federer das dritte Musketier der Werbekampagne ist.


4)


Die FIFA, welche immer grössere Schwierigkeiten hat, den Pfiff des Schiedsrichters als reinen Tatsachenentscheid in jedem Fall jedem Videobeweis voran zu stellen. Es geht einfach um zuviel – und in Sachen gewünschter Fairness um Unmögliches: Angesichts der ungehörigen Summen, die im Spiel sind, und in Anbetracht der sakrosankten Bedeutung des Mammons in allen unseren Gesellschaftsbereichen, ist es einfach jenseits aller Realität, von einem Spieler in einer solchen Situation Ehrlichkeit zu erwarten. Es ist einfach ärgerlich, dass uns das Dilemma so deutlich vor Augen geführt wird – und es danach kein Zurück mehr gibt.

*


Und darum hätte ich zum letzten Punkt eine Anregung, welche Lehre man wirklich aus diesem Beispiel ziehen könnte:
Nach dem geltenden Regelwerk ist zum Beispiel ein Spieler mindestens mit einer gelben Karte zu bestrafen, wenn er sich im Strafraum fallen lässt. Begeht er ein absichtliches Hands, genau so. Ein Verteidiger, der als letzter Mann ein Handspiel begeht und damit eine Torchance vereitelt, wird mit der roten Karte bestraft. Nun ist es schon vorgekommen, dass Schiedsrichter Spieler direkt angesprochen haben, ob sie die reklamierte Regelwidrigkeit begangen haben, wenn sie deise selbst nicht gesehen hatten. Mehr als einmal habe ich dabei, auch im Profifussball, erlebt, dass, wenn der Spieler ehrlich war, seine Bestrafung darauf folgte, nach FIFA-Regelwerk völlig korrekt. Und das, finde ich, gehört korrigiert: Natürlich soll das Spiel mit Freistoss oder Strafstoss so weiter geführt werden, wie es der Regel entspricht, aber der Spieler, der sich zur Ehrlichkeit durchrang, soll zumindest statt mit der roten nur mit der gelben Karte bestraft werden bzw. ohne Verwarnung weiter spielen können: Es wäre ein Stück Ehrlichkeit, im gelebten Fairplay eines Profifussballers eine Ausserordentlichkeit anzuerkennen. Es reicht nicht aus, einen Spieler eines Landes einmal jedes Jahr bei irgend einer zweitklassigen Veranstaltung im Rahmenprogramm für ein faires Verhalten zu ehren – und ansonsten Sturheit walten zu lassen.




älter