Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Erfolg ist alles?

∞  20. September 2014, 22:05 Kommentare [1]

Akzeptieren wir überhaupt noch Autoritäten? Welche Grenzen hat unser Streben nach Erfolg? Wofür akzeptieren wir Sanktionen? Wie unterscheiden wir zwischen Recht und Unrecht? Was bedeutet es für uns, vom Schicksal ungerecht behandelt zu werden?

Spitzenfussball ist zur Konsumdroge geworden. Wochenende für Wochenende, bald Abend für Abend sitzen wir vor der Glotze und ziehen uns irgend ein ultimatives Spiel “rein”. Schon meine eigene Formulierung sagt eigentlich alles aus. Aber ich schaue weiter. Wenn auch – gemessen am Angebot, das ständig zunimmt – nicht mehr ganz so häufig. Die Gedanken, die mir dabei mache, zeigen mir auf, wie verstört ich zunehmend auf das reagiere, was mir da vorgesetzt wird…

Sie können sich an dieser Stelle schon ausklinken und feststellen: Fussball ist so wichtig wie ein Sack Reis, der in China umfällt oder auch nicht. Richtig. Aber der Fussball liefert mittlerweile ein Gesellschaftsbild, und die Menschen in diesem Sport funktionieren nach den Regeln, die für die Gesellschaft gelten. Wenn Sport gesellschaftlich so akzeptiert wird, wie es der Spitzenfussball heute ist, dann bilden sich in ihm und in den Wertungen, die wir dabei vornehmen, tatsächliche Werte und Grundlagen unseres Verhaltens ab. Ich bin überzeugt, dass die Art, wie Fussball heute gespielt, erlebt und verarbeitet wird, von allen Protagonisten, das Abbild hergibt, das auch für jeden Wettbewerb gilt, dem wir uns beruflich stellen müssen, ja, womöglich auch privat, wenn wir uns fragen, wo wir wie dazu gehören wollen oder was wir aus welchen Gründen wie für uns und unsere Familie beanspruchen wollen.

Der Fussball verändert sich genau so, wie es die Gesellschaft auch tut. Die Leistungsgesellschaft bildet sich nirgends so krass ab, wie im bezahlten Fussball. Die Parameter, die festlegen, welche Mittel zulässig sind, um Erfolg zu haben, verschieben sich laufend. Und Fussball ist deswegen so ein wunderbares Spiegelbild dafür, weil er einerseits meist gar klarere Regeln kennt, als sie uns gesellschaftlich, politisch und rechtlich vorgegeben sind – und anderseits offen zutage tritt, wie wir mit der Anwendung dieser Regeln umgehen: Fussball ist ein scheinbar einfaches Spiel. Doch es kreiert durch seine Dynamik und Schnelligkeit laufend Situationen, die kontrovers diskutiert werden. Die Abseitsregel ist ein klassiker für ein Reglement, das nie so klar formuliert ist, dass wir es wirklcih verstehen könnten – aber auch ein Hand-Vergehen ist längst nicht immer eindeutig. Entsprechend wird über Auslegungen gestritten, und die Autorität, die das entscheidet, laufend auf dem Platz angegangen. Und hier trifft die immer grössere gesellschaftliche Akzeptanz für jene, die dem Erfolg alles unterordnen, auf das Ideal, dass der Schiedsrichter immer recht hat. Die an sich fatale, für die Gesellschaftsbetrachtung aber geniale Prämisse, dass der Entscheid des Schiedsrichters immer gültig bleibt, fordert die Leistungsgesellschafter heraus, den eigenen Misserfolg zu aktzeptieren, auch wenn er ungerechtfertigt erscheint: Du tust alles für den Erfolg, machst alles richtig, bist besser, und am Schluss geht der Ball nur an den Pfosten, oder, noch schlimmer, ins Tor, ohne dass das anerkannt wird. Ein Fehlentscheid kann den Erfolg verunmöglichen. In der letzten Konsequenz ist nie ausgeschlossen, dass mich das Schicksal um den Lohn meiner Anstrengung “betrügt”.

Wer immer sich mit Fussball beschäftigt, muss das akzeptieren, und damit auch die Rolle des Schiedsichters annehmen. Doch wir haben es nicht so mit Autoritäten…. Wenn wir ihnen überhaupt noch einen Bonus zubilligen, wenn unser Kind am ersten Tag zum Lehrer in die Schule geht, die Behandlung durch den Arzt beginnt, dann ist dieser Bonus schnell hinfällig, wenn die ersten Entscheidungen anfallen oder mir eine Verhaltensänderung nahe gelegt wird… Wir akzeptieren Sanktionen immer widerwilliger, wir bedenken Kritik erst dann, wenn wir die blutige Nase schon haben. Davor sind wir “geradlinig”, “ordnen wir dem Erfolg alles unter” und wollen genau so zu den Siegertypen gehören. Wir fragen kaum nach der Grundidee des Spiels und den philosophischen Aspekten seiner Anlage, als danach, wie wir in diesem Spiel gewinnen können. Der Erfolg ist auch wirtschaftlich notwendig, und da ich ein Gehalt bekomme, bin ich niemandem so sehr verpflichtet wie meinem Arbeitgeber, der will, dass ich mit meiner Mannschaft das Spiel gewinne. Das führt bei den Trainern zur Offenlegung von Charaktereigenschaften, dass einem angst und bange werden kann. Wie sehr die Protagonisten dabei ihr Gesicht verlieren, betrachtet man deren Verhalten mit nur ein wenig Distanz, ist für mich immer wieder erschreckend.

Doch diese Distanz zu wahren, ist angesichts der Tatsache, wie gross die Gesellschaft das Spiel macht – natürlich – eine Herausforderung:

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Jürgen Klopp in einer Talkshow erleben, seine Reflexionen über Lebenswerte zu hören, ist sehr spannend. Da hat ein Mensch eine tolle Ausstrahlung und scheinbar eine Gelassenheit in sich, die es sehr angenehm machen, ihm zuzuhören. Da ist Raum für Zwischentöne und man kann sich sehr gut vorstellen, wie dieser Mensch andere, jüngere Menschen führen kann.
Dann ist Spieltag, Bundesliga, und Jürgen Klopp wird als Trainer von Borussia Dortmund zur Furie. Er tigert der Seitenlinie entlang, steht ständig unter Strom und blafft, wenn es gegen seine Mannschaft läuft, bei jedem Schiedsrichterpfiff den vierten Offiziellen, den Ersatzschiedsrichter an – und zwar mit einer Verve und Körpersprache und in einer Lautstärke, die vermuten lassen, dass da einer von Sinnen ist. Peinlich daran, ja körperlich schmerzhaft ist für mich die Beobachtung, weil Klopp dabei nichts anderes mehr ist als ein Fan – er sieht keine Entscheidung auch nur mehr bedingt objektiv und zweifelt alles an. Die Bilder vom Spielfeld belegen dann auch, dass er regelmässig falsch liegt – was es sehr schwer macht, den Mann dann noch ernst zu nehmen. Die Männer, die das trotzdem versuchen müssen, sind ausgerechnet die Schiedsrichter, die sich in der nächsten Situation weiter darum bemühen müssen, objektiv zu urteilen. Sie blenden notgedrungen ein gutes Stück weit aus, was sie da an Druck bekommen – hoffentlich. Denn neben der Emotion gibt es natürlich den gesellschaftlich in diesem Spiel tolerierten Reflex, mit der Reklamation zu erreichen, dass das “das nächste Mal nicht mehr passiert”. Bzw. in die andere Richtung, wenn schon falsch entschieden…

Wenn ich dieses Phänomen nun mit Fussballkollegen bespreche, dann werde ich zum Teil verständnislos angesehen. Emotion würde doch zum Fussball gehören, heisst es dann. Wirklich? Toben wir so durch unseren Alltag? Natürlich nicht. Aber genau so, wie sich Klopp an der Linie enerviert, schreien heute Eltern den Schiedsrichter an, wenn ihre Zöglinge auf dem Platz stehen. Es ist verheerend.

Übrigens gibt es eine Sportart, die, weil sie mehr Aufwand erfordert, um überhaupt gespielt werden zu können, nicht so weit verbreitet ist, die aber ähnlich viel Popularitätspotential hat und in der auch viel Geld verdient wird: Eishockey. Ein Sport mit Schiedsrichtern. Die sprechen Zeitstrafen aus, die für den Spielausgang laufend sehr bedeutsam sind und die auch nicht immer nachvollziehbar sein müssen. Doch diskutiert wird kaum. Es gibt einen Kodex, und der Fernsehzuschauer erlebt in erster Linie mit, wie Spieler sich fügen – müssen. Es gibt pro Mannschaft einen Captain und zwei Assistenzcaptains. Wenn es Diskussionsbedarf gibt, dann geht das über den Coach oder über diese Spieler, und wenn die Schiedsrichter ihre Sicht erklärt haben, wird nicht weiter diskutiert. Punkt. Ein harter Sport mit klarem Kodex. Wie wohltuend. Das Rad im Fussball wird wohl niemand zurück drehen. Aber man stelle sich mal vor, es gelänge. Wie toll wäre denn das! Mit Emotionen, die aufs Spiel fokussiert bleiben würden – und mit Kids auf dem Feld, die sich in erster Linie mit dem Spiel beschäftigen könnten und mit dem Lernprozess, wie man Entscheidungen gegen sich akzeptieren lernt – unbehindert von Eltern, die das zumindest für die Dauer des Spiels selbst vergessen zu haben scheinen – oder haben sie es gar nie gelernt? Muss es ihnen schlicht vom Leben beigebracht werden? Mit hohem Einsatz an Lehrgeld?

Studienanfang

∞  19. September 2014, 22:43 Kommentare

Gespräch mit einem jungen Studenten. Sein Studium hat gerade angefangen, und er ist schon nach wenigen Tagen randvoll mit den neuen Eindrücken. Dazu gehört der Eindruck, in der Vorlesung nur Bahnhof zu verstehen… – und ich kann es nachfühlen!

Es ist ein sehr grosser Schritt aus dem Gymnasiumsbetrieb an eine Uni, wobei heute wohl schon mehr mit Zwischenprüfungen und Klausuren dafür gesorgt wird, dass sich Lernende im freien Studienbetrieb nicht verlieren. Vor allem aber haben sich wohl zwei Dinge verändert: Die Studenten scheinen mir heute zielorientierter zu sein. Der Anteil der Studierenden, die frühzeitig klare Ziele haben, ist grösser – und der Druck wohl auch. Dabei gilt doch auch, dass “Lernen” in Form von Weiterbildung heute laufend zum Job dazu gehört und auch noch später grundlegende Wechsel in der Ausrichtung angezeigt sein können.

Auf jeden Fall hat mich das Gespräch in alten Zeiten schwelgen lassen… Hm, ein Zeichen, dass ich wirklich alt geworden bin!

Das liebe Öl - angeboten vom Terrornetzwerk "Islamischer Staat"

∞  18. September 2014, 23:38 Kommentare

Wenn das stimmt – dann macht das wirklcih sprachlos:

Kauften EU-Mitgliedstaaten Erdöl vom Terroristen-Netzwerk Islamischer Staat

Verschiedene Internet-Portale verbreiteten die Nachricht, wonach mehrere Mitgliedstaaten von IS Erdöl gekauft haben sollen. Für 40 USD pro Einheit statt dem Marktwert von 55 USD ist das ja auch ein gutes Schnäppchen. Mit dem so gesparten Geld kann man dann ja Waffen in den arabischen Raum senden, dass da da das Terror-Netzwerk IS bekämpft werden kann…

Hingewiesen wird auf die konkrete Aussage der EU-Botschafterin im Irak, einer gewissen Jana Hybaskova vor dem Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten im Europäischen Parlament

bei ca. 3Min40

Interessant ist nun, dass diese Meldung in keinem etablierten Medium zu lesen oder zu hören ist, dass es aber doch mehr als nur eine Kolportage zu sein scheint. Was die Frage aufwirft:

Wie selektiv berichten unsere Medien über die Begleiterscheinungen der aktuellen Konflikte? Wer manipuliert mehr? Die Internet-Portale, die solche Nachrichten verbreiten, allenfalls auch mal faken – oder womöglich die Medien, die wir tagtäglich selbst konsumieren, in der Meinung, dass ihnen unsere Information wirklich wichtig wäre?

Neuen Anschluss finden

∞  17. September 2014, 23:37 Kommentare

Ich komme von einem extrem erfüllten Sportabend nach Hause. Mit neuen Sparringpartnern, mit einem müden Körper, der echt gefordert wurde, sich dennoch wunderbar anfühlt, mit einem netten Gespräch im Anschluss mit ganz unterschiedlichen Typen. Und ich muss dabei an meine Mutter denken:

Du hast mir was beigebracht, Mam, und ich bin Dir sehr dankbar dafür. Du hast es vorgelebt: Wenn man nicht vereinsamen will, wenn man neue Bekanntschaften machen will, dann muss man es riskieren, auf die Menschen zuzugehen. Mehr als Ablehnung kann man nicht erfahren. Dann ist man gleich weit wie zuvor. Im andern Fall jedoch wird das eigene Leben bunter und lebendiger – und das fühlt sich einfach gut an.

Ich bin überzeugt, dass Du heute Grund hattest, zu lächeln, wenn Du mir zugeschaut hast.

Die Seele der Gruppe

∞  16. September 2014, 21:55 Kommentare [5]

Ich habe einen guten Freund, von dem ich mir viel abschauen kann. Er hat immer ein Auge für die Gruppe, er verkriecht sich nicht, wenn er findet, etwas läuft nicht richtig. Hat man bei ihm einen Stein im Brett, ist der nicht so leicht zu entfernen. Er übernimmt Verantwortung und ist ein guter Redner. Was er für seine Freunde als Gruppe leistet, ist phänomenal. Und die Gruppe dankt es ihm. Und meistens kann er das auch bemerken. Alle wissen: Er hält uns zusammen. Natürlich redet er nicht nur gut, er macht es auch gern. Er liebt die Herausforderung, einen Tisch in einem gemeinsamen Geist zusammen zu führen und das anschliessende Prost von funkelnden Augen begleitet zu sehen.

Und er ist nicht nur rhetorisch bewandert, er ist auch ehrlich, spricht Dinge an, die ihn jucken. Er ist immer für das grosse Ganze unterwegs, getrieben auch von Überzeugungen, was gut und richtig ist. Aber er hat immer den Menschen im Blick – mit einer klaren Vorstellung, wie wir miteinander umgehen sollten. Und so beredt wie er ist, so bescheiden kann er sein, wenn es darum geht, seine Überzeugungen in erster Linie selbst zu leben. Da genügt ihm der Mikrokosmos der eigenen Ehe, Familie und der engsten Freunde durchaus. Er lebt das, was er be-spricht. Ich kenne keinen zweiten Mann seiner Generation, der so bedingungslos und begeistert von der Liebe zu seiner Frau erzählen – und sie auch zeigen kann.

Dieser Freund möchte kürzer treten, möchte Aufgaben, die er wie selbstverständlich immer übernommen hat, abgeben. Und im Grunde gerne auch mal die eigentliche Chefrolle, die ihm die Gruppe im Sportclub gerne überlässt, in jüngere Hände legen. Doch seine Kollegen lassen ihn nicht. Er ist doch in seinem Element und tut mit seinem Engagement allen so gut – und wem läge die Gruppe mehr am Herzen als ihm selbst?

Es wird der Moment kommen, wo es ihm zuviel wird – und ich hoffe, die Reflexe der Gruppe werden dann andere sein – und es wird Vieles auf ihn zurück fallen, hoffentlich, was er verschenkt und gegeben hat. Dann wird er am Tisch sitzen, weiterhin eloquent debattieren, aber sich nicht mehr Gedanken darüber machen müssen, ob alle dabei sind, keiner untergeht. Er wird es noch immer tun, aber hoffentlich nicht länger mit Verantwortung. Und einfach geniessen können. Ich hoffe, die Gruppe und seine Freunde in ihr werden die Zeichen nicht überhören wollen, wenn sie mal stark genug sind.

Was er säte, wird dann weiter leben, und ich fände es sehr schön, wenn er das entsprechend auch noch geniessen könnte. Es wäre ihm wirklich zu gönnen!

Demokratie in Europa I

∞  15. September 2014, 23:08 Kommentare

Europa ist bestimmt einer der politisch faszinierendsten Flecken Erde dieser Welt. Denn nirgends sonst auf der Welt nennen sich dicht aneinander gedrängt so viele unterschiedliche Staaten Demokratien, nirgends sehen sich Menschen grundverschiedener Mentalitäten und Sprachen so sehr vom Anspruch bestimmt, in einem Staatenbund zusammengefasst zu werden.

Das politische Mantra ist dafür die Demokratie – also, in den einzelnen Gliedstaaten, nicht unbedingt auf der Ebene der EU. In der EU machen dann die von ihren Völkern demokratisch legitimierten Regierungen das, was sie für gut halten, und die Stärkeren bestimmen über die Schwächeren. Alles andere ist Theorie, gerade weil die EU auf die wirtschaftliche Funktionalität ihres Modells noch mehr angewiesen ist als jeder andere Bund. Denn eine andere tiefere Identität ist nicht vorhanden.

Mir ist auf diesem Weg in den letzten Jahren bewusst geworden, wie unterschiedlich wir Europäer den Begriff der Demokratie verstehen – und wie klar dies angesichts der Geschichte der Länder doch auch ist. Gerade deswegen sollten wir eine Art europäischen Respekt erfinden, in dem wir den einzelnen Staaten zubilligen, gemäss ihrer politischen Tradition und ihrer Funktionalität Mitbestimmung so zu definieren, dass sie vom Volk auch wahr genommen wird – das ist die Argumentationsweise der Politik, die uns schnell mal überfordert sieht – es ist aber oft auch die politisch historische Erfahrung – und die schüttelt man nicht einfach so aus den Beinen.

Heute gehen wir als das Volk nicht mehr auf die Strasse, um zu demonstrieren. Wir wählen den Protest. Die Piraten. Oder die Alternative für Deutschland AfD. Oder, für viele schlimmer, rechtspopulistische Parteien. Frust entlädt sich nicht in gestaltender Politik mit dem Druck der Strasse. Wir wählen Widerspenstige, denen wir dann vom Sofa aus zusehen, wie sie Druck machen. Oder machen sollen. Mobilisierung geht anders. Und bleibt doch gar jenen ungeheuerlich, die ihre politische Karriere dadurch gestartet haben: Ausgerechnet Bundespräsident Gauck, durch die Nutzung der Montagsproteste in der DDR erst zur Politgrösse geworden, misstraut dem Anspruch auf mehr direkte Demokratie.

Dabei würden wir wohl besser regiert, wenn wir den etablierten Parteien durch den aktiven Protest kund tun würden, was uns Unbehagen beschert, als wenn wir per neuer Wahl eine Blackbox fett werden lassen – egal, welches Etikett sie sich umgehängt hat.

Basisdemokratie kann man nicht aufpfropfen. Sie muss sich genau so die Kanten schleifen lassen wie die Politiker, die sich plötzlich viel mehr Sachfragen gefallen lassen sollen. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Denn verwaltet werden wollen wir alle eigentlich nicht wirklich. Zumindest dann nicht mehr, wenn die Chips vor dem Fernseher alle sind und im Vorratsschrank der Nachschub fehlt, und das nicht nur zufällig. Dann plötzlich könnte die Politik sich wundern, wer so alles auf die Strasse findet. Oder in die Lokale von Bürgerkomitees.

Europa hat wirtschaftlich grosse Probleme und sitzt auf einem Sprengsatz. An der Grenze schwelt nun plötzlich ein anderes Problem. Wie praktisch, diese Ablenkung. Zynisch? Unzutreffend?
Wann wurde zuletzt ein Krieg ohne wirtschaftliche Interessen geführt?

Information - zwischen Fehlinformation und Desinformation

∞  14. September 2014, 22:20 Kommentare

Es begann nach NineEleven mit den getürkten Geheimdienstberichten des CIA über die angeblichen atomaren Waffenarsenale von Saddam Hussein, um den neuen Irak-Feldzug zu rechtfertigen. Das war so was wie ein Dammbruch. Seither ist das letzte Stückchen Moral in den Fragen der Wahrhaftigkeit des ehemaligen “Gutes” namens Information vor die Hunde gegangen.

Natürlich haben zu allen Zeiten Despoten und kriegsgierige Parteien Informationen getürkt und Ereignisse fingiert, um Kriege zu rechtfertigen – in dieser Weise aber hatte das eine neue Qualität und desavouierte teilweise gar jene, welche die Nachrichten vors Volk brachten, womöglich gutgläubig. Die politische Karriere eines gewissen Herrn Powell war danach praktisch zu Ende. Er hatte als Vertrauensmann des Volkes seine Schuldigkeit getan, in dem Moment, in dem seine Rolle nicht mehr gebraucht wurde.

Seither gilt mehr als je zuvor, beschleunigt durch die besonderen Aspekte des Internets als Informationsträger und -verbreiter, dass kaum eine Information die Bits wert sein muss, die es brauchte, um sie zu veröffentlichen. Wie sollen wir überhaupt noch – egal aus welcher Quelle – Nachrichten als fundiert, wahr oder eben fingiert erkennen? Wie weit machen sich öffentlichrechtliche Sender wie ARD und ZDF, geleitet und gesteuert von den politischen Parteien, bewusst oder unbewusst zu Instrumenten der Regierenden?

Welche Art Ethik gibt es überhaupt noch im journalistischen Metier? Wie können umgekehrt angehörige dieser Berufsgattung überhaupt verhindern oder nur erkennen, wie weit sie selbst instrumentalisiert werden? Sind jene, die, angefangen beim Zusammensturz der TwinTower bis zum Absturz des zweiten malaysischen Verkehrsflugzeugs in der Ukraine, Verschwörungstheorien entwickeln, schlicht Spinner oder haben sie womöglich in vielen Teilen recht? Wie kann es sein, dass in heutiger Zeit eine Verkehrsmaschine von allen Radars verschwindet, absolut spurlos, während bei einer zweiten sehr kurz nach dem Absturz Einzelheiten publiziert werden, die als gesichert verkauft werden?

Wie bedenklich muss es uns anmuten, dass die Bilder von der Absturzstelle entweder ganz spärlich oder gar nicht und dann unglaublich scheinen? Praktisch intakte Leichen bei einem Absturz aus zehntausend Meter Höhe? Dafür kaum Blutspuren? Zweihundert Erwachsene und über achtzig Kinder? Bin ich schon mal auf einem solchen Langstreckenflug mitgeflogen? Und wir kennen sie doch alle, die Bilder von Angehörigen, die an Flughäfen verzweifelt auf ihre Angehörigen warten. Sie sind ja auch ein Fressen für die TV-Stationen. Hier aber fehlten sie beinahe vollständig.

Dafür gaben sich Zeitungen dazu her, Bildstrecken von Überbleibseln von Passagieren unkommentiert zu drucken – Bücher im Gras, völlig unversehrt, zum Beispiel… Bei einem Absturz aus grosser Höhe nach einem Abschuss?

Geht man der Berichterstattung ein wenig nach, so kann man wirklich Gespenster sehen – und es sind womöglich mehr als Gespenster… Ich tue mich schwer, jeglicher Art von Kriegstreiberei zu folgen, auch aus den “eigenen” Reihen. Und die Tatsache, dass Putin auf diesem Klavier ebenso gut spielt, macht die Sache nicht wirklich besser.

Noch ein Wort zu den unzähligen Blogs, welche auf die Ungereimtheiten hinzuweisen versuchen: Auch bei Ihnen ist leider selten klar, wer dahinter steckt und welche Unterstützung von wem allenfalls geleistet wird. Und wer steckt zum Beispiel hinter den DWN, den Deutschen Wirtschaftsnachrichten, die sehr EU-kritisch berichten, mit scheinbar teilweise hohem journalistischem Aufwand. Oft wird dabei ein Nerv getroffen, der auch beim mir gereizt ist, und ich würde mir wünschen, andere Medien würden ähnliche Fragen stellen. Und am nächsten Tag ist mir dann der ständige Prügel in den DWN, mit dem die Verwendung der deutschen Steuergelder für die EU-Politik gegeisselt wird, so was von zuwider. Halloooo, schlussendlich ist alles, was eine Regierung macht, von Steuergeldern bezahlt, und dass sie damit auch Aussenpolitik macht, ist natürlich richtig. Allenfalls macht sie die falsche, und das kann man kritisieren, aber am Ende entscheidet das der Wähler.

Am Ende bleibt auch hier wieder nur das Gebet der Demokratie: Je direkter sie ist, desto schwerer lässt sich Macht missbrauchen. Allerdings brauchen auch wir Bürger Informationen, um Stimmentscheide zu treffen, und je weniger lokal ein Sachentscheid ist, um so leichter wird auch hier Desinformation.

Wir müssen uns in allem einfach bewusstsein, dass das Internet nicht etwa dazu beigetragen hat, unser Wissen über die politischen Zusammenhänge zu mehren. Aber es wird fleissig dazu benutzt, unsere Wahrnehmung zu steuern. Und überall dort, wo sich Information basisdemokratisch mit andern teilen will, wird diese Idee just wieder von jenen torpediert, die daran kein Interesse haben – sei es punktuell oder graduell: Wikipedia dürfte voll sein von Einträgen, die zum Wohl bestimmter Seiten oder Personen verändert, gesteuert oder “vertieft” wurden. Der Kampf der Macher gegen diesen Missbrauch gleicht einer Sisyphus-Arbeit.

Fün für Alle in der Mixed Zone

∞  13. September 2014, 22:58 Kommentare

Clubmeisterschaften im Mixed-Doppel. Abschluss der Turniersaison. Der Plausch steht im Vordergrund. Und der Zusammenhalt über die üblichen Begegnungsmuster hinweg: Ich stehe mit Clubmitgliedern auf dem Platz, mit denen ich sonst nie Tennis spielen würde. Die Altersspanne zwischen dem ältesten und dem jüngsten Teilnehmer beträgt achtundfünfzig Jahre.

In der letzten Partie stehe ich mit meiner Partnerin ihrer Tochter gegenüber. Die Teenagerin und ihr Kollege reichen mit ihren Köpfen zwar schon übers Netz, aber gleichwohl scheint der Tennisplatz auf ihrer Seite riesig zu sein. Aber hoppla, ausspielen ist dann dennoch gar nicht so leicht. Auf jeden Fall haben wir Spass. Viel Spass. Flottes Mundwerk gehört auch dazu, lustige Ballwechsel und richtig gekonnt heraus gespielte Punkte.

Und das Schönste: Nach dem Abschluss des Turnierchens und der Siegerehrung bleibt das Clubhaus berstend voll und das Stimmengewirr klebt unter der Decke – auch jetzt ist die Gesellschaft toll gemischt. Ich bin um neun Uhr abends einer der ersten, der nach Hause geht. Absolut zufrieden, aber müde.

Nachgedanken: Zeitgeist im Wandel

∞  12. September 2014, 23:43 Kommentare

Für einmal einfach ein paar Gedankenschnipsel dieses Abends, die so schön zeigen, in welchem Spannungsfeld wir leben – heute scheint nicht nur jede Generation ein neues Gesellschaftsleben zu kreieren – schon die sich folgenden Jahrzehnte lassen sich fast nicht mehr mit einander vergleichen. Und doch gibt es Personen und Haltungen, die sich über Generationen hinaus unserer Aufmerksamkeit sicher sein können.

Wir schauen Davis-Cup im Tennis – die Schweizer Wawrinka und Federer kämpfen als Nummern vier und drei der Welt um den Einzug in den Final dieses Team-Wettbewerbs. Für die Schweiz haben wir eine einmalige Konstellation mit zwei absoluten Top-Spielern in einer Weltsportart, und mit einem Weltstar, der das Tennis verkörpert wie vielleicht kein zweiter Sportler seine Sportart zu repräsentieren vermag. Die Ausstrahlung von Federer wird weit über seine aktive Karriere hinaus Bestand haben, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch danach seinen Sinn für den sicheren, gehaltvollen Auftritt bewahren wird.

Dann diskutieren wir über GeriGate – Geri Müller, ein Schweizer Politiker, Nationalrat und Stadtpräsident, gerät ins Stolpern, weil seine Adonis-Selfies, die er seiner Chatbekanntschaft aus den Amtsräumen gesandt hat, in die Öffentlichkeit geraten sind. Ist er nun Opfer oder Täter? Wir stellen fest, wie unterschiedlich die Generationen mit dieser Konstellation umgehen. Dass überhaupt Fotos privat unter einander verschickt werden, ist für viele Jüngere unter uns keine Frage mehr. Kommt vielleicht noch darauf an, was für welche. Die eigentliche Täterin ist für sie aber die Frau, welche die Bilder an die Öffentlichkeit zerrt – und zwielichtig sind die Journalisten, die das vorantreiben. Das sehe ich auch so, aber interessant ist der Umstand, wie unterschiedlich die Reaktionen über das Ereignis an sich sind. Die Jungen pflegen ihre Freundschaften heute über viel grössere Distanzen dank aller aktuellen digitalen Mittel – verantwortungsvoller Umgang ist aber sehr wohl auch für sie ein Thema. Amtsräume? Nun, andere pflegen ihre Liebschaften im von der Firma finanzierten Hotelbett. Oder im Büro. Wo ist der Unterschied? Entscheidend dabei ist wohl genau das: Dass wir Respekt bewahren. Für andere Ansichten, für die Privatsphäre, auch von Politikern, und auch für jene, die Müllers Verhalten absolut nicht goutieren – der grundsätzliche Respekt, den wir hochhalten sollten, muss in jedem Fall die Privatsphäre schützen: Wir sollten uns hüten, hier nur mit der Moral zu argumentieren – es könnte sich bei anderer Gelegenheit gegen uns wenden. Was wir ganz bestimmt nicht goutieren müssen, ist Doppelzüngigkeit: Wenn ein Politiker das eine predigt, und das andere tut, dann disqualifiziert er sich. Hier aber wird er als Ergebnis seiner Unvorsichtigkeit demontiert, ohne dass man ihm Erpressbarkeit vorwerfen könnte. Entsprechend kämpft er um sein Amt. Ob es Sinn macht, kann ich nicht beurteilen. Wir sollten nur sehr vorsichtig sein mit dem, was wir verurteilen, um es umgekehrt hemmungslos zu konsumieren…

Und auf dem Heimweg hören wir den Boss Bruce Springsteen. In der Wunschkonzert-Sendung Nachtexpress – die, gefühlt, schon von unseren Eltern in deren jungen Jahren gehört wurde. Und Springsteen gab es wohl damals schon, so kommt es einem vor. Und er gibt alles. Immer. Er verkörpert seine Musik, ist authentisch, und als Zuhörer in seinen Konzerten hat man das Gefühl, dass er genau für dich singt. Und zwar bis zur Erschöpfung. Mit Herzblut. Noch einer kommt mir in den Sinn, auf den das zutrifft, mit ganz anderer Stilrichtung: Udo Jürgens. Jawoll.

Tja, bei solchen Personen und deren Schaffen fällt Respekt nicht schwer, selbst wenn man deren Musik nicht absolut mögen sollte. Die Heimfahrt ist leicht, das Auto gleitet durch den Regen, die Musik perlt auf der Haut, wie der Regen auf der Scheibe, und ich freue mich aufs Bloggen. Bloggen? Es scheint eine Ewigkeit her, dass dies populär wurde. Und ist doch so kurze Zeit erst ein Begriff.

Wie lange noch?

Schumi at home

∞  11. September 2014, 22:30 Kommentare [1]

Michael Schumacher ist zuhause. Der Mann, der wie viele andere Prominente in der Schweiz im Waadtland lebt, “um dort Steuern zu sparen”, hatte dort immer seine Ruhe. Es geht immer wieder gern vergessen, dass Schweizer ganz generell den Glamour, den Prominente verströmen, bestenfalls ertragen, zur Kenntnis nehmen und zur Tagesordnung übergehen. Wir machen kein gar so grosses Aufhebens um sie.

Wir freuen uns auch über Erfolge einheimischer Sportler, aber es ist “nur” Sport und es bleibt auch so.

Schumacher hat das gut getan und seiner Familie auch. Er konnte sogar in der heimischen Fussballmannschaft mispielen und mit den Kollegen nach dem Match relativ unbehelligt eine Bratwurst essen und was trinken: Schumacher ist, wie jeder Berühmte, für uns sehr bald mal auch einfach ein Mensch. Und diese Unaufgeregtheit wird von vielen bekannten Persönlichkeiten geschätzt.

Es ist zu hoffen, dass sich das fortsetzt. Im Spital in Lausanne ging es schon ruhiger zu als in Grenoble, und nun, zu Hause, muss zwar die Polizei noch patroullieren, um aktuelle ein russisches Fernsehteam in Schach zu halten. Aber das wird man in den Griff kriegen und die Privatsphäre ziemlich rigoros hoch oben ansiedeln.

Und so, wie Schumi “bei uns” gelebt hat, ist es sogar sehr gut möglich, dass nachbarschaftliche Verbindungen gar mithelfen, der Familie Mut zu machen. Und vielleicht, Schumi, wirst Du eines Tages einfach an den Grasnarben schnuppern, die Du früher mit den Fussballschuhen umgepflügt hast, und die positiven Emotionen tun Dir dabei gut. Wären nur nicht die todsicher zu Neugierigen rundum, welche nur darauf warten, Dein Elend mal öffentlich zu sehen… Das ist wohl in der aktuellen Situation auch bei uns nicht anders.

Alles Gute!

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