Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer. Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Im Gespräch miteinander sein

∞  8. Februar 2010, 17:22 Kommentare

Wenn wir nicht debattieren, nicht diskutieren, wenn wir Gespräche führen, dann sind wir Teil eines wirklichen Dialogs.

Man stelle sich mal vor, politische Parteien oder Staaten würden Problemlösungen mit dem Bewusstsein angehen, die andere Seite wolle im Dienst der Sache eine Lösung erreichen, welche allen dient. Man stelle sich weiter vor, wie ein solches Gespräch verlaufen würde, auf was alles verzichtet werden könnte, wie viel Energie der Konstruktion von echten Lösungen zugeführt werden könnte.

Nun bin ich ja gelegentlich ein Idealist, aber nicht weltfremd: Ich weiss natürlich, dass politische Diskussionen nicht so geführt werden, genau so wenig wie geschäftliche Verhandlungen. Und dennoch ist Respekt eine Voraussetzung dafür, dass Verträge am Ende auch erfüllt werden, und nicht durchgesetzt werden müssen.

Wenn wir das Wesen des echten Gesprächs auf jene Ebene hinunter holen, die wir alle kennen, auf unsere Beziehungsebenen, zu den Menschen, mit denen wir leben und neben denen wir für die gleiche Sache arbeiten, dann allerdings, liebe Leser, werde ich aus voller Lust zum Naivling: Ich glaube nämlich ganz unbedingt an den unaufhörlichen Einsatz des Gesprächs. An den Zauber, der in der Verständigung liegt, an den inneren Wunsch von uns allen, in Verhältnissen zu leben, in denen wir anerkannt sind und nicht beständig einen Wert beweisen müssen. Ich glaube an Freundschaften, die sich freiwillig und gern das immer Gleiche sagen und schenken: Wertschätzung, Respekt, Zuneigung. In solch trauter Umgebung darf man sich schon mal gedrängt fühlen, dem anderen zu sagen, was er für ein toller Kerl ist: Es gibt Dinge, die nützen sich nicht ab. Schöne Dinge der Freundschaftspflege, die kein bisschen lau werden, wenn man sich ständig wünscht, neue Worte für das alte Glück zu finden, während man gleichzeitig immer wieder neu erleben darf, wie viel Sicherheit alt Vertrautes und bewährt Vertraute zu geben vermögen.

Ich wünsche Ihnen Allen eine richtig schöne Erfahrung in dieser Woche, welche Ihnen aufzeigt, wie geborgen Sie mit allen Ihren Talenten in einer wohnlichen Ecke Ihrer Beziehungen sind, fern ab vom Netz und Facebook, vielleicht aber mit unterstützt von den Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die Gefühl und Inhalt, Botschaft und Liebe durchs WWW tragen, bis man selbst wieder an die Tür klopfen kann, um zu sagen: Schön, dass es Dich gibt und ich das immer wieder erfahren darf!




Von der tieferen und dabei unsichtbaren Wirkung der Kommentare

∞  7. Februar 2010, 17:48 Kommentare [8]

Sie brauchen kein sozialkritisches oder politisch orientiertes Blog zu lesen, um sich mit einem ganz besonderen Phänomen auseinander setzen zu müssen: Mit harschen bis persönlich beleidigenden (anonymen) Kommentaren nämlich. Zugegeben, das Thema ist nicht neu, schon fast abgelutscht, womit ich schon beim Sprachslang angekommen bin, der solche Kommentare meist – abgesehen vom Inhalt – noch etwas schwerer verdaulich macht.

Aber neu oder zumindest in dieser Schärfe bisher nicht im Fokus ist die Tatsache, dass sich solche Debatten voller Trolle und Schmierfinke in reinen Technikblogs (oder gar gezielt dort???) entzünden können, wobei das Schema immer ähnlich ist: Ein Bericht über ein neues Produkt oder Kommentare dazu werden mit persönlichen Angriffen gekontert. Daran schaukelt sich dann die Debatte hoch, bis der Kommentar-Strang nur noch eine Troll-Kette abbildet. Hier soll es für einmal nicht darum gehen, wie solchem Tun am besten begegnet werden kann. Ich möchte lieber auf die Wirkung hinweisen, die das auf die stillen Leser hat – und das ist, ehrlich gesagt, meine eigentliche Sorge dabei:

Als Betreiber eines Blogs kann die Moderation eines Kommentar-Threads enorm kraftraubend und zeitintensiv sein. Der Schreibende darf sich dabei sehr glücklich schätzen, wird hier doch fast durchwegs mit grundsätzlich geleistetem persönlichem Respekt diskutiert. Aber auch dann gilt, dass man sich vertieft mit Widerspruch oder Kritik auseinander setzen muss, in einem Mass vielleicht, das man gar nicht eingehen wollte und zu dem man sich auch nicht von Unbekannten genötigt sehen möchte.

Vielleicht haben Sie es selbst schon beobachtet – es ist allerdings erst dann wirklich zu ermessen, wenn man es am eigenen Leib erlebt hat:

Kommentiert man einen Artikel, setzt man sich Reaktionen aus. Dabei kann einen alles zu beschäftigen beginnen: Die ausbleibende Reaktion genau so wie die “falsche” oder besonders angriffige. Man konstatiert: Es ist erstaunlich, wie man verstanden wird oder eben nicht, und mit welchen Beweggründen wer sich wie zu einem Thema äussern mag. Plötzlich sind Sie Vehikel oder Projektion für die Ableitung eines persönlichen Frustes.
Das ist ermüdend, manchmal zermürbend, und als Moderator oft eine Knacknuss. Die Dynamik, dass man eine Bühne anbietet, mag sie noch so klein sein, kann nicht ernst genug genommen werden. Das Echo, oder ein möglicher Widerhall, ist für manchen eine frohlockende Aussicht.
Eine Diskussion auf einem Blog ist, so gesehen, immer laut, und sie ist öffentlicher und weiter tragend als jede Stammtischdiskussion. Das dient nicht gerade einer vertiefenden Diskussion, mag man auch die Tasten bemühen müssen für die Widerrede – die Verzögerung reicht oft nicht aus, um die Gemüter zu beruhigen. Und darum winde ich hier allen ein Kränzchen, welche mit dem Versuch um differenzierte Stellungnahmen im Netz mit diskutieren, ein wenig wirkliche Diskussionskultur pflegen und tatsächlich auch noch durchblicken lassen, dass sie bedenken, was sie lesen! Der Aufwand, will ich all diesen Kommentierern sagen, lohnt sich sehr, und Sie sind damit ein Teil der goldenen Essenz eines Blogs: Denn viele Leser stören sich extrem an einseitigen oder persönlich gefärbten Kommentaren, und die Gefahr ist gross, dass sich diese unwillig abwenden und eine Diskussion – oder gar das ganze Blog – gar nicht mehr verfolgen. Die fundierten bis wirklich ehrlichen Kommentare aber, welche sich einem Thema bewusst gewollt reflektierend nähern und auch differenzieren wollen – diese Kommentare sind ein Segen für ein Blog und ihnen gehört auch mein Dank! Nicht nur für dieses Blog, sondern für die Netz- und Diskussionskultur im Allgemeinen. So kann es dann sehr leicht vorkommen, dass sich heimisch fühlende Leser auch schon mal gemeinsam eines Trolls annehmen – worauf diese schnell das Interesse verlieren.

Mit dieser Art Engagement, mit der Kultur des Zuhörens und Zulesens, mit Nachfragen, bedenken und Widerreden tragen Sie dazu bei, dass andere sich wenigstens als stille Leser nicht aus den Debatten verabschieden, sondern sich weiter auch in Blogs informieren wollen. Und wir Blogger sollten uns noch mehr bewusst sein, dass wir mit der Art unserer Artikel auch die Art der Diskussion vorgeben. Auf jeden Fall gilt dies in sehr viel stärkerem Mass, als wir glauben.

Ich bin übrigens weit davon entfernt, zu meinen, ich würde selbst nicht immer wieder jemanden bedrängen bis überfahren mit meinen Repliken, und manchmal wünschte ich sehr, ich wäre im Einzelfall souveräner und konzilianter aufgetreten.

Es ist noch nicht so lange her, dass wir Journalisten belächelt haben, welche dafür überhaupt kein Sensorium zu besitzen schienen. Es ist Zeit, vom Ross runter zu steigen und wieder mehr Basisarbeit zu leisten. “Unser Blog” – das heisst immer auch ein wenig: “Unsere Diskussionskultur”.
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Links:

engadged.com: We’re turning comments off for a bit
zeit.de: Flächenbrand in der Community
in diesem Blog: 10 Wege, wie Zeitungen die Qualität der Kommentare steigern könnten
fudder.de: Community bekämpft Trolle mit Kochrezepten
Bildquelle:
rotes.blogspot.com: Trollalarm bei Blogbert
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Heimeliges Geklappergeplapper

∞  6. Februar 2010, 16:49 Kommentare

Es ist grau vor dem Fenster. Hier drinnen aber fällt glühbirnengelbes Licht warm von den Wänden zurück, und ein sehr vertrautes Geräusch füllt den Raum. Es ist das Klappern unserer Computertastaturen. Ich bin ja der Meinung, dass keine Tastatur genau gleich wie irgend eine andere klingt, schon gar nicht jene, welche in ein Laptop eingebaut sind. Vor allem ist da aber natürlich die Art und Weise, wie wir mit diesen Tastaturen arbeiten. Anschlag und Rhythmus sind genau so individuell wie die Technik, die man sich für etwas aneignet, das man täglich praktiziert. Es wäre bestimmt auch interessant, einmal zu beobachten, wie sich dies im Lauf der Jahre durch Übung und Gewohnheit verändert – und in welchen zahlreichen Aspekten auch überhaupt nicht.

Ich behaupte, dass ich die Art, wie meine Liebste schreibt, aus unzähligem anderem Tastengeplapper heraus hören könnte. Es ist der Anschlag einer Hand, die noch eine IBM-Kugelkopfschreibmaschine gebändigt hat, und dies auch noch mit langen Fingernägeln. Die Nägel sind geblieben, die Tastatur hat sich gewandelt. Die Technik aber ist die gleiche, angedrillt sozusagen, und so hämmert Thinkabouts Wife immer ein wenig auf die Tasten ein, als hätte enicht nur das “T” einen ein wenig alterslahmen Druckpunkt.
Ihr Schreiben hat einen ganz eigenen Rhythmus, der in einem interessanten Gegensatz – oder ist es eher die konsequente Parallelität? – zur Technik steht:
Wenn Thinkabout’s Wife schreibt, dann ist ihr Hämmern sehr regelmässig , baut sich in jedem Satz zu einer Kette von Anschlägen auf, die immer noch ein bisschen lauter klacken, und immer bleibt ein Punkt ein Punkt. Es ist, als müsste das Überlegte mit Nachdruck bekräftigt auf den Bildschirm kommen, und so erhält jeder Buchstabe noch ein bisschen extra Ernsthaftigkeit mit auf seinen Weg in die Tastatur. Ein wenig meisselt Thinkabout’s Wife ihre Sätze in den Computer.

Und ich? Meine Hände fliegen eher über die Tasten, mein Anschlag ist eher weich, als hätte ich Angst, der Gedanke, eben erst eingefangen, wäre entflogen, bevor ich ihn mit den Tasten eingefangen, niedergeschrieben und damit scheinbar gebändigt hätte. Mein Schreiben hat etwas Flüchtiges, und so ist auch mein Anschlag und die Haltung meiner Hände, die immer ein bisschen über der Tastatur schweben. Erst wenn ich gegenlese und ich Sätze korrigiere, wird mein Fingerdruck kräftiger.
Ganz allgemein ist es aber wohl so, dass man bei mir hört, ob ein Text gut wird:
Die Tippfolge hat dann eine ruhige Wellenbewegung, so, als würde jemand am Piano sitzen und eine unhörbare, ruhige Melodie nachspielen. Es ist diese Art Schreiben, die einfach mal entstehen lässt, aus einer stillen Aufregung, die selbst neugierig darauf ist, was im Resultat danach darin von mir zu entdecken ist.

So klappern wir uns also was vor und sind dabei doch zusammen. Wir finden das schön, andere dürfen das getrost langweilig finden. In der Tat bin ich froh, sind Sie oder jemand anders in diesen Momenten nicht bei uns. Sie würden sich ausgeschlossen fühlen – oder ich hätte mindestens das Gefühl, und das müssten sie dann erst verscheuchen, sonst wäre es sehr schnell vorbei mit dem Geklappergeplapper. Denn, ob man es glaubt oder nicht, es ist durchaus etwas sehr Intimes und Persönliches. Es ist eben Schreiben.




Swiss Banking wird top bleiben

∞  5. Februar 2010, 22:03 Kommentare

Kein Thema, dass in sich die Sprengkraft besitzt, die Öffentlichkeit, und damit uns alle, zu beschäftigen, kann noch wirklich sachlich diskutiert und gelöst werden – zu offensichtlich ist die Verlockung, allenthalben aus den verschiedensten persönlichen Motivationen seinen Senf dazu zu geben. Ich tue es ja auch. Etwas Irritierend ist es allerdings schon, dass jene Protagonisten, welche tatsächlich mit der Krise des Schweizer Bankwesens umzugehen haben werden, alles mögliche von sich geben, ganz sicher aber nichts wirklich Konstruktives. Ich meine damit in erster Linie unser Parlament, aus dem sich verschiedenste Personen mit der Klage zu Wort melden, der Bundesrat würde nicht führen. Nun, der Bundesrat spiegelt schlicht die Befindlichkeit der Bevölkerung wider, denn in der Tat ist guter Rat sehr teuer geworden, und es ist nun mal nicht besonders attraktiv, dem Wahlvolk Krebsgänge verkaufen zu müssen. Wenn das Parlament nun vom Bundesrat klare Positionen und standhafte Verhandlung verlangt, wie es die SVP so martialisch fordert, dass ich versucht bin, mein nächstes Pyjama im Vierfrucht-Design zu erstehen (notfalls besuche ich einen Batik-Kurs im Fan-Club von Silvia Blocher), so lenkt es von der Tatsache ab, dass der Bundesrat als Exekutive nur der verlängerte Arm des Parlaments ist: Und aus dieser Runde kommt herzlich wenig. Wir brauchen wohl einfach alle mehr Zeit. Vielleicht kriegen wir sie ja.

Die Chance ist auf jeden Fall da, dass jenseits allen Gebrülls sich eine Tatsache manifestieren und vielleicht eines Tages als Fakt anerkannt wird, die heute schon an der Basis der Schweizer Finanzindustrie steht:

Das Scheizer Bankgeheimnis, die Schweizer Unterscheidung von Steuerhinterziehung und -Betrug und andere Besonderheiten und Facetten, welche so ins Zentrum des Erfolgs der Schweizer Vermögensverwaltung gestellt werden – sie mögen gegenüber dem Ausland revidiert werden müssen oder ganz fallen. Sei’s drum. Ich bin überzeugt, dass dies die Reputation des Swiss Banking bei den Kunden nicht erschüttern wird:

Vielleicht ist es geradezu an der Zeit, dass sich auf diesem Weg endlich einmal zeigen lässt, dass die erfolgreiche Vermögensverwaltung doch viel mehr mit der Art von Vertrauen zu tun hat, auf Grund dessen ein Kunde mit Geld Anlageentscheide fällt. Und allen Unkenrufen und Beispielen der Schindluderei zum Trotz ist es doch tatsächlich immer noch so und wird noch lange so bleiben, dass der Ruf der Schweizer Wertarbeit in diesem Geschäft ein ausgezeichneter ist. Die politische Diskussion ist das eine, die Reflexe darauf im Inland noch etwas anderes, der Branche aber wird der Wettbewerb nichts anhaben können – es ist sogar möglich, dass das weg fallende Vorurteil, Swiss Banking würde in erster Linie wegen der “Kultur” der Verschwiegenheit des Verschwörers in der Person des Bankberaters funktionieren, so manche Berufsperson noch mehr motivieren könnte, der Welt zu zeigen, wo der (ersparte und versteuerte) Hammer am besten und sichersten hängt (oder eben hängen bleibt).

Hierzu hat NZZ Online heute einen höchst interessanten Artikel veröffentlicht:
Viele Deutsche plagt das schlechte Gewissen

Was wir Schweizer uns im Zuge dieser Affären auf keinen Fall aufzwingen lassen sollten, sind Reflex-Handlungen, die über unser eigenes Bürger- und Staatsverständnis hinaus gehen: Wir kennen und praktiziern bei der Steuererklärung das System der Selbstdeklaration. Traut uns der Staat dies zu, gehört zu diesem System das Grundvertrauen der Behörden gegenüber dem Bürger, und daraus folgen Besonderheiten wie das Bankgeheimnis und die nur schienbar spitzfindige Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Wir haben eine komplett andere Steuerkultur als unsere Lieblingsvergleichsnachbarn in Deutschland, und ich bin nicht so sicher, ob die Politiker, welche die Aufweichung bis Aufhebung aller dieser Besonderheiten nun eilfertigst in Betracht ziehen, hier das eigene Stimmvolk diesmal richtig einschätzen – sollte die Debatte darüber erst einmal fern der Schreckgespenste aus dem Ausland ins Rollen kommen.

Wir haben allen Grund, uns unsere innere Kultur und den daraus erwirtschafteten und erschufteten Wohlstand nicht komplett madig machen zu lassen, nur weil es so bequem scheint, diese Ergebnisse den aktuell diskutierten Unstimmigkeiten im internationalen Verkehr zuzuschreiben. Vielleicht ist es, ich wiederhole mich, an der Zeit, dass wir uns selbst beweisen, dass wir mehr als fit genug sind, diese Herausforderungen zu meistern – denn gleich lange Spiesse reichen ganz bestimmt aus, um unseren hohen Level erfolgreich in jedem Vergleich zu beweisen.




Der Staat - das waren mal wir. Jetzt sind wir nur noch Markt.

∞  4. Februar 2010, 22:24 Kommentare [8]

Der Versuch eines Pamphlets, der sein inneres Scheitern schon im ersten Satz vermutet. Es wird dennoch geschrieben. Der Blogger hier braucht es. Betrachten Sie es als den Versuch einer Psychohygiene, auch wenn es wohl mehr blosse Verzweiflung und Überdruss ist.

Ich knabbere dieser Tage, ja eigentlich schon seit Jahren, an der Abnutzung, mit welcher unser aller Sensibilität für Gemeinschaftsfragen abgeschliffen wird. Es scheint mir ganz so, als hätte die allgemeine Beschäftigung mit der so genannten Selbstverwirklichung, die Frage nach der eigenen Karriere für alle, die Betonung des Konsums für die Wirtschaft und die Kaufkraft als Lebensqualität des Einzelnen in unsere Gesellschaft einen Keil getrieben. Mag es früher die Frage gewesen sein, welchen Beitrag man zum Gemeinwesen leisten solle, damit dieses in der Identifikation nach innen wie aussen seine Aufgabe als Basisfundament einer Prosperität für alle erfüllen könne, so lautet heute der Anspruch an andere und alle: So viel Freiraum wie möglich, was wir nicht mit Freiheit verwechseln sollten: Das Regulativ, der Selektionär, der Prüfling und Lehrer ist der Wettbewerb. Und der ist in sich fair, weil unbestechlich, wenn Angebot und Nachfrage nur frei genug ihre Wechselwirkungen entwickeln können. Niemand kommt auf die Idee, diesem Wettbewerb als Gruppe zu begegnen. Er wird stets als Herausforderung des Einzelnen verstanden, und folgerichtig ist der Nächste einer, der tendenziell stört, weshalb sich die Qualität des Staates danach bemisst, wie wenig er dies zulässt.

Was wird wohl in diesem System geschehen, wenn der Wettbewerb entschieden ist? Es bedeutet dann nämlich, dass das Rennen einen Sieger kennt. Wettbewerb in sich hat am Ende niemals zwei Gewinner. The Winner Takes It All. Die Nummer zwei kommt zum Ergebnis, dass sie die Nummer drei schlucken muss, weil sie nur als neue Nummer 1 noch billiger noch mehr produzieren und damit noch mehr Gewinn machen kann. Das soll dann auch Wettbewerb sein, denn der Sportler, der Spitzensportler, will nicht nur immer gewinnen, er will auch die Rekorde. Sport ist hier überhaupt ein guter Indikator. Wie lange ist es her, dass in Nachrichten aus dem Sport allenfalls noch der Sieger genannt wird, aber der Zweite und Dritte schon nicht mehr erwähnt werden? Heute sollen die fünfzig grössten Privatkonzerne der Welt die Hälfte unserer Ressourcen kontrollieren. Der Wettbewerb ist die Maxime des Globus, und er wird neue Götter gebären: Die Kontrolle des Trinkwassers, den Soja-Handel weltweit, Grundnahrungsmittel und – vor allem Rohstoffe. Die Kolonialherren wechseln, das System bleibt das gleiche. Im globalen Markt erst recht. Diesen globalen Markt gibt es für uns Konsumenten übrigens nicht wirklich. Nicht wir entscheiden, woher unser Spielzeug kommt oder die Computerbauteile. Unser Qualitätsanspruch wird zwar kolportiert, aber wir haben längst die grundsätzlichen Paramter der Anbieter übernommen: Wir werden so schnell mit neuen Produkten gefüttert, dass wir nicht lange über Unzulänglichkeiten alter Produkte lamentieren mögen. Wenn ein Markt gemäss Fachkreisen “funktioniert”, so heisst das eigentlich nur, dass das Geld diesen Markt aussucht und sich darin vermehrt. Denn Geld, das Finanzwesen, die Investitionsvoluminas sind das tatsächlich einzige Teil des Wirtschaftsmotors, der wirklich weltweit frei zirkulieren kann, schnell, rasend schnell, selektiv, unter Abwägung aller objektiven Wettbewerbskriterien: Rendite, Return of Investment, Marktanteile, Dominanz.
Der Konsument ist noch anonymer als der Lieferant. Ist das der Grund, dass er sein Gesicht zu finden sucht, indem er sich mit Marken definiert? Der Anonymste allerdings ist der Arbeiter hinter dem Hersteller.

Äh, wie habe ich mich jetzt hierher geklagt? Ach ja, der Verlust des Gemeinschaftssinns. Wir verstehen heute den Begriff “Staat” ganz anders als vor zwanzig Jahren. Der Staat hat eigentlich nichts mehr mit uns selbst zu tun. Er steht ständig im Verdacht, zu stören, zu gefrässig zu sein – oder wir bauen mit ihm Frustpotential ab: So lange der Staat auf andere eindrischt, fühlen wir uns plötzlich stark:

Schärfere Gangarten gegen Ausländer. Wir setzen den Staat ein für den Kampf “gegen die anderen”. Aber so wirklich sind wir ihn nie selbst. Glauben Sie mir:

Das war früher anders. Staatskunde war ein Schulfach, der Bürger ein Gemeindemitglied. Der Staat, das waren wir alle. Er war das Stück Kultur, das Kultur wollte, um selbst kritisiert zu werden.


Er war unser Vertreter im Umgang mit Nachbarn, und er war das erste und beste Beispiel einer schlussendlich zu findenden Konzilianz. Und wenn man ihm auf die Finger klopfen musste, so hat man das getan – und es hat funktioniert. Weil es stets genügend Leute gab, welche die Schaufel fallen liessen und denen die Pfeife aus dem Mund fiel, wenn sich Väterchen Staat allzu toll gebärden wollte: Wir gaben dem Staat Regeln und hatten dabei stets das Bewusstsein, dass, so lange wir diesen Regeln Sorge tragen und sie laufend überprüfen würden, und zwar als Mehrheit mit dem Sinn für Minderheiten, so lange würde dieser Staat, würden wir die Sicherheit haben, dass die hauptsächliche Kontrolle, die vom Staat ausgehen würde, nie grösser sein würde wie unsere Kontrolle über den Staat.

Das trauen wir uns heute längst nicht mehr zu. Der Staat ist längst ein fremdes Gebilde, an das wir Forderungen stellen. Dabei gebärden wir uns allerdings oft wie frustrierte oder unflätige Schüler, welche plötzlich die Lehrperson entdecken, wenn es darum geht, ein vermeintliches Unrecht zu sühnen. Meistens ist der Staat allerdings weit weg, und es scheint uns relativ gleichgültig, was er auf welchen Grundlagen macht.

Wir betrachten jeden politischen Laut doch schon längst als Lärm und Wahlkampf, und vielleicht ist das auch schon alles, was darin zu sehen und zu hören ist.


Denn die Politik, die wird, siehe oben, längst auf anderen Ebenen gemacht.
Es könnte sein, dass sich das wieder einmal ändert, dass es dann aber nichts mehr gibt, das wir zurück erobern könnten, weil die Essenz verloren gegangen ist: Hunderte von deutschen Gemeinwesen sind praktisch pleite, die Verschuldung in führenden westlichen Industriestaaten ist unvorstellbar hoch, die chinesischen Worte der “Diplomatie” enthalten gegenüber den USA unverhohlene Drohungen – die Sprache der Macht hat immer einen schnarrenden, kalten Ton, ganz egal, aus welchem Land sie kommt. Wir werden derweil abgelenkt. Die Politik kümmert sich um die kleineren, scheinbar greifbaren Dinge, und wir erkennen den Teufel nicht, der uns reitet:

Aus “denen da oben” sind längst “die da drüben” geworden.


Wir errichten neue Gärtchen und Zäune, und vielleich werden daraus wieder Schützengräben. Unser Schicksal aber wird längst wo anders entschieden. Ist das Grund genug, den Versuch aufzugeben, gegenüber allen Seiten die Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten? Ich finde nicht. Und Sie?




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