Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Regelwerk und sportliche Werte - es wird immer schwieriger

∞  16. Mai 2012, 16:28 Kommentare

Nach den Ereignissen im Stadion von Fortuna Düsseldorf wird wieder mal klar: Sportgerichtsbarkeit ist wirklich ein schwieriges Metier… Wie soll man Ausschreitungen in einem Stadion sportlich korrekt sanktionieren? Welche Auswirkungen soll es auf die sportliche Auseinandersetzung haben? Wen nimmt man wofür in Sippenhaft?

Die alten Zeiten, zu denen ich noch als Dreikäsehoch in kurzen Hosen auf dem Rasen selbst belehrt wurde, kannten ein Zauberwort: Fussball oder jede andere Disziplin ist ein Wettstreit, bei dem sich Spielende unter einem allseits akzeptierten Regelwerk zusammenfinden – mit der festen Absicht, diese Regeln auch zu akzeptieren – und vor allem auch die Person, welche diese Regeln durchsetzen muss: Den Schiedsrichter.

Im Profisport ist das oft nur (noch) graue Theorie, und vielleicht ist es naiv, etwas anderes zu erwarten. Und doch ist es die letzte Krux und vielleicht auch die tiefste Faszination, dass im Grunde auch hier dieser Sport Fussball nur funktioniert, wenn man das Vorkommen der letzten Unwägbarkeit in Kauf nimmt – den menschlichen Fehler. Nicht nur beim Spieler – auch beim Schiedrichter. Gestern in Düsseldorf hat diese zentrale Schaltstelle in diesem Sport einen ganz wunderbaren Job gemacht: Schiedsrichter Starke muss zwischenzeitlich einen immensen Druck verspürt haben und unter grösster Anspannung gestanden haben – wobei ihm wohl oft gar nicht die gleiche Möglichkeit zur Übersicht angeboten werden konnte, wie sie der Fernsehzuschauer “genoss”. Das Krisenmanagement, das nur noch darauf abzielen konnte, eine Katastrophe zu verhindern, hat funktioniert.

Dass dies die Aufgabe des Schiedsrichters wird, werden wir uns alle nicht wünschen. Es ist guter Rat teuer – und das Regelwerk, unter dem sich alle wiederfinden, wird Ordnungsbussen, gelbe und rote Karten für Stadionorganisationen und Vereinsführungen mit enthalten müssen, je länger je mehr… Damit kann dann zumindest die sportliche Ordnung aufrecht erhalten werden. Strafrechtliche und zivilrechtliche Prozessfolgen nehmen in jedem Fall ihren Lauf. Davon kann ausgegangen werden…


Düsseldorf - Weiteres Chaotenpotential stürmt in die Bundesliga

∞  15. Mai 2012, 22:02 Kommentare [4]

In Düsseldorf hat heute abend wieder mal ein Verein versucht, ein entscheidendes Fussballspiel durchzuführen. Nach bengalischen Feuern und Böllerschüssen, Knallpetarden aus beiden Fansektoren, musste das Spiel ein erstes Mal unterbrochen werden.

Danach wurde weiter gespielt, nachdem der Fansektor von Hundertschaften von Polizisten abgeriegelt wurde. In der Folge fehlten diese Ordnungskräfte dann im weiten Rund des Stadions, und fünf Minuten vor Schluss standen die Zuschauer an der Seitenlinie – um dann zwei Minuten vor Abpfiff das Spielfeld zu stürmen.

Nach unendlich langer Zeit gelang es, das Spielfeld wieder zu räumen – und die Berliner spielten bei einem Spielstand weiter, bei dem sie noch ein einziges Tor brauchten. Doch, Hand aufs Herz: Wohl kein Berliner hat sich mehr wünschen können, dieses Tor auch zu schiessen – denn wie, bitteschön, hätte man da als Gästespieler danach heil in die Kabine kommen wollen?

Düsseldorf ist in die Bundesliga aufgestiegen. Es kann ein weiterer Club willkommen geheissen werden, der seine Fans nicht unter Kontrolle hat. Dass das im Grunde auch gar nicht möglich ist, hat man heute abend gesehen: Es ist wohl schlicht so, dass ein leider viel grösserer Teil, als uns eingeredet wird, in der Gesellschaft eine immer tiefere Frustrationstoleranz hat, und Enttäuschungen mit Gewaltausbrüchen “verarbeitet” werden. Es fehlt auch die letzte Ächtung dieses Verhaltens und der rigorose Durchgriff. Wir verrohen zusehends, und bei solchen Veranstaltungen wird das überdeutlich. Wieder einmal wurde eindrücklich vordemonstriert, wie ein Mob entsteht, und wie selten dämlich darin der Einzelne zum Deppen wird. Zum Deppen, der andere das Fürchten lehrt.

Das ganze wird wohl noch Konsequenzen haben, es wird Geldstrafen regnen, aber was weiter? Und wie will man eine solche Situation sportlich gerecht auch lösen? Das ist gar nicht mehr möglich. Der Sport hat heute abend eine ganz bittere Niederlage erlitten, und uns wurde wieder mal ein Spiegel vorgehalten. Uns allen. Denn distanzieren von “denen da unten auf dem Rasen” reicht nicht. Es reicht schon lange nicht mehr.

Das Blog als Übungsplattform für die knappe Form

∞  15. Mai 2012, 13:53 Kommentare

In der Schule, namentlich im Gymnasium, war ich der Schrecken meines Deutschlehrers, weil er für meine Aufsätze immer eine Sonderschicht an Lesezeit einplanen musste. Mit einem Wort: Ich war lang. Oft wohl mehr langatmig, langfädig.

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Meine Schachtelsätze waren berüchtigt, und manchmal zwangen sie sogar mich, meine Schreibe zweimal durchzulesen, um sicher zu gehen, dass die Satzteile sich am Ende doch zusammen fügten. Das war dann korrekt formuliert, aber nicht länger lesbar.
Hier geschieht mit meinem Schreibstil etwas Interessantes: Ich werde kürzer. Dies unter dem Eindruck, dass ein Text pro Tag neben allen anderen Aktivitäten doch auch erst geschrieben werden muss. Die Leser scheint es nicht zu stören. Wahrscheiinlich bewege ich mich damit “im Mainstream”, wonach die Aufmerksamkeit vom Leser nicht mehr für Stundenbruchteile aufgebracht wird, sondern für ein paar Minuten.

Dabei gibt es so viele Blogger, die beindruckend ausführliche Texte schreiben können, und dies mehrgleisig in atemberaubendem Rhythmus. Ich bewundere das, kann aber manchmal nicht mal als Leser dem Tempo und der Fülle folgen, und das gilt auch für die Alphatiere der deutschen Bloggerszene. Oder für sie erst recht.

Nach wie vor finde ich die Vielfalt dessen, was man im Netz finden kann, einfach grossartig. Es scheint mir nur ungemein schwierig, im eigenen Kopf kein entsprechendes Durcheinander anzurichten. Und darum geniesse ich dieses grundsätzliche Angebot der bloggerischen Schreibform mit der Tendenz zu einer gewissen Kürze sehr.

Lebendiger Muttertag auf dem Friedhof

∞  14. Mai 2012, 12:17 Kommentare

Muttertag war auch für mich Grund, endlich mal wieder meine Mutter im Altersheim zu besuchen. Wir haben daraus einen ganz normalen Tag gemacht, der eben doch alles andere als normal war und von dem mir eine Begebenheit noch lange bleiben wird.

Da ich selten da bin, benutzt meine Mutter dann jeweils gerne die Gelegenheit, ein paar Besorgungen zu erledigen, die ihr mittlerweile ein bisschen schwer fallen: Schwergewichtige Einkäufe zum Beispiel – es gibt einen Volg-Dorfladen, der sieben Tage die Woche geöffnet hat – oder, mittlerweile schon ein Ritual, der Besuch auf dem Friedhof bei Paps, zum jährlichen Grabstein-Schrubben. Entsprechend unverschämt glänzt der Stein auch in einer Reihe mit verwitterten Gesellen, als wäre er gestern gesetzt worden – dabei ist das schon sehr bald zwanzig Jahre her.

Das gibt uns Gelegenheit, über Gott und die Welt zu reden, und übers Leben und Sterben. Zwanzig Jahre Alleinsein ist kein Schleck, und das wirklich alt werden auch nicht. Ich bin Mutter überaus dankbar, dass es mit ihr so leicht ist, über diese Dinge zu reden, über das Unvermeidliche, das wir so gerne aussparen. Ich möchte wissen, wie sie voraus blickt, wie sie den Gedanken daran bewältigt, und was ihr wichtig ist. Und ich bemerke sehr wohl, wie genau ich sie beobachte, wie ihre Haltung bei mir nachwirkt und wie ich fühle, dass mir das einmal selbst eine Hilfe sein könnte.
Auch bin ich ihr dankbar, dass ich ganz genau weiss, wie sie über lebensverlängernde Massnahmen denkt und welche Einstellung sie zu ihrem Leben hat. Nichts ist eigentlich unbesprochen geblieben – und alles kann jederzeit wieder angesprochen werden – und das wird es sicher auch immer wieder.
Es ist mit ihr auch absolut nicht schwer, als Gepsrächspartner beim Thema zu bleiben. Es ist gar nicht notwendig, irgendwelche Ausflüchte zu suchen.

Wir reden dann also auch über das eigene Grab und ich erzähle vom Friedwald, den es in unserer Gemeinde gibt. Sie will kein Aufhebens und keinen “eigenen” Grabstein. “Das Schrubben muss dann auch niemand übernehmen.”

Ich lächle und sage nichts: Ich finde, ihre Vorstellungen gehen den meinen eh vor, und ich brauche ganz bestimmt keinen gemeisselten Stein, um mich eines Menschen zu erinnern. Sie zeigt mir die einfachen Urnengräber, und meint, dass das doch auch nichts wäre, so lieblos wirke es und verloren.

Ich erzähle ihr von meiner Beobachtung, dass die eigentlichen Gemeinschaftsgräber auf Friedhöfen meist sehr schöne, ganz besonders friedliche Plätze wären und es da meist aktuellen Blumenschmuck gebe, der ganz anders deutlich mache, dass wir auch im Schicksalsgang des Todes alle den gleichen Weg gingen, wie im Trauern auch, und dass ich finde, dass diese Orte etwas Verbindendes haben, während Einzelgräber noch im Tod die Separation suchen und den hilflosen Versuch darstellen, das Besondere des Einzelnen an einer individuellen Stele festzumachen, als ob man der eigenen Erinnerung nicht trauen wollte.

Sie weiss, wo das Gemeinschaftsgrab auf “ihrem” Friedhof zu finden ist und “will da jetzt mal hin”. Wir wandern also durch den wunderbaren Baumbestand dieses Ortes und sitzen alsbald am Ziel auf einem Bänkchen. Mutter findet die Gemeinschafts-Stele, die es da gibt, zwar “nichts Besonderes”, aber was will man schon hinstellen, an dem möglichst alle zumindest keinen Anstoss nehmen sollen? Es juckt sie in den Fingern, die kitschigen Engelchen, die jemand auf die Stele gesetzt hat, runter zu holen, sagt sie, mit einem Lächeln. Dann ruht ihr Blick auf dem weiten Rund der grossen alten Bäume, die in gehörigem Abstand den Platz umrahmen. Vögel zwitschern, der Verkehr ist ganz weit weg, alles wirkt ruhig und friedlich. “Vielleicht ist ja wirklich Ruhe, danach”, meint sie.

Und ich füge an, dass es vielleicht in gewissen Momenten ein Trost sei, zu wissen, dass das Unvermeidliche allen bevorsteht und alle, die gelebt haben, den Weg voraus gegangen sind.

Sie sagt: “Weisst Du, mein Arzt ist ganz ehrlich. Er meint, Sterben sei nichts Schönes. Ich mache mir da keine Illusionen.”

Und dann, nach einer Pause, die Redensart:

“Aber auch das wird zu überleben sein.”

Stille.

Dann schauen wir uns an, und unser Gelächter wird vom Rauschen der Baumwipfel aufgefangen.

Etwas später stehen wir auf und gehen langsam zurück. Ich höre mich sagen:

“Vielleicht komme ich dann gelegentlich vorbei, und schrubbe die Stele…”.


Muttertag. Einfach ein anderer Tag als Mutter?

∞  13. Mai 2012, 11:31 Kommentare [3]

Muttertag. Wie viele Mütter haben wohl gerade an diesem Tag ganz besonders viel Besuch – und machen dabei das meiste dann doch selbst? Weil “daheim” eben am meisten Platz ist, für die Enkel, zum Beispiel… ?

Aber, liebe Mütter, nehmt Euch, bitte, auch an der eigenen Nase. Ihr seid die Familienmanagerinnen und darin perfekt – auch und gerade, weil Ihr auf die Aussenwirkung bedacht seid. Ihr habt längst die Worte der Lieben in den Wind geschossen, es ginge doch auch mit weniger Aufwand. Ihr habt Antworten wie: “Wie sieht das denn aus?” oder: “Was ist denn das für ein Essen?”.

All der wohligen Bequemlichkeit, mit der sich Eure Kinder mit ein paar warmen und lieben Worten bei Euch auch an diesem Tag ins Nest legen, haben die Vorgeschichte eines ganzen Lebens, in dem Ihr immer wieder eingegriffen und für die wirklich gute Erledigung einer Arbeit lieber selbst Hand angelegt habt.

Muttertag ist eine Herausforderung für Euch: Einen Tag schön sein lassen, weil er nicht perfekt sein muss – und sein soll. Zeit haben statt volle Zeit. Vielleicht bedeutet das auch ein bisschen mehr kauen statt essen (lächel), aber was soll es? Nehmt an, was Euch geboten wird – oder, wenn das längst nicht mehr versucht wird, wünscht es neu. Für das nächste Mal. Muttertag 2013 ist wieder am 2. Sonntag im Mai. Wie immer. Muttertag ist aber auch jeden Tag neu. Und auch da gilt:
Wenn Ihr alles perfekt sein wollt: Mutter, Frau und Berufstätige, dann werdet Ihr an den Ansprüchen, wie sie Eure Mütter vorlebten, zerbrechen.


Auch ein Geschäftsmodell

∞  12. Mai 2012, 14:12 Kommentare

Ein Strassenmusikant auf der Erfolgsspur.

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Ich muss, wenn ich zurückdenke, immer noch schmunzeln:

Ich habe den alten Mann vor meinem erinnernden Auge, als stünde er noch immer vor mir:

Ein langer Schlacks, hager, die Regenjacke hängt ihm am Körper wie an einem zu schmalen Kleiderbügel. Um den Kopf geschlungen trägt er eine Art Turban, der aussieht, als wäre er aus alten Leinen-Handtüchern zusammen geknüpft worden. Die Füsse stecken unter zu kurzen Hosen in zu grossen Schuhen, die zerschlissen sind. Die Jacke aber wirkt recht neu, und vielleicht ist sie die erste Anschaffung aus dem Geschäftsmodell, das der alte Mann eben gerade wieder in die Tat umsetzt:

Vor ihm auf dem Boden steht eine zerbeulte Kartonbox, mit zwei, drei kleinen Münzen drin: Eine Sammelbox für Strassenmusiker ist niemals leer, aber das ist das Einmaleins in dieser Zunft: Eine leere Box lässt Passanten viel eher denken: “alle anderen geben auch nichts”. Und wenn die Performance danach ist… und dazu komme ich jetzt gleich.

Der alte Mann befördert also eine Blockflöte aus den tiefen seiner Jackentaschen ins dämmrige Abendlicht und setzt das Teil, das wir alle aus unseren allerersten musikalischen Übungen kennen, an seine dünnen Lippen, um ihm alsbald Töne zu entlocken. Oder so was Ähnliches. Kein Ton passt irgendwie zum nächsten oder vorherigen, es ist ein Gefiepe und Gekreische der grotesken Art, eine Kakophonie, wie sie ein Kleinkind besser hinkriegen würde – aber es funktioniert: Schon klimpern die ersten Münzen. Augenscheinlich sind es vor allem weibliche Teenager, die dem alten Mann zugetan sind – um dann schnell weiter zu hasten, möglichst ausser Hörweite. Herrlich sind die Reaktionen des Strassenmusikanten: Kaum fällt eine neue Münze in die Box, so unterbricht er immer wieder sein Spiel, legt die Blockflöte fein säuberlich auf den Boden und klaubt sich die Münze aus dem Karton. Er steht auf, beäugt sie von allen Seiten, mit ungläubigem Gesichtsausdruck, und ich warte unwillkürlich darauf, dass er prüfend darauf beisst.

Dann legt er die Münze zurück, oder, wenn darin schon ein paar liegen, steckt sie ein – sicher ist sicher. Dann greift er erneut zur Blockflöte und macht weiter. Und tatsächlich: Kaum hat seine Flöte drei, vier Mal gepupst, klimpert es erneut – und das ganze Verhaltens- und Bewegungsmuster beginnt von vorn.

Hier kann jemand sein kleines Glück nicht fassen, das ihm alle gönnen.


Kritiker und ihr Anspruch, ernst genommen zu werden

∞  11. Mai 2012, 11:10 Kommentare [1]

Immer wieder interessant, was – unter meinen engeren Freunden, mit denen ich mich Donnerstags zum Sport treffe – eine Reaktion auslöst, und was nicht. So hörte ich immer wieder Kritik über die Homepage des Sportclubs. Die Seite bot auch reichlich Angriffsfläche und herrliche Ansatzpunkte für süffisante Kommentare. Nun haben wir eine neue, aktuelle Seite. Und ich höre nichts mehr. Das ist einerseits das Optimum, denn eine solche Arbeit bedeutet immer, dass im Resultat “keine Klagen” so viel bedeutet wie “Ziel erreicht”.

Dass sich niemand zur Veränderung äussert, könnte mich in diesem Fall aber auch irritieren – denn ich habe die Seite mit gestaltet und verantworte sie nun auch inhaltlich. Schweigen im Walde könnte ich dann also auch so deuten, dass man über das Resultat milde den Mantel des Schweigens breiten möchte, um mich “zu schonen”. Mir wäre es aber lieber, und es würde auch mehr Respekt bedeuten, wenn man mich auf Dinge anspräche, die nicht gefallen.

Es ist aber schlicht wohl der Lauf unserer Zeit, dass das viel zu tief gedeutet ist: Es wird wohl viel eher nicht viel Aufmerksamkeit darauf verwendet und die Seite ist durchaus okay. Dass ein Feedback auch jetzt und gerade jetzt nützlich wäre, kommt den Kollegen gar nicht in den Sinn. Und zum Sticheln besteht scheinbar kein Grund (mehr). Keine Sorge: Ich bekomme durchaus Feedback von dritter Seite, alles in Ordnung, und ich habe es schlicht übernommen, weil es mir Spass brachte und weiter macht. Aber wundern tue ich mich dennoch. Ich finde Kritik etwas sehr Wertvolles – aber man sollte die Haltung, die dazu gehört, dann auch aufrecht erhalten und sich auch zu Veränderungen äussern, wenn die dann – endlich – vorgenommen werden. Macht man das nicht, muss man sich nicht wundern, wenn der eigene Ärger bei anderer Gelegenheit einfach überhört wird.


Optik für den Berufsstolz

∞  10. Mai 2012, 16:04 Kommentare [2]

Gestern habe ich vom Fabrikantenstolz geschrieben. Das möchte ich ausbauen, und ein wenig vom Berufsstolz ganz allgemein erzählen. Ich habe bei einem Geschäftstermin sehr interessante Ansichten zu hören bekommen, die sich auf die Stossrichtung einer Fabrik bezogen:

Man solle gar nicht erst versuchen, an einem Standort verschiedene Arten an Schwerpunkten in der Produktion einzuführen: Das geht nicht. Eine Näherin, die plötzlich Saumenden überstehen lassien und einen Faden nicht abschneiden soll, der vorsteht, soll nicht in einem Fall genau arbeiten und im andern nicht so genau: Es lassen sich nicht zwei Standards in ihr vereinen, und zwingt man jemanden über Gebühr zu Tempo statt Sorgfalt, so sinkt die Befriedigung in ALLEN Beschäftigungsbereichen. In einem anderen Werk kann es genau umgekehrt sein: Wer Tempo bolzt, wird nicht plötzlich zum Feintechniker, bzw. die Umstellungszeit wäre viel zu lange.

Und dann ist da “meine” Optikerin, die mich jedesmal, wenn ich in ihren Laden trete, mit viel Witz und Lebensfreude besucht. Nun ist es ja nicht so, dass ich gerade täglich da hingehe – ich gehöre viel eher zu jenen, die meinen, so ein kleines Problem mit dem Sehen lasse sich schon deichseln – und wenn ich dann sehe, dann sieht mich meine Optikerin lange nicht mehr. Und genau deswegen finde ich es bemerkenswert, dass ich diese Beobachtung Ihrer Lebensfreude eigentlich jedes Mal von neuem mache – auch im Abstand von Jahren.

Tatsache ist: Thinkabout braucht eine neue Brille. Und das ist ja eine richtige Wissenschaft geworden! Ich staune. Ich werde nach allen Regeln der Kunst vermessen und austariert, und dabei herrscht eine gelöste Atmosphäre mit sehr viel Witz und Charme und Schalk im Nacken – genau so, wie ich es liebe.

Ich sage zu ihr: Sie haben einen tollen und richtig anspruchsvollen Beruf. Und sie:
Ja. Und ich habe ihn keinen Moment bereut. Tatsächlich: Da macht jemand “seinen Job” wirklich zu seiner Arbeit und steckt viel Stolz, aber auch Lebensfreude mit hinein. Ich bin mir sehr sicher, dass dazu auch eine stete Weiterbildung gehört und eine nie aufhörende Neu-Gier auf Neues, auf weitere Informationen, noch tieferes Verständnis und der Mut, jedes individuelle Problem angehen zu wollen und zu können. Kein Auge ist wie das andere, und doch wollen alle das gleiche, das doch scheinbar so einfach ist: Die Sehhilfe, die den Durchblick schafft.

Ich finde, wir haben ein ganz tolles wirkliches Fachgeschäft im Dorf.


Vom Fabrikantenstolz (naive Bemerkungen?)

∞  9. Mai 2012, 11:55 Kommentare

Wenn man als europäische Firma so genannte Alltagsgegenstände produziert, also Dinge, die, wenn man sie unter dem reinen Preisgedanken betrachtet, schlicht Massenware sind, hat man zwei Möglichkeiten:

Man kann sich die Meinung eines (Gross-)Teils der Kunden zu eigen machen und davon ausgehen, dass man eben “nur” diese Dinge mit beschränktem Innovationspotential produziert, unnötiges Risiko und vor allem Naivität ausschliessen mag (ein immer kleidsamer Mantel für frühzeitig aufgegebenen Fabrikantenstolz) – und die Produktion nach Fernost auslagern – oder man kann die Herausforderung darin sehen, das scheinbar Einfache besser zu machen – und nie in diesem Bestreben aufzuhören. Das Massengeschäft wird man damit vielleicht nie besorgen können, aber die Nische standhaft besetzen sehr wohl. Und wenn dann der Wind wieder dreht, und er dreht immer wieder, dann haben solche Firmen die Nase im Wind.

Ich kenne – auch und gerade unter Schweizer Firmen – beides, wobei von besonderer Peinlichkeit jene Fabrikanten sind, die sich nur auf die Bevorzugung durch den Schweizer Standort verlassen haben und dabei wirklich bei jeder Gefahr sich schnell nochmals das Brett vor den Kopf gezogen haben. Nur weniger peinlich empfinde ich allerdings jene Kunden, und zu denen gehören auch ganz grosse respektierte Schweizer Unternehmen, welche “Swiss Made” mit “Swissness” erst ausdünnten, um dann Schweizer Ursprung als Deklaration und Qualitätsmerkmal völlig zu pervertieren – durch immer geringere Qualitätsvorgaben und bald lächerlich erscheinende Anteile wirklicher Ursprungsleistung aus unserem Land. Das ist ein Schlag ins Gesicht jener Firmen, die durch ihre wirkliche Produktpflege dem Schweizer Qualitätsempfinden, das es durchaus noch gibt, Nahrung geben wollen und den Mut haben, dafür auch hochwertigere Produkte zu höheren Preisen vorzusehen.

Wohl verstanden: Der Kunde soll immer wählen können, und am Ende bestimmt er, was gilt. Wenn ein Shop aber Billigware wählt, dann soll er auch bei der richtigen Deklaration bleiben. Es genügt schon, dass immer mehr Ladenketten sich in immer mehr Fällen gar nicht mehr vorstellen können, dem Kunden wirklich die Wahl zu lassen: Es wird für ihn vorentschieden und nur die Billig-Variante in Betracht gezogen. Der erste Schritt ist dann, dass die bessere Alternative fehlt. Etwas später können wir dann wieder wählen: Zwischen zwei billigen Varianten.

Wie gesagt, es ist nicht leicht, in diesem Karussell Gegensteuer zu geben. Und doch kann es erfolgreich sein. Wer das schafft, hat meinen allergrössten Respekt.

Befremdliches in Mittelklassehotels

∞  8. Mai 2012, 07:54 Kommentare

Es gibt ja viele Dinge, die kenne ich schon aus Mittelklasshotels. Verstehen muss ich sie dennoch nicht. Zum Beispiel ein Badezimmer, bei dem sich Toilettensitz und Duschvorhang bekuscheln und selbst die Nassreinigung der Zehennägel dazu führen würde, dass man auf dem Lokus im Wasser steht, weil der Abfluss im Boden zu wenig steil oder zu wenig durchgängig ist.

Aber es ist sauber, der Service des Personals ist ausgezeichnet, die Lage sehr schön. Was will ich also mehr? Ich frühstücke auch ganz normal im Hemd. Dass um mich herum alle in Mänteln da sitzen, verstehe ich auch im Nachhinein nicht. Auch auf der Strasse habe ich bereits viele dick vermummte Gestalten gesehen. Gut, es ist ein nasser Frühlingstag in Amsterdam, aber dennoch.. Ich kann Daunenjacken, Lodenmäntel und Skijacken bestaunen. Der Raum ist geheizt, die Tür geht kaum je auf, und wenn man raus blickt, kriegt man auch nicht unbedingt vereistes Rückenmark.

Wenn ich morgen nicht blogge, bin ich draussen in meinem Hochmut gegen einen Eisberg gerannt…


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