Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Genussmenschen? Marktteilnehmer, auf jeden Fall.

∞  30. September 2014, 23:19 Kommentare

Wir sitzen im Wohnzimmer und sehen uns “so nebenbei” eine dieser Koch-Ess-Shows an – bei denen eine Runde sich gegenseitig vor Kameras zum Essen einlädt, um dann das Genossene zu bewerten.

Was ich daran ja sehr schön finde, ist, dass die Kunst des Kochens Beachtung findet – in Zeiten, in denen dies immer mehr verloren geht.

Was ich aber feststelle: Ich kann kaum mehr hinsehen, wenn die riesigen Portionen an Fleisch aufgefahren werden. Es ist als Vegetarier nicht die Wahl der Speisen, es sind vielmehr die Mengen!

Und ich stelle dabei fest, dass wenn ich mir vorstelle, wie so ein Filet schmeckt, ich mich erinnern kann, wie sehr ich das bis vor dreizehn Jahren selbst gemocht habe.

Und niemals hätte ich damals gedacht, dass mir die Vorstellung, das genau gleiche Fleisch zu essen, einmal so widerstreben würde. Ich würde das heute gar nicht mehr vertragen und ich spüre rein gar kein Verlangen danach. Und ich könnte auch diese Mengen nicht mehr essen.

Interessant, wie wir unsere Gewohnheiten ändern können – und dies bei einem Grundverhalten. Und irgendwie stimmt es zuversichtlich, aber auch nachdenklich – denn wenn ich aus Überlegungen einer gesünderen Ernährung und einer besseren ökologischen Verträglichkeit meiner Existenz einen solchen Schritt wage, werde ich sehr schnell auch da von Propaganda begleitet, von Überzeugungstätern mit verschiedensten Motivationen – und wie überprüfen, als Lernender, welche Informationen objektiv gültig sind. Und der Markt, den ich zurück lasse? Was wird dafür getan, dass wir “unser” Fleisch ganz bestimmt weiter konsumieren und überzeugt sind, dass ein Essen frei von Fleisch minderwertig ist?

Wir bewegen uns in all unseren Bedürfnissen in einem Markt, der seine Produkte an uns verkaufen und sich unser Verhalten zu eigen machen will.

Alice Schwarzer macht sich unmöglich

∞  29. September 2014, 22:06 Kommentare

Irgendwie hat sich Alice Schwarzers Mission erfüllt, ohne dass sie es selbst mitbekommen hat – könnte man böswillig feststellen, wenn man beobachtet, wie sich die Vorreiterin der Frauenrechte in der Causa Kachelmann verhält:

Natürlich ist es nicht Alice Schwarzers Fehler, dass es auch unter den Frauen mittlerweile genügend Früchtchen gibt, die den Druck einer be- oder angeklagten Vergewaltigung oder einer sexuellen Belästigung schon mal berechnend einsetzen. Natürlich ist es quälend, dass das Problem der Frauen, noch immer viel zu oft Vergewaltigungsopfer zu werden, von einer Öffentlichkeit relativiert wird, die das Thema je länger je weniger auf der Frontseite der Zeitungen diskutiert haben will. Alice Schwarzer hat uns die Ohren müde gepredigt, und die Empörung mag uns nicht mehr so recht gelingen – auch angesichts der vielen Schicksale unschuldig Angeklagter – oder der absurden Situation, heute noch Turnlehrer oder überhaupt Lehrer sein zu wollen, ohne sich irgendwann dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, unsittliche Absichten gehegt zu haben.

Was Alice Schwarzer im Fall Kachelmann betreibt, ist leider die eigene Demontage – und sie hat damit noch längst nicht aufgehört. Erst macht sie sich zur Bild-Gerichtsreporterin für die Sache der Frau, genau wissend, was hier wieder für eine Schweinerei ablaufen wird, um dann so laut zu denken, dass man meinen könnte, sie sitze als Nebenklägerin selbst als Partei im Gerichtssaal. Und dann, als der vermeintliche Unhold freigesprochen wird und von den Vorwürfen der Vergewaltigung nichts mehr bleibt, versteigt sie sich zu einem Kommentar in der Emma, in der sie vom Freigesprochenen als von einem Vergewaltiger spricht, der seine Strafe nicht bekommt – verallgemeinernd, als Aufhänger für eine sozial allgemein gültige Aussage, wie sie weis machen will – und dies mit juristischen Winkelzügen die so fadenscheinig sind, dass man einfach nur noch sagen kann: Frau Schwarzer, das meinen sie nicht ernst! Und das macht sie peinlich billig.

Und genau das ist das Problem. Ihr ist etwas heilig und dafür nichts heilig – und Kachelmann zieht ihr den Zahn, weil da einer genau so verbiestert hartnäckig die Rechthaberei betreibt wie Frau Schwarzer und dabei glatt genug ist, dass er die nötige Teflon-Härte mitbringt, um sich die Rufschädigung nicht bieten zu lassen, ganz egal, ob Schwarzer und Co. samt Staatsanwaltschaft dieses Ziel schon erreicht haben.

Am Ende gibt es nur Verlierer. Am meisten aber wird Schwarzer verlieren, denn sie hat scheinbar noch immer nicht genug, wie der Spiegel weiss.

gefunden via mycomfor

*

Presse-Artikel zu Alice Schwarzer

Ein Ferienhaus stellt Aufgaben

∞  28. September 2014, 19:50 Kommentare

Ein Ferienhaus kann eine Herausforderung sein: Du kommst an, und tausend kleine Dinge sind zu erledigen oder aufzubereiten – sofern du es eben nicht “schlüsselfertig” übernehmen kannst.

Und die Charaktere sind gewiss verschieden. Die einen setzen sich zuerst mal hin und prüfen zuvor einzig, ob die Kaffeemaschine funktioniert. Tut es das, so hat man zuerst mal Zeit für den ersten gemütlichen Moment.

Die andern kommen an und checken sofort, ob alles funktioniert, prüfen alle Funktionen, und wenn auch noch Gäste erwartet werden, hat “man” sowieso keinen ruhigen Moment, bis alles tipp-topp ist.

Das kann ganz schön stressig werden. Und ich mag in keiner Art und Weise die zweite Vorgehensweise kritisieren, denn ich geniesse die Sorge für das allgemeine Wohl, das darin liegt, sehr wohl. Ich behaupte zwar, dass ich auch nicht so extrem zur Kaffeefraktion gehöre, wie oben beschrieben, aber ich gebe gerne zu, dass ich

  1. erstens bestimmt nicht strukturierter an die Sache herangehe, nach dem Motto, es muss ja eh alles erledigt werden und am Ende gemacht sein
  2. den praktischen Sinn nicht gepachtet habe.

Nur wird ein Handlanger nicht besser, wenn man ihm die Arbeit am Ende gar nicht mehr zuweist, nur weil er gerade wo anders beschäftigt ist. Und hol´s der Teufel: Will der Gehörnte oder Mister Murphy übel mitspielen, sitzt man am Ende vor einem Problem, das tatsächlich nur ein Handwerker lösen kann – und das Provisorium ist unabwendbar – ohne dass man Kaffee getrunken hat. Wir haben in den Schlafzimmern kein fliessendes kaltes Wasser…

Aber ich bleibe mal hübsch bei mir selbst, denn mein Schatz ist ein Riese mit unglaublicher Power, wenn es um solche Aufgabenstellungen geht. Ich wünsche mir also von mir selbst mehr praktische Mithilfe, mehr Dinge, die ich von allein sehe und dann auch gleich übernehme. Dann wird vielleicht auch spürbar, dass in diesem Haus niemand wirklich allein zu allem schauen muss.

Kundendienst zum Zweiten

∞  27. September 2014, 15:50 Kommentare

Und das heute passt ins gleiche Bild wie das gestern :

Will man ein Programm auf dem Computer installieren, geht alles ganz fix von der Hand und das Programm nimmt gerne an, dass man selbstverständlich gleich noch ein paar Sonderfunktionen mit hochladen möchte. Will man das nicht, muss man sehr aufmerksam sein und die entsprechenden Kästchen deaktivieren.

Will man Programme aber deinstallieren, wird man bestimmt fünf Mal gefragt, ob man das wirklich will und womöglich gelingt es nachher wenigstens reibungslos.

Irgendwie frage ich mich schon, wie sehr die alles immer billiger wollenden Kunden und die manipulierenden Anbieter sich gegenseitig so hoch schaukeln, dass am Ende wirklich keiner vom andern mehr etwas hält.

Irgendwie macht einkaufen so keinen Spass mehr – und die Anwendung auch immer weniger. Denn die Programme werden ja in diesem Geist ganz bestimmt nicht besser.

Kundendienst?

∞  26. September 2014, 17:11 Kommentare

Ich habe es wirklich langsam satt…

Ich mache hintereinander drei Bestellungen per Internet – und habe innert Minuten drei Kundenbefragungsmails im Postfach, wie ich denn mit dem Service zufrieden wäre?

Ich habe das langsam satt! Alle tun so, als wäre der Kunde König – aber versuchen Sie mal, eine spezielle Frage zu stellen oder eine Telefon-Nummer oder eine Mail-Adresse auf einer Firmenwebseite zu finden, an die Sie Ihre Fragen stellen könnten.

Jede dieser Aktionen von Betreiberseite dient nur dazu, immer noch mehr Durchfluss in noch kürzerer Zeit möglich zu machen – aber der Kunde soll sich bei jeder Bestellung Zeit nehmen, um während 5 Minuten Fragen zu beantworten, wobei eines ganz sicher ist: Die fünf Minuten werden eher zu 15 Minuten werden…

Die Deutsche Welle gegen Putin

∞  25. September 2014, 22:06 Kommentare

Das waren noch Zeiten, als unabhängige internationale Radioprogramme in Kriegszeiten dafür sorgten, dass interessierte Bürger objektivere Informationen erhalten konnten, als es die einheimischen Staatsprogramme im Sinn hatten.

BBC international oder Radio Beromünster zum Ende des zweiten Weltkriegs zum Beispiel, als die Berichte und Einschätzungen eines Jean Rudolf von Salis international gehört und beachtet wurden. Natürlich war dabei eine BBC nie auf der Linie von Hitler, natürlich waren die Meldungen darauf ausgerichtet, der Propaganda des Despoten andere Informationen entgegen zu setzen. Die eigentliche Waffe in der Hand der Macher aber war und blieb doch eine gewisse Sachlichkeit, denn die Desavouierung der Machthaber gelang ja schon durch die Relativierung, die in der Objektivität lag – und sich an dieser orientieren zu können, war für manchen freien Geist in diesen Zeiten überlebenswichtig.

Scheinbar traut sich die Deutsche Welle heute in den Staaten des ehemaligen Ostblocks eine ähnliche Bedeutung zu, und es ist bestimmt nicht Putins Absicht, seine Landsleute mit nüchternen Fakten zu versorgen. Wahrscheinlich beherrschte tatsächlich kaum je zuvor eine Staatsmacht im ehemals kommunistischen Herrschaftsbereich die Kunst der Beeinflussung besser als es die Putin-Nomenklatur vermag. Sie geht eindeutig mit der Zeit und nutzt die vorhandenen Mittel leidlich aus. Unter diesem Eindruck steht ganz offensichtlich auch der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, der mehr Geld für seinen Sender fordert, um “der Propaganda des russischen Präsidenten Wladimir Putin künftig stärker Paroli zu bieten”.

Da beschleicht mich einfach ein ungutes Grundgefühl – denn wie weit soll denn dieses Contra gehen? Soll daraus ein Propagandafeldzug werden, in dem Übertreibungen gegen Behauptungen stehen und am Ende keiner mehr weiss, was er glauben kann? Wenn ein Format wie die Deutsche Welle sich nicht der objektiven ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet fühlt, bleibt am Ende nichts übrig, was überprüfbare Grundlage einer Orientierung für die Bevölkerung darstellen könnte – und das würde dann wohl auch zum Bumerang für alle Beteiligten. Mir kommt es so vor, wie wenn aktuell alle Beteiligten sich gerade mal daran delektieren wollten, wie denn dem russischen Bären beizukommen sei – dabei hat der noch gar nicht richtig zu fauchen begonnen…

*

Quelle: Handelsplatt.com mit: Deutsche Welle soll Anti-Putin-Sender werden

Der islamische Staat ist unser Schlamassel

∞  24. September 2014, 23:41 Kommentare

Vorsicht: Dieser Beitrag scheut sich nicht davor, etwas naiv zu wirken – und sein Verfasser auch nicht. Aber ich bin überzeugt, dass das Bauchgefühl, das er wiedergibt, berechtigt ist.

Ich weiss noch, wie ich Ende der siebziger und in den achtziger Jahren als junger, politisch interessierter Mensch aufgewachsen bin – ohne Palästinenser-Tuch um die Schultern, aber fast ständig unter dem Eindruck der allenfalls nachlassenden Wehen des kalten Krieges und vor allem im Bann des ständig auf- und abschwellenden Nahostkonflikts. “Die Araber” – das war ein unbekannter Haufen mit Bärten. Ausser den Palästinensern und den Ägyptern hatte niemand “da unten” wirklich ein Gesicht.

Und das Bild, das man allenfalls noch von Saudi Arabien vermittelt bekam, war quasi nur das Eintrittsticket für die grosse allgemeine Massgabe:

Die Araber sitzen auf dem Öl, haben keine Durchsetzungskraft, wenig Kultur und bedrohen Israel. Den Islam hat kaum jemand gekannt und auch nur wenige interessierten sich dafür. Die Juden aber waren jene, die man trotz iher Kultur oder gerade wegen ihr vertrieben und verfolgt hatte. Sie waren uns immer viel näher als diese fremde Welt Mohammeds – mochten wir auch Ferienreisen dahin unternehmen – bestenfalls.

Es ging im Umgang und in der Einschätzung der arabischen Staaten immer um Öl und Israel. Vor allem um Öl. Und die scheinbare Abhängigkeit verwandelten wir in ein Machtgehabe, das wir bald nicht mehr hinterfragten, die Militärmächte schon gar nicht. Wir haben Jahrzehnte überheblicher Nahostpolitik hinter uns, in denen wir mit unseren weissen Ärschen in fremden Wüsten hockten, vor uns her transpirierten und dabei nur eine Sorge kannten: Dass wir die Hand nicht mehr auf die Zapfhähnen der Ölquellen halten könnten.

Das muslimische Selbstverständnis war für uns inexistent, während die jüdische Kultur wie selbstverständlich bedroht blieb. Die iranische Revolution machte Angst, und jeder Versuch muslimischer Staaten, durch eine aggressive Politik gegen Israel eigenes Profil im eigenen Verbund zu erlangen, bestätigte die westlichen Vorurteile und Haltungen zusätzlich.

Heute ernten wir die bitteren Früchte dieses Verhaltens. Der Westen bekommt einen Schmelztiegel und ein kochendes Fass Teer vorgesetzt, weil es ihm nie gelang, aus einer Position der Stärke heraus ausgleichend zu wirken. Wir haben die islamischen Staaten nie verstanden – und wir haben uns nie die geringste Mühe gemacht, daran etwas zu ändern. Dies ist im tiefsten Sinn des Wortes kolonialistisches, ja, imperialistisches Verhalten. Und Afghanistan oder der IS sind genau das, was im Grunde folgerichtig daraus entstehen musste – oder zumindest konnte. Und was hat sich denn, bitteschön, in Pakistan verändert, in den letzten fünfzig Jahren, mal abgesehen davon, dass es ein Ort ist, an dem Amerikaner, Pakistani, hiesiges Militär und er CIA ständig an irgendwelchen Drähten ziehen, die rein gar nichts verändern, schon gar nicht verbessern?

Wie können wir annehmen, es liesse sich irgend etwas kontrollieren, das von seiner Bedeutung her überhaupt nicht verstanden wird, aber viel grösser ist als die Kraft einer einzelnen Nation? Es geht um die Identität, die eine Weltreligion sucht und finden will, und es wird für die Angehörigen dieser Religion, aber auch für uns, höchste Zeit, das ernst zu nehmen.

Wir sind desinformiert - wie sehr, können wir gar nicht wissen

∞  23. September 2014, 14:13 Kommentare

Als zu Beginn dieses Jahrtausends (klingt einfach gut…) Blogs allmählich zum Thema wurden und die Möglichkeit, dass auf diesem Weg jeder Bürger erstens seine Meinung kund tun und zweitens bestehenden Meinungen und Informationen widersprechen konnte, löste das Faszination und Euphorie aus. Es stellte sich das Gefühl ein, dass im Netz ein Stück Demokratie entstehen und das Recht auf Information neues Gewicht bekommen würde.

#185310015 / gettyimages.com

Doch sehr schnell verbrauchten wir unsere Energien in Grabenkämpfen. Der etablierte Journalismus wusste nicht mit uns Bloggern umzugehen. Er kritisierte nicht zuletzt das beanspruchte Recht auf Anonymität, während Blogger mit Recht darauf hinwiesen, dass in Meinungsdebatten Inhalte und damit Argumente zu zählen hätten, und nicht Namen. Anonymität konnte Schutz bedeuten und damit Vielfalt in der Debatte – sie wurde aber auch sehr oft missbraucht. In diesem ganzen HickHack wurde mir die tiefere Problematik in diesem Widerstreit zwischen etablierten Medienvertretern und der freien Bloggerszene gar nicht bewusst: Die Legitimation einer Information lässt sich kaum bestimmen.

Lese ich in einem Blog von Fakten, die ich nicht oder nur mühsam verifizieren kann, stehe ich vor dem Problem, dass ich die Hintermänner nicht kenne, die Beweggründe vielleicht abschätzen kann, aber nicht wirklich erahnen kann, wie viel Manipulation in der Information steckt. Und die Manipulation beginnt ja, ehrlich gesagt, nicht bei der Färbung einer Information, sondern beim Filtern: Was unterschlage ich, was gewichte ich wie, welchen Tönen gebe ich wie viel Raum? Blogs wurde oft vorgeworfen, sie würden eine Art Amateurbetroffenheitsjournalismus glorifizieren. Das stimm ja auch. Es gibt unzählige Blogs, die aus einer bestimmten Erfahrung heraus eröffnet werden und die sich dann einem einzigen Thema widmen. Womöglich sind sie dadurch gehaltvoller als manche Allerleibloggerei, wie sie auf diesen Seiten zu finden sind – weil der Leser genau weiss, was er thematisch kriegt, jetzt und in Zukunft. Nur: Wie werten? Wie die Ethik dahinter erkennen, die persönliche Selbstkontrolle des Schreibers, der vor dem ersten Satz mit sich selbst ausmacht, welche Art Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit er verfolgen will?
Ist das Blog bewusst parteiisch und unausgewogen, ist es übrigens deswegen nicht “schlecht” – wichtig ist dann nur, dass es auch erkennbar ist und man als Leser weiss, ich bekomme die eine Seite vorgesetzt. Meinungsblogs sind hierbei, wie gesagt, genau dazu da. Schwierig wird es, wenn wir Fakten transportieren. Wie soll der Leser sie verfifizieren. Heute können selbst Dokumente getürkt werden bis zum Gehtnichtmehr. Und wer, bitteschön, hört im weltweiten Web wirklich auf den Pups von Hänschen Müller? Es gibt kaum ein Schweizer Blog, das vom persönlichen privaten Engagement eines Einzelnen lebt, das wirklich eine Stimme im Netz hätte.

Die etablierten Medien haben sich längst des Formats bedient und Blogs zu einem Teil ihres Gesamtauftritts gemacht. Und mancher Blogger, der selbst angefangen hat, schreibt heute für diese Medien. Wogegen an ich überhaupt nichts zu sagen ist. Das Problem liegt tiefer – und legt sich gleichzeitig über die Oberfläche:


#143796697 / gettyimages.com

Woher beziehen wir alle unsere Fakten? Auf was gründen wir unsere Meinungen? Wer entscheidet, was in welcher Zeitung steht? Die verlässlich objektiv ausgelegte und dargestellte Faktenlage gibt es nicht. Es hat sie, ehrlich gesagt, nie gegeben – und besser ist das bestimmt nicht geworden. Wir haben ein weltweites Informationsnetz und eine riesige Fülle an Informationen, bei denen niemand mehr zu sagen weiss, wie viel Desinformation in der Information steckt. Das ist mit dem Internet nicht besser, sondern viel schwieriger und unübersichtlicher geworden, und entsprechend gross ist die Verlockung, über das Internet und alle weiteren Medien zu manipulieren.

Die USA haben Bild“beweise” für das Waffenarsenal von Hussein geliefert – und dabei wurde nicht nur der Wahrheitsgehalt manipuliert, sondern bestimmt auch darauf Einfluss genommen, wie diese Informationen im Netz transportiert wurden. Und indem wir “teilen” per Twitter, Blogs und Facebook, sind wir wohl sehr oft Handlanger einer bestimmten Partei – und nicht immer machen wir das bewusst. Eine Viertelstunde später buchen wir ein Hotel im Netz und prüfen die Bewertungen – und müssten doch annehmen, dass auch sie manipuliert werden. Denken wir das zu Ende, müssen wir sagen: Nicht mal meine Meinung ist frei. Denn wie ist sie entstanden?

Ich hatte mal Staatskunde. Darin habe ich gelernt, dass es drei Staatsgewalten gibt, Legislative, Exekutive und Judikative. Und eine vierte Macht im Staat: Den Journalismus. In der direkten Demokratie höchst zentral. In jeder Staatsform, in welcher Bürgern irgend eine Frage stellen und eine Beurteilung vornehmen können sollen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob Journalisten überhaupt noch zwingend mit dieser Ethik je in Berührung kommen? Auch hier trägt das Internet seine Schuld dazu bei: Die Leichtigkeit, mit der Information per Netz hergestellt und transportiert werden kann, hat zu so viel Kostendruck geführt, dass Redaktionen weltweit aus Wirtschaftlichkeit die Bestände ausdünnen müssen. Das führt schon faktisch dazu, dass weniger Fakten beschafft oder verifiziert werden können – und es bedeutet auch, dass sich die Stossrichtung eines Mediums immer mehr dem Investoreninteresse unterzuordnen hat. Und die Öffentlichrechtlichen? Sei modifizieren die Erhebung der Gebühren und ziehen sie von uns allen ein – die Berechtigung dazu liegt in deren “service public”, der zu ihrem Grundauftrag gehört. Sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland sind diese Sender zu einer ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet und wären also so was wie die vierte Macht im Staat, getreu der ursprünglichen Absicht und in Korrektur zu den Mechanismen des freien Marktes, unter denen früher oder später jeder aktiv der Demokratie zugeneigte Bürger begraben wird. Doch wie sind denn diese öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland aufgestellt, wie werden sie geführt und kontrolliert? Die Diskussionen über ARD und ZDF und zu den dritten Programmen kommen immer mal wieder auf, und der Schock sitzt dann tief, wenn deutlich wird, wie viele Teile der öffentlichen Information vorab gefiltert werden, bevor sie uns in den meist gesehenen Sendungen des deutschen Fernsehens als Nachrichten präsentiert werden.
Der eigentliche Auftrag verkommt in harmlosen Fällen zu einer Art Sendungsbewusstsein, bei der sich Journalisten dazu versteigen, eine Art Lehrer der Nation sein zu wollen – sehr oft aber geht es viel tiefer. Kein Wunder, wenn Teile der Exekutive in Aufsichtsgremien solcher Sender sitzen können, wenn überhaupt Parteienkraft Teil des Medienangebots ist.

Wie also sollen wir uns überhaupt informieren können?

Ich weiss darauf keine Antwort.

Interessant aber sind solche Schritte schon, mit denen einzelne Bürger einen Stachel ausfahren, an dem sich der öffentliche Apparat dann erstaunlicherweise nicht pieksen will:

Die GEZ heisst heute Rundfunkbeitrag, gemeint ist hier die Gebühr, die jeder Wohnungsmieter in Deutschland für das öffentliche Rundfunkangebot zu zahlen hat. Es wird automatisch erhoben, und theoretisch sieht das Gesetz Ordnungsstrafen bis zu einer Mio Euro vor (!), wenn diese Beiträge nicht bezahlt werden. Interessant aber ist, was geschieht, wenn Bürger die Bezahlung des Rundfunkbeitrags verweigern, weil sie damit argumentieren, dass dieser Rundfunk seinem Grundauftrag einer ausgewogenen Berichterstattung nicht nachkommt: Es geschieht nämlich – nichts. Es sieht so aus, dass die Rundfunkanstalten in keinem Fall riskieren wollen, dass in einer gerichtlichen Auseinandersetzung öffentlich festgestellt wird, wie sie es denn z.B. mit Paragraph 11 des Rundfunkstaatsvertrags tatsächlich halten.

Portale wie die Propagandaschau propagieren genau das: Die Beitragsverweigerung – mit der Hoffnung auf eine Debatte, die den öffentlichen Rundfunk nicht zerstören soll, sondern ihm die Bedeutung und Aufgabe wirklich zusprechen soll, für die er nach den schönen Buchstaben des Gesetzes und der Grundlagen der Demokratie eigentlich vorgesehen wäre.

Pläne schmieden II

∞  22. September 2014, 21:16 Kommentare

Ich habe immer zu den Menschen gehört, die relativ detaillierte Pläne für ihr Leben gemacht haben – spätestens vom Moment an, als wir zu zweit waren – und ich war früh zu zweit.

Da wurden wir dann oft belächelt von jenen, denen wir nicht so nahe standen, und sanft gesteuert, zumindest versuchsweise, von jenen, denen wir etwas bedeuteten. Pläne machen ist ja schön, aber das Leben ist jetzt. Oder: Der Mensch denkt und Gott lenkt, es kommt doch alles anders, als man denkt, plant, hofft. Und während wir das sagen, schuften wir alle in der Erwartung, dass es uns besser gehen möge, wir mit besserer Ausbildung bessere Jobs bekommen, mit einem Zweitjob uns mehr leisten können usw. usw. Die Dinge mögen näher liegen, als Zehnjahrespläne für eine Firma oder ein eigenes Haus – aber Garantieren gibt es nirgends. Darum geht es auch gar nicht. Spannend ist etwas anderes:

Die Art von Plänen, die wir machen, sagt viel über uns aus. Über unseren Charakter, unsere Werte, unsere Frustrationen. Und die Kunst, mit Plänen, die sich verflüchtigen, die preis gegeben werden müssen, umzugehen, ist Lebenskunst. Abgesehen davon schenken Pläne einem auch Orientierung, sie halten auf Kurs bei Ablenkungen, denn manchmal vergessen wir sonst an Gabelungen, was uns wirklich wichtig ist.

Und was die Vorsorge betrifft: Die Pläne können schief gehen. Aber sich im Alter sagen zu müssen, man hätte mal besser vorgesorgt – das ist bitter.

Darum: Erzähle mir von Deinen Plänen, und ich sage Dir, wer Du bist, und wie es um Deine Zufriedenheit steht. Denn das ist ja auch schön: Diese Lebensmomente, die zu Lebensabschnitten werden können, in denen wir feststellen: Der Pläne sind entweder nicht mehr gar so viele, oder sie werden gelassener formuliert und verfolgt. Und zwischen Wunsch und Lohn ist leichter zu unterscheiden – und von Beidem braucht es womöglich dank Lebenserfahrung nicht mehr gar so viel, um glücklich in der Welt zu wirken und zu stehen. Hier bin ich nach Gottes Plan und durch eigenes Verhalten – und mein Leben hat immer eine Gegenwart, der ich gegenwärtig werden kann – und einen nächsten Schritt, den ich machen und einen Weg, den ich gehen kann.

Die NATO als ständiger Stachel für Russland

∞  21. September 2014, 22:20 Kommentare

Die Nato – wie lange haben wir gar nicht mehr wahr genommen, dass es sie überhaupt gibt?! Und nun ist sie plötzlich omnipräsent. Und natürlich brauchen wir sie gegen den bösen Putin. Dabei haben wir eine merkwürdige Brille auf.

Denn wenn das Kürzel NATO in den Mund genommen wird, haben die Russen allen Grund, die Galle hoch kommen zu lassen.

Wir vergessen hier gern, weil der Wortbruch aus der für uns richtigen Richtung kommt, dass viele Ex-Mitglieder aus dem ehemaligen Ostblock heute Länder der EU geworden sind – und im Zuge davon auch von der NATO aktiv als neue Mitglieder angeworben wurden – was Russland nicht schmecken kann. Dabei ist die NATO gegenüber Russland sehr bald wortbrüchig geworden, indem es die Zusage, in diesen neuen Mitgliedsländern keine ständigen Stationierungen vorzunehmen, nicht einhielt. Das ursprünglich beruhigte Russland hatte so sehr bald allen Grund, sich seinerseits bedroht und in die Enge getrieben zu fühlen.

Die Kraftmeierei, die jetzt betrieben wird, will mir einfach nicht schmecken.

älter